Für eine politische Ökonomie der Verschwendung

 

Der Spatz im Gebaelk

Der Spatz im Gebälk

Europa befindet sich in einer ähnlichen Situation wie Japan, dem die USA vor über zwanzig Jahren die expansive Geldpolitik zur Stabilisierung des Dollars zuerst aufgenötigt hat. Nun steht auf diese Weise auch der EU ein “verlorenes Jahrzehnt”, sprich Stagnation, bevor. Das Durchwursteln der europäischen Politiker, die „Zombifizierung” der Europäer (Abschöpfen von Staatsknete ohne eigene Leistungsbereitschaft) müsste beendet werden, sie gefährden schlussendlich die Stabilität der Region, meinte Andrew Bosomworth von Pimco am 28.5 vor Medien-Propagandisten in Frankfurt. Pimco ist eine Investment-Gesellschaft in verzinsliche Wertpapiere und mit ca. 1.000 Mrd. $ Anlagevermögen eines der größten Unternehmen in diesem Segment. Aktuell würden weitere Umschuldungs-Maßnahmen, sprich „Bankenrettungsaktionen”, drohen.

Die expansive Geldpolitik der EU/EZB hat einen blasenartigen Anstieg der Preise von Finanzanlagen bewirkt. So sind die Preise von Aktien und Anleihen seit 2008 um etwa 8 % jährlich gestiegen und damit doppelt so stark wie weltweit das nominale (in Geld bewertete) Bruttoinlandsprodukt (BIP), vom europäischen – mit einem jährlichen Wachstum des BIP von angeblich plus einem bis minus einem Prozent – ganz zu schweigen. Die von der Politik verbauten Wachstumsaussichten Europas veranlassen internationale professionelle Anleger Staatsanleihen zu meiden und Investitionen außerhalb der Eurozone zu bevorzugen, rechtfertigte Andrew Balls, Leiter des europäischen Portfolio Managements von Pimco, das Anlageverhalten der Firma am 15. 5.

Wenn schon Pimco so etwas sagt, darf das auch ein EU-Kommissar. So tönte Oettinger (laut Bildzeitung) vor der Deutsch-Belgisch-Luxemburgischen Handelskammer. “Europa ist ein Sanierungsfall. … Mir macht Sorge, dass derzeit zu viele in Europa noch immer glauben, alles werde gut.” Brüssel habe “die wahre schlechte Lage noch immer nicht genügend erkannt”. Statt die Wirtschafts- und Schuldenkrise zu bekämpfen, zelebriere Europa “Gutmenschentum” und führe sich als “Erziehungsanstalt” für den Rest der Welt auf. Deutschland stünde noch auf der Höhe seiner ökonomischen Leistungskraft. Stärker wird Deutschland aber nicht mehr.‘ Das habe auch damit zu tun, dass man in Berlin “mit Betreuungsgeld, Frauenquote, Mindestlohn und Nein zum Fracking die falsche Tagesordnung” bearbeitet. Dadurch verspiele man “einen Teil dessen, was an Wettbewerbsfähigkeit und Agenda 2010 im Zuge der letzten Jahre erreicht worden ist”.  Ist Oettinger nicht auch „Brüssel“? Hatte er vorher etwas gegen den Ausstieg aus der Kernenergie und gegen die Energiewende eingewendet? Nicht dass ich wüsste.

Laut Statistischem Bundesamt (Destatis) sanken die deutschen Exporte von Waren und Gütern im März 2013 um 4,2% zum Vorjahresmonat. Und James Boxell schrieb in Fin. Times am 13.5. “Europas Industrie verliert gegenüber ihren Wettbewerbern in den USA rapide an Boden und zwar wegen der sprunghaft ansteigenden Energiepreise und dem Versagen des alten Kontinents im Bereich Kernenergie und Schiefergas. Energiekosten stellen neben der Eurokrise (Aufschuldung) für die Industrie das dringendste Problem dar.“ ‚Die politische Führung in Europa bringe Null Aufmerksamkeit auf, wenn es um Energiekosten gehe.‘ Letzteres ist wohl falsch. Richtig müsste es heißen. Die politische Führung in Europa bringe nur leeres Alarmgeschwätz auf, wenn es um Energiekosten geht. Im letzten Jahr beliefen sich die Gaspreise in den USA auf einem Viertel der europäischen und der Strom war dort 50% billiger als in Europa. Schuld daran sei weniger die Schiefergas-Revolution als vielmehr die europäische Klima- und Energie-Politik, der Handel mit Emissionsrechten und die Subventionen für angeblich erneuerbare Energiequellen, schrieb Chris Bryant in der Fin. Times am 27.5. Daher war es z.B. für BMW und die SGL Gruppe, die ein neues Werk für Kohlefaserprodukte bauen wollte, keine Frage, das Werk im Moses Lake im Staate Washington und nicht in Europa zu bauen. Die für die Herstellung erforderliche Energie würde in Deutschland das Sechsfache kosten. Die Produkte sind ausschließlich für Europa bestimmt.

