BDI-Hauptgeschäftsführer Markus Kerber will, dass in der Euro-Zone Schulden gegen Volksvermögen eingetauscht werden: „Staatsvermögen gibt es in allen Not leidenden Staaten im dreistelligen Milliardenbereich.“ (Foto: DWN/Jakob Reinhardt)BDI-Hauptgeschäftsführer Markus Kerber will, dass in der Euro-Zone Schulden gegen Volksvermögen eingetauscht werden: „Staatsvermögen gibt es in allen Not leidenden Staaten im dreistelligen Milliardenbereich.“ (Foto: DWN/Jakob Reinhardt)

Nach der Bundestagswahl wird es vermutlich zu weitreichenden Maßnahmen kommen, um die Schulden-Krise in Europa zu beenden. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble hat mit seinem Haushalt zunächst die Weichen gestellt, um über Steuererhöhungen etwas Zeit zu gewinnen (hier).

Offenbar gibt es jedoch Überlegungen, die Schuldenmacherei der Staaten noch viel grundsätzlicher zu beenden. Der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), Markus Kerber, hat, von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, einen Vorschlag auf den Tisch gelegt, der die Finanz-Architektur in Europa vollständig verändern würde.

Kerber präzisiert in einer Email an die Deutschen Wirtschafts Nachrichten seine Idee, die er am Mittwoch in Berlin erstmals vorgetragen hat.

Kerber:

„Meine Idee wäre: Wenn Privatisierungen auf nationaler Ebene so langsam vorangehen wegen der politischen Ökonomie in Nationalstaaten: Warum übertragen wir nicht nationales Staatsvermögen auf den ESM und machen den ESM dann zu einem Euro-Schatzamt? Und dann kann man schuldrechtliche Ansprüche dagegen verrechnen. Staatsvermögen gibt es in allen Not leidenden Staaten im dreistelligen Milliardenbereich. Das ist für die nationalen Regierungen nicht so einfach, aber das ist ein Ausweg für die Länder, die vielleicht geben wollen oder geben müssen.“

Kerber greift damit ein Konzept des BDI aus dem September 2011 auf, mit welchem die Deutsche Industrie ihre Frustration über die aktionistischen Maßnahmen zum Ausdruck brachte. Der BDI sieht die wirkungsvollste Lösung der Schuldenkrise in Europa in der Ausgliederung der Fiskalpolitik aus der nationalen Kompetenz, wenn der Haushalt in einem Land aus dem Ruder läuft.

Damals war das Konzept noch in die Zukunft gerichtet.

In dem Konzept des BDI heißt es:

„Die institutionelle Architektur der Eurozone muss … substanziell weiterentwickelt werden. Aus Sicht der deutschen Industrie ist es unverzichtbar, die Instrumente des EFSF bzw. ESM zu einem politisch unabhängigen Europäischen Fiskalfonds (EFF) weiterzuentwickeln, um die gegenwärtigen Ad-hoc Rettungsmaßnahmen durch ein langfristig tragfähiges Konzept abzulösen. Der EFF bietet in Bedrängnis geratenden Mitgliedstaaten und Banken der Eurozone „Hilfe in der Not“ und stellt darüber hinaus eine letzte Instanz dar bei der Durchsetzung fiskalischer Disziplin. Der EFF gewährt dem hilfesuchenden Land auf Antrag Kredite gegen Sicherheiten und strikte wirtschaftspolitische Auflagen. Die Sicherheiten dienen nicht nur als Pfand für den EFF und dessen Sicherungsgeber im Falle der Zahlungsunfähigkeit eines Empfängerlandes. Das Erfordernis der Sicherheitsleistung stellt außerdem einen Anreiz für Empfängerländer dar, finanzielle Hilfen nur in Anspruch zu nehmen, wenn sie davon ausgehen, dass sie die Kredite vollständig zurückzahlen können.“

Der damalige BDI-Präsident Hans-Peter Keitel sagte damals dem DLF:

„Wir können nicht jeden Tag über neue Notmaßnahmen diskutieren, sondern wir müssen einmal in aller Klarheit sagen, wohin uns Europa führen soll, wie weit es in Europa mit einer Gemeinsamkeit gehen soll, und dafür müssen wir dann schleunigst aber wirklich die Strukturen schaffen, die dann auch unabhängig von der Politik dafür garantieren können, dass bei uns die Währung stabil bleibt, dass die Wirtschaften, dass die öffentlichen Haushalte sich an die Regeln halten.“

