Das FFF-Pamphlet komplett widerlegt

On October 2, 2019, in Schall und Rauch, by admin

Ein aufmerksamer Leser meines Blogs hat bei Penny einen Flyer von den FFFlern gefunden, auf dem Anschlagsbrett des Marktes, wo normaler- weise Kleinanzeigen angeheftet werden. Er hat mir Fotos davon zugesandt. Danke Evgenij.

Die KLIMAKRISE, die keine ist!

An Sorgenkindern herrscht kein Mangel unter den AfD-Landesverbänden. Vor allem im Westen dominieren Flügelkämpfe, Personalquerelen, ja sogar erbitterte Feindschaften die Schlagzeilen, ob in Bayern, Baden-Württemberg oder Schleswig-Holstein. Kein Wunder, daß auch der mitgliederstärkste Verband – Nordrhein-Westfalen – seit jeher ein besonders zerstrittener Unruheherd ist. Veranschaulicht wird das in dem Umstand, daß seit Juli nur noch ein Rumpfvorstand amtiert.

Beim Parteitag in Warburg waren neun der zwölf Vorstandsmitglieder von ihren Ämtern zurückgetreten, unter anderem der Vorsitzende Helmut Seifen. Einzig sein Co-Landeschef Thomas Röckemann und die beiden stellvertretenden Vorsitzenden Christian Blex und Jürgen Spenrath, Vertreter des „Flügels“, hielten an ihren Posten fest (interner Spottname „Pattex-Boys“). Ein Antrag auf Abwahl der drei verfehlte knapp die erforderliche Zweidrittelmehrheit.

Nun soll am Samstag der zweite Anlauf zur Vorstandsneuwahl genommen werden, das war eine klare Forderung des AfD-Bundesvorstands, der andernfalls mit Amtsenthebung gedroht hatte. Nur einen Tag sieht die Tagesordnung der Noch-Vorstände für die Neuwahl vor; ein Trick, denn erfahrungsgemäß reicht die Zeit dafür hinten und vorne nicht, vermuten Röckemanns innerparteiliche Kontrahenten. Sie unterstützen die Kandidatur des Bundestagsabgeordneten Rüdiger Lucassen. Der hatte sich bereits im Juli bereit erklärt, „aber ausdrücklich nur als Einzelspitze und nur für den Fall einer Neuwahl eines Vorstandes“, betonte der verteidigungspolitische Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion.

Vorgehensweise unsicher

Die Befürchtung seiner Unterstützer: Die Gegenseite könnte vorhaben, eine echte Neuwahl zu hintertreiben und lediglich einen Schatzmeister nachwählen lassen; so wäre der bisherige Rumpfvorstand wieder beschlußfähig. Aus dem Umfeld des Noch-Vorsitzenden wird das bestritten. Es werde definitiv eine Neuwahl des gesamten Vorstands geben, sagte Verena Wester der JUNGEN FREIHEIT. Die Juristin, derzeit Beraterin des dreiköpfigen Rumpfgremiums, kündigte an, sie werde am Samstag gemeinsam mit Röckemann als Doppelspitze für den Vorsitz kandidieren.

Nach Lage der Dinge müßten die Delegierten dann jedoch zunächst über die Frage Einer- oder Doppelspitze abstimmen. Daß unter diesen Umständen dann noch ein kompletter Vorstand an lediglich einem Tag gewählt werden kann, gilt unter AfD-Umständen – zumal in einer aufgeheizten Stimmung des zerstrittenen Landesverbands – als höchst unwahrscheinlich. Unter den Röckemann-Gegnern kursiert die Vermutung, daß im Falle einer Wahl Lucassens eine weitere Besetzung des Vorstands verzögert werden soll. „Die setzen auf Verfahrenstricks und eine destruktive Strategie, da bin ich mir sicher“, äußert ein Mitglied seinen Verdacht. Doch im Unterschied zu früheren Parteitagen habe man sich dagegen mit einer eigenen Strategie besser gewappnet, gibt sich der AfD-Mann zuversichtlich.

