ERFURT. Im Fall der unter Corona-Quarantäne stehenden Flüchtlingsunterkunft im thüringischen Suhl hat sich die Landesregierung mit einem Amtshilfeersuchen an die Bundeswehr gewandt. „Es geht dabei nicht um Bewachung, sondern um die Sicherung der Versorgung für die rund 500 Bewohner, die in Quarantäne sind“, sagte ein Sprecher der Landesregierung der Nachrichtenagentur dpa.

Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) bestätigte die Anfrage auf einer Pressekonferenz am Donnerstag. Es gehe um eine Erstaufnahmeunterkunft in Thüringen, „wo die zivilen Kräfte, also die privaten Sicherungsdienste, eben auch im Moment nicht so verfügbar sind“. Die CDU-Politikerin machte allerdings keine Angaben darüber, ob die Bundeswehr das Ersuchen ablehne oder ihm stattgeben werde.

Asylbewerber randalieren wegen Quarantäne 

In der Erstaufnahmeeinrichtung hatten Asylbewerber in den vergangenen Tagen aus Protest gegen die Quarantäne randaliert. Die Polizei hinderte sie daran, daß Gelände zu verlassen. Daraufhin warfen sie Gegenstände auf die Beamten, drohten damit, die Unterkunft anzuzünden und benutzten Kinder als Schutzschilde gegen die Polizisten.

Erst die Verlegung von 22 Randalierern in eine leerstehende Jugendarrestanstalt beruhigte die Situation. Dazu waren rund 200 Polizisten im Einsatz, die wegen der Infektionsgefahr zusätzliche Schutzkleidung trugen. Nun sollen die Bewohner der Einrichtung mittels Dolmetschern besser über die Gefahr durch die Krankheit informiert werden. (krk/ag)

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DRESDEN. Die sächsische Hilfsorganisation für Asylbewerber „Abschiebekontaktgruppe Dresden“ hat die Behörden aufgefordert, die örtliche Abschiebehaftanstalt zu schließen. Die Initiative begründete die Forderung mit den Grenzschließungen mehrere Länder wegen der Coronakrise.

„Abschiebehaft ist unzulässig, wenn die Abschiebung nicht sicher durchgeführt werden kann. Aus unserer Sicht ist es daher klar: Die Haftanstalt muß alle verbliebenen Inhaftierten entlassen und vorerst schließen“, teilte die Sprecherin der Organisation, Toni Kreischen, am Donnerstag mit. Derzeit befänden sich fünf Personen in der Einrichtung.

Die Gruppierung unterstützt laut eigenen Angaben Personen in Abschiebehaft. Studien hätten ergeben, daß Abschiebehaft die Würde der betroffenen Menschen verletzt, sie psychisch und physisch krank macht“. Daher wolle die Initiative „erzwungene Isolationen aufbrechen“ und ein Sprachrohr sein.

Niedersachsen schloß Einrichtung

Wie der Flüchtlingsrat Niedersachsen am Mittwoch mitgeteilt hatte, schloß die Landesregierung in Hannover das Abschiebegefängnis Langenhagen bis auf Weiteres. „Nachdem heute morgen noch sechs Personen dort inhaftiert waren, sind mittlerweile sämtliche Gefangenen entlassen worden“, schrieb die Organisation auf Twitter. „Wir fordern die Bundesländer Baden-Württemberg, Bayern, Berlin, Hamburg, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Sachsen auf, es Niedersachsen gleichzutun und alle Abschiebungshaftgefangenen unverzüglich zu entlassen!“

Am Donnerstag wandten sich zudem mehrere Asylhilfsorganisationen mit einem offenen Brief an die Bundesregierung und forderten sie auf, alle Abschiebungen zu stoppen. Überdies heißt es in dem Schreiben, das unter anderem von Pro Asyl und der Bundesarbeitsgemeinschaft Asyl in der Kirche sowie der Organisation Medico International initiiert wurde, daß das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge derzeit keine Asylentscheide mehr fällen dürfe.