Konkret bedeute dies:

„Wir brauchen eine Weiterführung der Stabilitätsfonds in Richtung eines europäischen Fiskalfonds, der unabhängig von der Politik, ähnlich wie der Internationale Währungsfonds, die Sicherheit der Haushalte, die Disziplin in den Haushalten garantiert und im Notfall Hilfen gegen Gegenleistung anbietet. Wir müssen wegkommen von den politischen Notmaßnahmen, hin zu langfristigen stabilen Maßnahmen, die unabhängig sind von Wahlterminen und politischen Farben.

Dazu müssten nicht die traditionellen EU-Institutionen wie die Kommission oder das EU-Parlament gestärkt werden. Die EU-Verträge müssten geändert werden.

Als Problemlöser sah Keitel damals nämlich nicht die Politik:

„Und wenn wir dann mit Bedacht die Möglichkeit nutzen, eben auch unabhängig von der Politik Stabilität einzuführen, wenn das dann eine Ergänzung von Verträgen bedarf, was ich heute nicht übersehen kann im einzelnen, dann müssen wir den Weg gehen, in der Bevölkerung dafür zu werben, diesen Weg auch zu gehen. Das wird kurzfristig nicht möglich sein, aber wir müssen Schritt für Schritt nach vorne gehen und der Bevölkerung und uns allen sagen, wo das wirklich hinführen soll. Wir müssen das Ziel erkennbar machen.“

Es ist bemerkenswert, dass Kerber nun diesen Vorschlag aufgreift und ihn nicht mehr nur als Lösung für eine ferne Zukunft präsentiert, sondern als Ausweg aus dem unweigerlichen Schuldenschnitt für die Krisenländer Griechenland, Portugal, Zypern und Irland.

Kerber ist als Lobbyist der Industrie nicht bloß ein Vordenker für Lösungen in der Euro-Krise (wie er sie schon vor einiger Zeit hier dargelegt hatte). Kerber ist politisch eng vernetzt. Er ist ein Berater von Angela Merkel, mit der er auch privat gute Kontakte unterhält. Er war Abteilungsleiter für finanzpolitische und volkswirtschaftliche Grundsatzfragen unter Wolfgang Schäuble. Zuvor hatte er unter anderem für die S. G. Warburg und die Deutsche Bank in London gearbeitet. Für beide Banken kümmerte er sich um den Bereich der Private Equity Markets, also jener Branche, deren Kerngeschäft die Privatisierung sowie der Kauf und Verkauf von Unternehmen ist.

Die Idee hinter dem europäischen Schatzamt ist, dass Privatisierungen in den Schuldenstaaten erzwungen werden sollten. Griechenland hat beispielsweise keinerlei Anstalten gemacht, größere Staatsunternehmen zu privatisieren – obwohl dies Teil der Vereinbarungen mit der Troika war und von der Troika auch immer wieder vergeblich gefordert wurde.

Für die Politik käme eine solche neue Struktur der Entmündigung gleich, wenn sie mehr Schulden macht, als sie wirklich bedienen kann.

Die Zuweisung des Staatsvermögens an eine von „der Politik unabhängige“ Finanzinstitution – wie es der EFF wäre – entspricht dem Konzept des Europäischen Stabilitäts Mechanismus ESM: Auch der ESM agiert vollständig unabhängig von der Politik. Seine Gremien sind niemandem verantwortlich, unterliegen keiner demokratischen Kontrolle und sind zu keinerlei Transparenz verpflichtet.

Die Idee einer Art Euro-Zwangsvollstreckung zeigt, welch fatale Folgen die hemmungslose Schuldenpolitik hat. Die Nationen werden über kurz oder lang von ihren Gläubigern – den Banken – zur Rückzahlung ihrer Schulden gezwungen werden. Die Banken mussten in den vergangenen Jahren auf Geheiß der Politik massiv Staatsanleihen kaufen – und haben im Gegengeschäft erreicht, dass es zu keinen wesentlichen Regulierungen des Bankensektors gekommen ist.

