Horst Seehofer wird die taz-Autorin Hengameh Yaghoobifarah nun also doch nicht wegen ihres polizeifeindlichen Textes „All cops are berufsunfähig“ anzeigen. Also zumindest noch nicht. Vielleicht morgen. Vielleicht aber auch nie. Vielleicht hat er sie aber auch in dem Moment, in dem diese Zeilen gelesen werden bereits angezeigt. Bei Horst Seehofer weiß man nie so genau.

Seinen Spottnahmen „Drehhofer“ hat der einstige bayrische Ministerpräsident nicht umsonst bekommen. Denn das Hin und Her um die Strafanzeige gegen die Journalistin von der linken Tageszeitung war wahrlich nicht das erste Mal, daß der CSU-Mann bei seinen Entscheidungen fast schon bipolare Charakterzüge an den Tag legte. Wer sich mehr Emotionen in der Politik wünscht, ist beim impulsiven Unionspolitiker definitiv an der richtigen Adresse.

Bis heute legendär und ziemlich einmalig in der Politgeschichte ist sein Rücktritt vom Rücktritt aus dem Jahr 2018. Wir erinnern uns: Der Bundesinnenminister hatte nach achtstündiger Sitzung zu später Stunde den Rücktritt von allen seinen Ämtern angeboten, nur um sich kurz darauf von seinen Parteifreunden wieder umstimmen zu lassen.

Seehofer – 100 Prozent unzuverlässig

Damals löste der unstete Heimatminister immerhin noch Verwunderung aus. Bei so manchem weckte der Bayer Assoziationen zum fränkischen Fußballhelden Lothar Matthäus, der einen Trainerposten beim argentinischen Erstligisten Racing Club de Avellaneda einst mitten in der Nacht per SMS abgesagt haben soll. Matthäus blieb damals aber immerhin bei seiner übernächtigten Entscheidung. Seehofer ist dagegen seit Jahren – wie es der Komiker Gerd Dudenhöffer in seiner Paraderolle des Heinz Becker ausdrücken würde – vor allem eins: „100 Prozent unzuverlässig“.

Mal kündigte er Grenzschließungen an, die dann nie kamen. Mal versprach er schnellere und konsequentere Abschiebungen, ohne daß dies irgendwelche negativen Konsequenzen für die illegalen Einwanderer hatte. Horst Seehofer ist ein Politiker des Moments. Ein Sprücheklopfer ohne Substanz, dessen politischer Wille zur Veränderung allenfalls solange hält, wie die aktuelle öffentliche Empörung über den neusten Clan-Chef in der Drehtür, die sich deutsche Grenze schimpft.

Seehofer ist der klassische Feierabendbier-Rebell, der im Wirtshaus vor seinen Freunden auf dicke Hose macht und gegen die „Herrschaft des Unrechts“ wettert, nur um sich dann jeden Morgen wieder dieser Herrschaft zu beugen und unter ihr seinen Dienst zu verrichten. Es ist vor allem seine Konfliktscheue, die den sprunghaften bayrischen Löwen immer wieder als flauschig weichen Bettvorleger in der harten Berliner Realität landen läßt. Standhaftigkeit, Meinungsstärke und Belastbarkeit, all das zählt nicht zu den besonderen Fähigkeiten von Horst Seehofer. Inzwischen dürfte wirklich jeder wissen: Der Druck muß nicht allzu groß sein, um dem aufgeblasenen Windbeutel im Innenministerium die Luft und gleichsam jeden Ansatz von Widerstand entweichen zu lassen.

Verfassungsschutz soll unabhängig sein

Dies zeigte sich Medienberichten zufolge auch bei der Erstellung des Bundesverfassungsberichts für 2019. Seehofer wollte angeblich nicht, daß darin der „Flügel“ der AfD und deren Nachwuchsorganisation, die Junge Alternative (JA), auftauchen. Das Bundesamt für Verfassungsschutz setzte sich nach Informationen des Redaktionsnetzwerks Deutschland jedoch durch. Dies wäre theoretisch völlig in Ordnung.

