MALMÖ. Die St. Pauls Kathedrale im schwedischen Malmö hat ein Altarbild mit der Darstellung gleichgeschlechtlicher Paare enthüllt. „Mit Stolz und Freude empfangen wir das ‘Paradies‘ in der Paulskirche. Wir brauchen Bilder, die sich für eine stärkere Einbeziehung und Identifikation der Kirche öffnen“, zitiert die Zeitung Aftonbladet Pastorin Sofia Tunebro.

Das Bild mit dem Titel „Paradies“ wurde am ersten Advent der Öffentlichkeit präsentiert. Es zeigt unter anderem zwei Adams und zwei Evas. Die Darstellung der Schlange wurde durch eine Trans-Frau ersetzt. Gemalt hat das Bild die Künstlerin Elisabeth Ohlson.

In den sozialen Medien stieß das neue Altarbild nicht auf ungeteilte Zustimmung. Zahlreiche Nutzer lehnten die Darstellung ab und nannte sie unter anderem eine „antichristliche Häresie“. Schwedens Kirche gilt als besonders progressiv. Sie erlaubt seit 2009 gleichgeschlechtliche Ehen. (ag)

BRÜSSEL. Die EU plant einem Bericht zufolge, ihr Budget deutlich zu erhöhen und Beitragsrabatte für einzelne Mitgliedsländer abzuschaffen. Von 2021 bis 2027 sollen 1,087 Billionen Euro – 155 Milliarden Euro im Jahr – nach Brüssel fließen, heißt es in einem internen Papier der finnischen Regierung, das der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) vorliegt. Finnland hat derzeit die EU-Ratspräsidentschaft inne.

Dazu sollen die Ausgaben auf 1,07 Prozent des Bruttonationaleinkommens (BNE) steigen. Vor allem Deutschland, Österreich und die Niederlande drängen darauf, daß die Zahlungen auch nach 2020 auf einem Prozent der Wirtschaftsleistung begrenzt bleiben. Süd- und Osteuropäer fordern dagegen genauso wie die EU-Kommission und das EU-Parlament eine Erhöhung. Die EU-Kommission hatte ursprünglich eine Erhöhung auf 1,114 Prozent des BNE vorgesehen, das EU-Parlament 1,3 Prozent.

Bislang erhalten Deutschland, Großbritannien, Österreich und die Niederlande einen Beitragsrabatt. Dieser soll eine übermäßige Belastung dieser Nettoeinzahler vermeiden. Deutschland hatte dem Bericht zufolge zuletzt mit Rabatt 13,5 Milliarden Euro im Jahr mehr nach Brüssel überwiesen, als es zurückerhalten hat.

Bundesregierung rechnet mit deutlicher Steigerung

Berechnungen der Bundesregierung haben laut FAZ ergeben, daß der deutsche Nettobeitrag bis 2027 deutlich steigen könnte. Käme der Kommissionsvorschlag durch, müßte Deutschland jährlich bis zu 30 Milliarden Euro in die EU-Töpfe einzahlen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) habe deshalb bereits mehrfach gefordert, Deutschland müsse auch weiterhin einen Rabatt erhalten.

Das finnische Papier sehe zudem die Einführung neuer Eigenmittel für die EU vor. Während sich der Staatenverbund bislang größtenteils aus Beiträgen der Mitgliedsländer finanziert, soll die EU künftig Geld aus den Versteigerungen von CO2-Zertifikaten einnehmen.

Zudem sollen die Mitgliedsstaaten 80 Cent je nicht wiederverwertetem Kilo Plastikmüll an Brüssel überweisen. Über den EU-Finanzrahmen für die kommende Periode müssen neben den EU-Staaten auch das EU-Parlament abstimmen. (ls)

BERLIN. Das Zentrum für Politische Schönheit (ZPS) hat in Berlin zwischen Reichstag und Bundeskanzleramt ein mit angeblich menschlicher Asche gefülltes Mahnmal aufgestellt. Die „Säule gegen den Verrat an der Demokratie“ stehe dort, wo der Konservatismus 1933 „die deutsche Demokratie in die Hände der Mörder“ gelegt habe, teilen die Urheber auf ihrer Internetseite mit.