Veranstaltungen mit Flügel-Politikern geplatzt

Ursprünglich hatte Lucassen sogar vorgehabt, versöhnliche Signale Richtung „Flügel“ zu senden. Ein Weg: mehrere Bürgerdialoge oder „Politische Frühstücke“ gemeinsam mit dem Brandenburger Partei- und Fraktionsvorsitzenden Andreas Kalbitz, dem Sieger der jüngsten Landtagswahl und nach Björn Höcke prominentesten Gesicht der Parteirechten. Die Verabredung zwischen dem Oberst a.D. Lucassen und dem ehemaligen Oberfeldwebel Kalbitz hatte eine Bedingung: keine Veranstaltungen mit Lucassens Konkurrenten. Doch unmittelbar vor dem ersten geplanten Dialog wurden Orte und Zeiten der Veranstaltungen durchgestochen; die Rede war zudem von Bedrohungen der Gastwirte durch die linksextreme Antifa.

Stattfinden dagegen konnte ein AfD-Oktoberfest mit Röckemann in Mühlheim an der Ruhr; als prominenter Gast dabei: Bundesvorstandsmitglied Andreas Kalbitz. Zuvor waren Röckemann und Blex außerdem Gäste der Brandenburger AfD-Wahlparty am 1. September in Werder an der Havel. Lucassen sah sich hintergangen und kündigte die Vereinbarung. Seine geplanten Veranstaltungen mit Kalbitz in den Kreisverbänden Münster, Aachen und Krefeld wurden abgesagt.

Diejenigen der unter dem Motto „Eine Stimme“ firmierenden Unterstützer Lucassens, die das Vorhaben von vornherein skeptisch beäugt hatten, fühlten sich bestätigt. Mit welch harten Bandagen innerparteilich gekämpft wird, machen via Facebook geteilte „offene Briefe“ deutlich, in denen dem verteidigungspolitischen Sprecher der Bundestagsfraktion unterstellt wird, er sei „Ex(?)-Waffenhändler“ und, „von wem auch immer, gut instruiert“ in die AfD „geschickt worden“. Eine weitere Verschwörungstheorie lautet: Der „Saubermann“ sei von „Alt-Pretzellianern“ – also Anhängern des 2017 aus der AfD ausgetretenen früheren Landessprechers Marcus Pretzell – „ausgesucht“ worden, um den nordrhein-westfälischen Verband „in deren Sinne weiterzuführen“.

Vorhersagen sind unmöglich

Dabei gehören zu denen, die für Lucassen als alleinigem Vorsitzenden plädieren, auch Leute, die sich innerparteilich eher dem „Flügel“ zuordnen. Schließlich habe der frühere Kampfhubschrauber-Pilot, so heißt es bei seinen Unterstützern, stets betont, es wolle das gesamte Spektrum der AfD abgedeckt und im Vorstand vertreten wissen. Er sprach sich zudem gegen innerparteiliche Gesinnungsschnüffelei aus.

Eine Befähigung, den zerstrittenen Landesverband führen und langfristig auch wieder einen zu können, wird Lucassen offenbar auch von der Spitze der Bundespartei attestiert. Allerdings vermissen manche, so ist zu hören, eine deutlichere Fürsprache aus dem Mund von Alexander Gauland oder Jörg Meuthen. Kritisch vermerkt ein Mitglied außerdem, das keiner der beiden Vorsitzenden seine Teilnahme am Parteitag zusagte.

Vorhersagen, ob und wie der Konflikt am Samstag entschieden wird, sind unmöglich, Überraschungen nicht unwahrscheinlich. Sicher scheint nur: Es dürfte hoch hergehen beim Sorgenkind im Westen.

JF 41/19

CANBERRA/WASHINGTON. Australiens Premierminister Scott Morrison hat US-Präsident Donald Trump gegen Korruptionsvorwürfe in Schutz genommen. Hintergrund ist ein Telefonat, in dem Trump Morrison um Unterstützung bei Ermittlungen von Justizminister William Barr in der sogenannten Rußland-Affäre gebeten hatte.