Und selbst bei den Alternativen hapert es. Eine Überprüfung von 30.000 Solarinstallationen in Europa durch deutsche Firma Meteocontrol ergab laut Todd Woody von der New York Times vom 29.5. zu 80% ein ungenügend. “Es zeigt sich an den Ergebnissen von 2012 und den Vorausschätzungen für die kommenden Jahre, dass Europas führende Rolle auf dem Photovoltaik Markt an sein Ende kommt“, stellte selbst der Verband der Europäischen Photovoltaik Industrie laut Fin. Times vom 8.5. fest. Da hilft auch kein Handelskrieg gegen China wegen zu billiger Importe von PV-Modulen. Und von wegen CO2-Einsparungen! Die Emissionen stiegen (laut Eurostat) 2012 im Vergleich zu 2011 in England um 3.9% und selbst in Deutschland um 0,9%. Was soll also das ganze teure CO2-Theater?

Otto Normalverbraucher kann und seine Promi-Intellektuellen wollen nicht begreifen, was da gespielt wird. Der Grund der Verunsicherung liegt in der Annahme: Die da oben können doch nicht so blöde sein und die ungeheure Verschwendung durch die Energiewende übersehen. Es muss also ein Nutzen dran sein. Ähnliche Überlegung hatten zu Atomängsten geführt: Wenn die Fachleute schon einen solchen Affentanz um die Kernenergie aufführen, dann müssen die Rot-Grünen rechthaben und muss es geboten sein, daraus auszusteigen. Religiöse Weltuntergangs-Vorhersagen werden zwar belächelt – aber nur weil sie von den Promis nicht gestützt werden. Wenn plötzlich alle wie im Fall der Kernenergie einstimmen würden, dann könnte die Welt an der Weltuntergangs-Angst der Masse untergehen.

Die große Verschwendung der Energiewende und Klimapolitik macht nur für den Kleinen Mann und für Ideologen der Volkswirtschaftslehre keinen Sinn. Für die Herrschenden ist sie seit eh und je eine „Notwendigkeit“. Das will ich selbst auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen, kurz erklären: Kaum ein Normal-Verstehender fragt sich, warum in der bisherigen Geschichte wirklich Herrschende nie auf die Idee kamen, das gesellschaftliche Mehrprodukt zur Anhebung des Lebensstandards der breiten Bevölkerung zu verwenden, sondern es immer in persönlichen Luxus, Protzbauten oder in Kriegen verschwendet haben. Das gilt wie für fast alle früheren Kulturen auch für die bürgerliche Gesellschaft.

Der Grund liegt nicht im individuellen Versagen der Herrschenden, in ihrer Selbstsucht oder Egomanie, wie viele behaupten. Er ist systembedingt. Das haben manche Forscher unter anderem Thorstein Veblen, der nur wegen und zum Missverstehen groß gemachte US-Ökonom in seinem Buch Theorie der Feinen Leute von 1899 angedeutet. Ihre Thesen wurden nicht wahrgenommen, weil sie die ideologische Grundlage der bürgerlichen Volkswirtschaft- und Markt-Theorie bestritten: Das Problem der Wirtschaft sei Knappheit. Das Gegenteil ist richtig.

Die menschliche Gesellschaft hat spätestens seit der Jungsteinzeit auf ihrem jeweiligen technologischen Niveau immer ein Mehrprodukt erwirtschaftet. Es begann mit der Erzeugung und Aufbewahrung von Saatgut für das nächste Jahr im Tempel, setzte sich fort in der Vorsorge für die legendären sieben mageren Jahre nach den sieben fetten in staatlichen Speichern. Das über das reine Überleben hinausreichende gesellschaftliche Mehrprodukt verschaffte der Gesellschaft Freiräume, in denen sie die Produktivität steigernde und die Arbeitszwänge senkende, technologische Erfindungen machte und entsprechende Entwicklungen einleitete. So fanden die für den landwirtschaftlichen Hackbau zu schwachen Alten als Bewacher des Saatguts am Tempel Zuflucht und Beschäftigung. Sie dachten sich dort Werkzeuge und Verfahren aus, die den Hackbauern das Leben erleichterten und bildeten schließlich um die zentralen Tempel herum Städte. So weit so gut.