Die Säule erinnere an den „hinterhältigen Verrat der Konservativen an der Demokratie“. Kreise des Konservatismus streckten „schon wieder die Hand nach Faschisten aus“, schreiben die Initiatoren weiter. Namentlich werden die Unionspolitiker Christian von Stetten, Hans-Georg Maaßen und Mike Mohring sowie der Politikwissenschaftler Werner Patzelt genannt.

Das ZPS wirft den Männern vor, öffentlich über eine Zusammenarbeit mit der AfD nachgedacht zu haben. Die Aktion soll warnen: „Die Toten erinnern den deutschen Konservatismus an seine historische Schuld, sich mit den Faschisten eingelassen zu haben.“ Das „Gebot der Stunde“ sei es, „nicht mit ihnen zu paktieren“.

Die CDU/CSU-Fraktion freut sich schon! https://t.co/eZAnMHipvw

— Zentrum für Politische Schönheit (@politicalbeauty) November 29, 2019

Einen Schwur gegen das „AfD-Faschistenpack“ leisten 

Im Inneren des Mahnmals befinde sich die Asche von Opfern des Nationalsozialismus. Innerhalb von zwei Jahren hätten die Anhänger des ZPS 175 Bodenproben von Orten der Massenvernichtung gesammelt und in diesen „Hinweise auf menschliche Überreste“ gefunden. „Die Säule birgt im Kernstück einen in alle Ewigkeit konservierten Bohrkern aus genau dieser Erde.“ Sie ist zweieinhalb Meter hoch und vier Tonnen schwer.

Bis kommenden Samstag wollen die Anhänger des ZPS Geld für ein Betonfundament sammeln, damit die Säule dauerhaft stehen bleiben kann. An dem Tag laden sie auch zum „zivilgesellschaftlichen Zapfenstreich und Schwur gegen die AfD“.

Im „Angesicht der Toten“ soll ein „ewiger Schwur des Widerstandes gegen jede Machtoption des AfD-Faschistenpacks“ geleistet werden. „Wir werden die Demokratie bis aufs Messer verteidigen. Wir werden nicht zuschauen, wie konservative Kräfte keine 75 Jahre nach dem Ende der Nazidiktatur schon wieder auf Machtoptionen mit faschistischen Kräften schielen.“

Die Initiatorin des Holocaust-Mahnmals, Lea Rosh, zeigte sich angesichts der Aktion „bewegt und angefaßt“, berichtete der Spiegel. „Tiefer als unser Holocaustmahnmal ist es.“ Carola Rackete, die im Juni mit der Sea-Watch 3 53 Migranten in Italien an Land brachte, sagte auf Twitter ihre Spende zu.

Was das sogenannte Zentrum für politische Schönheit hier veranstaltet, ist Störung der Totenruhe. Leichenschändung. Nichts anderes. Die Asche von Opfern des Naziterrors wird ausgebuddelt und ausgestellt – als PR-Stunt.

Ekelhaft. https://t.co/frXS0jIBfu

— Marc Felix Serrao (@MarcFelixSerrao) December 2, 2019

Der Leiter des Berliner Büros der Neuen Zürcher Zeitung Marc Serrao kommentierte die Aktion auf Twitter. „Was das sogenannte Zentrum für politische Schönheit hier veranstaltet, ist Störung der Totenruhe. Leichenschändung. Nichts anderes. Die Asche von Opfern des Naziterrors wird ausgebuddelt und ausgestellt – als PR-Stunt.“ (hr)

BONN. Der Fernsehsender „Phoenix“ hat sich von mehreren Anti-AfD-Parolen eines beauftragten Dienstleisters distanziert. Diese waren auf Kisten geklebt worden, in denen „Phoenix“ während des AfD-Parteitags am Wochenende in Braunschweig seine technischen Geräte transportiert hatte.