Laut einem Bericht der New York Times sollte Bar mit seiner Untersuchung die Glaubwürdigkeit von Sonderermittler Robert Mueller erschüttern, der eine mögliche Zusammenarbeit zwischen Trump und der russischen Regierung bei der angeblichen Manipulation der Präsidentschaftswahlen 2016 aufdecken wollte.

Opposition verlangt Veröffentlichung

Morrison bezeichnete das Telefonat nun in einem Interview mit dem Fernsehsender Sky News als eine „ziemlich ereignislose Unterredung“. Der Präsident habe ihn angerufen und um einen Kontakt zwischen dem US-Justizministerium und der australischen Regierung gebeten. Er habe dem gerne zugestimmt und in der Vergangenheit entsprechende Hilfe auch bereits zugesichert.

Eine Kooperation mit den US-Behörden in der Frage der Rußland-Ermittlungen nannte er „nicht ungewöhnlich“. Die USA und Australien seien Verbündete, die es gewohnt seien, Informationen zu teilen. „Es wäre sehr außergewöhnlich gewesen, hätten wir eine solche Kooperation verweigert“, betonte Morrison. Weder habe er den Eindruck gehabt, daß Trump ihn um einen Gefallen gebeten habe, noch sei er vom Präsidenten unter Druck gesetzt worden.

Kritik an dem Telefonat kommt laut der Nachrichtenagentur AFP aber von der australischen Opposition. Deren Chef Anthony Albanese bezeichnete das Telefonat als „außergewöhnlich“ und forderte die Veröffentlichung einer Mitschrift.

Demokraten leiten Ermittlungen für Impeachment-Verfahren ein

Vergangene Woche hatten die Demokraten im US-Repräsentantenhaus Vorermittlungen für ein Amtsenthebungsverfahren gegen Trump angekündigt. Anlaß war ein Telefongespräch zwischen Trump und dem damals neu gewählten ukrainischen Präsidenten Volodymyr Zelensky aus dem Juli. Dabei soll Trump Zelensky dazu gedrängt haben, eine Untersuchung gegen Trumps demokratischen Konkurrenten Joe Biden einzuleiten.

Biden hatte zu seiner Zeit als Vizepräsident die Regierung in Kiew dazu aufgefordert, den nationalen Chefermittler Viktor Shokin zu entlassen, der Untersuchungen gegen die Gasfirma Burisma Holdings anstrengte. Bidens Sohn, Hunter, sitzt bei dem Konzern im Verwaltungsrat. Eine kurz darauf veröffentlichte Abschrift des Gesprächs wurde von Republikanern und Demokraten unterschiedlich bewertet. (tb)

BERLIN. Die Soziologin Naika Foroutan hat sich dafür ausgesprochen, nicht mehr so viel über Einwanderung zu sprechen. „Ich finde, wir reden zu viel von Migranten. Wir haben nicht verstanden, daß es um Demokratie geht, darum, was wir unter Demokratie verstehen. Der Kernkonflikt in postmigrantischen Gesellschaften dreht sich nur an der Oberfläche um Migration“, sagte Foroutan der Frankfurter Rundschau.

Postmigrantisch bedeute nicht, daß die Migration vorbei sei. „Es heißt, zu fragen: Was passiert nach erfolgter Migration? Mit den Menschen, die migriert sind, mit ihren Nachkommen, mit jenen, die schon ein paar Generationen lang hier waren?“ In postmigrantischen Gesellschaften gehe es darum, wer mitsprechen dürfe, wer gehört werden dürfe und wer das Gefühl habe, „in der pluralen Demokratie in den Hintergrund zu geraten“.

Deutschland sei schon seit Jahrhunderten divers und multikulturell

Foroutan, die an der Berliner Humboldt-Universität lehrt, verwies auf das Grundgesetz, in dem es das „starke Versprechen“ gebe, daß niemand wegen seiner Herkunft, Religion oder des Geschlechts diskriminiert werden dürfe. Dies gelte für alle Bürger, auch für Migranten.