„Die Verhängung von jeglicher Abschiebungshaft ist somit natürlich unverzüglich zu beenden, die Inhaftierten zu entlassen, um Menschenansammlungen auf geringem Raum zu vermeiden“, schreiben die Organisationen in dem Brief. (ls)

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BERLIN. Die Berliner Landesregierung hat mitgeteilt, daß Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) in ihrer Doktorarbeit vorsätzlich abgeschrieben hat. Der Senat der Hauptstadt habe sich nach mehreren Fragen des AfD-Abgeordneten Martin Trefzer zu den Vorwürfen gegen Giffey äußern müssen, berichtete die FAZ. Zur Überprüfung der Arbeit der Ministerin war ein Gremium eingesetzt worden.

Für Kritik an der Besetzung des Gremiums hatte der Umstand gesorgt, daß die Doktormutter von Giffey, die Politikwissenschaftlerin Tanja Börzel, daran beteiligt war. Laut Landesregierung habe die Freie Universität (FU), an der die Ministerin 2010 promoviert hatte, „keine objektiven Anhaltspunkte für eine Besorgnis der Befangenheit“ gesehen.

Freie Universität erteilt Rüge

Anfang 2019 war die Doktorarbeit wegen Plagiatsverdachts überprüft worden. Dabei waren 119 Verstöße gegen Regeln des wissenschaftlichen Arbeitens festgestellt worden. Bislang hatte sich der Berliner Senat nicht zu der Angelegenheit äußern wollen.

Die FU hatte im Oktober vergangenen Jahres entschieden, Giffey den Doktortitel nicht zu entziehen. Das wäre unverhältnismäßig, begründete sie. Stattdessen erhielt die SPD-Politikerin eine Rüge, was gesetzlich nicht vorgesehen ist. Für den Fall eines Titelentzugs hatte sie damals angekündigt, von ihrem Ministeramt zurückzutreten.

Die Familienministerin war zuletzt wegen ihres Mannes in die Schlagzeilen geraten. Karsten Giffey, der als Tiermediziner für das Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales tätig war, war vergangenen Dezember unter anderem wegen Betrugs aus dem Dienst entfernt worden. In dem Zusammenhang hatte die Staatsanwaltschaft Ermittlungen wegen Strafvereitelung gegen Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linkspartei) aufgenommen. (ag)

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Es gibt neue Unruhe in der AfD. An der Spitze der Partei gab es zunächst auffallend wenig Neigung, den „Flügel“ demonstrativ in Schutz zu nehmen, nachdem ihn der Verfassungsschutz zum Beobachtungsobjekt erklärt hatte. Und obwohl strömungsübergreifend die offensichtlich politisch motivierte Argumentation von Verfassungsschutzchef Thomas Haldenwang harsch kritisiert wird, haben viele in der AfD erkennbar keine Lust (mehr), eine Suppe auszulöffeln, die andere ihnen eingebrockt haben.

Vor allem seit ein Video-Ausschnitt eines Flügeltreffens die Runde machte. Darin sagte Flügel-Anführer Björn Höcke über innerparteiliche Gegner der Gruppierung: „Die, die nicht in der Lage sind, das Wichtigste zu leben, was wir zu leisten haben, nämlich die Einheit, daß die allmählich auch mal ausgeschwitzt werden.“

Danach riß bei einigen in der AfD der Geduldsfaden: „Björn Höcke ist der König der Eigentore“, empörte sich etwa Bundesvorstandsmitglied Alexander Wolf. „Allzu viele Äußerungen von ihm haben der Partei in den vergangenen Jahren geschadet – und machen die Partei für viele im Westen unwählbar“, sagte der Hamburger Fraktionschef der JUNGEN FREIHEIT. „Es ist perfide, daß ausgerechnet er einmal mehr Solidarität und Einheit einfordert, der laufend innerparteiliche Kontrahenten diffamiert als ‘Feindzeugen’, als ‘Bettnässer’, als ‘Halbe’ und sie ‘ausschwitzen’ will.“

Zweifel am „Showdown“

Andere in der AfD bestätigen gegenüber der JF, daß die Stimmung unter Kritikern der Parteirechten schlechter geworden sei; daß das Bedürfnis zugenommen habe, endlich „Tacheles zu reden“. Man habe das Gefühl, in Sippenhaftung genommen zu werden. Die, die meinen, man müsse den Flügel einbinden, gerieten zusehends in die Defensive gegenüber denen, die den Zusammenschluß „loswerden“ wollen.

