KALKAR. Unter den wachsamen Augen des Ordnungsamtes hat im niederrheinischen Kalkar am Sonnabend der Bundesparteitag der AfD begonnen. Mit großen Abständen und Mundschutz heben sich die rund 500 Delegierten in einer Messehalle des Freizeitparks Wunderland versammelt. Die Appelle der Parteiführung, sich an die Anstandsregeln und Maskenpflicht zu halten, hatten offenbar gefruchtet.

In seiner Begrüßungsrede nannte es der Parteivorsitzende Tino Chrupalla ein „wichtiges Signal“, daß die Partei auch in Corona-Zeiten einen nicht-virtuellen Parteitag abhält. Er hob zudem die Bedeutung des sozialpolitischen Leitantrags hervor. Wenn die AfD den Anspruch habe, Volkspartei zu sein, müsse sie den gesellschaftlichen Pluralismus abbilden.

Disziplin müsse ein mehrheitsfähiger Kompromiß im Sinne eines Bekenntnisses zur sozialen Marktwirtschaft gefunden werden. Chrupalla appellierte an die Partei, sich auch unter dem Druck der Angriffe von außen nicht spalten zu lassen. Der AfD-Kommunalpolitiker Dubravko Mandic versuchte mit einem Antrag, Pressevertreter auszuschließen. Er begründete dies damit, daß einige Journalisten versuchen würden, Delegierte ohne Masken aufzunehmen und damit Schlagzeilen zu machen. Es gab mehrere Gegenanträge. 

AfD-Bundesparteitag
AfD-Ko-Bundessprecher Tino Chrupalla spricht auf dem Bundesparteitag in Kalkar Foto: picture alliance/Rolf Vennenbernd/dpa

Der Co-Vorsitzende Jörg Meuthen ging in seiner Rede auch auf die inneren Spannungen in der AfD ein. Vehement kritisierte er jene, die „gerne weiter Revolution oder Politkasperle spielen“. Wer das wolle, „kann und sollte das woanders tun, aber nicht in der AfD“. Meuthen spielte damit unter anderm auf die Vorfälle bei den Protesten gegen das Infektionsschutzgesetz an.

Meuthen attackiert Gauland

„Lassen wir lieber die im Regen stehen, die nur allzu gerne rumkrakeelen und rumprollen, oder auch andere dazu einladen wie vergangene Woche im Bundestag, weil sie sich in der Rolle des Provokateurs gefallen wie pubertierende Schuljungen, um vor allem der eigenen überschaubaren Blase zeigen zu wollen, was für tolle Kerle sie doch sind. Verweigern wir diesen Leuten die heuchlerisch eingeforderte Geschlossenheit!“

Die AfD benötige nicht nur „Gemeinsamkeit an inhaltlichen Positionen, sondern auch an sozialen Verhaltensweisen und gemeinsamem oder jedenfalls kompatiblem Sprachgebrauch Sei das nicht vorhanden, dann werde die „Forderung nach Einheit und Zusammenhalt zur leeren Worthülse“.

Die AfD werde „nicht mehr Erfolg erzielen, indem wir immer aggressiver, immer derber, immer enthemmter auftreten.“ Man verliere sonst  Im Gegenteil  viele Menschen, die sich nach einer Alternative zur Politik Merkels sehnen.

Meuthen ging dabei kaum verhohlen auch den Fraktionschef der Bundestagsfraktion, Alexander Gauland, an: „Ist es wirklich klug, im Parlament von einer ‘Corona-Diktatur’ zu sprechen? Wir leben in keiner Diktatur, sonst könnten wir diesen Parteitag heute wohl auch kaum abhalten. Und die Behauptung, es sei anders, stellt im Grunde die Systemfrage und bringt uns ohne jede Not in ein Fahrwasser, das uns massiv existentiell gefährdet.“

Nicht „immer aggressiver, immer derber, immer enthemmter auftreten“

Meuthen machte die seiner Meinung nach drohende Gefahr klar: „Entweder wir kriegen hier die Kurve, und zwar sehr entschlossen und sehr bald, oder wir werden als Partei in keineswegs ferner Zukunft ein grandioses Scheitern erleben. Ein Scheitern, auf das unsere Gegner sehnlichst warten.“