Mitarbeiter eines externen Dienstleisters hatten die Technikboxen des Senders in der Volkswagen Halle mit Sprüchen wie „Good night withe pride“, „Menschenrechte statt rechte Menschen“ und „Schöner leben ohne rechte Hetze“ beklebt. Ähnliche Parolen waren auch von linken Gegendemonstranten in Braunschweig skandiert worden. Nachdem das lokale Nachrichtenportal regionalbraunschweig.de „Phoenix“ mit den Sprüchen auf den Transportboxen konfrontierte, wurden diese entfernt. Der Dienstleister entschuldigte sich zudem bei der AfD für den Vorfall.

AfD reagiert gelassen

In einer Stellungnahme teilte der öffentlich-rechtliche Sender dem Portal mit:

„Das Phoenix-Team auf dem AfD-Parteitag hat von den Parolen auf den Geräteboxen des Produktionsdienstleisters weder etwas bemerkt noch davon gewußt. Die Geschäftsführung des Dienstleisters hat sich umgehend nach Bekanntwerden der Parolen von diesen distanziert, sie entfernen lassen und sich beim AfD-Pressesprecher entschuldigt. Diese Art der politischen Meinungsäußerung durch Mitarbeiter eines Dienstleisters auf einem Parteitag entspricht nicht den Gepflogenheiten eines professionellen Auftretens.“

Die AfD hingegen reagiert gelassen auf die Angelegenheit. „Wir haben die Journalisten von Phoenix bislang als sehr professionell und fair erlebt. Daher hätte es uns auch sehr gewundert, wenn diese Anti-AfD-Aufkleber von der Phoenix-Redaktion im Saal angebracht worden wären“, sagte ein Sprecher der Partei der JUNGEN FREIHEIT. Er bestätigte zudem, daß sich der Chef der verantwortlichen Firma für den Vorfall entschuldigt habe. „Damit ist die Sache für uns erledigt.“ (krk)

MADRID. UN-Generalsekretär António Guterres hat die Staatengemeinschaft dazu aufgefordert, den Kampf für mehr Klimaschutz zu forcieren. „Wenn wir nicht schnell unseren Lebensstil ändern, gefährden wir das Leben an sich“, warnte Guterres laut der Nachrichtenagentur AFP am Montag zum Start der zweiwöchigen UN-Klimakonferenz in Madrid. „Die Entscheidungen, die wir hier treffen, werden letztlich darüber bestimmen, ob wir einen Weg der Hoffnung gehen oder einen Weg der Kapitulation.“

Wie die Wissenschaft beweise, erwärme sich die Erde schneller als erwartet. Das habe dramatische Folgen. „Wir müssen endlich zeigen, daß wir es ernst meinen damit, den Krieg gegen die Natur zu beenden.“ Millionen junger Menschen weltweit verlangten entschlossene Maßnahmen im Kampf gegen den Klimawandel, ergänzte der Portugiese.

Menschheit zerstöre gerade wissentlich die Ökosysteme

Die Menschheit zerstöre gerade wissentlich die Ökosysteme, die sie am Leben erhielten. „Entweder wir stoppen unsere Sucht nach Kohle, oder alle unsere Anstrengungen sind umsonst.“ Vor allem Länder mit dem größten Treibhausgasausstoß müßten mehr tun. „Was mich frustriert, ist das langsame Tempo des Wandels, vor allem, weil wir die Technologien und Werkzeuge, die wir brauchen, schon haben“, monierte Guterres.

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Im vergangenen Jahr war China laut dem Portal „Climate Watch“ mit 11.256 Millionen Tonnen der größte CO2-Verursacher. Dahinter folgten die Vereinigten Staaten mit 5.275 Millionen Tonnen, Indien mit 2.622 Millionen Tonnen und Rußland mit 1.748 Millionen Tonnen. Deutschland lag mit 753 Millionen Tonnen auf Rang sechs.