Die mit den neuen Geräten und Verfahren (z.B. Nutzung der Flussniederungen) gesteigerten Erträge nahmen ebenso wie die Bevölkerung zu. Ihr Überfluss geriet in Widerspruch zum Zwang der Getreideabfuhr an den Tempel und hätte die bestehende soziale Organisation gesprengt. Damit hätten die Nutznießer dieser Ordnung, die Priester und ihre bewaffnete Garde an gesellschaftlicher Bedeutung und damit an Macht verloren. Das lag nicht in ihrem Interesse. Sie holten mehr Personal in die Städte, ließen es die Städte prunkvoll ausbauen und als dies das Mehrprodukt noch nicht genug abschöpfte, führten sie Kriege.

Soweit geschichtliche Veranschaulichung! Das notwendige gesellschaftliche Mehrprodukt in Verbindung mit Produktivitätssteigerungen führt dazu, dass sich Herrschaftsverhältnisse nicht mehr in der gegebenen Form als „not-wendig“ erweisen. Dadurch tritt ihr Zwangscharakter stärker in Erscheinung und drängt die Bedrängten, die Änderung der gesellschaftlichen Organisation zu betreiben. Das gefährdet die Stellung der bisher Herrschenden und löst deshalb Gegenreaktionen aus. Diese drückten sich (bisher immer, wenn man von vorübergehenden Erleichterungen der Zwänge in der Anfangsphase eines neuen Systems absieht) in der systematischen Verschwendung des Mehrprodukts aus.

Dieser Zusammenhang wird von „denen da oben“ und ihren Nutznießern so wenig eingestanden wie die eigentliche Funktion des gesellschaftlichen Mehrprodukts. Dieses dient nämlich nicht in erster Linie nur zur besseren Versorgung der Gesellschaft. Die eigentliche Funktion des Mehrprodukts lässt sich am besten an einem rein biologischen, vormenschlichen Beispiel veranschaulichen: Jede Symbiose (aus Pflanzen und Tieren) lebt davon, dass sie bestimmte Substanzen als (Energie)Rohstoffe zum Erhalt ihrer Lebensfunktionen nutzen kann und diese ihrer Umwelt entnimmt. Indem sich die Symbiose entfaltet verdünnt sie aufgrund der Entnahme und Verarbeitung der Ressourcen deren Vorkommen in ihrer Umwelt – sie gerät an die Grenzen ihres Wachstums, hinter denen früher oder später ihr sicherer Untergang lauert. Ihr Überleben auf Dauer ist nur zu sichern, indem sie sich ändert. Das heißt, sie muss sich in die Lage versetzen, entweder neue Ressourcen zusätzlich oder die bisherigen besser zu nutzen, zum Beispiel, indem sie die Nahrungskette ausweitet oder deren Nutzung verbessert. Das Mehrprodukt ist sozusagen der Ermöglichungsgrund für die Überwindung der Grenzen des Wachstums, das heißt, für die evolutionäre Steigerung des thermodynamischen Fließgleichgewichts der Symbiose. Dabei wird sie insgesamt komplexer und arbeitet mit höherer Energiedichte. Wird das nicht erreicht, stirbt die Symbiose früher oder später ab und geht unter. Auf die menschlichen Zivilisationen angewandt heißt das, das gesellschaftliche Mehrprodukt liefert die „freie“ Energie, damit sich die Gesellschaft evolutionär, d.h. „Grenzen des Wachstums“ produktiv überwindend entwickeln kann. Die evolutionäre Entwicklung verläuft in der Regel mit Veränderungen der bisher erforderlichen Führungsfunktionen stufenweise einher, sie erfolgt (bei Unvernunft der Eliten) „revolutionär“. Denn die Übergänge von einem Entwicklungsstadium zum nächsten durchlaufen „Krisen“. Das sind Konfliktzonen, in denen sich die Führung des bisherigen Systems gegen die sich anbahnende Führung des hervorbrechenden neuen Systems mit dem komplexeren und energiedichteren Fließgleichgewicht zu behaupten versucht.

