Trotz der milden Omikron-Variante diskutiert man in Deutschland weiterhin über eine allgemeine Corona-Impfpflicht. Eine besondere Bedrohung lassen neue Zahlen jedoch nicht erkennen. Offensichtlich schießen Regierungspolitiker sprichwörtlich mit Kanonen auf allgemeine Lebensrisiken!

von Susan Bonath

Ab Mitte März können ungeimpfte Beschäftigte im Gesundheits- und Pflegesektor von Lohn und Brot suspendiert werden. Am Mittwoch kommender Woche debattiert zudem der Bundestag über eine Impfpflicht für alle Erwachsenen. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD), Hardliner in dieser Frage, sieht auf Deutschland eine “Wand der Omikron-Welle” zurollen. Konsens ist das nicht. Der Virologe und ehemalige Impfstoffforscher Klaus Stöhr etwa warnte vor Panikmache und forderte mehr Rationalität angesichts eher milder Symptome. Die Politik orientiert sich an der Expertise des Robert-Koch-Instituts (RKI). Daher lohnt sich ein Blick in dessen Daten, um die Frage zu beantworten: Um welche Bedrohung geht es derzeit eigentlich?

Hohe Fallzahlen trotz hoher Impfquote

Die neue Omikron-Variante verdrängt derzeit offenbar ihre Vorgängerin namens “Delta”. In vielen europäischen Ländern hat sie bereits Oberwasser gewonnen. Die Zahlen der positiven Testergebnisse schießen in die Höhe, und zwar offenkundig völlig unabhängig von der Impfquote. Portugal etwa meldete am Montag eine Sieben-Tage-Inzidenz (erkannte Fälle pro 100.000 Einwohner) von über 2.400 – obwohl über 90 Prozent der Gesamtbevölkerung doppelt oder dreifach geimpft sind. In Spanien mit einer Impfquote von rund 82 Prozent kratzt diese Zahl ebenfalls an der 2.000er-Marke.

Recht wirr sieht es in Deutschland aus. Bremen beziffert seine Impfquote unter allen über Zwölfjährigen mit über 85 Prozent. 53 Prozent sind dort sogar geboostert. Doch das kleine Bundesland führt zugleich bei der Inzidenz mit 1.400 Fällen pro 100.000 Einwohner (Stand 17. Januar) und sogar bei der Hospitalisierungsrate mit 12,2 Klinikfällen pro 100.000. Dem folgen als “Hochinzidenzregionen” die Hauptstadt Berlin (948) mit einer Impfquote von 74 Prozent (48 Prozent geboostert) und Hamburg (803), wo dem RKI zufolge 78 Prozent aller über Zwölfjährigen vollständig und 44 Prozent ein drittes Mal geimpft sind.

Einige Bundesländer, die bis vor kurzem noch die höchsten Zahlen aufwiesen, stehen nun am unteren Ende der Skala. Die wenigsten Fälle meldete am Montag Thüringen mit einer Inzidenz von unter 200. Dort sind aber nur 67 Prozent der Menschen vollständig geimpft und 41 Prozent geboostert. Sachsen mit der niedrigsten Impfquote von knapp 62 Prozent (37 Prozent Geboosterte) meldete für die letzten sieben Tage die zweitniedrigste Inzidenz von knapp 250 und mit 2,4 die niedrigste Rate an Klinikfällen pro 100.000 Einwohnern. Am ländlichen Raum kann das nicht liegen, wie man vermuten könnte. So meldete beispielsweise Schleswig-Holstein mit 77 Prozent vollständig und 53 Prozent dreifach Geimpften eine Inzidenz von knapp 700 und eine Hospitalisierungsrate von 4,6.

Die Impfstoffe können offensichtlich nicht die Fallzahlen eindämmen, was Impfpflicht-Befürworter als oberstes Ziel angeben. Ihr Ausweichargument lautet: Die Kliniken würden durch das Impfen entlastet. Dem widersprechen nicht nur die oben genannten Hospitalisierungsraten. Das RKI, auf dessen Expertise sich die Politik offiziell stützt, führt seit einiger Zeit eine tägliche Übersicht zu ermittelten Omikron-Fällen ab Mitte November, also Kalenderwoche 46 des vergangenen Jahres. Beim Betrachten dieser Zahlen könnte man sich fragen, wo die Bedrohung eigentlich ist.

Sterblichkeit um ein Vielfaches geringer

Aus den Daten, Stand 17. Januar, ergibt sich bisher Folgendes: Von bisher knapp 200.000 gefundenen Omikron-Positiven wurden gut 1.700 (0,9 Prozent) in einer Klinik behandelt. Insgesamt verstarben 80 Betroffene, von denen gut zwei Drittel über 80 Jahre alt waren. Alle Altersgruppen eingeschlossen, ergibt sich bislang eine Fallsterblichkeit von 0,4 Prozent. Diese könnte zudem überschätzt sein, da nach wie vor jeder als COVID-19-Toter gilt, der nach oder mit einem positiven Test aus dem Leben schied.