Benoît Lallemand von Finance-Watch sagte kürzlich in einem Interview, dass die globale Finanzkrise vor allem deshalb so gefährlich sei, weil „von der fundamentalen Reform, die uns versprochen wurde, nichts zu sehen ist“:

„Die Finanzinstitute sind enorm gewachsen in Größe und in Bedeutung. Sie kontrollieren den Regulierungsprozess auf allen Ebenen. Von den G20 bis zu den nationalen Regulatoren hängen alle Politiker von der Expertise der Banken ab, weil zu wenig Geld in den Aufbau einer starken Regulierung gesteckt wurde. Der Reformprozess muss sich kaum demokratisch rechtfertigen.“

In den vergangenen Monaten hat jedoch ein Umdenken eingesetzt. Man könnte das auch einen brutalen Verteilungskampf nennen, der zwischen den Banken und der Politik entbrannt ist. Den Banken fehlen neue Geschäftsmodelle, weil sie selbst die Risiken kaum noch übersehen können, die in ihren Bilanzen lauern.

Da käme ein solcher Vorschlag einer europäischen Variante des IWF gerade recht. Der IWF verfolgt seit vielen Jahren auf globaler Ebene die Strategie der umfassenden Privatisierung von Staatsvermögen. Joseph Stiglitz, der als Chefökonom im IWF gedient hat, hat in einem bemerkenswerten Interview die Strategie des IWF offengelegt (mehr dazu hier).

Mit dem ESM gibt es in Europa schon einen Vorboten einer von der Politik abgekoppelten Finanz-Institution.

Das nun von Kerber vorgeschlagene „Schatzamt“ ist die logische Folge der außer Kontrolle geratenen Staatsschulden.

Die Politiker in der Euro-Zone werden bald merken, dass es nicht an ihnen liegt, was mit ihren gigantischen Schulden geschieht.

Es ist kein Raum mehr in Europa für die gescheiterte „politische Ökonomie“, wie BDI-Mann Kerber das politische Versagen nennt.

Sehr bald werden nur noch die Zahlen sprechen.

In seinem Konzept lässt der BDI keinen Zweifel daran, worum es geht:

„Sobald die vereinbarten Bedingungen nicht mehr eingehalten werden oder die Schuldentragfähigkeit nicht mehr gegeben ist, müssen die Zahlungen eingestellt werden. Einen Haftungsverband ohne Gegenleistung darf es nicht geben. Eine Insolvenzordnung muss unabdingbarer Bestandteil des EFF sein.“

Zwangsvollstreckung, Einstellung der Zahlungen, Insolvenz.

Das sind die Worte, die die Politiker im Endstadium der Schulden-Krise zu hören bekommen werden. Aus der schönen Idee eines vereinten Europa ist ein nüchterner Haftungsverband geworden.

Das Geben und Nehmen soll in Europa neu definiert werden.

Die Alternative hat ein anderer Schäuble-Berater ebenfalls dieser Tage aufgezeigt: Austritt Deutschlands aus dem Euro (hier).

Hinter den Kulissen ist viel Bewegung.

Nach der Wahl werden Entscheidungen fallen.

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Der Anteil der Erwerbstätigen unter den 60- bis 65-Jährigen liegt derzeit bei 42 Prozent. Tendenz stark steigend. (Grafik: BIB)Der Anteil der Erwerbstätigen unter den 60- bis 65-Jährigen liegt derzeit bei 42 Prozent. Tendenz stark steigend. (Grafik: BIB)

Erstmals seit 1974 gibt es unter den 60- bis 65-Jährigen wieder mehr Erwerbstätige als Rentner. Der Trend zur Alters-Arbeit wird in den kommenden Jahren noch zunehmen.

Im Jahr 2012 gingen rund 42 Prozent der 60- bis 65-Jährigen einer bezahlten Arbeit nach, berichtet das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB). Der Anteil der Renten- und Pensionsempfänger lag mit 40 Prozent deutlich niedriger.

Die Erwerbstätigenquote Älterer war von den frühen 70er Jahren bis in die 90er Jahre kontinuierlich gesunken. Gleichzeitig war der Anteil von Rentnern und Pensionären angestiegen. Noch im Jahr 2000 bezogen fast zwei Drittel aller 60- bis 65-Jährigen eine Pension oder Altersrente, während nur 17 Prozent erwerbstätig waren.