Deutschland sei schon seit Jahrhunderten divers und multikulturell, nicht erst seitdem es Einwanderung gebe. Man habe schon vor der Nationalstaatsgründung gewußt, „daß es (Deutschland, Anm.) identitär nicht zu haben war“. Die Soziologin verwies auf den Berliner Abgeordneten Wilhelm Jordan in der Frankfurter Paulskirche, der 1848 gesagt habe: „Alle, welche Deutschland bewohnen, sind Deutsche, wenn sie auch nicht Deutsche von Geburt und Sprache sind.“

Die „plurale Demokratie“ sei „keine Erfindung von Multikultiromantikern der 1980er Jahre. Wir müssen wirklich lernen, unser historisches Gedächtnis aufzufrischen und erkennen, wie vieles bereits da war.“ (ls)

Kurz vor dem 30. Jahrestag des Mauerfalls beschließt der Bundestag, die Akten der Stasi-Unterlagenbehörde dem Bundesarchiv zu unterstellen und die eigenständige Institution aufzugeben. Die einen sagen, es sei nur eine formale Frage, die anderen sehen ein symbolisches Schließen der Aktendeckel – das Thema Stasi solle unter „ferner liefen“ historisiert und in den Hintergrund geschoben werden.

Bei mir zu Hause liegt ein dicker vergilbter Umschlag mit über hundert Seiten meiner eigenen Stasi-Akte „OPK Fels“. Operative Personen-Kontrolle (OPK) lautete der Begriff für die Aufklärung „feindlich-negativer Handlungen“, wie es im Jargon des DDR-Geheimdienstes hieß. 

Im Interesse meiner Familie hatte ich Mitte der 90er Jahre einen Antrag auf Einsicht in Stasi-Unterlagen gestellt. Wir glaubten, etwas über meinen verstorbenen Vater zu finden, der als ehemaliger BND-Mitarbeiter im Visier der Stasi hätte sein können. So stellte es sich auch heraus. Erschütternd – für manche vielleicht wenig überraschend – war es jedoch, zu sehen, daß wir als Familie bei wiederholten Besuchen in unserer damaligen DDR-Partner-Kirchengemeinde ab 1984 und zum Schluß auch ich selbst mit der JF ins Visier geraten waren und sich das bis dahin für zufällig gehaltene Kennenlernen einer bestimmten Familie, zu der sich eine jahrelange Freundschaft entwickelte, im nachhinein als gesteuert und ununterbrochen überwacht herausstellte.

Die Erinnerung muß wachgehalten werden

Einem derjenigen, der sich durch die Akte als Stasi-IM entpuppen sollte, hatte ich zuvor vom Antrag erzählt. Er war nach der Wende bis zur Akteneinsicht Mitarbeiter unserer Zeitung geworden. Er meinte nur: „Ob das etwas bringt?“ Er hätte sich mir damals offenbaren können – was ihm nicht gelang. Später wurde mir klar, daß sich in diesen Jahren kaum jemand zu diesem Schritt überwinden konnte. Die meisten hofften, ihre Akten seien vernichtet – oder waren einfach innerlich zu gebrochen.

Einer These zufolge rückten nach dem Mauerfall die SED-Verantwortlichen selbst die Stasi und ihr System in den Mittelpunkt, um einen Sündenbock zu schaffen, an dem die Bürger ihre Wut auslassen konnten – damit hinter dieser dröhnenden Kulisse die in PDS (heute Linke) umbenannte SED aus der Schußlinie kam und als Phoenix aus den Trümmern der DDR wieder aufsteigen konnte. Diese Strategie wäre zweifellos aufgegangen.

Ob in einer eigenen Behörde oder im Bundesarchiv: Die Erinnerung an das totalitäre System der DDR muß wachgehalten werden. Daß die Idee totaler Überwachung mit der DDR nicht untergegangen ist, sehen wir heute nicht nur in kommunistischen Staaten wie Nordkorea und China. Diese Versuchung hierzu ist allgegenwärtig und ohne funktionierende demokratische Kontrolle der Mächtigen immer gegeben.

JF 41/19

BERLIN. Die innenpolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag, Ulla Jelpke, hat vor einer Stigmatisierung von Moslems durch die Debatte über Clankriminalität gewarnt. Der Begriff Clankriminalität sei „irreführend und diskriminierend“, sagte sie bei einer Veranstaltung zu dem Thema in Berlin-Neukölln laut einem Bericht der Welt.

