Während der Bürger in diesen Tagen an die immer kürzere Leine gelegt wird, dreht einer völlig frei. Dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder kann kein Lockdown zu lang und kein Vorschriftenkatalog zu dick sein, wenn es darum geht, die Macht auszuleben, auf die er so lange hat warten müssen.

Der CSU-Politiker, der gefühlte Ewigkeiten als der ewige zweite Mann im Freistaat galt, ist jetzt die Nummer Eins und alle sollen es wissen. Auf Bundesebene ist der per Eigendefinition wichtigste der 16 Landeschefs voll auf der strikten Corona-Linie der Bundeskanzlerin. Wo immer er kann, versucht er deren Strenge gar noch zu übertreffen.

Als der völlig entfesselte Autokratie-Fan jüngst eine Impflicht für Pflegekräfte forderte, erteilte ihm die Bundesregierung in Person von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sogar eine klare Absage. Wenn auch vielleicht vor allem deshalb, weil man in Berlin derzeit schon alle Hände voll zu tun hat, irgendwann ausreichend Impfstoff für alle, die sich freiwillig impfen lassen wollen, zur Verfügung zu stellen.

Söders Verständnis ist begrenzt

Für Kritiker hat Söder nur wenig übrig. Schon gar nicht, wenn diese versuchen, Schlupflöcher bei den „gemeinsam beschlossenen“ Einschränkungen zu finden. Zwar äußert er bei seinen öffentlichen Verlautbarungen stets ein gewisses Verständnis für all diejenigen, die wirtschaftlich stark von den Maßnahmen betroffen sind. Dabei kann er sich in der Regel aber nicht die typisch verschmitzten Söder-Grimassen verkneifen, die dem hechelnden Dauergrinsen seines Parteifeindes Horst Seehofer in nichts nachstehen.

Allzu groß ist das Verständnis des Politikers für die Sorgen und Nöte der durch den Lockdown besonders gebeutelten Bevölkerungsschichten dann allerdings doch nicht. Zu viele würden sich als Opfer der Pandemie darstellen, findet Söder. Um denen jede moralische Legitimation zu nehmen, greift er auch schon mal ganz tief in die unterste Schublade der Gefühlsmanipulation. Die wahren Opfer, so Söder, seien die fast 40.000 Toten in Zusammenhang mit dem Virus.

Die Formulierung „in Zusammenhang mit dem Virus“ geht ihm – wie den meisten Politikern – mittlerweile so selbstverständlich über die Lippen, als sei diese tatsächlich gleichbedeutend mit der Diagnose: „nachweislich an Covid-19 verstorben“.  Weil angeblich um jedes Leben gekämpft werde, müsse der Lockdown jetzt verlängert und an einigen Stellen auch vertieft werden.

Söder übertreibt es sogar in der Hysteriker-Blase

Länger, härter, tiefer. Söder hat die wichtigsten Stichworte aus dem Drehbuch zum Corona-Lockdown brav auswendig gelernt und weiß, wie man sie platzieren muß. Manchmal geht der Machtpolitiker Söder in seinem Spielen mit der Angst sogar der eigenen Hysteriker-Blase zu weit.

Als er kürzlich vor einer „Corona-RAF“, die aus dem Umfeld der AfD und der „Querdenker“-Bewegung entstehen könnte, warnte, wurde er dafür scharf kritisiert. Auch von politischen Freunden und Medienvertretern, die der AfD und den Pandemie-Skeptikern sonst eigentlich alles zutrauen und die zuvor jede Übertreibung des Franken als „Führungsstärke in der Krise“ interpretiert haben. Dabei könnte Söder ausgerechnet mit dieser Sorge gar nicht so unrecht haben. Auch wenn die Formulierung gute Chancen auf einen Platz in der Ruhmeshalle der hinkenden Vergleiche hat.