Die Verschwendung des Mehrprodukts ist der typische Schutzmechanismus, mit dem sich die veraltete Führung gegen die grundlegende Weiterentwicklung des Systems wehrt. Die Energiewende und die verbreitete Technikfeindschaft bringen nur die Absicht der zu überholenden gegenwärtigen  Führung der Hochfinanz zum Ausdruck, die gesellschaftliche Anpassung an das technologisch möglich gewordene Maß an realer Freiheit (statt der propagierten eingebildeten) zu verhindern. Die zunehmende Verbohrtheit und Korruption der Elite ist ein alarmierendes Symptom dieses Vorgangs. Aber wen alarmiert es schon im senil gewordenen Westen, dessen „Schwachkopf-Elite“ z.B. in Libyen und Syrien mit den Terroristen der reaktionärsten Regime (Saudi, Katar etc.) zusammenarbeitet?

Live Stream aus der Türkei

On June 1, 2013, in Schall und Rauch, by admin

Der Ruf in der Türkei: “Genug mit so einer Tyrannei!

Was als Proteste am Freitag gegen ein Bauvorhaben in Istanbul begann, der Gezi-Park soll einem Einkaufszentrum weichen, hat sich inzwischen zu landesweiten Proteste gegen die als immer autoritärer empfundene Politik der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP entwickelt. Schon am Freitag und in der Nacht zum Samstag setzte die Polizei Tränengas, Pfefferspray und Wasserwerfer gegen Teilnehmer der Proteste ein.

Die Maske ist gefallen und Erdogan zeigt jetzt seine teuflische Fratze.

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Wie ausländische Konzerne deutsche Firmen schlucken

Michael Brückner

 

Die Top-Adressen der deutschen Wirtschaft liegen auf dem Wühltisch. Und Investoren aus China, Indien, Russland und dem Mittleren Osten greifen zu. Sie wollen sich starke Marken, Vertriebswege und vor allem Know-how sichern. Auf der Strecke bleiben bei diesem Ausverkauf Arbeitsplätze und Wohlstand im Inland. Der Autor Constantin Schreiber warnt: »Ausländische Investoren übernehmen unser Land.«

 

Er gilt derzeit als der Superstar unter den Börsen-Indizes. Nichts konnte den DAX in den vergangenen Wochen bremsen. Keine neuen Hiobsbotschaften aus den europäischen Pleitestaaten, keine schlechten Konjunkturdaten, keine geopolitischen Risiken. Im Bestreben, nun auch wieder verstärkt private Anleger in die Aktienanlage zu locken, fantasieren interessengeleitete Analysten und provisionsabhängige Anlageberater bereits von einem DAX-Stand von 30.000 Punkten! Noch jede Hausse starb aber in der Euphorie. Das dürfte sich auch dieses Mal wieder bestätigen.

 

Doch unabhängig davon, wie sich die Bluechips im DAX entwickeln werden – fest steht, dass sich die meisten der 30 größten deutschen Unternehmen zumindest teilweise längst in ausländischer Hand befinden. »Ob Volkswagen oder Deutsche Telekom – in unseren größten Firmen haben Anteilseigner aus der Ferne ein gehöriges Wort mitzureden«, stellt Constantin Schreiber in seinem packenden Wirtschaftssachbuch Ausverkauf Deutschland fest. Wie auf dem Wühltisch präsentieren sich die ersten Adressen der Nation – und warten auf den Zugriff von Chinesen, Indern, Arabern und Russen.

 

Im vergangenen Jahr investierten allein chinesische Unternehmen nach einer Untersuchung der Hongkonger Private-Equity-Firma A Capital rund 12,6 Milliarden Euro in die Übernahme von europäischen Betrieben. Besonders begehrt sind deutsche Unternehmen. Jeder siebte chinesische Manager erklärte in einer Umfrage der Beratungsgesellschaft Ernst & Young, sein Unternehmen plane Übernahmen in Deutschland. Ganz oben auf dem Wunschzettel stehen dabei Firmen aus den Branchen Maschinenbau, Automobilbau und Umwelttechnik.