Doch seit der Jahrtausendwende veränderte sich das Erwerbsverhalten älterer Menschen erheblich. Innerhalb von nur zwölf Jahren stieg die Erwerbstätigenquote in dieser Altersklasse auf mehr als das Doppelte und liegt nun sogar wieder über dem Niveau der frühen 70er Jahre.

Dass Erwerbstätige heute länger im Beruf bleiben, liege unter anderem an den veränderten gesetzlichen Rahmenbedingungen, sagte Harun Sulak vom BiB. So seien etwa die Anreize zur Frühverrentung stark reduziert worden. Zudem haben ein höheres Qualifikationsniveau der Menschen und eine allgemein gute Wirtschaftslage die Chancen Älterer auf dem Arbeitsmarkt erhöht, so Sulak.

Das BIB erwartet, dass sich der Trend der Alters-Arbeit in den kommenden Jahren noch zunimmt. Dies sei etwa auf eine weiter steigende Lebenserwartung und die Rente mit 67 zurückführen. Doch dies ist nur der Anfang. Denn auch die Rente mit 67 steht bereits auf dem Prüfstand (mehr hier).

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Schäuble-Berater Kai Konrad erwartet die Einführung einer neuen D-Mark. Eine starke Währung wäre gut für die deutsche Wirtschaft, wie es die alte D-Mark auch war. (Foto: Flickr/Gaspa)Schäuble-Berater Kai Konrad erwartet die Einführung einer neuen D-Mark. Eine starke Währung wäre gut für die deutsche Wirtschaft, wie es die alte D-Mark auch war. (Foto: Flickr/Gaspa)

Kai Konrad, Chef des Wissenschaftlichen Beirats beim Finanzministerium, prognostiziert einen Austritt Deutschlands aus der Eurozone in ein paar Jahren. Ein abgewerteter Euro sei gut für die angeschlagene Wirtschaft im Süden Europas. Eine neue starke D-Mark sei gut für die Deutschen.

Der Wissenschaftliche Beirat versteht sich als wissenschaftliches Gewissen der Bundesregierung.

Die Aussagen von Konrad sind daher von Bedeutung: Sie sind nicht bloß die Privatmeinung eines Gelehrten. Es ist davon auszugehen, dass der Beirat seine Bedenken über die Zukunft der Eurozone auch Schäuble mitgeteilt hat.

Griechenland sei zu einem „Fass ohne Boden“ geworden, sagte Konrad im Interview mit Die Welt. Die Wirtschaftsleistung des Landes schmelze dahin und seine Schulden stiegen. Die Lösung dieses Problems sei jedoch nicht, dass Griechenland aus dem Euro aussteigt.

„Die dann wegen der Währungsabwertung höheren Auslandsverbindlichkeiten würden das Land erdrücken. Wenn man die Währungsunion aufbrechen will, sollte man dies an der Nordgrenze tun. Wenn, dann muss Deutschland aus dem Euro raus.“

Die wirtschaftlichen Zustände in einigen Ländern würden unerträglich, so Konrad. Hinzu kämen politische Unruhen. „Wenn Deutschland und ein paar andere starke Länder die Währungsunion verlassen, wird der Euro abwerten und die südeuropäischen Länder kämen wirtschaftlich wieder auf die Beine.“

Auch die deutsche Wirtschaft könnte vom Euro-Austritt profitieren. „Sie hat die regelmäßigen Aufwertungen der D-Mark in früheren Jahrzehnten immer wieder gemeistert und wurde so fit für den Wettbewerb“, sagte Konrad.

Allerdings müsste dann auch die Bundesbank viel Geld drucken und große Summen in Fremdwährungen aufkaufen, um dem Aufwertungsdruck der neuen D-Mark entgegenzuwirken. Dass daraus ein Währungskrieg entsteht, fürchtet Konrad nicht. Denn Deutschland würde eine gemäßigte Aufwertung zulassen. Die gemäßigte Aufwertung sei ja genau das Ziel des Euro-Austritts. Konrads Äußerungen legen nahe, dass der Euro den Deutschen geschadet hat:

„In der jüngst veröffentlichten Vermögensstatistik in Europa hat Deutschland weit unterdurchschnittlich abgeschnitten. Die Politik und die Medien haben diese Ergebnisse heruntergespielt. Wir müssen aber akzeptieren: Deutschland ist klein im Verhältnis zur EU. Und Deutschland ist relativ zu seinen Nachbarn in den vergangenen 15 Jahren deutlich ärmer geworden.“