An der 25. Klimakonferenz nehmen 196 Staaten teil. Die chilenische Umweltministerin Carolina Schmidt hat den Vorsitz inne. Ursprünglich sollten die Gespräche in Chile stattfinden. Wegen der Proteste gegen die dortige Regierung sprang Spanien als Gastgeber ein. (ls)

BERLIN. Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) hat nach jüngsten Ermittlungen gegen mutmaßliche Rechtsextremisten in der Bundeswehr harte Konsequenzen angekündigt. „Jeder, der in irgendeiner Art und Weise radikal bei der Bundeswehr auffällt, hat in der Bundeswehr keinen Platz“, sagte sie der Nachrichtenagentur dpa.

Die Christdemokratin erwähnte besonders das Kommando Spezialkräfte (KSK). Der Militärische Abschirmdienst (MAD) ermittelt derzeit gegen einen Angehörigen der Eliteeinheit wegen des Verdachts rechtsextremer Umtriebe. Kramp-Karrenbauer betonte, das KSK „hat eine besondere Verantwortung, jeder Tendenz zur Radikalität entgegenzutreten“, da es ein Aushängeschild sei.

Die Ministerin versicherte, jeden möglichen Rechtsextremismusfall in den Streitkräften „sehr, sehr ernst“ zu nehmen. So werde geprüft, ob Netzwerke hinter den Verdächtigen stünden. Bild am Sonntag berichtete, der MAD habe zwei Stabsoffiziere im Visier. Sie sollen während einer privaten Feier den Hitlergruß gezeigt haben. (ag)

Nach Ausrufen des Klimanotstandes durch das EU-Parlament über Europa hat der ehemalige US-Aussenminister und Kandidat für die Präsidentschaft John Kerry am Sonntag in einem Interview gesagt, der Kampf gegen den Klimawandel muss wie ein Krieg behandelt werden. Kerry diskutierte über seine neue Koalition von Weltführern und Prominenten, um sich gegen den Klimawandel zu mobilisieren, genannt “World War Zero” oder “Weltkrieg Null”.

BERLIN. Die Vorsitzende der Grünen-Fraktion im Bundestag, Katrin Göring-Eckardt, hat sich dafür ausgesprochen, straffällige Asylbewerber nicht abzuschieben, sondern stattdessen in Deutschland zu inhaftieren. Wenn Ausländer keine deutsche Staatsangehörigkeit besäßen und gewalttätig seien, könne man sie, sofern es das Gesetz zulasse, abschieben, sagte Göring-Eckardt der Welt. „Noch besser ist es allerdings, Gewalttäter hier einzusperren, dann können wir sicher sein, daß sie ihre Strafe absitzen und nicht versuchen, schnell zurückzukehren.“

In dem Interview äußerte sich die Grünen-Politikerin auch zu ihrer Aussage vom Flüchtlingsherbst 2015, laut der sie sich freue, daß sich Deutschland durch die Einwanderung drastisch ändern werde. Zwar bereue sie die Sätze nicht, sie würde mittlerweile aber deutlicher klarmachen, in welchem Zusammenhang sie dies meine.

„Ich würde deutlich machen, worauf ich mich freue, weil es von interessierter Seite bewußt mißverstanden worden ist. Mir ging es zum einen darum, daß das Land vielfältiger wird und daß ich als Ostdeutsche mit der Friedlichen Revolution und der Europäischen Integration zwei große Umbrüche als positive Veränderungen erlebt habe.“

AfD kritsiert Vorschlag

Man dürfe bevorstehende Veränderungen nicht immer nur von der negativen Seite betrachten. Zudem hätten ihr damals Wirtschaftsverbände berichtet, daß es ihnen an Fachkräften mangele und sie deshalb auf Einwanderung setzten. „Darum wollte ich appellieren, daß wir aus Geflüchteten Fachkräfte machen.“

Scharfe Kritik an Göring-Eckardts Vorstoß, kriminelle Asylbewerber zu inhaftieren statt abzuschieben, kam vom AfD-Bundestagsabgeordneten Harald Weyel. „Angesichts der auch von Frau Göring-Eckardt zugegebenen überdurchschnittlichen Gewaltaffinität von Ausländern und der Laschheit und Überforderung des deutschen Strafvollzugs hört sich ihr Vorschlag sehr nach Pippi Langstrumpf an. Vielleicht will Frau Göring-Eckardt die CO2-Steuer ja für den Neubau von Gefängnissen und die Aufstockung des Justizpersonals nutzen“, sagte Weyel der JUNGEN FREIHEIT.