Er rief seine Partei zu mehr Disziplin auf. „Was wir mehr als alles andere brauchen, ist innerparteiliche Disziplin. Dazu gehört untadeliges Verhalten aller Funktionäre und auch einfachen Mitglieder, vom Parlament bis zum Straßenstand.“

Die AfD werde nicht mehr Erfolge erzielen, indem sie „immer aggressiver, immer derber, immer enthemmter auftreten“, betonte der EU-Abgeordnete. „Im Gegenteil, so verlieren wir die vielen Menschen, die uns auf der Suche nach einer vernünftigen Alternative zum ganzen politischen Irrsinn der Merkel‘schen Politik zu gerne ihr Vertrauen schenken würden, das genau deswegen aber nicht können.“

Die AfD sei keine rückwärtsgewandte Partei, konstatierte er. Meuthens Rede sorgte für gespaltene Reaktionen. Es gab sowohl Applaus, als auch Unmutsäußerungen. Einige Delegierte riefen „Aufhören!“.

Bundestagsfraktionschef Gauland kritisiert Meuthens Rede als spalterisch

Der AfD-Fraktions- und Ehrenvorsitzende Alexander Gauland kritisierte, Meuthen habe sich in seiner Rede vor dem Verfassungsschutz zu sehr verbeugt. „Wir müssen gegen den Verfassungsschutz kämpfen. Da hat es auch keinen Zweck, Urteile des Verfassungsschutzes von vornhinein anzunehmen“, sagte Gauland dem Sender Phoenix. „In der Rede waren gute Passagen, aber es waren auch Teile darin, die ich für spalterisch halte.“

Meuthens Attacke auf die Bundestagsfraktion hinsichtlich der Störaktion durch Gäste einiger AfD-Abgeordneter habe er vüberhaupt nicht verstanden“, ergänzte der frühere Parteichef. „Wir haben dieses Problem in der Bundestagsfraktion gelöst und da muß sich der Parteivorsitzende nicht bei einer Rede, die zusammenführen soll, einmischen.“ Der Vorgang sei aufgearbeitet worden und „irgendwelche Zensuren von Jörg Meuthen kann und werde ich nicht akzeptieren“.

Delegierte stimmen sozialpolitischem Leitantrag zu

Mit fast 89 Prozent stimmten die Delegierten für den sozialpolitischen Leitantrag. Rund elf Prozent waren dagegen. Zuvor wurden einige wenige Passagen nach intensiver Beratung geändert.

Nicht zur Abstimmung kam der mit Spannung erwartete Antrag zur testweisen Einführung eines sogenannten Staatsbürgergelds. Eine knappe Mehrheit von rund 52 Prozent votierte für die Nichtbefassung mit diesem Antrag.

Der Leitantrag gilt als mehrheitsfähiger Kompromiß zwischen Vertretern des eher marktwirtschaftlich und des eher sozialstaatlichen Lagers in der AfD. In der Rentenfrage hat sich die Partei damit grundsätzlich für den Erhalt des umlagefinanzierten Systems ausgesprochen. (vo/ls)

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KALKAR. Die AfD hat auf ihrem Parteitag am Sonnabend im niederrheinischen Kalkar ihren Bundesvorstand vervollständigt. Neuer Schatzmeister ist der bisherige stellvertretende Schatzmeister Carsten Hütter. Der von Bundesvorstandsmitglied Stephan Protschka vorgeschlagene Kandidat setzte sich mit 50,9 Prozent gegen Gegenkandidat Emil Sänze durch, der auf 46, 8 Prozent kam. Die Neuwahl war notwendig geworden, weil der früheren Amtsinhaber Klaus Fohrmann überraschend zurückgetreten war.

Zum Nachfolger als stellvertretenden Schatzmeister wählten die Delegierten Christian Waldheim. Er setzte sich im Zweiten Wahlgang mit 50,1 Prozent gegen den Bundestagsabgeordneten Harald Weyel durch, der auf 47,9 Prozent kam.

Auch ein Beisitzer im Bundesvorstand mußte nachgewählt werden, nachdem die Parteimitgliedschaft von dem früheren Brandenburger Landes- und Fraktionschef Andreas Kalbitz annulliert worden war. Hier setzte sich im zweiten Wahlgang die hessische Bundestagsabgeordnete und digitalpolitische Sprecherin Joana Cotar gegen den
EU-Abgeordnete Maximilan Krah aus Sachsen durch. Damit haben sich in den Augen vieler Beobachter und Parteifunktionäre die Vertreter des Meuthen-Lagers im Bundesvorstand – wenn auch knapp – durchgesetzt.