Schließlich soll der Verfassungsschutz in seinen Einschätzungen eigentlich möglichst unabhängig agieren und eben nicht einfach ein verlängerter Arm des politischen Willens im Innenministerium oder der jeweiligen Regierung sein. Die Begründung, mit der die Ermittler Seehofer umgestimmt haben sollen, ist jedoch äußerst vielsagend und was den Minister angeht, ist mit ihr so ziemlich alles gesagt.

Seehofers Sorge vor der öffentlichen Meinung

Sein Ministerium regte demnach am 4. November 2019 in einem Schreiben an die Verfassungsschützer an, daß es im Bericht kein gesondertes Kapitel „Verdachtsfälle“ geben solle. Die Organisationen sollten nur aufgeführt werden, wenn deren Bestrebungen zwischenzeitlich als gesichert rechtsextremistisch eingestuft würden. Das war zumindest beim inzwischen formal aufgelösten „Flügel“ zwar der Fall, allerdings erst im März 2020 und somit nach dem offiziellen Berichtszeitraum. Die Verfassungsschutzbeamten drängten in einem Antwortschreiben an das Innenministerium dennoch darauf, JA und „Flügel“ in dem Bericht zu nennen, da eine Nichtnennung auf „Unverständnis bei Politik, Medien und Öffentlichkeit stoßen“ würde.

Die Sorge vor der Meinung anderer hat Seehofer offenbar wieder einmal einknicken lassen. Wenn alle etwas wollen, dann folgt der Horst eben. Und wenn alle von der Brücke springen…

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BERLIN. Die Grünen-Fraktionschefin im Berliner Abgeordnetenhaus, Antje Kapek, hat dazu aufgerufen, die Mohrenstraße und den gleichnamigen U-Bahnhof umzubenennen. „Ich finde es unerträglich, wie hier der Kolonialismus in eine Wortschöpfung gegossen und schwarze Anwohner wie Besucher dem täglich ausgesetzt werden“, sagte sie der taz.

Anfang Juni hatten Unbekannte die Mohrenstraße mit einem Plakat kurzerhand in „George-Floyd-Straße“ umbenannt. Der Afroamerikaner war Ende Mai bei einer Polizeimaßnahme getötet worden. Die alternative Namensgebung habe ihr gefallen, merkte Kapek an. Aber auch andere Vorschläge seien denkbar. Etwa forderten einige schwarze Berliner, die Straße nach Anton Wilhelm Amo, dem ersten dunkelhäutigen Akademiker in Deutschland, zu benennen. Feministinnen hingegen wünschten sich eine schwarze Frau als Namensgeberin.

Mohrenstraße erinnere Schwarze an Versklavung

Der Verein „Berlin Postkolonial“ verdeutlichte, die Mohrenstraße erinnere viele Berliner mit dunkler Haut „schmerzlich an die Zeit der Versklavung und rassistischen Abwertung von Menschen afrikanischer Herkunft“, betonte ein Sprecher des Vereins gegenüber dem Internetportal „Noizz“.

Für eine Umbenennung wäre der Berliner Bezirk Mitte zuständig. Die Verwaltung der Straßen- und Grünflächen obliegt Stadträtin Sabine Weißler (Grüne). Sie hat sich bislang nicht zu der Forderung ihrer Parteikollegin geäußert. (zit)

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BERLIN. Der Präsident des Reservistenverbandes der Bundeswehr, Patrick Sensburg, hat nach Berichten über Rechtsextreme im Verband eine Überprüfung aller 115.000 Mitglieder angekündigt. Dabei sollten insbesondere AfD-Mitglieder unter die Lupe genommen werden. „Da gucken wir jetzt nochmal genauer hin“, sagte er der taz. „Es darf uns keiner durchhuschen.“

In dem Zusammenhang sprach sich der CDU-Bundestagsabgeordnete dafür aus, „daß jeder Soldat, der zu uns kommt, eine Sicherheitsüberprüfung durchlaufen haben muß“. Zugleich betonte er, der Verband habe kein strukturelles Rechtsextremismusproblem. Er zeigte sich offen für die Einrichtung der Stelle eines Extremismusbeauftragten.