„Aber auch ohne diesen surrealen Vorschlag explodieren die Unterbringungskosten für straffällige Ausländer, die mittlerweile sogar das ins Ausland überwiesene Kindergeld übersteigt.“

Weyel hatte sich bereits in der Vergangenheit nach dem Anteil ausländischer Strafgefangener in deutschen Gefängnissen erkundigt. Laut einer Antwort der Bundesregierung betrug dieser bereits 2017 etwa 30 Prozent. Damit beliefen sich die Haftkosten für ausländische Gefangene allein in dem Jahr auf mindestens 680 Millionen Euro. (krk)

GIESSEN. Nach einem Urteil des Verwaltungsgerichts Gießen erfüllt die Aussage „Migration tötet“ nicht den Straftatbestand der Volksverhetzung. „Nach vorstehenden Ausführungen ist der Wortlaut des inkriminierten Wahlplakats ‘Migration tötet’ nicht als volksverhetzend zu qualifizieren, sondern als die Realität teilweise darstellend zu bewerten“, heißt es in dem Beschluß aus dem Urteil von Anfang August, über das das Rechtsmagazin Legal Tribut Online und das Redaktionsnetzwerk Deutschland am Wochenende berichteten.

Demnach hätte die Stadt Gießen den hessischen NPD-Landesverband nicht dazu auffordern dürfen, im EU-Wahlkampf ein Plakat mit den Worten „Stoppt die Invasion: Migration tötet“ zu entfernen. Neben dem Parteilogo befand sich auch der Schriftzug „Widerstand jetzt“ darauf.

Der Richter argumentierte den Berichten zufolge mit dem Verlauf von Wanderungsbewegungen aus der Zeit von 3.000 vor Christi Geburt bis in die Gegenwart. Außerdem verwies er auf Zahlen, die belegten, daß es durch Asylsuchenden zu mehr Sexual- und Tötungsdelikten gekommen sei.

Flüchtlingskrise könne zum Ende der demokratischen Grundordnung führen

Seit der Flüchtlingskrise 2014 habe sich die Gesellschaft verändert. Die unkontrollierte Masseneinwanderung habe zum Tode von Personen geführt und könne langfristig zum Ende der freiheitlich demokratischen Grundordnung in Deutschland führen.

Dem Richter zufolge weise das Plakat auch nicht auf mögliche chaotische Verhältnisse hin, sollte der Staat das Gewaltmonopols nicht festigen. Aber „sollten der deutsche Staat oder seine Behörden einmal in die Handlungsunfähigkeit abrutschen, griffe das Recht zum Widerstand aus Art. 20 Abs. 4 GG ohnehin“.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Die hessische Gemeinde Ranstadt, die im Mai dieses Jahres NPD-Plakate entfernt hatte, legte Berufung ein. Mit einem Urteil ist nicht vor dem nächsten Jahr zu rechnen. (ls)

Das fahle Laternenlicht an diesem Dezemberabend macht den schnellen Atem des Jungen sichtbar. Seine Wangen sind rot, die Hände kalt. Seine Freunde und er sind den Teufeln gerade noch einmal entwischt. Andernfalls wären sie zwar nicht in der Hölle, dafür aber kopfüber im Schnee gelandet, mit roten Striemen auf den Oberschenkeln.

Das „Toifltratzn“ (Teufel ärgern, frozzeln), von dem sie gerade kommen, galt freilich nicht den echten Teufeln. Doch deren Masken und Gewänder sehen mit ihren finsteren Fratzen, urigen Hörnern und zotteligen Fellumhängen gar furchteinflößend aus. So wie die Bubengruppe ziehen jedes Jahr zahlreiche Kinder aus, wenn der 6. Dezember, der Tag des heiligen Nikolaus, naht – und die Krampusse umherziehen.