Leitantrag zur Sozialpolitik angenommen / Meuthen ruft zu mehr Disziplin auf

Zuvor hatten die rund 500 Delegierten einen Leitantrag zur Sozialpolitik mit großer Mehrheit angenommen. Der Co-Vorsitzende Jörg Meuthen hatte in seiner Rede die Partei zu mehr Disziplin aufgerufen und Teile der AfD scharf kritisiert. (vo)

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KALKAR. Hat ein hochrangiges Mitglied der AfD an einer Veranstaltung eines rechtsextremen Liedermachers teilgenommen? Mit dieser Frage befaßte sich der Bundesvorstand im Vorfeld des Bundesparteitags in Kalkar.

Hintergrund sind Bilder von einer Veranstaltung der Hamburger Burschenschaft Germania, die Bundesvorstandsmitlied Alexander Wolf als Teilnehmer eines Liederabends auf dem Haus der Hamburger Burschenschaft Germania zeigen, an dem auch der Liedermacher Frank Rennicke aufgetreten war. Diese Fotos waren der AfD-Spitze anonym zugespielt worden

Er sei vor etwa zehn Jahren als Burschenschafter zu einem Liederabend von dieser Studentenverbindung als Gast eingeladen worden, erklärte Wolf der JUNGEN FREIHEIT. An diesem Abend sei zu Gitarrenbegleitung gesungen worden. „Es war ein Überraschungsgast angekündigt, der dann in der Runde als Frank Rennecke vorgestellt wurde. Ich habe mir einige Lieder angehört, habe aber dann den Abend vorzeitig verlassen.“

Wolf gilt als Unterstützer Meuthens

Wolf betonte, ihm sei damals nicht bekannt gewesen, daß Rennicke NPD-Mitglied war. Zum damaligen Zeitpunkt sei die Hamburger Burschenschaft Germania auch noch nicht im Verfassungsschutzbericht erwähnt worden.

Daß die Bilder nun auftauchten, dürfte kein Zufall sein. Wolf gilt im Vorstand als klarer Unterstützer von Parteichef Jörg Meuthen und dessen Forderung einer strikten Abgrenzung nach Rechsaußen. Zudem sitzt der Vorsitzende der Hamburger AfD-Fraktion Wolf als AfD-Bundesvorstandsmitglied in der parteiinternen „AG Verfassungsschutz“.

Wolf spricht gegenüber der JF daher von einem „durchsichtigen und plumpen Manöver – ‘zufällig‘ pünktlich am Vorabend des Bundsparteitags“. Er sieht darin, daß nun zehn Jahre alte Aufnahmen auftauchen, „eine Racheaktion aus einer bestimmten Ecke, die sich jeder denken kann“.

Verfassungsschutz wirbt V-Leute an

Unterdessen hat der Verfassungsschutz damit begonnen, sogenannte V-Leute in der AfD und der Nachwuchsorganisation „Junge Alternative“ anzuwerben. Brandenburgs Verfassungsschutzpräsident Jörg Müller bestätigte der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, daß in seinem Bundesland V-Leute im Einsatz seien. „Das Gesetz will, daß wir das AfD-Milieu auch mit nachrichtendienstlichen Mitteln erfassen. Also machen wir das – auch mit ‚Verdeckt Informationsgebenden‘. Über die Zugangslage kann ich mich aktuell nicht beklagen.“

Der Leiter der Arbeitsgruppe Verfassungsschutz in der AfD, Roland Hartwig, sagte dem Blatt, ihm seien bislang fünf Fälle bekannt, in denen Mitglieder der Parteijugend vom Verfassungsschutz anzuwerben versucht worden waren, sie es aber abgelehnt hätten. In anderen Bundesländer gebe es derzeit noch Zurückhaltung. Thüringens Verfassungsschutzpräsident Stephan Kramer nannte dafür formale Gründe. In der Vergangenheit war bekannt geworden, daß sich einige AfD-Mitglieder dem Inlandsgeheimdienst als Quellen angeboten hatten, dies wurde jedoch abgelehnt, da es Zweifel an dem Motiv dieser Personen gab. (vo/ls)

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KALKAR. Unter den wachsamen Augen des Ordnungsamtes hat im niederrheinischen Kalkar am Sonnabend der Bundesparteitag der AfD begonnen. Mit großen Abständen und Mundschutz heben sich die rund 500 Delegierten in einer Messehalle des Freizeitparks Wunderland versammelt. Die Appelle der Parteiführung, sich an die Anstandsregeln und Maskenpflicht zu halten, hatten offenbar gefruchtet.