Spitzt sich in der AfD nun ein Konflikt zu, der schon längere Zeit schwelt, aber eben unter der Oberfläche, überlagert von einer Art Burgfrieden? Daß es nun zu einem innerparteilichen „Showdown“ kommt wie anno 2015, daran hat mancher seine Zweifel. Viele würden mit ihrer kritischen Haltung zum Flügel oder seinen Protagonisten doch lieber hinter dem Berg halten, um sich ja nicht die Chancen bei innerparteilichen Wahlen zu verbauen. „Aber man kann nicht immer nur taktisch vorgehen“, mahnt ein anderer im Gespräch.

Und daß die Kritik diesmal nicht allein von den „üblichen Verdächtigen“ – also denen, die schon immer gegen den Flügel Position beziehen wie Berlins Fraktionschef Georg Pazderski oder sein rheinland-pfälzischer Kollege Uwe Junge – kommt, sondern vom Vorstand des mitgliederstärksten Landesverbands Nordrhein-Westfalen, das habe „eine neue Dynamik“ in die Auseinandersetzung gebracht, ist ein AfD-Politiker überzeugt.

Kalbitz erneut im Fokus

Der Brief des NRW-Vorsitzenden Rüdiger Luscassen habe „großes Gewicht“, nun trauten sich auch andere, den Mund auf zu machen. Aus Parteikreisen ist zu hören, daß sich auch schon viele Mitglieder besorgt an die Führung gewandt hätten, daß es so nicht weiter gehen dürfe.

Insbesondere nachdem sich der neben Björn Höcke wichtigste Flügel-Repräsentant, Andreas Kalbitz, erneut dem Vorwurf ausgesetzt sieht, er sei einst Mitglied der 2009 verbotenen und auf der AfD-Unvereinbarkeitsliste stehenden „Heimattreuen Deutschen Jugend“ (HDJ) gewesen. Laut Spiegel liegt dem Verfassungsschutz eine entsprechende Liste vor; unter der Mitgliedsnummer 01330 eine „Familie Andreas Kalbitz“.

Das sei „schlicht falsch“, entgegnete Brandenburgs Landesvorsitzender und kündigt gegenüber der JF an, „mit allen juristischen Mitteln“ dagegen vorzugehen. Doch in der AfD reicht diese Ankündigung einigen nicht. Kalbitz müsse in dieser Sache „klar Schiff machen“, fordert ein Politiker. Sollte er doch eine HDJ-Mitgliedschaft verschwiegen haben, „müßte das Konsequenzen haben“.

Die Parteiführung wird sich auf ihrer Sitzung am morgigen Freitag intensiv mit den Themen Verfassungsschutz und Flügel befassen. Auch führende Flügel-Vertreter wollen sich offenbar am Wochenende beraten. „Die Unruhe in der Partei ist enorm und der Bundesvorstand nimmt das sehr ernst“, sagte Vorstandsmitglied Wolf der JF.  Der Flügel müsse jetzt seine Strukturen offenlegen. „Das wird zeigen, daß er eine deutlich geringere Größe hat als von vielen angenommen. Er ist nicht prägend für die Partei.“ Wenn die Gruppierung dazu nicht bereit sei, müsse sich der Flügel „zum Wohle der Partei auflösen“.

Überheblichkeit mancher „Flügel“-Leuten

Daß diese Forderung so deutlich auch aus Nordrhein-Westfalen kommt, hat manche in der AfD durchaus überrascht. Dadurch sei viel in Bewegung gekommen. Die Sorge vor einer Austrittswelle geht um. Schon jetzt sei es im größten Bundesland, in dem dieses Jahr noch Kommunalwahlen stattfinden, schwierig, fähige und vorzeigbare Leute aus der Mitte des bürgerlichen Lebens als Kandidaten zu finden, räumt ein Funktionär offen ein.