„In der Debatte wird ganz eindeutig die rassistische Karte gezogen“, beklagt sie. Denn der Ausdruck suggeriere, „daß die Ursache von Kriminalität auf eine Zugehörigkeit zu einer Familie zurückzuführen ist“. Das Problem hält sie für von den Behörden aufgebauscht.

Jelpke will Debatte über „deutsche Familienclans“

Entsprechende Razzien sollten „für eine aufgeschreckte Öffentlichkeit den Eindruck von Tatendrang“ vermitteln. Dabei sei es nur um Lappalien gegangen, etwa Verstöße gegen das Tabaksteuergesetz oder Schwarzarbeit. Durch das Vorgehen gegen die Clans würden unbescholtene Familienmitglieder „stigmatisiert und kriminalisiert“.

Statt über ausländische Familienclans hält Jelpke es für angebracht, über „deutsche Familienclans“ zu sprechen. „Warum wird organisierte Kriminalität von den Reichen und Kapitalisten nicht angeklagt“, fragt sie. Es handele sich um eine „Dreckskampagne gegen Menschen mit muslimischer oder arabischer Herkunft, das können und dürfen wir so nicht hinnehmen“. (tb)

KIEL. Der Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, Daniel Günther (CDU), glaubt nicht an ein baldiges Verschwinden der AfD. „Ich gehe davon aus, daß wir uns noch Jahre mit der AfD auseinandersetzen müssen“, sagte Günther dem Mannheimer Morgen.

Es werde „sehr schwer“, kurzfristig die meisten ihrer Wähler zurückzugewinnen, befürchtet Günther. Dafür sei ein „Kraftakt“ nötig. Dies gehe nur „über eine besondere Ansprache“, sonst fühlten sich die Menschen nicht ernst genommen.

Günther empfiehlt Unaufgeregtheit in der Auseinandersetzung

„Da ist besonderes Engagement vonnöten, um Vertrauen zurückzugewinnen.“ Eine Volkspartei ist die AfD Günther zufolge aber nicht. Im Osten sei sie jedoch „für alle Parteien eine ganz andere Herausforderung als im Westen“.

Man dürfe nicht den Fehler machen, sich von der AfD die Themen diktieren zu lassen. Es sei eine „gewisse Unaufgeregtheit“ im Kampf gegen die Partei notwendig. „Und wir dürfen nicht der Versuchung erliegen, auf die AfD-Rhetorik mit besonders markigen Sprüchen zu antworten.“ Der richtige Ansatz sei, „lösungsorientiert die gesamte Bandbreite von Themen anzugehen“. (tb)

„Der Osten hat uns den Arsch gerettet“, formulierte es mal ein Freund und meinte damit diesen plötzlich in die Gesellschaft krachenden gut 16 Millionen Einwohner starken Block an Landsleuten, der der voranschreitenden Multikulturalisierung Deutschlands zum Ärger der Linken entgegenwirkte. Noch viel stärker als die Grenzkontrollen, die Staus an den Übergängen und die Bauchladenbüros der Grenzer in den Zügen ist mir die Freude meiner Großeltern über die Maueröffnung in Erinnerung.

Niemals werde ich vergessen, wie ich mit meinem Vater neben dem Brandenburger Tor an der Mauer stand, neben hämmernden Männern mit Tränen in den Augen. Die Wiedervereinigung ließ nicht nur schwarzrotgoldene Fahnen wehen, sondern auch Selbstbewußtsein und deutsche Interessensbekundungen emporsteigen. Während die angeblich konservative Regierung Kohl diese parallel zum falschen Versprechen „blühender Landschaften“ bereits 1992 mit dem Vertrag von Maastricht (Le Figaro: „Versailler Vertrag ohne Krieg“) abräumte, wurde ich mir in den Folgejahre der Wende meiner deutschen Identität erst zunehmend bewußt.

Heimat ist der Westen und der Osten

Bei Familien- und Schulausflügen radelte ich die alte Grenze entlang, paddelte durch den Spreewald, über die Mecklenburgische Seenplatte und auf der Oder. Ich schlenderte durch den Park Sanssouci und wanderte den Rennsteig entlang durch Thüringen. Heimat wurde für mich Berlin, Westfalen und die Mark gleichermaßen.