In seiner Begrüßungsrede nannte es der Parteivorsitzende Tino Chrupalla ein „wichtiges Signal“, daß die Partei auch in Corona-Zeiten einen nicht-virtuellen Parteitag abhält. Er hob zudem die Bedeutung des sozialpolitischen Leitantrags hervor. Wenn die AfD den Anspruch habe, Volkspartei zu sein, müsse sie den gesellschaftlichen Pluralismus abbilden.

Disziplin müsse ein mehrheitsfähiger Kompromiß im Sinne eines Bekenntnisses zur sozialen Marktwirtschaft gefunden werden. Chrupalla appellierte an die Partei, sich auch unter dem Druck der Angriffe von außen nicht spalten zu lassen. Der AfD-Kommunalpolitiker Dubravko Mandic versuchte mit einem Antrag, Pressevertreter auszuschließen. Er begründete dies damit, daß einige Journalisten versuchen würden, Delegierte ohne Masken aufzunehmen und damit Schlagzeilen zu machen. Es gab mehrere Gegenanträge. 

AfD-Bundesparteitag
AfD-Bundesparteitag in Kalkar Foto: picture alliance/Rolf Vennenbernd/dpa

Der Co-Vorsitzende Jörg Meuthen ging in seiner Rede auch auf die inneren Spannungen in der AfD ein. Vehement kritisierte er jene, die „gerne weiter Revolution oder Politkasperle spielen“. Wer das wolle, „kann und sollte das woanders tun, aber nicht in der AfD“. Meuthen spielte damit unter anderm auf die Vorfälle bei den Protesten gegen das Infektionsschutzgesetz an.

Meuthen attackiert Gauland

„Lassen wir lieber die im Regen stehen, die nur allzu gerne rumkrakeelen und rumprollen, oder auch andere dazu einladen wie vergangene Woche im Bundestag, weil sie sich in der Rolle des Provokateurs gefallen wie pubertierende Schuljungen, um vor allem der eigenen überschaubaren Blase zeigen zu wollen, was für tolle Kerle sie doch sind. Verweigern wir diesen Leuten die heuchlerisch eingeforderte Geschlossenheit!“

Die AfD benötige nicht nur „Gemeinsamkeit an inhaltlichen Positionen, sondern auch an sozialen Verhaltensweisen und gemeinsamem oder jedenfalls kompatiblem Sprachgebrauch Sei das nicht vorhanden, dann werde die „Forderung nach Einheit und Zusammenhalt zur leeren Worthülse“.

Die AfD werde „nicht mehr Erfolg erzielen, indem wir immer aggressiver, immer derber, immer enthemmter auftreten.“ Man verliere sonst  Im Gegenteil  viele Menschen, die sich nach einer Alternative zur Politik Merkels sehnen.

Meuthen ging dabei kaum verhohlen auch den Fraktionschef der Bundestagsfraktion, Alexander Gauland, an: „Ist es wirklich klug, im Parlament von einer ‘Corona-Diktatur’ zu sprechen? Wir leben in keiner Diktatur, sonst könnten wir diesen Parteitag heute wohl auch kaum abhalten. Und die Behauptung, es sei anders, stellt im Grunde die Systemfrage und bringt uns ohne jede Not in ein Fahrwasser, das uns massiv existentiell gefährdet.“

Nicht „immer aggressiver, immer derber, immer enthemmter auftreten“

Meuthen machte die seiner Meinung nach drohende Gefahr klar: „Entweder wir kriegen hier die Kurve, und zwar sehr entschlossen und sehr bald, oder wir werden als Partei in keineswegs ferner Zukunft ein grandioses Scheitern erleben. Ein Scheitern, auf das unsere Gegner sehnlichst warten.“

Er rief seine Partei zu mehr Disziplin auf. „Was wir mehr als alles andere brauchen, ist innerparteiliche Disziplin. Dazu gehört untadeliges Verhalten aller Funktionäre und auch einfachen Mitglieder, vom Parlament bis zum Straßenstand.“