 

Dabei konzentriert sich das Interesse der Chinesen längst nicht nur auf die großen DAX-Konzerne. Ebenso gefragt sind innovative und etablierte Mittelständler. So übernahmen chinesische Investoren zum Beispiel im vergangenen Jahr den Mittelständler Putzmeister, der als Technologieführer im Bereich von Betonpumpen gilt. Auch der Werkzeugbauer GIW in Heilbronn, der Automobilzulieferer Preh in Bad Neustadt und viele andere Mittelständler sind inzwischen in chinesischer Hand. Insgesamt erwarben Investoren aus dem Land der Mitte in den vergangenen Jahren über 40 deutsche Unternehmen.

 

Die Mainstreammedien feiern das als erfolgreiche Globalisierung und als Beweis für die hohe Wertschätzung, die deutsche Unternehmen im Ausland genössen. Die Risiken und Nebenwirkungen indessen werden weitgehend ausgeblendet. Constantin Schreiber hingegen spricht sie offen an. Einmal an der Macht, schanzten die »Großen Vier« (Araber, Russen, Inder und Chinesen) lukrative Aufträge anderen Firmen zu, die ihnen ebenfalls gehörten. Oder aber, sie zögen technisches Wissen aus Deutschland ab, um in ihren Heimatländern zu produzieren, wo die Lohnkosten um ein Vielfaches niedriger seien als hierzulande. Das koste Arbeitsplätze und
Ausverkauf Deutschland Constantin Schreiber Wie ausländische Investoren unser Land übernehmen Die »Deutschland AG« hat ausgedient. Daimler und Porsche brauchen demnächst eine Standleitung nach Abu Dhabi und Katar. Inder kaufen deutsche Bekleidungsketten, Chinesen einverleiben sich Maschinenbauunternehmen. Und den ausländischen Investoren liegt nichts am Erhalt von Arbeitsplätzen. Sie ziehen unser Know-how ab, um die Arbeit billiger in ihrer Heimat machen zu lassen - mit fatalen Folgen für die deutsche Gesellschaft.Traurig, aber wahr: Seit Dezember 2007 befindet sich die Mehrheit der Aktien der 30 größten deutschen Unternehmen in fremder Hand. TUI, ThyssenKrupp, Blohm + Voss, MAN Ferrostaal: Die Beteiligungen ausländischer Investoren nehmen zu - und damit auch ihr Einfluss in den Vorstandsetagen. Die Frage ist nur allzu berechtigt: Wem gehört eigentlich unser Land?Vor allem Araber, Russen, Inder und Chinesen - die Großen Vier - sind auf dem Vormarsch und kaufen auf, was zu haben ist. Einmal an der Macht, schanzen sie die lukrativsten Aufträge Firmen zu, die sie bereits kontrollieren. Oder sie ziehen technisches Wissen aus Deutschland ab, um in ihren Heimatländern zu produzieren, wo die Lohnkosten um ein Vielfaches niedriger sind. Die Konsequenzen für die deutsche Gesellschaft sind dramatisch: Es drohen Massenarbeitslosigkeit und die Abwanderung von Fachkräften im großen Stil - wenn wir nicht gegensteuern. Und zwar jetzt! Constantin Schreiber schildert die heraufziehende Katastrophe. Er spricht aus, was Politiker noch nicht einmal zu denken wagen. Ein aufrüttelndes Buch.Paperback, 286 Seiten
Wohlstand in Deutschland. Außerdem werde die Bundesrepublik politisch erpressbar. »So wie es vor zehn Jahren noch kaum vorstellbar war, dass deutsche Soldaten in Afghanistan ihr Leben riskieren, so könnte es irgendwann so weit sein, dass wir für die Inder gegen eine islamische Bedrohung kämpfen müssen, weil von ihnen unser wirtschaftliches Überleben abhängt«, schreibt der Autor.

 

Neu ist die Masche der Know-how-Ausplünderung übrigens nicht. Mancher mag sich noch an das unrühmliche Ende des deutschen Traditionsunternehmens Saba erinnern, damals eine weltweit geschätzte Top-Marke der Unterhaltungselektronik. Die Abkürzung »Saba« stand für »Schwarzwälder Apparate-Bau-Anstalt«. Im Jahr 2004 wurde der Betrieb an die chinesische TCL-Gruppe verscherbelt. Der Konzern stieg damit zum weltweit führenden Hersteller von Fernsehgeräten auf. Doch ernsthaftes Interesse an einer langfristigen Existenzsicherung von Saba hatten die neuen Eigentümer nicht. Ihnen ging es nur darum, Experten-Know-how abzusaugen. Nachdem dieses Ziel erreicht war, drehten die Chinesen einfach den Geldhahn zu. Die Presse schrieb von einer »Operation Ausplünderung«. Saba musste Insolvenz anmelden, die Mitarbeiter standen auf der Straße, und die restlichen Geräte wurden zu Schleuderpreisen nach Ungarn verkauft.