Krampusse, auch Klaubaufe, Kramperl, Toifl beziehungsweise Tuifl genannt, sind die angsteinflößenden Begleiter des Nikolaus. Sie treten im Alpenraum, vor allem in den ehemaligen Gebieten der Habsburger-Monarchie, auf. In den meisten Orten tragen sie schwere Holzlarven mit Hörnern, Glocken, Schafsfelle und Holzruten oder Pferdeschwänze.



Die braven Kinder beschenkt der Nikolaus, die bösen und unartigen bestrafen die Krampusse. Erstmals schriftlich erwähnt werden sie im 16. Jahrhundert. In protestantisch geprägten Gebieten ist Knecht Ruprecht ihr Verwandter. Nur tritt der nicht in Gruppen auf und schaut nicht halb so unheimlich aus.

Während der 6. Dezember klassischerweise der Tag des Nikolaus ist, gehört der Vortag allein den wilden Gestalten. Mit ihren ohrenbetäubenden Schellen und bedrohlichen Ruten versetzen sie das Dorf in Schrecken. Mit ihren eingerußten Händen haben sie es vor allem auch auf Mädchen und Frauen abgesehen. Bei den Krampusläufen ziehen alle zusammen durch den Ort, Nikolaus, Engel und der Kehraus, der mit einem alten Besen vorneweg geht.

Das „Fieber der Urzeit“ packt Kinder und Erwachsene

Wenn es auf St. Nikolaus zugeht, „so ist es, als sei ein Geist der Unruhe in die Kinder gefahren. Sie sind unaufmerksam, fahrig, gleichsam als fieberten sie einem für sie wichtigen, aber unheimlichen Ereignis entgegen“, zitierte der Tiroler Volkskundler Friedrich Haider den Dekan und Pfarrer von Matrei in Osttirol vor dreißig Jahren. Der Brauchtumsforscher resümierte: Das „Fieber der Urzeit“ packe sie und auch die Erwachsenen seien von diesem „Geist der Unrast“ erfaßt.

In Osttirol wird bis heute auch ein besonders spektakulärer Brauch an Nikolaus gepflegt: das „Tischziachn“ (Tischziehen). Dabei setzen sich Männer hinter einen massiven Holztisch. Die Krampusse – hier ohne Hörner – stürmen an und müssen versuchen, den Tisch umzukippen, bis er mit allen vier Beinen nach oben liegt. Brauchtum trifft auf Testosteron – und manchmal auch Alkohol. Freilich kommt es da auch hin und wieder zu Rangeleien, was in der Vergangenheit schon zu Debatten über das Verbot dieser „ritualisierte Schlägereien“ führte.



Leider blieb der Krampusbrauch nicht vom zeitgeistigen Konsum- und Darstellungsdrang verschont: Dörfer sprechen sich ab, damit ja kein Umzug am selben Tag stattfindet; die Läufe mutieren teilweise zu Showeinlagen, die natürlich von einer Jury bewertet und medial aufbereitet werden; Traktoren ziehen Käfige hinterher, überall Rauch und Pyrotechnik; das Brauchtum rückt in den Hintergrund.

Noch aber ziehen die behaarten Ungestalten nicht ohne Nikolaus aus. Noch sagen in Weiß gehüllte Engel christliche Sprüche auf. Noch werden die Kinder, wahrscheinlich auch die, die nicht so artig waren, großzügig beschenkt – in Anlehnung an die Barmherzigkeit des heiligen Nikolaus, der seinerzeit einer verarmten Familie half, damit die Töchter sich nicht prostituieren mußten.

Und eines blieb in den vergangenen, sich so schnell verändernden Jahrzehnten auch bis heute erhalten: Freche Buben wagen sich an den kalten Abenden vor dem 6. Dezember hinaus, um Krampusse zu ärgern und sich gegenseitig ihren Mut zu beweisen. Vielleicht werden sie später einmal selber mit schweren Fellen und finsteren Larven umherziehen und „getratzt“ werden.

Weboy