Die AfD werde nicht mehr Erfolge erzielen, indem sie „immer aggressiver, immer derber, immer enthemmter auftreten“, betonte der EU-Abgeordnete. „Im Gegenteil, so verlieren wir die vielen Menschen, die uns auf der Suche nach einer vernünftigen Alternative zum ganzen politischen Irrsinn der Merkel‘schen Politik zu gerne ihr Vertrauen schenken würden, das genau deswegen aber nicht können.“

Die AfD sei keine rückwärtsgewandte Partei, konstatierte er. Meuthens Rede sorgte für gespaltene Reaktionen. Es gab sowohl Applaus, als auch Unmutsäußerungen. Einige Delegierte riefen „Aufhören!“. (vo/ls)

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Es gab Zeiten, da durfte man den einen Bundesbürger nicht zwischen 20 Uhr und 20.15 Uhr stören (wegen der „Tagesschau“), den anderen nicht zwischen 19.00 Uhr und 19.25 Uhr (wegen der „Heute“-Sendung) und den dritten nicht am Sonntagabend, falls ein „Tatort“ lief. Das kam ursprünglich nur relativ selten vor. Nachdem die ARD am 29. November 1970 die erste Folge ausgestrahlt hatte, gab es weitere nur in Abständen von etwa vier Wochen.

Eine Ursache dafür war die notwendige Koordination zwischen den Landessendern – später ergänzt um ORF und SRF –, die mit einer gewissen Eifersucht darüber wachten, daß „ihre“ Kriminalbeamten aus „ihrer“ Groß- oder Hauptstadt in der richtigen Reihenfolge „dran“ waren.

„Der Kommissar“ prägte das Bild

Das Konzept, je verschiedene Ermittler in einer mehr oder weniger stark durch Lokalkolorit bestimmten Szenerie auftreten zu lassen, gehörte zu den Besonderheiten des „Tatort“. Auch das unterschied ihn von der bis dahin erfolgreichsten deutschen Kriminalreihe „Der Kommissar“. Die strahlte das ZDF schon seit 1968 aus und hatte damit eine Institution der westdeutschen U-Kultur geschaffen. Die Popularität der von dem Schauspieler Erik Ode gespielten Hauptfigur ging auch darauf zurück, daß sie alle Tugenden der Nachkriegszeit verkörperte.

Kommissar Keller war das, was man einen Mann „in den besten Jahren“ nannte, jovial, aber mit natürlicher Autorität gegenüber seinen Mitarbeitern wie gegenüber den Verdächtigen. Keller ging sicher nie ohne Hut aus dem Haus und nie ohne Hemd und Krawatte zum Dienst, während er seinen jüngeren Untergebenen nicht nur den Rollkragenpullover, sondern auch die modische Halblanghaarfrisur gestattete. „Der Kommissar“ vertrat präzise Vorstellungen von Recht und Unrecht; nur in der letzten Phase der Serie duldete Keller psychologisierende Betrachtungen. Aber trotzdem stand fest: Am Schluß hatte Keller das Verbrechen aufgeklärt, den Ganoven unschädlich gemacht, die Ordnung wiederhergestellt.

Eine moderne Krimi-Reihe sollte her

Bezeichnend war auch, daß „Der Kommissar“ bis zur Einstellung der Serie 1975 in Schwarzweiß gedreht wurde, obwohl Farbfernsehen längst verfügbar war. Den damit verbundenen Eindruck – des Wohlvertrauten oder des Altbackenen, je nach Sicht der Dinge – wollte man für den „Tatort“ von Anfang an vermeiden. Der „Tatort“ sollte moderner, härter und schneller sein. Man kann das heute noch an dem stets unverändert gebliebenen Intro mit den eigenartig segmentierten Aufnahmen, unterlegt von der Musik Klaus Doldingers, feststellen.

Wichtiger als das war aber das stete Bemühen, dem Bild des pflichtbewußten, kleinbürgerlichen Beamten andere, interessantere, dem Zeitgeschmack nähere Figuren entgegenzustellen. Als typisch konnte schon der erste „Tatort“-Kommissar Trimmel (Walter Richter) gelten, ein ausgesprochen mürrischer Zyniker, und eine Art überoptimaler Vertreter der neuen Linie war der Zollfahnder Kressin (Sieghardt Rupp). Kressin scherte sich weder um gebrochene Herzen noch um Regeln, bot aber nur einen Vorgeschmack auf das, was mit dem Duisburger Kommissar Schimanski (Götz George) folgen sollte.