Daß im Zuge der Corona-Krise künftig auch Terrorismus entstehen könnte, ist in der Tat nicht auszuschließen. Nur dürfte diese potentielle Terrorgefahr weniger von irgendeiner Partei oder Protestbewegung ausgehen, sondern von verzweifelten Einzeltätern aus dem Heer der einst mittelständischen Selbständigen, die nach den monatelangen Corona-Schutzmaßnahmen nichts mehr zu verlieren haben werden.

Söder verhängt FFP2-Maskenpflicht

Durch die ständige Angst und Dauerisolation ausgelöste oder wesentlich verstärkte seelische Erkrankungen und Rachegedanken von Menschen, die nicht überwinden können, warum sie ihre sterbenden Angehörigen nicht im Krankenhaus besuchen durften, könnten hier eine wesentliche Rolle spielen. Ob es klug ist, daß elitäre Schnösel wie Söder genau diese Menschen zu allem Elend auch noch öffentlich verhöhnen und ihnen sogar absprechen, überhaupt zu den Opfern der Krise zu gehören, muß man stark anzweifeln.

Wobei Söder selbst sicherlich das Gefühl hat, daß er nun wirklich alles tue, um die Menschen vor dem Tod zu schützen. Zu diesem Zweck hat er für sein Bundesland nun auch noch eine FFP2-Maskenpflicht beim Einkaufen und im öffentlichen Nahverkehr verhängt. Genügend Exemplare des Mund-Nasen-Schutzes seien vorhanden.

Die sind zwar deutlich teurer als die herkömmlichen Masken, aber der Ministerpräsident denkt sich wohl: Wer sonst fast nichts mehr darf, müßte dabei doch genug Geld sparen, um sich den ultimativen Gesundheitsschutz leisten zu können. Schließlich sollen FFP2-Masken nicht nur andere, sondern auch den Träger schützen. Wir bewegen uns damit auf das argumentative Niveau zu, auf dem auch alte Forderungen nach Rauchverboten in den eigenen vier Wänden oder ein Neuversuch in Sachen Prohibition wunderbar gedeihen könnten.

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BERLIN. Die Bundesrepublik hat erstmals mehr Asylsuchende per Dublin-Verfahren von anderen EU-Staaten aufgenommen, als sie umgekehrt Migranten zurücküberstellte, für die sie nach der Regelung nicht zuständig ist. Wie die Welt berichtet, wurden nach Angaben des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge im vergangenen Jahr 2.953 Asylbewerber in den für ihr Verfahren zuständigen Staat der Ersteinreise zurückgeschickt.

Der Rückgang ist auch auf die Corona-Krise zurückzuführen, auch wenn die Zahl der nach dem Dublin-Verfahren überstellten Asylbewerber sich generell in Deutschland auf einem niedrigen Niveau bewegt. Im Jahr zuvor waren es allerdings noch 8.423 Personen.

Den 2020 knapp 3.000 zurücküberstellten Asylbewerber standen dagegen 4.369 Ausländer entgegen, die aus anderen EU-Ländern nach Deutschland gebracht wurden, weil die Bundesrepublik laut der Dublin-Verordnung für sie zuständig war.

Aylbewerber müssen Rücküberstellung kaum fürchten

Seit 2008 das gemeinsame EU-Asylsystem ins Leben gerufen worden war, wurden dem Bericht nach weniger als 50.000 Asylsuchende aus Deutschland im Zuge des Dublin-Verfahrens wieder in die für sie zuständigen EU-Staaten zurückgebracht.

Im gleichen Zeitraum kamen laut offiziellen Zahlen dagegen etwa 2,5 Millionen Asylbewerber nach Deutschland, obwohl die Bundesrepublik außer zur Schweiz über keine EU-Außengrenze verfügt. Folglich hatte der überwiegende Großteil der Asylsteller bereits zuvor in einem anderen Land EU-Boden betreten.

Eigentlich ist das EU-Land für das Asylverfahren zuständig, in dem der Migrant ankommt. In jedem Fall aber, wenn dieser dort einen Asylantrag stellt. Auch das trifft auf einen nicht geringen Teil der Asylbewerber in Deutschland zu. Dennoch müssen nur wenige von ihnen befürchten, wieder zurückgeschickt zu werden.