Fehlentwicklungen sollten vorgebeugt werden

Vor dem Hintergrund der Diskussion um Rechtsextreme in den deutschen Streitkräften kündigte Sensburg Informationsveranstaltungen für Reservisten an. Dabei räumte er ein, das Bewußtsein für das Thema könnte im Verband höher sein. Um Fehlentwicklungen vorzubeugen, müsse die Frage gestellt werden: „Was können wir machen, damit keine Personen oder vielleicht sogar Personenkreise abdriften?“

In der Vergangenheit war es nach Gerüchten über rechtsextreme Vorfälle im Reservistenverband bereits zu Ausschlüssen gekommen. 2018 klagten zwei Betroffene gegen diese Maßnahme. Anfang Juni 2020 hatten Berichte über rechtsextreme Reservisten in Sachsen für Schlagzeilen gesorgt. (ag)

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LONDON. Mehr als 4.000 Personen haben sich in einer Petition für die Umgestaltung einer britischen Verdienstmedaille ausgesprochen, weil sie Schwarze rassistisch beleidige. Die Ehrenauszeichnung „Order of St. Michael and St. George“, zeigt das biblische Motiv der Bezwingung Satans durch den Erzengel Michael. Auf der Medaille steht der weiße Erzengel Michael auf dem Körper Satans, der eine dunkle Hautfarbe hat. Die Initiatorin der Petition, Tracy Reeve, betonte, die Darstellung sei nicht nur anstößig, sie erinnere zudem an die Tötung des Afroamerikaners George Floyd.

Reeves forderte in ihrem Ansuchen an das britische Parlament eine offizielle Entschuldigung für das Leid, das diese Abbildung hervorgerufen habe. Die Auszeichnung, die von der Queen verliehen wird, ehrt seit 1818 Diplomaten und Botschafter, die im Ausland gedient haben.

Auch in Deutschland wirkt sich die „Black Lives Matter“-Bewegung auf die Wahrnehmung von historischen Darstellungen aus. Mitte Juni forderten tausende Unterzeichner das Wappen eines Stuttgarter Stadtteils neuzugestalten, weil es eine schwarze Frau abwertend darstelle. (zit)

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BRÜSSEL. Rund 60 Prozent der EU-Bürger haben bei einer Umfrage im Auftrag der Europäischen Union angegeben, sich von „Mainstream-Parteien“ nicht repräsentiert zu fühlen. Auch 52 Prozent der Deutschen sind der Ansicht, etablierte Parteien interessierten sich nicht für sie, ergab eine Studie der Agentur der EU für Grundrechte (FRA), die am Mittwoch veröffentlicht wurde.

Ein besonderes Gefälle wurde bei Einkommensunterschieden deutlich. 73 Prozent der Befragten mit einem geringeren Bildungsniveau, Arbeitslose und Geringverdiener fühlten sich von etablierten Parteien und Politikern vernachlässigt. EU-Bürger, die hingegen angaben, gut oder sehr gut zu verdienen, stimmten dem nur zu 45 Prozent zu. „Manchmal ist der Mangel an Vertrauen eklatant“, mahnte FRA-Chef Michael O’Flaherty. 

EU-Bürger skeptisch gegenüber Freiheit der Justiz

Das betreffe auch die Justiz. Rund 29 Prozent der Teilnehmer vertraten die Ansicht, Richter könnten „nur hin und wieder“ ohne politischen Einfluß arbeiten. In Deutschland gaben 40 Prozent an, die Justiz könne meistens unabhängig entscheiden. 51 Prozent hingegen waren der Meinung, Richter seien nur manchmal oder sogar selten bis nie frei von politischer Beeinflussung.

Deutsche Studienteilnehmer nahmen zudem einen Spitzenposition bei der Frage ein, ob sie sich davor fürchteten, in Wahlkampfzeiten von Parteien oder Organisationen eingeschüchtert zu werden. 37 Prozent stimmten dem zu, sieben Prozent gaben an, sogar große Angst davor zu haben. Mögliche Gründe für die Befürchtungen wurden nicht untersucht.