Schimanski war einer „von unten“

Keine andere „Tatort“-Figur hat so massive Diskussionen ausgelöst wie der immer etwas schmuddelige, ungepflegte, keine Autorität achtende Schimanski, dessen Machismo in einer heute kaum noch vorstellbaren Weise Frauenherzen höher schlagen ließ. Hinzu kam in seinem Fall noch die Tendenz dessen, was man seit den 1970er Jahren unter Zeit- und Sozialkritik verstand. Schimanski war einer „von unten“, und mit seinem „prolligen“ Auftreten und seiner fallweisen Tätersympathie sollte er ausdrücklich in Frage stellen, was einmal – und in Resten noch immer – den traditionellen Wertekanon repräsentierte.

Diese Art weltanschaulicher Schlagseite hat sich im „Tatort“ bis heute erhalten und nach der Wiedervereinigung – die neue Sender und neue Ermittler brachte – eher verstärkt als abgeschwächt. Das heißt, unter den Tätern sind mehr Politiker, Unternehmer, sonstige Wohlhabende und Akademiker als statistisch gesehen wahrscheinlich. Eine Feststellung, die noch um eine zweite ergänzt werden muß: Unter den Bösen gibt es ein Übergewicht von Biodeutschen gegenüber Migranten, von Alt- und Neonazis gegenüber Ökoterroristen und RAF, von Landbevölkerung gegenüber Städtern. Das widerspricht der Wahrscheinlichkeit, und gelegentlich führen Verzeichnungen zu Protesten.

Figuren fern eines normalen Familienlebens

Der Bayerische Rundfunk neigte phasenweise zur Abkoppelung, wenn ein unliebsamer „Tatort“ ausgestrahlt wurde, und die sehr böswillige Darstellung von Dörflern einer Gegend Österreichs löste sogar eine Demarche der zuständigen Landesregierung aus. Aber durchgreifende Wirkung hatte das nicht. Was auch darauf zurückzuführen sein mag, daß der „Tatort“ zwar anfangs auf ein jüngeres Publikum setzte, das den „Wertewandel“ mittrug. Seitdem der aber in den gesellschaftlichen „Konsens“ überführt wurde, haben sich die meisten Störgefühle verloren.

Das schludrige Zivil als Dienstkleidung ist ebenso selbstverständlich geworden wie die linksliberale Gesinnung, wie die Menge der privaten Probleme der Bindungsschwachen, Ehebrecher, Geschiedenen und Alleinerziehenden unter den Akteuren. Während Kommissar Keller selbstverständlich mit einer Nur-Hausfrau verheiratet war, zu der er nach Feierabend heimkehrte, dürfte die Zahl der „Tatort“-Fahnder, die ein normales Familienleben führen, an einer Hand abzuzählen sein.

Diversität fern des realen Polizeidienstes

Was den Aspekt der Diversität angeht, hapert es allerdings. Die Menge der weiblichen Ermittler ist im Lauf der Jahrzehnte deutlich gestiegen, aber immer noch weit von Parität entfernt. Zwar gab es einen Italo-Deutschen in Ludwigshafen, gibt es einen türkischstämmigen Kommissar in Hamburg, einen, der immer noch von seinen „jugoslawischen“ Wurzeln spricht, in München und eine Kommissarin mit schwarzafrikanischen Vorfahren in Göttingen (die ewig hölzern aufspielende Florence Kasumba neben der ewig hölzern aufspielenden hellhäutigen Maria Furtwängler), aber damit hat es sich.

Anders steht es indes in bezug auf Behinderungen. Selbst wenn man von der offensichtlichen PTBS des Ermittlers Faber (Jörg Hartmann) in Dortmund absieht, bliebe da noch die Epilepsie der Sarah Brandt (Sibel Kekilli) in Kiel und der Hirntumor von Murot (Ulrich Tukur) in Frankfurt. Alles gesundheitliche Belastungen, die eigentlich zum sofortigen Ausscheiden aus dem Polizeidienst führen müßten.