Und selbst diejenigen, die in ihr Ankunftsland überstellt werden, müssen dort nicht zwangsläufig auf Dauer bleiben. Wie die Welt berichtet, war rund ein Drittel der Überstellten später über die offenen Grenzen erneut nach Deutschland eingereist. (krk)

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BERLIN. Die Vorsitzende der AfD-Fraktion im Bundestag, Alice Weidel, hat vor der Einführung einer Impfpflicht im Kampf gegen die Corona-Pandemie gewarnt. „Wir sind absolut gegen eine Impflicht“, betonte sie im „Morgenmagazin“ des ZDF.

Zugleich warf sie der Bundesregierung vor, trotz anderslautender Aussagen daran zu arbeiten. „Damals hat man auch gesagt, man will keine Mauer bauen“, äußerte Weidel und verwies auf die Lüge der SED-Führung vor dem Bau der Berliner Mauer 1961.

Auch berge die Einführung von Impfpässen laut Weidel die Gefahr einer Zwei-Klassen-Gesellschaft. Wer sich nicht impfen lasse, müsse künftig mit Einschränkungen seiner Bewegungsfreiheit rechnen und dürfe beispielsweise keine Restaurants besuchen.

Weidel wirft Bundesregierungen Versagen vor

Zudem warf die AfD-Politikerin der Bundesregierung Versagen beim Schutz der Risikogruppen vor. Statt sich besonders um Alten- und Pflegeheime zu kümmern, überziehe sie die gesamte Bevölkerung mit Maßnahmen. Der harte Lockdown werde zu einer „nie dagewesenen Pleitewelle“ führen, zeigte sich Weidel überzeugt.

Sie vermisse eine „klare Schwerpunktsetzung“ zur Bekämpfung des Corona-Virus. Außerdem sei die Regierung nicht fähig gewesen, genug Impfdosen zu besorgen, weil sie die Aufgabe delegiert habe. Weidel sprach in dem Zusammenhang von einem „Impfchaos“.

In den vergangenen Tagen hatte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) eine Impfpflicht für Pflegepersonal vorgeschlagen. Dieser Vorstoß sei jedoch verfassungswidrig, „solange nicht feststeht, daß die Impfung die Übertragung des Virus auf andere Menschen verhindert“, sagte der Staatsrechtler Dietrich Murswiek. Eine Zwangsimpfung sei mit dem Selbstbestimmungsrecht des Pflegepersonals über den eigenen Körper unvereinbar. (ag)

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HAMBURG. Der frühere Unionsfraktionschef im Bundestag, Volker Kauder (CDU), hat seine Partei vor einer konservativen Kurskorrektur gewarnt. Anläßlich des bevorstenden Bundesparteitags und der Wahl eines neuen CDU-Chefs sagte Kauder der Zeit: „Mit Sorge höre ich immer wieder, daß die CDU konservativer werden müsse.“

Dabei wisse niemand, wo genau dies hinführe und was dies bedeute. Statt dessen riet er seiner Partei, sich am christlichen Menschenbild zu orientieren. „Das C ist der Kompaß unserer Partei.“ Dazu gehöre auch der Klimaschutz. „Wir haben in der Vergangenheit den Fehler gemacht, das nie nach vorn zu stellen.“

Kauder mahnt menschlichere Flüchtlingspolitik an

Zum christlichen Menschenbild zähle auch, daß jeder Flüchtling ein Ebenbild Gottes sei und auch so behandelt werden müsse. „Was sich da gerade in Griechenland abspielt oder in Bosnien-Herzegowina, das ist eine Schande für Europa“, kritisierte er. Wenn er beispielsweise mit Chinesen über Menschenrechte oder die mangelnde Religionsfreiheit in China diskutiere, hielten diese ihm die Situation der Flüchtlinge in Europa vor. „Das beschämt mich. Das ist eines Europas, das mehr sein muß als Euro und Cent, unwürdig“, beklagte Kauder.