Deutschland auf Spitzposition bei Kluft zwischen Jung und Alt

Die Teilnehmer wurden auch zur der Bedeutung von Menschenrechten befragt. So bezeichneten 88 Prozent der EU-Bürger solche als wichtigen Schritt hin zu einer faireren Gesellschaft. Diese Ansicht fand in Ungarn, Polen, Rumänien und Tschechien die geringste Zustimmung. Weniger als die Hälfte der ungarischen Befragten waren zudem der Meinung, Minderheitenschutz sei wichtig für die Demokratie.

Die größte Kluft zwischen den Überzeugungen von Jung und Alt herrscht laut den Ergebnissen in Deutschland, Luxemburg und Irland. Für ältere EU-Bürger sei die Freiheit der Opposition, die Regierung kritisieren zu dürfen, wichtiger, als für die jüngere Generation. In Deutschland bewerteten 76 Prozent der über 65jährigen die Freiheit zur Regierungskritik als sehr wichtig, bei den 16-29jährigen sahen das nur 52 Prozent so. (zit)

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Spätestens seit 20 Jahren, seit dem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg der NATO gegen Jugoslawien, bin ich ein vehementer Gegner der NATO und verlange dessen Auflösung.

Wer bezahlt die Expansion der NATO jetzt auch in den pazifischen Raum, um das Programm NATO 2030 umzusetzen? Die Steuerzahler der NATO-Mitgliedsländer. Und wissen die Soldaten, die der Bundeswehr, sie müssen in Zukunft auch auf der anderen Seite der Erde Europa “verteidigen” und dort sterben? Dabei geht es nur um westlichen Imperialismus und Weltbeherrschung aus ökonomischen Gründen. Um die Werte – Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit – geht es ganz sicher nicht, ist es noch nie gegangen. Siehe was die NATO mit ihren Bombenkrieg aus Libyen gemacht hat, einen völlig zerstörten Staat.

Deshalb, die NATO muss als Kriegsmonster endlich weg, aufgelöst werden und verschwinden. Eine expansive Existenzberechtigung mit erfundenen Feindbildern zu rechtfertigen muss aufhören. Ist doch Wahnsinn was die NATO-Führung wieder vor hat, jetzt auch noch neben Russland sich mit China anzulegen.

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DARMSTADT. Asylbewerber, die im offenen Kirchenasyl nicht abgeschoben werden, haben dennoch Anrecht auf Sozialhilfe. Das hessische Landessozialgericht in Darmstadt hat die Stadt Frankfurt in einem Beschluß vom Montag angeordnet, einem zunächst abgelehnten Asylbewerber Sozialhilfeleistungen zu gewähren.

Das Gericht verhandelte den Fall eines Äthiopiers, der mit der Flüchtlingswelle 2015 nach Deutschland gekommen war. Er beantragte Asyl, was jedoch abgelehnt wurde. Anschließend sollte er nach Italien abgeschoben werden. Dies erfolgte jedoch nicht. Im Juli 2016 beantragte er Kirchenasyl bei einer Frankfurter Gemeinde.

Diese teilte der Ausländerbehörde den Aufenthaltsort des Äthiopiers mit. Anfang 2017 erhielt der Mann dann eine Aufenthaltsgenehmigung und staatliche Unterstützung nach dem Asylbewerberleistungsgesetz. Wer 18 Monate legal und ohne wesentliche Unterbrechung in Deutschland lebt, hat Anrecht auf Sozialhilfe.

Staat dürfe Mann nicht vorwerfen, nicht abgeschoben worden zu sein

Der Äthiopier beantrage diese im Oktober vergangenen Jahres. Doch die Stadt Frankfurt lehnte den Antrag ab. Sie begründete ihre Entscheidung damit, daß das Kirchenasyl als „rechts­mißbräuchlichen Verhalten“ gewertet werde. Das Landessozialgericht wies die Stadt nun an, dem Mann vorläufig Sozialhilfe zu gewähren, bis über den Widerspruch gegen den Beschluß entschieden sei.