Auf den Fußballweltmeistertitel 1990 folgte der Europameistertitel 1996 – eine Führungsfigur Matthias Sammer, Ex-DDR-Nationalspieler und Europas Fußballer des Jahres ’96. Henry Maske boxte sich an die Welt- und RTL-Einschaltquotenspitze, Graciano „Rocky“ Rocchigiani sich in die Schlagzeilen und Axel Schulz sich in die Herzen.

Der Osten regelt!? Teil II

Michael Schumacher raste von Sieg zu Sieg und Boris Becker stand noch auf dem Tennisplatz. Im Ausland sah man wieder deutsche Uniformen und Panzer. Berlin wurde Hauptstadt, der Reichstag vorher noch schnell verhüllt, und auf dem Potsdamer Platz am alten „Todesstreifen“ tanzten die Baukräne.

In Brandenburg hielt Deutschland zusammen

Am kleinen Holzbudenkiosk im Freibad verfolgte ich jeden Tag die Zeitungen zum Stand der Oderflut 1997. Die Sandsäcke schleppenden Bundeswehrsoldaten, über die meine Lehrer und Eltern sonst immer nur die Nase rümpften, waren meine Helden. Im Oderbruch, in Brandenburg, im Osten hielt dieses neue Deutschland zusammen.

Beim Gerangel um die Kontrolle des Sprungturms sah dies anders aus. Als Deutscher wurde ich als „Schwein!“ beschimpft. Wenn ich mich über das ständige Vordrängeln an der Rutsche beschwerte, hatte ich gleich zwei mindestens drei Jahre Ältere vor mir stehen. Bei meinen Klassenkameraden ähnliche Erlebnisse.

Die Lehrer diskutierten lieber darüber, ob es in Ordnung sei, Grundschülern „Schindlers Liste“ zu zeigen. Den überforderten Bademeister juckte es ohnehin nicht, solange keiner ertrank, und auch meine Mutter bekam auf der Sonnenwiese wenig mit. Nur am Ende eines typischen Sommertages bemitleideten wir am Ausgang diejenigen, an denen der Kelch des Fahrraddiebstahls nicht vorübergezogen war.

Ähnliche Erfahrungen im Ruhrgebiet

Schon damals waren die Freibäder mit den zunehmenden Polizeieinsätzen und den Security-Mitarbeitern kippende Zonen eines Kulturkampfes, den nur die eine Seite führte, weil die andere sich weigerte, ihn zu erkennen. Der Wohlfühlslogan der Elterngeneration „Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin“ erfuhr eine fatale Wandlung: „Stell dir vor, es ist Krieg und nur eine Kriegspartei geht hin.“

Mittlerweile geht es zu Badeausflügen nur noch raus an einen der Brandenburger Seen. Um so größer der Ärger, daß sich Politik und Medien erst diesen Sommer verwundert die Augen über die Zustände am Beckenrand gerieben haben.

Denn auch außerhalb Berlins warteten beim Besuch der Verwandten und Freunde in Nordrhein-Westfalen die gleichen Erfahrungen. Wer einmal durch Duisburg-Marxloh, das Centro in Oberhausen oder am Gelsenkirchner Hauptbahnhof entlanggelaufen ist, der weiß, daß zugespitzte Begriffe wie „Bevölkerungsaustausch“ keine Verschwörungstheorien sind, sondern lediglich der Versuch Tatsachen zu beschreiben.

In Frankreich ein noch schlimmeres Bild

Und im Ausland das gleiche Bild, ach was, ein noch viel Schlimmeres. Während vielfach die Gefahren in den Ländern des alten Ostblocks kolportiert wurden, konnte ich bei unseren jährlichen Sommerurlauben in Frankreich meinen Augen kaum trauen. In Paris klauten Zigeunerkinder das für die Kellner in den kleinen Rechnungstellern zurückgelassene Trinkgeld und in vielen Straßenzügen waren Weiße bereits in der Minderheit.