In dem Interview mahnte er zudem die Kandidaten um den CDU-Vorsitz, nach der Entscheidung zusammenzuhalten und gemeinsam für einen Sieg bei der Bundestagswahl zu kämpfen. „Wichtig ist, daß die drei nach der Abstimmung untereinander zusammenstehen.“ Die CDU müsse sich nach dem Parteitag „hinter dem neuen Vorsitzenden versammeln und gemeinsam in die Schlacht um die Bundestagswahl im Herbst ziehen“.

Der Parteitag der CDU findet am Freitag und Sonnabend statt, wegen der Corona-Krise jedoch nicht als Präsenzveranstaltung, sondern die 1.001 Delegierten beraten und stimmen digital ab. Für den Parteivorsitz bewerben sich Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet, der außenpolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, Norbert Röttgen, sowie Kauders einstiger Amtsvorgänger Friedrich Merz.

Keine Wahlempfehlung

Nachdem sich die Delegierte am kommenden Wochenende für einen der Kandidaten entschieden haben, soll über das Ergebnis nochmals per Briefwahl abgestimmt werden. Am 22. Januar soll dann der Sieger der digitalen Vorauswahl durch die „schriftliche Schußabstimmung“ bestätigt werden.

Kauder, der als Fraktionschef 2018 von Ralf Brinkhaus abgelöst worden war, hielt sich auf die Frage, wen er sich als kommenden Parteichef wünsche, zurück. „Es gibt Parteien, die fühlen sich pudelwohl, wenn sie untereinander so viele grundsätzliche Diskussionen wie möglich führen“, sagt der Zeitung. „Aber das ist nicht die CDU.“ (krk)

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HAMBURG. Grünen-Chef Robert Habeck hat davor gewarnt, kritiklos identitätspolitische Forderungen zu übernehmen. „Ich glaube nicht, daß eine Gesellschaft Frieden mit sich selbst gefunden hat, wenn jede Gruppe sich nur darauf konzentriert, jeweils sich selbst zu repräsentieren“, sagte Habeck der Zeit. Man dürfe „geschlechtliche, ethnische, Herkunfts- oder Bildungsidentitäten“ nicht jeweils verabsolutieren, „sondern in eine plurale, auf gemeinsamen Werten und gemeinsamen Spielregeln beruhende Gesellschaft“ übersetzen.

Er habe allerdings Verständnis dafür, wenn beispielsweise eine Minderheit, die die „Ehe für alle“ fordert, „kämpferische Positionen“ aufbaue, weil die Mehrheit diese Position nicht zulasse. Dies führe aber zwangsläufig zu einer „moralischen Überhöhung“. Mit Blick auf seine Partei ergänzte Habeck: „Da aber viele Positionen der emanzipatorischen, liberal-grünen Bewegung mittlerweile mehrheitsfähig geworden sind, brauchen wir nicht mehr so auf eine höhere Wahrheit zu pochen – und tun es auch nicht mehr.“

„Strukturelle Entwicklungen“ als Ursache

Die jüngsten Entwicklungen in den USA führte der Grünen-Politiker auf „strukturelle Entwicklungen“ zurück, die die Republikaner sich zunutze gemacht hätten. „Ein Zusammenspiel aus ökonomischen Verlusten, Angst vor dem Abstieg und dem Gefühl, keinen Platz, keinen Wert mehr in der Gesellschaft zu haben. Das ist eine gefährliche Mischung.“

Hierbei sei der Zusammenhalt durch Sprachregelungen verlorengegangen. „Im Wahlkampf 2016 war es so, daß man auf der Homepage der Demokraten eine Reihe verschiedener Identitäten anklicken konnte, ich glaube, siebzehn, und für jede gab es ein eigenes Angebot – man konnte Latino-Frau sein, Homo-Mann, aber das gesellschaftliche Ganze, we, the people, das gab’s eigentlich nicht mehr.“