Nach Auffassung des Gerichts stellt das offene Kirchenasyl keinen Rechtsmißbrauch dar, da den Behörden in solchen Fällen der Aufenthaltsort bekannt und eine Abschiebung nicht verboten sei. Offenes Kirchenasyl sei zudem von der Bundesregierung und den Verwaltungsbehörden respektiert und nicht mit einem Untertauchen des ausreisepflichtigen Ausländers gleichzusetzen.

Überdies könne der Staat einem Ausreisepflichtigen nicht vorwerfen, daß er nicht abgeschoben wurde. Es wäre deshalb widersprüchlich, den Aufenthalt zu dulden und dem Betroffenen gleichzeitig den Aufenthalt als Rechtsmißbrauch vorzuwerfen, urteilte das Gericht. (ls)

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BERLIN. Der frühere Berliner Innensenator Ehrhart Körting (SPD) hat der deutschen Gesellschaft ein Rassismusproblem attestiert und das Berliner Antidiskriminierungsgesetz verteidigt. „Rassistische Vorbehalte gibt es bei uns bis in Teile der Mitte der Gesellschaft. Und sie reichen in alle Berufsgruppen und Bildungsschichten“, schrieb Körting in einem Gastkommentar für den Tagesspiegel.

Es gebe nicht nur in anderen Ländern Probleme mit der Akzeptanz von Minderheiten. „Von NPD über DVU bis hin zur AfD gab und gibt es Ausländerfeindlichkeit und rassistisches Denken.“ Es ärgere ihn deshalb, wenn einige Linkspartei- und Grünenpolitiker das Problem bei der Polizei sähen. „Damit wird davon abgelenkt, daß der Rassismus alle Schichten der bundesrepublikanischen Gesellschaft, uns alle betrifft“, mahnte Körting.

Allerdings gebe es „viele Hoffnung machende Ansätze“ in der Schule, in der Ausbildung des öffentlichen Dienstes sowie in der Gesetzgebung. Als Beispiel nannte er das Anfang Juni vom Berliner Abgeordnetenhaus beschlossene Antidiskriminierungsgesetz.

Antidiskriminierungsgesetz entspricht EU-Recht

Es soll Bürger und Verbände vor Diskriminierung schützen, etwa bei Behördengängen, bei der Ticketkontrolle oder im Umgang mit der Polizei. Stellt ein Gericht eine Diskriminierung fest, erhält der Betroffene eine Entschädigung des Landes Berlin. Das Gesetz ist deutschlandweit das erste seiner Art. Es sieht eine sogenannte Beweislasterleichterung vor, wonach es ausreicht, wenn ein Betroffener einen Verstoß gegen das Gesetz „überwiegend wahrscheinlich“ glaubhaft machen kann. Kritiker sprechen hingegen von einer Beweislastumkehr. Einige Bundesländer schicken deshalb vorerst keine Polizisten mehr zu Unterstützungseinsätzen nach Berlin.

Körting forderte die Kritiker des Gesetzes auf, „sich mit dem Europarecht vertraut zu machen – bevor sie doch eher parteipolitisch oder gewerkschaftspolitisch geprägte Vorwürfe gegen eine gesetzliche Regelung erheben, die zur Bekämpfung rassistischer Tendenzen erforderlich erscheint“. Die Berliner Regelungen sei sogar lockerer ausgelegt, als es das EU-Recht vorsehe.

Chebli: „Ich kann nicht mehr frei sein“

Auch die Berliner SPD-Politikerin Sawsan Chebli prangerte ein immer größer werdendes Rassismusproblem in Deutschland an. Sie sei als Kind und Jugendliche fast gar nicht mit Ressentiments konfrontiert worden. Die Einwanderer dritter und vierter Generation betreffe dies jedoch viel mehr, sagte Chebli dem Spiegel. Das Rassismusproblem sei über die Jahrzehnte größer geworden.