Daher könne Deutschland die Eurozone nicht retten, sagte Konrad. Und auch die EZB sei dazu nicht in der Lage. Sie könne zwar den augenblicklichen Zustand noch einige Zeit aufrechterhalten, „und zwar mit weit geöffnetem Geldhahn und indem sie sich in die Fiskalpolitik einmischt“. Doch dadurch werde das Gefälle in der Eurozone weiter verstärkt, was zu Spannungen führen werde. Daher könne die Eurozone nur noch „ein paar Jahreüberleben.

Wenn die Eurozone zerfalle, hafte Deutschland mit gut 27 Prozent für die bis dahin von der EZB gekauften Staatsanleihen von Krisenländern, sagte Konrad. Je länger also die Eurozone andauere und je mehr Staatsanleihen die EZB kaufe, desto teurer werde es für Deutschland.

Eigentlich hätte eine Währungsunion auch ohne eine politische Union gut funktionieren können, so Konrad. Doch dazu hätten Staaten mit überschuldeten Haushalten wirklich in die Umschuldung gemusst. Sie hätten eine viel striktere Haushaltsdisziplin einhalten müssen.

„Ich denke da an Staatsschuldenquoten in der Gegend von zehn Prozent der Wirtschaftskraft. Die politische Wirklichkeit sieht ja bekanntlich anders aus. Die andere Alternative ist eine echte politische Union in einem sehr starken und demokratisch legitimierten Zentralstaat in Europa. Aber das ist eine Wunschvorstellung, die mit den politischen Realitäten in Europa nichts zu tun hat.“

Die Meinung Konrads ist nicht der erste Vorstoß in Richtung eines Euro-Austritts Deutschland. Vor einigen Monaten hatte George Soros in Frankfurt am Main den Austritt Deutschlands als einzige Alternative zu einer umfassenden Vergemeinschaftung der Staatsschulden in der Euro-Zone genannt (hier).

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Die BaFin bescheinigt der Deutschen Bank Mängel bei der Überwachung ihrer Kunden. Deren Daten müssten schneller an die Polizei übergeben werden. (Foto: Flickr/plassen)Die BaFin bescheinigt der Deutschen Bank Mängel bei der Überwachung ihrer Kunden. Deren Daten müssten schneller an die Polizei übergeben werden. (Foto: Flickr/plassen)

Das potenzielle Bußgeld für Deutsche Bank im Falle eines Regel-Verstoßes ist mit höchstens 100.000 Euro sehr gering. Doch die Auswirkungen der neuen Bankenregeln für die Bank-Kunden sind massiv. Denn die Banken sind nun verpflichtet, verdächtige Kontobewegungen unverzüglich an die Polizei zu melden.

Die BaFin wirft der Deutschen Bank vor, nicht genügend Vorkehrungen gegen Geldwäsche getroffen zu haben. Bereits vor einigen Wochen hat sie den Wirtschaftsprüfers EY (früher Ernst & Young) damit beauftragt, den Konzern zu überprüfen, berichtet Die Welt. Ein Banksprecher sagte:

„Die Deutsche Bank nimmt ihre Verantwortung im Bereich Geldwäschebekämpfung sehr ernst. Angesichts der regulatorischen Veränderungen bauen wir unsere Kapazitäten aus und entwickeln unsere Systeme beständig weiter. Wir arbeiten eng mit den zuständigen Behörden weltweit zusammen.“

Die deutschen Behörden setzen ein Regelwerk um, das von der Financial Action Task Force (FATF) ausgearbeitet worden ist. Diese von den G20-Staaten installierte Expertenorganisation gegen Geldwäsche spricht zwar offiziell nur Empfehlungen aus. Doch tatsächlich ist etwa das deutsche Geldwäschegesetz in weiten Teilen eine Abschrift der FATF-Regeln.

Mit der Rückendeckung der mächtigsten 20 Staaten der Welt hat die FATF ein umfangreiches Überwachungs-Regime für Banken und deren Kunden geschaffen. Bei Geschäftskunden sind die Banken verpflichtet, ein detailliertes Kunden-Profil zu erstellen. Dasselbe gilt für private Kunden, die mehr als 15.000 Euro überweisen oder überwiesen bekommen.