Die Grünen sollten deshalb auch die vermeintlichen Verlierer von solchen gesellschaftlichen Entwicklungen beachten. „Als Partei, die so einen Veränderungsanspruch hat wie meine, arbeiten wir darauf hin, für unsere Politik Mehrheiten zu gewinnen.“ Die Summe von Partikularinteressen reiche nicht aus, „um eine Gesellschaft zusammenzuhalten. Damit ist man zu anfällig für Populismus.“

Linke Intellektuelle kritisieren Fokussierung auf Milieupolitik

Unter Identitätspolitik versteht man die Absicht, aus Herkunft, Geschlecht, Rasse oder religiöser Überzeugung seine Interessenlage zu bestimmen und sein politisches Handeln abzuleiten. In Deutschland kritisieren linke Intellektuelle wie der Autor Bernd Stegemann oder der Politologe Nils Heisterhagen die zunehmende Fokussierung der Linken auf das Thema Identitätspolitik.

Die Kernbotschaft „Wir zuerst!“ trage zur „Selbstradikalisierung“ bei, schrieb Stegemann am Montag im Spiegel. Wer nur an die eigene Opfergruppe denke, verliere das eigentliche Ziel linker Politik aus den Augen: den Kampf gegen materielle Ungerechtigkeit. (ls/ha)

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HANNOVER. Die Zahl der Abschiebungen aus Niedersachsen ist im vergangenen Jahr fast um die Hälfte zurückgegangen. Bis Ende November führten die Behörden 550 illegale Ausländer zurück, teilte das Innenministerium in Hannover auf Nachfrage der Nachrichtenagentur dpa mit. Im selben Zeitraum 2019 waren noch mehr als eintausend Asylsuchende abgeschoben worden.

Der Vollzug der Rückführungen sei wegen der Corona-Pandemie „nahezu vollständig zum Erliegen“ gekommen, erklärte das Ministerium. Es würden aber weiterhin Abschiebungen vorbereitet und wenn möglich auch durchgeführt. Die Zahlen aus dem Jahr 2018 belegen jedoch, daß die Abschiebungen bereits vor der Coronakrise weniger wurden. Damals hatte es noch rund 1.450 Rückführungen gegeben, zwei Jahre zuvor fast 2.000.

Auch Dutzende Dublin-Fälle dabei

Häufigstes Zielland war in all den Jahren Albanien. Am zweithäufigsten wurden 2020 Personen nach Frankreich, gefolgt von Polen, Serbien, Montenegro und Georgien abgeschoben. Beim Großteil der nach Frankreich abgeschobenen Ausländer handelt es sich um sogenannte Dublin-Fälle. Die EU-Verordnung sieht vor, daß jenes Land für einen Asylbewerber zuständig ist, in dem dieser zuerst europäischen Boden betreten hat. Deutschlandweit geht die Zahl der Abschiebungen seit Jahren zurück.

Auch die Zahl der Asylanträge ging 2020 zurück. Wie das Bundesinnenministerium am Sonntag mitgeteilt hatte, wurden im vergangen Jahr 76.061 grenzüberschreitende, neue Asylanträge gestellt, was einem Rückgang von 31,5 Prozent entspricht. Hinzu kamen mehr als 6.500 Gesuche für in Deutschland geborenen Kindern. (ls)

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BERLIN. Der Kandidat für den CDU-Vorsitz, Friedrich Merz, hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) für ihre Verdienste um Deutschland gelobt. „Ich respektiere ihre Leistung, vor allem jetzt wieder in der Krise. Wir verdanken ihr auch sehr viel“, sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Dank ihr stehe das Land auf einem stabilen Fundament, auf dem man bauen könne.

Der frühere Unions-Fraktionsvorsitzende widersprach bei der Gelegenheit dem Eindruck, als Personifizierung der „Merkel-muß-weg“-Gruppe zu gelten. „Das paßt mir überhaupt nicht“, betonte der Sauerländer.