In großen Metro-Stationen wie „Les Halles“ versammelten sich manchmal Dutzende Nord- und Schwarzafrikaner. Die Polizei regierte teilweise in gleicher Größenordnung mit Hunden und Gewehren. Ein Anblick, den ich aus Deutschland nur aus den Berichten über den 1. Mai kannte. Nur war es in Paris Alltag, eine neue beängstigende Normalität.

Die Vorstädte als Brennpunkte

1995 lief in den Kinos der französische Film „La Haine“ („Haß“), mit dem der Schauspieler Vincent Cassel seinen Durchbruch schaffte. Der Schwarz-Weiß-Streifen über ein junges Trio aus einem Juden, einem Schwarzafrikaner und einem Maghrébin zeigte die heruntergekommenen, von Kriminalität gezeichneten Vorstädte sowie Straßenschlachten zwischen Einwanderern und der Polizei, lange bevor in Deutschland das Wort „Banlieue“ und der spätere französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy 2005 noch als Innenminister mit seiner Kärcher-Rede bekannt wurden.

Gruppen wie NTM (Nique ta mère = Fick deine Mutter) lieferten mit ihren Brutalotexten, die vielfach auf die französischen Sicherheitsorgane zielten, den Soundtrack für die Straße, als HipHop in Deutschland noch in den Kinderschuhen steckte. Aus eben jenem Brennpunkte-Milieu stammte später ein Teil der islamistischen Angreifer auf die Charlie Hebdo-Redaktion und auf das Bataclan.

Deutsche Politiker lernten nichts

Deutsche Politiker hätten viel lernen können von einem Blick in das westliche Nachbarland – eine Fahrt im Schnellbahnnetz der RER vom Flughafen Charles de Gaulle in die Innenstadt liefert bereits vielsagende Eindrücke. Stattdessen benahmen sie sich wie die berühmten drei Affen, die sich Augen, Ohren und Münder zuhalten, und wiederholten die gleichen Fehler.

Vielleicht auch, weil in Frankreich dieselben Verklärungsmechanismen wirken wie hierzulande. So sangen auch die Filmemacher von „Haß“ das eintönige Lied von rassistischer Polizeigewalt, auf die die perspektivlosen Abgehängten ja nur reagierten. Und so steht der Schluß des Films heute nach einer langen Periode des Nichtstuns für den Status quo in Frankreich, Deutschland und ganz Westeuropa.

Dort heißt es am Ende, an dem sich sinnbildlich ein schwarzafrikanischer Jugendlicher und ein junger Polizist jeweils mit einer Pistole in der Hand gegenüberstehen: „Das ist die Geschichte einer Gesellschaft, die fällt. Und während sie fällt, sagt sie um sich zu beruhigen immer wieder: ‘Bis hierhin lief’s noch ganz gut. Bis hierhin lief’s noch ganz gut. Bis hierhin lief’s noch ganz gut.’ Aber wichtig ist nicht der Fall, sondern die Landung.“ Doch anstatt sich auf die Landung vorzubereiten oder bereits den Fall zu verhindern, konzentrierte sich unsere Gesellschaft auf andere Prioritäten, die stark an heute erinnern.

Wir waren Willkommensklatscher …

Angesichts der Jugoslawienkriege, die die Unmöglichkeit eines multiethnischen und multireligiösen Staates vor Augen führten, stand auch meine Schulklasse parat, als direkt bei mir um die Ecke auf einem alten Parkplatz eines geschlossenen Hallenbads ein Asylbewerberheim gebaut wurde. Wenn man so will, waren wir damals Willkommensklatscher.

Viele von uns brachten kleine Geschenke aus ihrem Spielzeugfundus mit, um sie den größtenteils aus Bosnien stammenden Kindern zu schenken. Zwei von ihnen kamen kurz darauf in unsere Klasse. Am Anfang schüchtern, ja fast ängstlich, entwickelten sich die beiden im Laufe der Zeit zu schulbekannten Schülern und einer, Mohammed, wurde ein Freund von mir. Gemeinsam gingen wir schwimmen und nahmen manchmal einen jungen Mann mit, der nur noch ein Bein hatte, aber trotzdem zu meinem Erstaunen sehr flink war.