Man müsse es leider so hart sagen, aber der Name des Thüringer Vorsitzenden wirke an vielen Info- oder Wahlkampfständen in Westdeutschland „toxisch“, resümiert er. „Was glauben Sie, wie oft ich Sätze höre wie ‘wenn nur der Höcke nicht wäre’?“ Und den Eindruck bestätigen weitere Mandatsträger. Gerade die Groß- und Universitätsstädte im Westen seien für die Partei schlicht „Kriegsgebiet“.

Deswegen wirken auf engagierte Bürgerlich-Konservative dort die Überheblichkeit mancher „Flügel“-Leuten aus östlichen Verbänden wie Hohn. „Da wäre vielleicht mal etwas mehr Solidarität angebracht“, beklagt sich ein West-AfDler. „Dort, wo eh jeder dritte oder vierte AfD wählt, ist es einfach, starke Sprüche zu machen.“ Man sei allerdings als gesamte Partei in einer „Haftungsgemeinschaft“.

Eindringliche Warnung

Es brauche deswegen mehr Verständnis, daß im Westen die Leute „Schnappatmung bekommen“ für Dinge, auf die man im Osten gelassener reagiere. „Die Angst vor dem sozialen Tod ist in den alten Ländern ausgeprägter.“ Werde dies nicht entsprechend beherzigt, sehe er für die Zukunft der Partei „schwarz“, meint der Politiker.

Auch Bundesvorstandsmitglied Wolf läßt keinen Zweifel: „Das Projekt AfD ist ernsthaft in Gefahr.“

Noch gebe es die Chance, das Ruder herumzureißen, aber sie schwinde schnell, meint einer seiner Parteifreunde. Der Ausgang sei ungewiß.

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BERLIN. Der Integrationsbeauftragte des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), Cacau, hat vor wachsendem Rassismus im Fußball gewarnt. Das Rassismus-Problem „ist im Fußball größer geworden. In unserer gesamten Gesellschaft sind rechtsextreme Positionen heute verbreiteter als noch vor zehn Jahren“, beklagte der ehemalige Nationalspieler gegenüber der Nachrichtenagentur dpa. Die jüngsten Fälle, bei denen Fußballer rassistisch beleidigt wurden, seien „beschämend“ und „widerlich“.

Zuletzt hatte der schwarze Spieler Jordan Torunarigha von Hertha BSC Berlin beklagt, er sei beim Pokal-Spiel gegen den FC Schalke 04 von Fans rassistisch beleidigt worden, die mit Affenlauten nach ihm gerufen hatten. Zu einem ähnlichen Vorfall kam es wenig später in der 3.-Liga-Partie zwischen den Würzburger Kickers und Preußen Münster. Hier wurde der Würzburger Verteidiger Leroy Kwadwo von einem Zuschauer mit Affenlauten beleidigt.

Drei-Stufen-Regelung auch gegen Rassismus

Cacau berichtete, er habe am Tag danach mit Kwadwo telefoniert. Es mache ihn wütend und traurig, wenn er dessen und Torunarighas Schilderungen lese.

Die unlängst eingeführte Drei-Stufen-Regelung, nach der der Schiedsrichter die Partie abbrechen kann, wenn es wiederholt zu rassistischen oder menschenverachtenden Äußerungen aus dem Publikum kommt, sei laut Cacau ein geeignetes Mittel, um Rassismus im Stadion zu verhindern.

„Die Regelung zielt ja auch darauf ab, die Spieler und Spielerinnen zu schützen und die Schiedsrichter flächendeckend und einheitlich im Umgang mit rassistischen Anfeindungen zu schulen“, sagte der ehemalige Stürmer des VfB Stuttgart, der seit 2016 Integrationsbeauftragter des DFB ist.

Erst kürzlich hatte der Rekordmeister FC Bayern München Rassismus im Fußball den Kampf angesagt. Dazu startete er die Aktion „Rot gegen Rassismus“, um zugleich ein Zeichen gegen Ausgrenzung, Beleidigung und Intoleranz zu setzen. (krk)

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MÜNCHEN. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hat im Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus mit landesweiten Ausgangssperren gedroht. „Wenn sich viele Menschen nicht freiwillig beschränken, dann bleibt am Ende nur die bayernweite Ausgangssperre als einziges Instrumentarium, um darauf zu reagieren. Das muß jedem klar sein“, sagte der CSU-Chef am Donnerstag in einer Regierungserklärung im Landtag. Die Regierung werde „nicht endlos zusehen“.