Mit Blick auf den kommenden Bundestagswahlkampf äußerte Merz seine Hoffnung, daß Merkel auch als scheidende Kanzlerin den CDU-Kandidaten unterstützen werde. „Ich denke, das würden wir uns alle wünschen, ganz gleich, wer Vorsitzender und Kanzlerkandidat wird.“

Merz kritisiert Klimapolitik der Großen Koalition

Die CDU entscheidet auf einem Digital-Parteitag am kommenden Wochenende über ihren Vorsitz. Zur Wahl stehen Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet, Norbert Röttgen und Friedrich Merz.

Eine Entscheidung über die Kanzlerkandidatur der Union soll es aber erst im Frühjahr geben. Der Wahlgewinner des Parteitages gilt als ein potenzieller Kanzlerkandidat.

In der Vergangenheit hatte Merz die Politik der Kanzlerin wiederholt kritisiert. So hatte er im September 2019 der Großen Koalition vorgeworfen, keine langfristige und strategische Planung in der Klimapolitik entworfen zu haben, sondern nur auf Steuern und Abgaben zu setzen. (ag)

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FRANKFURT/MAIN. Ein beim Schwarzfahren erwischter Nigerianer hat in Frankfurt am Main auf der Flucht vor den Kontrolleuren eine 60 Jahre alte Frau ins Gleisbett gestoßen und diese dabei schwer verletzt. Das Opfer überlebte die Attacke, da gerade kein Zug einfuhr.

Der 49 Jahre alte Afrikaner war zwei Kontrolleuren in der S-Bahn von Wiesbaden nach Hanau ohne gültigen Fahrschein aufgefallen. Sie forderten ihn daraufhin auf, die Bahn an der Station Flughafen Frankfurt zu verlassen. Beim Aussteigen schubste er laut Polizei unvermittelt einen der Kontrolleure zur Seite und flüchtete über den Bahnsteig.

Dort stieß er auf seiner Flucht eine Deutsche so heftig, daß diese kopfüber ins Gleisbett stürzte. Die 60jähre verlor durch den Aufschlag kurzeitig das Bewußtsein. Die beiden Kontrolleure konnten sie jedoch umgehend aus dem Gleisbett heben und alarmierten den Rettungsdienst.

Täter bereits polizeibekannt

Zivilfahndern der Bundespolizei, die den Tathergang beobachtet hatten, gelang es, den Nigerianer festzunehmen. Gegen ihn wird nun wegen Körperverletzung sowie des Erschleichens von Leistungen ermittelt. Zudem wird dem bereits polizeibekannten Afrikaner räuberische Erpressung vorgeworfen.

Vor anderthalb Jahren hatte der Fall eines 40 Jahre alten Eritreers deutschlandweit für Bestürzung gesorgt, der am Frankfurter Hauptbahnhof eine Mutter und ihren 8jährigen Sohn vor einen einfahrenden Zug auf die Gleise schubste. Während sich die Mutter in letzter Sekunde zur Seite rollen konnte, wurde das Kind überfahren und starb. (krk)

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Wer die Romane Michel Houellebecqs kennt, der weiß um die essayartigen Passagen darin, mit denen der französische Schriftsteller in gestochen scharfen Sätzen sein vielseitiges Wissen über gesellschaftliche, religiöse, wirtschaftliche und geisteswissenschaftliche Zusammenhänge spiegelt. In seinen Geschichten dienen sie als Unterfütterung der Handlung; wo seine Figuren einer Melancholie und Leere anheimfallen, kreisen die Ausführungen das Ganze kommentierend ein. Ob dabei die Rolle des Katholizismus besprochen oder die Lage der Milchbauern in der französischen Provinz analysiert wird, stets verweist das Wissen des lyrischen Ichs auf einige grundlegend falsche Dinge im zeitgenössischen Westen, auf seinen Verfall und die Abwesenheit einer simplen Lösung.