… und wir hielten zusammen

Während wir bei meiner Mutter mittags oft zusammen aßen, schauten wir in Mohammeds kleinem Zimmer manchmal Videofilme, von denen ich vorher noch nie gehört hatte und die meine Eltern mich auch nie hätten angucken lassen. Meistens actionreiche B-Movies über Soldaten oder Ninjas, mit Michael Dudikoff oder Billy Blanks (dem späteren Erfinder von Tae Bo) in den Hauptrollen.

Mohammed machte die Bewegungen nach, tanzte Breakdance und war einer der ersten, der wirklich einen Salto hinbekam. Normaler Deutschunterricht war allerdings mit Rücksicht auf die fremdsprachigen Mitschüler trotz der vielen Förderstunden oft nicht möglich.

Bevor wir auf Klassenfahrt fuhren, machte die ganze Klasse einen Flohmarktstand im Nachbarkiez. Jeder brachte ein paar alte Klamotten und Spielzeuge zum Verkauf mit. Ein Teil des Erlöses ging an unsere zwei neuen Klassenkameraden, damit sie sich die Fahrt leisten konnten. Viele Marktbesucher steckten uns einfach so fünf bis zehn Mark als Spende zu.

Nach den Flüchtlingen kamen die Glücksritter

Nach der Grundschule ging Mohammed auf die Gesamtschule, ich aufs Gymnasium. Wir verloren uns aus den Augen. Hin und wieder sahen wir uns im Einkaufszentrum oder in den öffentlichen Verkehrsmitteln. Erzählte ich von einem Tadel, weil ich gegen den Stuhl eines Mitschülers getreten hatte, kam er mit Geschichten, wie er jemandem eine Flasche auf den Kopf geschmettert hatte.

Eines Abends, es war die Zeit der ersten Partys, traf ich beim Bierholen vor einem Kiosk einen bosnischen Freund von ihm, der damals in unsere Parallelklasse ging. Doch daran konnte er sich wohl nicht erinnern, da er meinem Kumpel die eben gekaufte Zigarettenpackung abziehen wollte. Als ich ihn darauf ansprach, ob er sich nicht an die gemeinsame Schulzeit erinnern könne und ob er wisse, was Mohammed mittlerweile mache, meinte er nur: „Der wohnt jetzt in Moabit oder Wedding?“ Aus der Asylunterkunft waren sie und die anderen Familien ausgezogen.

Nach ihnen, nach denen, die wirklich von Granatbeschuß berichten konnten und deren Kinder ständig Kriegsszenen mit viel Rot malten, kamen auf einmal alle möglichen Nachzügler aus ganz Südosteuropa, die die Gunst der Stunde, nach Deutschland zu gelangen, ergriffen. „Die sind doch nicht mal aus Jugoslawien!“ schimpften einige Nachbarn, während sie den verstreuten Abfall aus den umgekippten Mülltonnen sowie den einfach abgestellten Sperrmüll zusammensuchten, und an Fahrräder und Kellertüren zusätzliche Schlösser montierten.

„Warum laßt ihr euch das alles gefallen?!“

Die heute an vielen Haustüren meiner Nachbarschaft klebenden Hinweise auf erhöhte Wachsamkeit vor Einbrechern, erinnern mich an die Bitte vor fast 25 Jahren, grundsätzlich die Haustür zu verschließen. Als trotzdem immer wieder Räder aus dem Innenhof verschwanden, trug ich mein Mountainbike stets hoch in die Wohnung.

Irgendwann habe ich Mohammed noch einmal getroffen, bevor ich nie wieder etwas von ihm gehört habe. Wir sind wie früher nach Schulschluß durch die Straßen und Videospieleabteilungen gezogen, haben rumgealbert und unsere Witzchen gerissen, über die sich die Lehrer immer so schön aufgeregt haben. Und ich habe ihm von dem Ärger mit den Neuen im Heim und von der unangenehmen Begegnung mit seinem undankbaren Kumpel erzählt, und er stellte eine Frage, die mich bis heute beschäftigt: „Warum laßt ihr euch das alles gefallen?!“

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