Legendäre Szenen, treue Zuschauer

Nun darf man die Forderung nach Realitätsnähe im Unterhaltungsprogramm nicht überziehen. Und daß der „Tatort“, diese langlebigste deutsche Fernsehserie, immer wieder gute Unterhaltung geboten hat und bietet, ist unbestreitbar. Der treue Zuschauer erinnert sich also etwas wehmütig an legendäre Folgen wie „Tod vor Scharhörn“ (mit Manfred Krug als Kommissar Stoever), die Szene, in der Borowski (Axel Milberg) seinem alten Volvo den Gnadenschuß verpaßt oder die ewigen Plänkeleien zwischen Kommissarin Folkerts und ihrem Kollegen Kopper über ordentlichen Espresso und den richtigen Wein zur Pasta.

Er meidet tunlichst die schweizerischen Beiträge wegen ihrer Unsäglichkeit, zögert, ob ihm nach dem Klamauk ist, der in Münster oder Weimar veranstaltet wird, um zuletzt relativ sicher anzunehmen, daß ein „Tatort“ aus Kiel, aus Stuttgart, aus Köln, München oder Wien etwas bietet, das es erlaubt, das Wochenende entspannt auf halbwegs spannende Weise zu beenden.

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IdentitätspolitikNeuer totalitärer Furor

On November 28, 2020, in Junge Freiheit, by admin

Stolz präsentierte der Schauspieler Alexander Klaws ein Foto von sich mit Thomas Gottschalk, wie sie die berühmtesten deutschen Amerikaner darstellen – Winnetou und Old Shatterhand. Mit dem anschließenden Gezeter in den sozialen Medien dürfte er nicht gerechnet haben. Denn Klaws ist in Deutschland geboren. Winnetou zwar auch – genauer in Karl Mays Phantasie –, jedoch gehört er laut diesem zum Volk der Apachen. Und so etwas geht gar nicht. Zumindest für den progressiv empörten Linken.

„Cultural appropriation“ nennt das der linke Ideologe, eine „kulturelle Aneignung“. Die Erzählung geht etwa so: Weiße Männer erobern die Welt, unterdrücken andere Völker, zwingen diesen ihre Werte auf; im Gegenzug eignen sie sich deren Kulturgüter an und gliedern sie in ihr Herrschaftssystem ein. Wie auch der Römer fremde Götter nicht etwa als charmante Geste in sein Pantheon aufnahm, sondern um den Widerstand besiegter Völker nachhaltig zu brechen, sei hier Machthunger und nicht Neugier das Motiv.

Diese Absicherung von Privilegien sei subtil und kaum wahrnehmbar. Nur der „woke“, der aufgewachte Linke erkennt sie durch „kritische Weißseinsforschung“ und andere lustige Begriffe. Mit diesen wird dann verschiedenen Gruppen versucht einzureden, wie sie von Weißen unterdrückt werden und sich daher gefälligst zu wehren haben. Hilft das nicht, lassen sich die von der „Critical Race Theory“ ausgesuchten Opfergruppen nicht aufwiegeln, muß der Linke selbst zur Tat schreiten.

Linke hatten nie ein gutes Verhältnis zur Wirklichkeit

Dann kann es schon passieren, daß ein lilienweißer US-Antifa-Mob im Namen von „Black Lives Matter“ eine Ladenzeile niederbrennt und damit die Lebensgrundlage von schwarzen Mittelständlern vernichtet. Denn linke Ideologen und Wirklichkeit hatten nie ein gutes Verhältnis, noch nicht einmal ein dialektisches. Ebenso sicher ist, daß sie in ihrem edlen Streben nach einer gerechten Welt humorlos sind und ihr größtes Talent gar nicht würdigen: die Massenproduktion intellektuell verbrämten Unsinns.

Deutlich machten das Peter Boghossian, James Lindsay und Helen Pluckrose, die sich 2017 und 2018 den Spaß erlaubten, Nonsens-Texte zu linker Identitätspolitik in Fachzeitschriften zu veröffentlichen. Hohn und Spott sind natürliche Reaktionen auf den Klamauk, der in geisteswissenschaftlichen Fakultäten ausgebrütet wird. „Haß und Hetze“ in der Sprache der Linken, die schmollend in steuerfinanzierten „Safe Spaces“ die nächste Opfergruppe ersinnen, die nächste Weltrevolution planen.