 

Ähnliches kann sich jederzeit wiederholen. »Zouchuqu« lautet die Devise des chinesischen Fünfjahresplans. Was in etwa bedeutet: »Schwärmt aus!«. Die Chinesen haben es nach Ansicht des Autors Constantin Schreiber in erster Linie auf mittelständische Unternehmen, technologisches Know-how und massenkompatible Produkte abgesehen.

 

Doch nicht nur die Manager im Reich der Mitte nehmen deutsche Unternehmen ins Visier. Auch Scheichs, Russen und Inder seien »Lieblingsgäste in deutschen Vorstandsetagen«, stellt Schreiber fest. Schließlich säßen diese Investoren auf schier unerschöpflichen Geldquellen. Die »Großen Vier« seien im Besitz von streng geheimen Einkaufslisten. »Jeder will sich das für ihn attraktivste Stück aus dem Kuchen herausschneiden. Araber, Inder, Russen und Chinesen teilen Deutschland unter sich auf«, schreibt der Autor. Und der Ausverkauf habe gerade erst begonnen.

 

Die »Großen Vier« haben dabei durchaus unterschiedliche Präferenzen. Während es den Chinesen, wie erwähnt, in erster Linie um technologisches Know-how und um Massenprodukte geht, investieren die Araber vor allem in Luxus und Lifestyle. Es kommt also nicht von ungefähr, dass sich arabische Investoren in den vergangenen Jahren mit Milliardenbeträgen zum Beispiel bei Mercedes und Porsche engagierten. Wie wenig deutsche Politiker von den Vorlieben arabischer Einkäufer verstehen, zeigte übrigens der Versuch, im Jahr 2009 den maroden deutschen Automobilhersteller Opel nach Abu Dhabi zu verkaufen. Opel? Viel zu popelig für arabische Investoren.

 

Auf der Einkaufsliste der Inder wiederum stehen nach den Recherchen von Constantin Schreiber unter anderem Unternehmen mit vorhandener Europa-Vertriebsstruktur. Interessant seien ferner Firmen aus dem IT-Bereich, der Mode- oder Textilbranche sowie der Stahlindustrie. »Indien boomt und expandiert Richtung Europa. Und für diesen Machtausbau brauchen sie uns«, schreibt der Autor. Die reichen Russen schließlich interessierten sich vorrangig für Unternehmen der Luft- und Raumfahrt, der Energieversorgung sowie Werften. Es scheint, als hätten die »Großen Vier« die unterschiedlichen Branchen der deutschen Wirtschaft schon unter sich aufgeteilt.

 

Constantin Schreiber weiß, wovon er berichtet. Der gelernte Jurist und Journalist arbeitete mehrere Jahre als Korrespondent in Dubai. Anschließend wechselte er ins Auswärtige Amt nach Berlin. Er schreibt nicht nur, wie gezielt die ausländischen Investoren vorgehen. Er enthüllt zudem, wie eine gierige und mächtige Finanzelite dem Ausverkauf deutscher Unternehmen Vorschub leistet. »Manager, Berater, Anwälte und Ex-Politiker heizen den Ausverkauf an. Sie sind Vorbilder, deren Handeln katastrophale Konsequenzen zeigt. Eine Allianz aus Vertretern von Wirtschaft und Politik hat sich vorgenommen, Deutschland als Steinbruch zu nutzen – den Raubbau an unserem Wohlstand nehmen sie stillschweigend in Kauf«, kritisiert der Autor.

 

Schreiber indessen schweigt nicht. Er nennt engagiert die Dinge beim Namen und zeigt auf, wie sich Deutschland gegen den Ausverkauf wehren kann. Wer sich nicht damit abfinden möchte, dass die deutsche Wirtschaft auf dem Wühltisch ausländischer Großinvestoren landet, sollte dieses Buch lesen.

 

Der Mythos von den harmonischen Naturvölkern

Das Lied “Cortez the Killer” von Neil Young, welches vom Rolling Stone Magazin auf Platz 321 der besten Songs aller Zeiten gewählt wurde, beinhaltet folgende Textzeilen:

Am Ufer lag Montezuma
Mit seinen Kokablättern und Perlen
In seinen Sälen wunderte er sich oftn
Über die Geheimnisse der Welt.