„Ich habe inzwischen Polizeischutz, inzwischen ist die Bedrohungslage so groß, daß ich nicht mehr frei sein kann“, beklagte die Staatssekretärin für Bürgerliches Engagement. Sie forderte jeden, der auch von rassistischen Anfeindungen betroffen sei, auf, juristisch dagegen vorzugehen. „Wenn die meinen, daß die Reaktion darauf ist, daß man keine Anzeigen stellt, dann haben wir kapituliert vor diesen Rassistinnen und Rassisten. Das ist total wichtig, und ich kann nur jeden ermuntern, es zu machen.“ (ls)

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CHEMNITZ. Die Initiative „Night of Light“, die auf die Nöte von Künstlern in der Corona-Krise aufmerksam machen will, hat das Karl-Marx-Denkmal in Chemnitz von einer Solidaritätsaktion ausgenommen. Grund für die Entscheidung seien rassistische und antisemitische Aussagen von Marx, berichtete das Nachrichtenportal tag24. Zuvor hatte ein Beitrag auf der Homepage des Senders n-tv Marx-Zitate über Juden und Afrikaner aufgelistet.

Ursprünglich hätte auch das Chemnitzer Marx-Denkmal in der Nacht auf Dienstag rot angeleuchtet werden sollen. Im ganzen Land erstrahlten berühmte Bauwerke wie das Völkerschlachtdenkmal in Leipzig oder die Alte Oper in Frankfurt am Main rot.

Marx beleidigte Schwiegersohn

Marx hatte 1843 an einen Freund geschrieben, wie „widerlich“ ihm „der israelitische Glaube“ sei. Im selben Jahr veröffentliche der Begründer des Kommunismus seinen Text „Zur Judenfrage“. Darin heißt es: „Welches ist der weltliche Grund des Judentums? Das praktische Bedürfnis, der Eigennutz. Welches ist der weltliche Kultus der Juden? Der Schacher. Welches ist sein weltlicher Gott? Das Geld.“ Zudem bezeichnete er das Judentum als „ein allgemeines gegenwärtiges antisoziales Element“.

Den Arbeiterführer und einen der Gründerväter der SPD, Ferdinand Lassalle, bezeichnete Marx als „jüdischen Nigger“. Nach einem Besuch Lassalles schrieb Marx über ihn, ihm sei nun „völlig klar, daß er, wie auch seine Kopfbildung und sein Haarwuchs beweist, von Negern abstammt“. Über seinen Schwiegersohn, der eine farbige Mutter hatte, urteilte Marx, er sei der „Abkömmling eines Gorillas“. (ag)

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„Es regnet wie an Johanni“. Das lettische Sprichwort hat sich in diesem Jahr nicht bewahrheitet. Das Wetter war den Tag über heiter, und niemand mußte Sorge haben, daß ein Guß von oben das Johannisfeuer auslöschen würde. „Jani“, das lettische Wort für Johannes, ist allerdings die weniger übliche Bezeichnung für das wichtigste Datum im Jahr der Letten.

Wer im späten Frühjahr nach Lettland kommt, kann den Plakaten oder Bannern, Zeitschriften oder YouTube-Filmchen nicht entgehen, auf denen für „Ligo“ geworben wird. Gemeint ist der Doppelfeiertag am 23. / 24. Juni, der von manchen als feucht-fröhliches Zusammensein mit Kirmescharakter, von anderen als Massenevent und von dritten als familiäres Treffen begangen wird, bei dem man im Vorfeld mit großem Aufwand kocht, backt und brät und vielleicht sogar Tracht anlegt.

Der Überlieferung gemäß zeigen sich die Frauen zu diesem Anlaß mit prächtigen Kränzen aus (sieben verschiedenen) Wiesenblumen, die Männer mit solchen aus Eichenlaub. In jedem Fall wird man ein Feuer anbrennen, Lieder singen, vielleicht im Kreis um die Flammen tanzen, möglichst bis zum Morgen durchhalten und vielleicht mit der Liebsten oder dem Liebsten die Blüte des Farns suchen.