Für diese Kunden sieht das Regelwerk vor, „alle Kundendaten, Transaktions- und Kontoaufzeichnungen und sämtliche Korrespondenz aufzubewahren, damit sie den Behörden rasch zur Verfügung gestellt werden können.“

Auch wenn Herkunft oder Ziel des Geldes ungewöhnlich sind, müssen die Banken unverzüglich die Polizei informieren. Um den Überwachungs-Anforderungen der Behörden nachkommen zu können, müssen die Finanzinstitute massiv in Informationstechnologie und Personal investieren.

Bei der Deutschen Bank hegt die BaFin nach Informationen den Verdacht, sie habe in mehreren Fällen verdächtige Transaktionen zu spät an die Polizei gemeldet. Möglicherweise sei das interne Alarmsystem nicht richtig eingestellt. Der Wirtschaftsprüfer EY untersucht allerdings, ob das Problem bei der Bank vielleicht noch größer ist.

Die FATF verlangt, dass die Banken die Polizei bei verdächtigen Kontobewegungen „unverzüglich“ informieren. Die deutsche BaFin hingegen ist konkreter: „Wir erwarten die Verdachtsmeldung idealerweise noch am Tag, an dem der Verdacht aufgetreten ist, spätestens aber am folgenden Tag“, sagte ein Sprecher.

Doch andere Fragen bleiben ungeklärt. Was genau macht einen Verdacht aus? Wie viel Zeit darf sich eine Bank für eine Prüfung nehmen, bevor sie sensible Daten ihrer Kunden an die Behörden weitergibt? Ein Geldwäsche-Experte gibt folgendes Beispiel: Ein Bankkunde, der angibt, die 100.000 Euro auf seinem Konto stammten aus einer Erbschaft, ist nach dem deutschen Geldwäschegesetz ein Verdächtiger.

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Wenn etwa in Indien neue Händler mithilfe von Mikrokrediten in den Gemüsemarkt eindringen, dann treiben sie die Preise für alle runter. Am Ende gewinnen nur die Banken, die massiv Zinsen kassieren. (Foto: Flickr/Meanest Indian)Wenn etwa in Indien neue Händler mithilfe von Mikrokrediten in den Gemüsemarkt eindringen, dann treiben sie die Preise für alle runter. Am Ende gewinnen nur die Banken, die massiv Zinsen kassieren. (Foto: Flickr/Meanest Indian)

Die Mikrokredite haben sich zu einem bedeutenden Finanzmarkt mit einem jährlichen Kreditvolumen von 70 Milliarden Euro entwickelt, der gewaltige Gewinne abwirft. Ein großer Teil der Weltbevölkerung ist zu Abhängigen der Finanzindustrie geworden. Aufgrund der Eurokrise ist der Trend auch in Europa längst angekommen.

In der Schweiz ist bereits jeder Fünfte überschuldet, wie eine eben veröffentlichte Statistik der Schuldenberatung Schweiz ergeben hat. Eine politische Initiative will nun die Werbung für Kleinkredite verbieten.

Ein Blick in die armen Länder der Erde zeigt: Was 2006 mit dem Friedensnobelpreis für Muhammad Yunus aus Bangladesh so fulminant begonnen hat, ist zu einem knallharten Geschäft für die Banken geworden.

Aus westlicher Sicht bekommen die Armen in Bangladesch, Indien, Bolivien und Ghana zwar sehr kleine Kredite. Doch für sie sind es hohe Summen, die sie nur unter großen Anstrengungen zurückzahlen können. Philip Mader, Mikrokredit-Forscher am Max-Plack-Institut, sagte dem DLF.

„Wir müssen uns auch mal klarmachen, 50 Euro sind für eine Frau in Bangladesch sehr, sehr viel Geld, die verschuldet sich eventuell so hoch wie unsereins, wenn wir einen Kredit über zehn- oder zwanzigtausend Euro aufnehmen würden, das ist manchmal ein Jahreseinkommen dort.“

Die Leute arbeiteten oft 12 oder 14 Stunden am Tag, damit sie diesen Kredit wieder abbezahlen können, so Mader. Hinzu kämen beachtliche Zinsen. „Also auf die 50 Euro, die sie sich geliehen haben, kommen gerne noch mal 25 oder 50 Euro drauf, die sie an den Verleiher zahlen müssen.“ Zinssätze von bis zu 200 Prozent seien durchaus realistisch.