Und seine Untertanen versammelten sich um ihn
Wie die Blätter um einen Baum
In ihren Kleidern aus vielen Farben
Damit die erzürnten Götter sie sehen würden.

Und die Frauen waren alle schön
Und die Männer standen aufrecht und stark
Sie gaben Leben als Opferungen
Damit andere weiterleben konnten.

Haß war nur eine Legende
Und Krieg war niemals bekannt
Die Menschen arbeiteten zusammen
Und sie hoben viele Steine.(1)


Naturvölker der Erde Lemm, Ronald Dieser Bildband zeigt in historischen Ansichten einige der bekanntesten Naturvölker unserer Erde. Diese haben sich trotz Kolonisierung und Unterdrückung ihre natürliche Lebensweise erhalten. Die Reise führt uns durch Afrika, den Himalaya, den Kaukasus, Südostasien, Australien, Melanesien, Polynesien, Süd- Mittel- und Nordamerika, Skandinavien und Sibirien. Die hier gezeigten historischen Fotografien und Ansichtskarten stammen aus der Zeit vor 1945. Sie dokumentieren eindrucksvoll das Leben der Ureinwohner und geben einen sehenswerten Einblick in die Geschichte der Naturvölker.
Was in Neil Youngs Song von 1975 zum Ausdruck kommt, ist eine romantische Vorstellung von Naturvölkern, wie sie sicherlich auch heute noch in den Köpfen vieler Menschen existiert. Erfolgreiche Filme wie zuletzt “The New World” oder “Avatar”, und schon ältere Klassiker wie “Der mit dem Wolf tanzt”, sind Ausdruck dieser Verklärung des Lebens von Naturvölkern. Es heißt, sie würden im Einklang mit sich, ihren Nachbarn und der Natur leben, während der Stadtbevölkerung der westlichen Welt jegliche Beziehung zur Natur und interner sozialer Zusammenhalt verloren gegangen seien, was zu allerlei sozialen Konflikten, individuellen Depressionen, Selbstmord, Kriminalität aller Art, Mord und Krieg führen würde. Diese Vorstellung ist alles andere als neu.

Schon antike Denker wie Aristophanes und Tacitus drückten dergleichen aus. Aber erst im 18. Jahrhundert gewann diese Sichtweise enorm an Bedeutung. Durch die zunehmende Verstädterung traten soziale Konflikte deutlicher ans Tageslicht. Der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau führte den Begriff des “Edlen Wilden” zu jener Zeit in den allgemeinen Sprachgebrauch ein. Hand in Hand mit dem Bild von der harmonischen Geselligkeit des “Wilden” ging aber auch die Vorstellung vom Untermenschen, der eher einem Affen oder einem Ungeheuer gleiche. Rousseau gründete sein berühmtes Portrait des “Edlen Wilden” zum Beispiel auf die Beschreibung eines Orang-Utans.(2)

Mit dem expandierenden Kolonialismus im 19. Jahrhundert kam der Westen in engsten Kontakt mit einer Vielzahl fremder Kulturen und Lebensweisen. Einflußreiche Forscher wie W.H. Morgan, Henry Maine, Max Weber und nicht zuletzt Karl Marx bescheinigten dem neuen Stadtmenschen einen Verlust seines harmonischen Sinns für die Gemeinschaft, den sich die Naturvölker noch bewahrt hätten. Anthropologen und Ethnologen studierten primitive Gesellschaften, die oft isoliert von den Einflüssen fortschrittlicherer Kulturen für Hunderte von Jahren vor sich hinexistiert hatten. Ihre Berichte fügten sich in das idealisierte Bild der Naturvölker. So schrieb Jane Belo zum Beispiel über die Balinesen: “Die Säuglinge weinen nicht, die kleinen Jungen balgen nicht, die jungen Mädchen benehmen sich mit Anstand… Jeder erfüllt die ihm übertragende Aufgabe voll Respekt für die ihm Gleichgestellten und die ihm Übergeordne-ten und mit Sanftheit und Rücksichtnahme für die von ihm Abhängigen.”(3) Dieser harmonische Zustand soll einst in allen menschlichen Gesellschaften geherrscht haben. Der Anthropologe Robin Fox beschrieb die Umwelt der Menschheit in der Steinzeit als eine, in der “…eine Harmonie der Merkmale, die wir als Spezies entwickelt hatten, einschließlich unserer Intelligenz, unserer Einbildungskraft, unserer Gewalttätigkeit, unserer Vernunft und unseren Leidenschaften bestand. Diese Harmonie haben wir verloren.”(4)