Wer nun wissen will, ob diese Technik auch außerhalb eines Romans funktioniert, dem bietet sich nach „Die Welt als Supermarkt“ (1999) und „Ich habe einen Traum“ (2010) nun ein weiterer Essayband an. „Ein bißchen schlechter“ heißt die Sammlung von Interviews und kurzen Aufsätzen aus der Zeitspanne von 2003 bis 2020. Um die Antwort an dieser Stelle vorwegzunehmen: Es gelingt und befriedigt doch nicht ganz.

Zweifellos warten auf den Leser vielerlei interessante Details. So gibt Houellebecq, dem man häufiger eine Nähe zu seinen Romanfiguren nachgesagt hat, an, es sei „eine echte Versuchung“, sämtliche Kontakte abzubrechen und sich mit seinen Büchern alleine in der Wohnung zu verschanzen. Auch die Erklärungen zu seinen Romanen sind erhellend: daß seine Figuren daran leiden, quasi nicht zu existieren, keinen eigenen Willen und keine Wirkung auf die Welt zu haben, ist etwas, das man auch zuvor erahnt, und doch vom Autor nicht so prägnant auf den Punkt gebracht bekommen hatte. „Die Welt kann nichts für dich tun, und du kannst nichts für die Welt tun“, faßt Houellebecq es zusammen.

Die Literatur bringt ihn der Religion näher

In „Unterwerfung“, so berichtet er, gehe dieser Verlust der Konversion der Hauptfigur voraus: „Ich nehme meinem Protagonisten nach und nach alles weg, beraube ihn: seiner Lebensgefährtin Myriam, seiner Eltern, einer Arbeit, die ihm trotz allem noch eine gewisse Befriedigung und ein gewisses Sozialleben verschaffte (…). Ich reduziere meinen Protagonisten also, ich lösche ihn aus. Warum sollte er daher über Denkfreiheit verfügen? Warum sollte er nicht einfach dem zustimmen, was man ihm unterbreitet?“

Das dient Houellebecq zusätzlich zu einer Demonstration gegen den Philosophen René Descartes, die an Armin Mohlers Drei-Uhr-Morgens-Menschen erinnert: Der Mensch, so Houellebecq, ist nicht, weil er denkt, sondern er ist nur im Bezug zu anderen Dingen. Die Hauptfigur von „Unterwerfung“ denkt andauernd, hat ohne jeglichen Bezug zur Welt aber doch kein Sein mehr. Sie wird zum Spielball, zum leeren Gefäß.

Deutlich wird in einem Interview auch, daß das Thema der Religion in seinen Werken über den bekannten Roman von 2015 hinaus wichtig ist. Nach eigener Aussage seit seinem neunten oder zehnten Lebensjahr am Glauben und spezifisch am Katholizismus interessiert, berichtet er, sich doch nie zu einem tatsächlich beständigen Glauben durchringen haben zu können. Es ist stattdessen die Literatur, die ihn der Thematik früh näherbringt: mit 15 Jahren liest er den Naturwissenschaftler und christlichen Philosophen Blaise Pascal, dessen „Schilderung der Macht des Todes und der Leere“ ihn sichtlich prägt, später kommen der heilige Paulus, Auguste Comte, Chesterton und Chateaubriand hinzu, deren literarische und philosophische Qualitäten er eloquent und genüßlich analysiert.

Auf sein eigenes Schreiben angesprochen, erwidert Houellebecq, er sei „katholisch, in dem Sinne, daß ich dem Schrecken einer Welt ohne Gott Ausdruck verleihe“, und berichtet von einer bizarren Episode, bei der ihm ein Leser in Israel berichtet habe, er sei nach der Lektüre seiner Bücher zu dem Entschluß gekommen, sein Leben zu ändern und Rabbi zu werden. So weit und so gut. Auf die angeblichen Provokationen des Autors wartet man dabei allerdings vergebens.