Daher ermöglichen die Mikrokredite den armen Leuten oft nicht aus den Weg aus der Armut, sagt Mader. Die Leute bleiben arm und können außerdem ihre Kredite nicht zurückzahlen, stehen somit schlechter da als vorher. Es habe noch niemand den Nachweis erbracht, dass Mikrokredite die Armut auf breiter Basis lindern, so Mader. Sie brächten die armen Leute vielmehr in eine schädliche Konkurrenz-Situation.

„Die Leute machen das schon hundertfach in jeder Kleinstadt, dass sie Gemüse verkaufen am Straßenrand, dass sie gegen geringe Bezahlung Kleider nähen und so weiter. Und wenn da jetzt neue Leute eindringen in diesen Markt mit Mikrokrediten, also schuldenfinanziert, dann treiben sie für alle die Preise runter. Und am Ende steht keiner netto gesehen besser da.“

In den Anfangstagen der Mikrokredite haben vor allem karitative Einrichtungen und Nichtregierungsorganisationen die Kredite verliehen. Doch mittlerweile hat sich das Geschäft mit den Kleinstkrediten zu einem beachtlichen Finanzmarkt entwickelt. Weltweit 90 Milliarden Dollar Mikrokredite sind derzeit im Umlauf.

Verglichen mit dem Derivatehandel ist das Geschäft mit den Mikrokrediten gering. Doch die wirkliche Bedeutung liegt hierbei nicht in der Geldsumme, sondern in der Zahl der Abhängigen. Weltweit gibt es 200 Millionen Mikro-Schuldner. Inklusive der Familienmitglieder stecken also circa eine Milliarde Menschen in der Kreide. Auch die Gewinne sind beachtlich. Im Jahr 2010 wurden 70 Milliarden Euro an Mikrokrediten verliehen, der Zinsgewinn lag bei 20 Milliarden Dollar.

„In diesem Mikrofinanzinvestmentbereich sind die Weltmarktführer die Citigroup und die Deutsche Bank, meistens durch ihre amerikanischen Tochterfirmen. Die vielen kleineren Mikrofinanzinvestmentfonds, die es auch gibt, die diese Investitionen in diese Mikrofinanzbanken tun, die sitzen meistens in Steueroasen wie Luxemburg oder auf den Kanalinseln.“

Das lukrative Geschäft mit den Mikrokrediten gewinnt aufgrund der Finanzkrise auch in Europa eine immer größere Bedeutung. Im Visier der Banken seien Länder, wo es wirtschaftlich abwärtsgehe und die Gläubiger trotzdem darauf beharrten, dass die Sparpolitik umgesetzt werde, so Mader.

„[Die Banken beharren darauf,] dass der Staat sich zurückziehen muss und erst einmal die Schulden begleichen muss, bevor er sich um die eigene Bevölkerung kümmert. Und da sind Mikrokredite ein ganz praktischer Lückenbüßer, um Leute, die ihre Beschäftigung verloren haben, die kein Einkommen mehr haben, beschäftigt zu halten, sie vielleicht nicht mit Almosen abzuspeisen, aber mit einem Kredit, der sie vielleicht zu einem Kioskbesitzer, zu einem Fahrradtaxibesitzer machen wird.“

Die Mikrokredite sind auch deshalb so profitabel, weil die Rückzahlungsquote bei unglaublichen 99 Prozent liegt. Doch Mader sagt, dies sei kein Wunder, wenn man wisse, wie säumige Schuldner zum Zahlen gebracht werden.

„Also es gibt viele berichtete Fälle aus Bangladesch, dass Nachbarn, teilweise auch Familienmitglieder, die auch in derselben Kreditnehmergruppe mit drin waren, das Haus von jemandem, der nicht zurückzahlen konnte oder wollte, abgerissen haben, und das Dach und die Teile und die Töpfe verkauft haben, und die Leute standen natürlich ganz schlecht da, denn sie haben nicht nur ihr Haus und ihr Hab und Gut verloren, sondern auch ihre sozialen Beziehungen.“

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