Zunächst ist es amüsant, wenn sich linke Ideologen in einem Widerspruch nach dem anderen verheddern: Geschlecht als soziale Konstruktion des weißen Manns postulieren und gleichzeitig Frauen als unterdrückte Opfer dieses Konstrukteurs. Oder die Nichtexistenz menschlicher Rassen behaupten und dann Schwarzen, Latinos und sonstigen angeblich nicht existenten Gruppen einhämmern, sie würden von der weißen Rasse ausgebeutet. Ja, dagegen muß man aufbegehren, seine Gruppenidentität als Transsexueller, Schwarzer oder was auch immer abfeiern. Denn sonst bist du nichts.

Aus Unfug wird Gesetz

Tatsächlich ist die Identitätslinke nur ein Neuaufguß des Bolschewismus, bei dem der einzelne nichts, das unendlich formbare Kollektiv aber alles ist. Spätestens wenn unbedarfte, doch glaubensfeste Jünger in Positionen geraten, aus denen sie anderen ihren Willen aufzwingen, wird einem das Lachen vergehen. Es ist dann nicht mehr Unfug, wenn zum Beispiel die Frauenquote zum Gesetz wird, mit dem in intimste Verhältnisse hineinregiert werden kann.

Sinnlos dann den neuen Machthabern erklären zu wollen, daß ein solches Gesetz rechtswidrig ist, weil es in die Freiheitsrechte eingreift, weil es für Gruppen Sonderrechte erfindet, weil es Probleme sieht, wo es keine gibt. Ihre Beschränktheit haben sie bereits bewiesen. Wer Zensor spielt, weil bestimmte Wörter und grammatische Endungen als nicht mehr zulässig erklärt worden sind, mit dem ist es müßig, über Freiheit und Würde des einzelnen zu sprechen.

Die Identitäts-Linke vereinnahmt Bewegungen

Die Liebe zum totalitären Furor scheint linkes Gemeingut zu sein. Würden sie wirklich kritisch hinterfragen, müßten sie zugeben, daß sie selbst Aneignungen zur Herrschaftssicherung betreiben, angefangen bei Karl Marx. Nichts falscher als zu behaupten, Marx hätte das Schicksal der Arbeiterschaft persönlich gerührt. Er benötigte sie als Vehikel, als Abbruchhammer für die verhaßte bürgerliche Gesellschaft.

Und so alle linken Ideologen nach ihm. Kaum eine sich entfaltende soziale Bewegung, die nicht im Nu von lärmenden Linken übernommen wurde, die jeden anderen verdrängten. Dann wird erst einmal der Weg ins irdische Paradies diskutiert. Oder glaubt wer, daß Maoisten wie Jürgen Trittin oder Winfried Kretschmann damals plötzlich die Liebe zur Natur überkam?

Die Identitäts-Linke hat recht: Es geht um die Infiltration und Okkupation von Organisationen, Gruppen, Bewegungen, kurz: um die Akkumulation von Macht. Alles, was ihr im Wege steht, was dem einzelnen eine eigenständige Tradition und Geschichte vermitteln, wodurch er eine nur ihm allein zukommende Identität finden könnte, ist ihr zuwider. Das ist das Motiv hinter „Cancel Culture“: der Haß auf den höheren, den geistigen Menschen.

Diese Pseudohumanität zu entlarven ist Aufgabe echter Identitätspolitik. Und manchmal ist der Weg einfach. „Mein Vater ist vom Stamm der Lakota, meine Mutter von den Dakota“, sagte der in Berlin lebende Schauspieler Robert Packard der Berliner Zeitung. „Fragen Sie mal meine Brüder und Schwestern, ob sie sich an den Geschichten von Karl May um Freundschaft und Verständigung stören! Sie werden keinen finden. Diese Bevormundung durch Außenstehende, sie macht wirklich wütend.“

JF 49/20

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Der inflationär erhobene Vorwurf der „Verschwörungstheorie“ gegen die Bürger ist hochgefährlich. Die Urheber dieser Kritik bewirken damit zwei Dinge: Erstens erwecken sie damit irgendwann den Eindruck, dass sie die Wahrheit unterdrücken wollen, was wiederum zur Legitimation von echten Verschwörungstheorien führt. Zweitens steigern sie eine angestaute Wut, die sich bei besseren Wetterbedingungen in Form von gefährlichen Unruhen entladen wird. Ein Weckruf an Politik und Medien!

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Börsen tun sich am “Black Friday” schwer

On November 28, 2020, in Endzeit, by admin

Dax und EuroStoxx50 legten am Freitag leicht zu, Gold und Silber brach ein, und Kupfer markierte ein Siebeneinhalb-Jahres-Hoch.

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