Sehr alte Ursprünge

Junge Frau mit traditionellem Blütenkranz Foto: Karlheinz Weißmann

Wenn sonst nichts, dann würden diese Hinweise ausreichen, um deutlich zu machen, daß Ligo ein Fest zur Sonnenwende ist. Die wurde im Baltikum (wie im übrigen Abendland) nach der Christianisierung mit dem Johannistag verknüpft, hat aber ihren heidnischen Charakter nie ganz verloren.

Bezeichnend ist schon, daß die Kirche, dann der Staat das Datum von Ligo und Jani zwar vom Datum der Sonnenwende getrennt haben, aber die Minderheit der Liven, das kleine baltische Brudervolk der Letten, bis heute darauf beharrt, alles Entscheidende am 21. Juni zu tun. Der archaische Zug vieler livischer Bräuche erklärt auch die Selbstverständlichkeit, mit der man Vorstellungen festhält, die zwar nicht mehr ganz verstanden, aber trotzdem überliefert werden. So antwortet eine Livin auf die Frage, warum sie den Kümmelkäse, der zu Ligo verzehrt wird, in eine runde Form bringe, achselzuckend mit „Der Käse ist rund, wir tanzen im Rund um das Feuer, der Kranz auf unserem Kopf ist rund, die Sonne ist rund.“

Diese assoziative Kette erscheint dem modernen Menschen seltsam. Sie ist aber nicht untypisch für eine traditionelle Denkweise. Und zweifellos hat die zentrale Bedeutung der Sonnenwende für Letten und Liven – auch die der Wintersonnenwende kurz vor Weihnachten – wie die Allgegenwart der Sonnensymbole in ihrem Land – eine aufgehende Sonne bildet das Schildhaupt des Nationalwappens – sehr alte Ursprünge.

Mutter Sonne

Oben: Plakat mit Werbung für Ligo, Werbebanner der Stadt Riga für die Ligo-Feier, Sondermünze Lettlands mit dem Motiv der „Aufgehenden Sonne“. Unten: Sonnenmotiv an einem Jugendstilhaus in Riga, Sonnenmotiv an einem Sommerhaus in Jurmala, Sonnenmotiv auf dem Kampfschild der „Mutter Lettland“ am Freiheitsdenkmal in Riga Foto: Karlheinz Weißmann

Als man sich mit solchen Ursprüngen wissenschaftlich zu beschäftigen anfing, hat der Volkskundler Wilhelm Mannhardt 1875 eine Abhandlung über die „Sonnenmythen der Letten“ veröffentlicht. Die Grundlage bildeten zahlreiche Lieder, in denen es um die Sonne ging. Bemerkenswerter Weise erschien die Sonne in den Texten regelmäßig als Person, und zwar als weibliche (ähnlich wie im Deutschen).

Die Sonne wurde als „Mutter“ angesprochen, auch mit Maria gleichgesetzt. Gleichzeitig trat die Sonne als „Gottes Tochter“ auf und hatte ihrerseits Töchter, die wahrscheinlich die Sonnenstrahlen versinnbildlichten, aber auch Söhne, die auf „Sonnenrossen“ ritten, die manchmal die Sonne wie ein Gefährt über den Glasberg des Himmels oder den Himmelsozean zogen.

Man darf sicher sein, daß den eigentlichen religiösen Gehalt der Lieder schon zu dem Zeitpunkt, als Mannhardt seine Abhandlung verfaßte, niemand mehr verstand. Was blieb, war das, was man früher „Brauchtum“ nannte und eine bestimmte Atmosphäre, die das Singen der Lieder auslöste und fallweise bis heute auslöst. Das erklärt sicher viel von der Popularität des Ligo-Festes, das den sowjetischen Besatzern Lettlands nach dem Zweiten Weltkrieg als „nationalistische“ Demonstration verdächtig war.

Gefeiert wurde trotzdem. Aber ganz unrecht hatte Moskau mit der Sorge nicht, daß die Letten, an Mittsommer auch sich selbst feiern, als Volk, das sich mit der Natur, aber auch mit der Geschichte und der eigenen Kultur und Sprache auf das engste verbunden weiß.

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