Interessant ist ein Blick auf die Altersverteilung: Am stärksten betroffen bleibt die Gruppe der über 80-Jährigen. Doch auch für diese Hochbetagten gibt das RKI eine um das Zehnfache verringerte Letalität an. Insgesamt beziffert es diese für zwei Jahre Corona-Pandemie mit knapp 18 Prozent. Der neuen Omikron-Übersicht zufolge verstarben nun mit dieser Variante noch 1,8 Prozent der positiv getesteten über 80-jährigen Senioren. Knapp 12 Prozent kamen in eine Klinik.

Zum Vergleich: Wie aus den Daten des Statistischen Bundesamtes hervorgeht, sterben jährlich etwa 10,3 Prozent der über 80-Jährigen. Im Jahr 2019 betrug der Anteil der gesamten Krankenhausfälle an der Bevölkerungszahl der 80- bis 85-Jährigen 66,1 Prozent, bei den 85- bis 90-Jährigen lag dieser sogar bei 86,1 Prozent.

Reine Testpandemie für alle unter 80?

Zurück zur Omikron-Übersicht des RKI: Für alle unter 80-Jährigen zeichnet sich ein Risiko ab, das im Vergleich zum normalen Leben kaum noch evident erscheint. In der Gruppe der 60- bis 79-Jährigen vermerkte das RKI 13.332 Fälle, 384 Krankenhauseinweisungen und 21 Todesfälle. Damit kamen knapp drei Prozent in eine Klinik. Die Omikron-Sterberate betrug in dieser Alterskohorte ganze 0,16 Prozent – das sind 16 Todesfälle auf 10.000 gefundene Positivfälle.

Bislang bezifferte das RKI indes die Sterblichkeit mit Corona für 60- bis 79-Jährige auf 3,7 Prozent – 23 Mal höher. Auch hier zum Vergleich: Pro Jahr scheiden in Deutschland etwa 1,8 Prozent dieser Altersgruppe aus allen möglichen Gründen aus dem Leben. Und: Auf rund 18 Millionen Menschen dieses Alters kamen 2019 rund 6,5 Millionen Krankenhausfälle, das sind etwa 36 Prozent.

Für die Gruppe 34 bis 59 Jahre meldete das RKI knapp 64.000 positiv Getestete, 425 Hospitalisierte (0,7 Prozent) und drei Verstorbene (0,005 Prozent). Von gut 84.000 Omikron-Betroffenen zwischen 15 und 34 Jahren wurden 448 (0,5 Prozent) im Krankenhaus behandelt und zwei schieden aus dem Leben (0,002 Prozent). Und schließlich mussten von knapp 27.300 positiv getesteten Kindern insgesamt 111 (0,4 Prozent) in ein Krankenhaus und kein einziges starb.

Man kann das jetzt für alle unter 80-Jährigen zusammenfassen: Von knapp 190.000 gefundenen Omikron-Positiven starben 26, das sind 0,014 Prozent. Insgesamt beziffert das RKI die bisherige Fallsterblichkeit mit Corona für diese Altersgruppe auf 0,9 Prozent. Mit Omikron wäre sie damit um das 65-fache geringer. Fasst man nun noch alle unter 60-Jährigen zusammen, ergibt sich aus bisherigen Pandemie-Berechnungen des Bundesinstituts eine Fallsterblichkeit von 0,17 Prozent. Mit Omikron sind es mit fünf Todesfällen auf gut 175.000 positiv Getestete noch 0,003 Prozent. Zur Erinnerung: Für das Gros dieser weit gefassten Altersgruppe würde eine allgemeine Impfpflicht gelten, so sie beschlossen werden sollte.

Die theoretische “Horrorwelle”

Man muss sich fragen, warum die Politik überhaupt darüber nachdenkt, Millionen Menschen ohne nennenswertes eigenes Krankheitsrisiko zur Impfung zu verpflichten. Und mit bedingt zugelassenen Vakzinen, die durchaus Risiken bergen. Immerhin hat das Paul-Ehrlich-Institut bis Ende November 78 von 1.919 gemeldeten Todesfällen als durch die Impfung verursacht anerkannt. Insgesamt stehen bis dahin rund 26.200 Verdachtsfälle auf schwerwiegende Nebenwirkungen im Raum. Gesundheitsminister Lauterbach aber fürchtet nun den Herbst. Was, wenn dann eine viel schlimmere Variante kommt? Man brauche also trotzdem eine Impfpflicht, so der Minister.

Doch mit seiner Vision von einer kommenden Horrorwelle bewegt sich Lauterbach im rein spekulativen Bereich. Bisher jedenfalls scheint das Coronavirus von Mutation zu Mutation ungefährlicher zu werden. Man könnte stattdessen eventuell den Boden jener Realität betreten, in der Menschen sterblich sind und krank werden, in der es für 83,2 Millionen Einwohner, darunter rund 24 Millionen über 60-Jährige, nun einmal gewisse Klinik-Kapazitäten braucht. Am Ende beträgt die Letalität des Lebens 100 Prozent. Das Risiko, krank zu werden, kann man nicht auf null minimieren, auch nicht durch die härtesten Maßnahmen. Die wichtigste Frage dieser Tage lautet möglicherweise: Wie viel Freiheit und Selbstbestimmung wollen wir aufgeben für mehr gefühlte Sicherheit? Warum wird darüber nicht öffentlich diskutiert?


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