Söder begründete seine Drohung mit Berichten, die zeigten, daß sich viele Bürger nicht an die bisherigen Empfehlungen hielten, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. Das schöne Wetter verführe zu Treffen mit Freunden, fügte er hinzu. Aber es liege an jedem einzelnen, seinen Beitrag zu leisten. Mit scharfen Worten kritisierte er sogenannte Corona-Partys – Feiern, bei denen sich teilweise Dutzende Menschen treffen, um die Club- und Kneipensperrungen zu umgehen.

Der Ministerpräsident kündigte zudem eine weitere Ausgangssperre an. Nach der am Mittwoch beschlossenen Maßnahme im Landkreis Mitterteich werde es am Donnerstag eine ähnliche Entscheidung auch im Landkreis Wunsiedel geben. Söder bekräftige die Einschätzung von Kanzlerin Angela Merkel (CDU), wonach die Coronakrise die größte Herausforderung nach dem Zweiten Weltkrieg sei.

„Diese Krise kann schlimmer werden als die Finanzkrise“

Der CSU-Chef betonte: „Wir sind vorbereitet für den Ernstfall und ich sag ihnen ganz ehrlich, der kommt.“ Die Steuereinnahmen würden massiv einbrechen. „Ich befürchte, es droht eine tiefgreifende Rezession. Ich bin fest überzeugt, diese Krise kann schlimmer werden als die Finanzkrise.“

Das Osterfest werde in diesem Jahr nicht wie gewohnt stattfinden, verdeutlichte Söder. „Ostern muß man dieses Jahr zu Hause verbringen.“ An die bayerische Bevölkerung appellierte er: „Seien Sie, seien wir alle vernünftig. Es ist die Zeit für Entscheidungen jetzt.“

Die Lage sei ernst, betonte Söder, und sie verändere sich dramatisch. Das Coronavirus sei hoch infektiös. „Jeder kann jeden anstecken.“ Die einzige Möglichkeit sei derzeit, die Infektionsrate zu verlangsamen. Insbesondere verwies Söder auf die eingeschränkten Besuchsrechte in Krankenhäusern und Altersheimen. „Wenn dort Corona ausbricht, könnte es zu einer ganz schwierigen Situation kommen.“

FDP warnt vor Einschränkung der Bürgerrechte

Unterdessen hat der stellvertretende Vorsitzende der FDP-Bundestagsfraktion, Stephan Thomae, vor unverhältnismäßigen Einschränkungen der Bürgerrechte gewarnt. „In der Coronakrise dürfen wichtige Bürgerrechte nicht vollends unter die Räder geraten“, sagte Thomae den Zeitungen des Redaktionsnetzwerk Deutschland.

„Ich warne davor, sich ganz und gar von der Verunsicherung treiben zu lassen“, ergänzte er. „Gerade in der Krise muß sich jeder Eingriff daran messen lassen, ob er wirksam und verhältnismäßig ist.“ Konkret kritisierte er die europaweiten Grenzschließungen. Diese seien „ein Placebo, mit dem Handlungsfähigkeit vorgetäuscht wird“. Deutschland hatte zuvor Kontrollen an den Grenzen zu Österreich, Frankreich, Luxemburg, Dänemark und zur Schweiz eingeführt. Andere Staaten riegelten ihre Länder für Ausländer komplett ab. (ls)

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BERLIN. Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) hat die „Reichsbürger“-Gruppe „Geeinte deutsche Völker und Stämme“ verboten. „Rechtsextremismus und Antisemitismus werden auch in Krisenzeiten unerbittlich bekämpft“, teilte Ministeriumssprecher Steve Alter auf Twitter mit. Die Mitglieder „bringen durch Rassismus, Antisemitismus und Geschichtsrevisionismus ihre Intoleranz gegenüber der Demokratie deutlich zum Ausdruck“, begründete das Innenministerium die Entscheidung.