Er sei „der größte Provokateur unserer Zeit“, leitete die Zeit ihre Rezension des Essaybandes ein, der WDR sprach von „Provokationen eines scharfzüngigen Schriftstellers“. Bei der Lektüre des neusten Bandes bleibt von diesem Bild nicht viel übrig. Wenn Houellebecq die zurückhaltende Außenpolitik Trumps lobt, und ihn gleichzeitig menschlich zu einem Widerling erklärt; er bezweifelt, daß es ohne Religion eine Basis für menschliches Zusammenleben gibt und „Islamophobie“ schon alleine deswegen legitim sei, weil es zu den Regeln der Meinungsfreiheit gehörte, eine Religion angreifen zu dürfen, dann lassen sich daraus mitnichten Angriffslust und Aggressivität ablesen.

Nur gelegentlich neigt er zur Polemik

Michel Houellebecq argumentiert ruhig und bedacht, bezieht sich auf einen reichen Fundus von literarischen Quellen und neigt nur in Einzelfällen zur Polemik. Es sind die Ausführungen eines nicht besonders radikalen Konservativen, die nur auf ein Feuilleton provokant wirken können, in dem die Werte einer individualistisch-atomistisch-radikalegalitären Postmoderne bereits vollkommen zementiert sind. Insofern sagt die wahrgenommene Provokation hier mehr über unsere Gesellschaft als über Houellebecq aus.

Indes, Houellebecqs Analysen treffen. Seine Texte sind so bedrückend, weil sie „den Schrecken einer Welt ohne Gott“ überzeugend schildern, und sowohl der Aufschrei des Feuilletons wie auch die Anekdote des Lesers, der zum Rabbi wird, sind dabei als Zeugen zu werten.

Ein wenig unbefriedigt bleibt man von „Ein bißchen schlechter“ dennoch zurück. Zum einen sind sowohl die Essays als auch die Interviews zwar anregende Häppchen, die jedoch nicht sättigen. Zum anderen fehlt ihnen die emotionale Wucht der Romane. Der Schmerz, die Melancholie und der Trost bildete sich aus dem Zusammenspiel von Geschichten, Schicksalen, Beschreibungen und analytischer Schärfe. Fällt das weg, lernt und unterhält sich der Leser zwar, wird jedoch nicht berührt. Also: Man sollte Houellebecqs neues Buch lesen. Man wird viel zum Nachdenken finden und trotzdem weiter auf den nächsten Roman warten.

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Michel Houellebecq: Ein bißchen schlechter. DuMont Buchverlag, Köln 2020, gebunden, 200 Seiten, 23 Euro

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ESSEN. Die Städte Essen und Mülheim haben in ihren Hauptbahnhöfen Waffenverbotszonen eingerichtet. Sie sollen zunächst vom 13. bis 20. Januar gelten, teilte die Bundespolizei mit. Anlaß für diese Maßnahme ist demnach, daß trotz des Lockdowns kein nennenswerter Rückgang der Gewalttaten an beiden Orten zu verzeichnen sei.

Oft verwendeten die Täter dabei Waffen. „Dabei kamen auch immer wieder gefährliche Gegenstände zur Anwendung. Einsatzkräfte stellten Messer, aber auch andere gefährliche Gegenstände wie zum Beispiel Schraubenzieher und ähnliches sicher.“ Daher kündigten die Sicherheitskräfte für die kommenden Tage verstärkte Kontrollen in den beiden Bahnhöfen der Ruhrgebietsstädte an.

Polizei stellt Waffen bei Jugendlichen sicher

Erst vergangene Woche hatten sich Jugendgruppen aus Mülheim und Essen am dortigen Hauptbahnhof zu einer Auseinandersetzung getroffen. Die alarmierten Polizisten konnten einige der Personen festhalten und zwei Messer sicherstellen, berichtete die Westdeutsche Allgemeine Zeitung.

Im Sommer 2018 war in Berliner Bahnhöfen und S-Bahnen ein Waffenverbot verhängt worden. Zuvor hatte Hessens Innenminister Peter Beuth (CDU) ein deutschlandweites Waffenverbot rund um Kindergärten, Schulen, Bahnhöfe und anderen öffentlichen Einrichtungen gefordert. (ag)

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