Die Polizei durchsuchte am frühen Donnerstag morgen in zehn Bundesländern Wohnungen von führenden Mitgliedern der Gruppe. Zuletzt hatten sie in Berlin Behördenmitarbeiter bedroht und die Haftentlassung Horst Mahlers verlangt, der wegen Volksverhetzung und Leugnung des Holocausts im Gefängnis sitzt. Laut Tagesspiegel gehören der Organisation 20 Personen an.

Dem Verfassungsschutz zufolge gibt es in Deutschland rund 19.000 „Reichsbürger“. Seit 2016 beobachtet die Behörde die Szene. Seitdem sei 790 Anhängern dieser Bewegung der Waffenschein entzogen worden. (ag)

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BERLIN. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat die Deutschen in der Coronakrise zu Zusammenhalt und Disziplin aufgefordert. In einer Fernsehansprache an die Bevölkerung am Mittwoch abend bezeichnete Merkel die Ausbreitung der Viruserkrankung als größte Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg. „Es ist ernst“, betonte sie. „Nehmen Sie es auch ernst.“

Sie appellierte an die Bevölkerung, sich an die Regeln und Einschränkungen zu halten. Das Coronavirus verändere „das Leben in unserem Land dramatisch“ und jeder sei „voller Fragen und voller Sorgen, wie es weitergeht“, ergänzte sie. Sie habe Verständnis für die Unsicherheit, die sich unter den Bürgen ausbreite. Jedoch sei es „existentiell“, das öffentliche Leben soweit es gehe herunterzufahren.

Es komme auf jeden Einzelnen an

Sie versicherte: „Für jemanden wie mich, für die Reise- und Bewegungsfreiheit ein schwer erkämpftes Recht war“, sei das „nur in der absoluten Notwendigkeit zu rechtfertigen“. In einer Demokratie dürften Einschnitte in die Freiheit nie leichtfertig  und nur zeitlich begrenzt gemacht werden.

Gleichzeitig stellte sie alle nötigen Hilfen für kleinere und größere Betriebe in Aussicht. „Wir können und werden alles einsetzen, was es braucht, um unseren Unternehmern und Arbeitnehmern durch diese schwere Prüfung zu helfen.“

Die Richtschnur allen Handelns sei, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen und sie über Monate zu strecken, um Zeit zu gewinnen. Dies werde auch davon abhängen, wie diszipliniert jeder die Regeln befolge und umsetze. „Es kommt ohne Ausnahme auf jeden Einzelnen und damit auf uns alle an.“

„Hamstern ist vollkommen unsolidarisch“

Zudem rief die Kanzlerin die Bürger zur Solidarität auf. Wie in der Nachkriegszeit sollten sich die Menschen beistehen. Sie warnte deshalb vor Masseneinkäufen. „Vorratshaltung ist sinnvoll, war es im Übrigen immer schon. Aber mit Maß. Hamstern, als werde es nie wieder etwas geben, ist sinnlos und letztlich vollkommen unsolidarisch.“ Die Versorgung mit Lebensmitteln sei „jederzeit gesichert“ und leere Regale würden aufgefüllt.

Merkel lobte in ihrer Rede das „exzellente“ deutsche Gesundheitssystem. „Vielleicht eines der besten der Welt. Das kann uns Zuversicht geben.“ Ärzte und Pfleger stünden „in diesem Kampf an vorderster Linie“ und „was sie leisten, ist gewaltig, und ich danke ihnen von ganzem Herzen dafür“. Ihren Dank sprach die Kanzlerin auch den Mitarbeitern in Supermärkten aus, die „buchstäblich den Laden am Laufen halten“.

Überdies forderte Merkel die Bürger auf, „keinen Gerüchten zu glauben, sondern nur den offiziellen Mitteilungen“. Zu einer offenen Demokratie gehöre es, politische Entscheidungen auch transparent zu machen und zu erläutern, verdeutlichte die CDU-Politikerin. Am Samstag hatte das Bundesgesundheitsministerium per Twitter vor Fake-News gewarnt und betont, Behauptungen, wonach die Regierung bald weitere Maßnahmen beschließe, seien falsch. Zwei Tage später verkündete Merkel ebensolche drastischen Beschränkungen.

Grünen-Chef lobt Merkel

Lob für ihre Ansprache erhielt Merkel unter anderem von Grünen-Chef Robert Habeck. Er sagte im ZDF, es sei „gut, richtig und wichtig“ gewesen, diese Rede zu halten. Ihm habe der „Ton gefallen, er war unaufgeregt, er war präzise“. Auch der Appell, daß „wir alle aktiv sein können und nicht in dieser Passivität versinken“, sei positiv gewesen.

Es komme nun darauf an, miteinander zu diskutieren, welche Maßnahmen richtig oder falsch seien. „Das war gut, daß sie dieses Fenster aufgemacht hat für diese Form von Debatte.“ (ls)

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Corona-KriseDer große Stillstand

On March 19, 2020, in Junge Freiheit, by admin

Morgens stand ich jetzt am offenen Fenster und lauschte ins Freie. Die Vögel zwitscherten. Der Frühling kommt. Was war das aber ansonsten für eine Stille! War es nicht ruhiger als sonst? Vielleicht war es nur Einbildung. Wie Schleier senken sich die Folgen der Corona-Krise über das Land.

Berlin hat seit dem Wochenende wie alle Städte in Deutschland seinen Betrieb heruntergefahren. Die Partystadt war gestern. Touristen gibt es nicht mehr. Keine Reisebusse verstopfen mehr die Straßen. In der Mittagspause sind keine Schulkinder mehr zu sehen. Erinnerungen an die „Autofreien Sonntage“ während der Ölkrise 1973 werden wach. Lachhaft im Vergleich zu den jetzigen Vorgängen.

Mitten aus einer Gesellschaft auf Hochtouren vollziehen wir gerade eine Vollbremsung. Alle Pläne, alle Routinen, alle Prioritäten von gestern sind Makulatur. Gebuchte Urlaube von Mitarbeitern lösen sich in Luft auf. Die ersten Firmen schließen. Ein Freund mußte in der vergangenen Woche noch zu einem Fachseminar nach Frankfurt fliegen. Seinen Vortrag schrieb er wieder auf den letzten Drücker.

Was ist wirklich wichtig im Leben?

„Hören die mir überhaupt zu? Die Hälfte schaut sowieso in die Handys und will später den Vortrag nachlesen. Wenn überhaupt.“ Jetzt fände das Seminar nicht mehr statt. So wie viele dieser Konferenzen, Meetings, abendlichen Empfänge, mit denen wir unsere Kalender vollstopfen. Das Hetzen von Termin zu Termin – war all dies nötig, wenn wir noch einmal nachdenken?

Das gesellschaftliche Not-Aus wirft viele von uns plötzlich auf diese essentielle Frage zurück: Was ist eigentlich wirklich wichtig im Leben? Das eigene Zuhause, die Menschen, mit denen wir uns vielleicht sogar in Quarantäne begeben müssen, plötzlich wird dieser Hafen zum entscheidenden Halt. Familie, Freunde – wer bleibt übrig, auf den ich mich verlassen kann, wenn alle Stricke reißen?

Noch am Freitag mußten wir einen Freund, einen Autor dieser Zeitung, auf seinem letzten Weg begleiten, der im Alter von 57 Jahren plötzlich aus dem Leben gerissen wurde. Das starke Band von Familie und Freunden trat mit einer 200 Köpfe zählenden Trauergemeinde kraftvoll vor unsere Augen.

Vergessene Tugenden werden reaktiviert

Die Corona-Krise wird in ihren volkswirtschaftlichen Auswirkungen wohl den 11. September 2001, die Finanzkrise 2008/09 und die Eurokrise in den Schatten stellen. Der Vollbremsung des öffentlichen Lebens in allen westlichen Industriestaaten folgt unausweichlich eine Wirtschaftskrise ungekannten Ausmaßes.

Im Versuch, möglichst viele Leben zu retten, eine tödliche Überlastung der Krankenhäuser zu verhindern, werden lange vergessene Tugenden reaktiviert, ohne die im Ernstfall eine Gemeinschaft auseinanderbricht. Das wird jetzt erfreulicherweise tausendfach sichtbar. Lassen Sie uns zusammenhalten.

JF 13/20

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