Durch die fortschrittlichen antirassistischen Entwicklungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts überkam man die Ansicht, Angehörige von Naturvölkern seien in irgendeiner Form “Untermenschen”. Was blieb vom Bild des “Edlen Wilden” war lediglich das Edle, das harmonische Zusammenleben. Möglicherweise wurde auch ein Teil der Vorstellung vom “Edlen Wilden” auf die Tierwelt projeziert. Jane Goodall und ihre vermenschlichten, verklärten “Gorillas im Nebel” mögen hier als Beispiel dienen. Auch der Film “Instinkt” mit Anthony Hopkins zielt in die gleiche Richtung.

Wenn die Anthropologen des 19. und 20. Jahrhunderts primitive Gesellschaften vorfanden, die offensichtlich nicht in völliger Harmonie lebten, schrieben sie diesen Zustand den desorganisierenden Wirkungen des Kontakts mit anderen Kulturen zu, zumeist der europäischen. Darüber hinaus waren (und sind) Funktionalismus bzw. Adaptivismus in der Anthropologie und Ethnologie weit verbreitet. Danach wird auch extrem unmoralischen Praktiken wie rituellen Verge-waltigungen, Kindesmord und Sklaverei eine positive gesellschaftliche Funktion unterstellt. Das Leid des einzelnen, der nicht selten mit dem Leben für diese Praktiken bezahlen muß, soll auf die eine oder andere, oft nicht näher beschriebene Weise das soziale Miteinander aufrechterhalten. Dem führenden Funktionalisten der 20er und 30er Jahre des letzten Jahrhunderts, Bronislaw Malinowski, zufolge “…erfüllt jede Art Zivilisation, jeder Brauch, jedes materielle Objekt, jede Idee und jeder Glaube eine lebenswichtige Funktion; sie hat irgendeine Aufgabe zu erfüllen und repräsentiert einen unverzichtbaren Teil innerhalb eines funktionierenden Ganzen.”(5)

Daß solche kulturrelativistischen Vorstellungen nichts als “sentimentaler Unsinn”(6) sind, wird hoffentlich aus den nun folgenden Ausführungen ersichtlich. Die Beispiele sind dem Buch “Trügerische Paradiese – Der Mythos von den glücklichen Naturvölkern” von Robert B. Edgerton (7) entnommen.

Eine der großen Anklagen gegen die westliche Kultur ist, daß ihr der menschliche Zusammenhalt verloren gegangen sei. Und natürlich stimmt dies insofern, als daß man in einer Stadt von vielen tausend Menschen nicht jeden persönlich kennen kann. Dagegen wird vermutet, daß kleine Stämme von Naturvölkern einen sehr starken Zusammenhalt besitzen und sich persönlich umeinander sorgen. Sicher mag dies in einigen Fällen zutreffen, ebenso wie es in einigen Gemeinden und Dörfern der westlichen Welt zutreffen mag. Aber es gibt auch eindeutig andere Beispiele.

Allan R. Holmberg lebte 1941 und 1942 mit den Sirionó-Indianern im bolivianischen Regenwald. Er war nach eigenen Angaben häufig verblüfft über den geringen sozialen Zusammenhalt, sogar unter Familien. So berichtete er von einer Begebenheit, als ein Mann allein auf die Jagd gegangen war und, von der Dunkelheit überrascht, den Weg zurück zum Lager nicht mehr fand. In großer Angst rief er wiederholt um Hilfe, aber seine Verwandten, die ihn im Lager hören konnten, antworteten nicht. Nach einer halben Stunde hörten die Rufe auf, woraufhin die Schwester des unglücklichen Jägers meinte: “Wahrscheinlich hat ihn ein Jaguar erwischt.”(8) Tatsächlich überlebte der Mann jedoch, indem er die Nacht auf einem Baum verbrachte. Bei seiner Rückkehr am nächsten Morgen wurde er von niemandem empfangen. Anstatt glücklich über die Rückkehr ihres Bruders zu sein, beschwerte sich die Schwester noch darüber, daß er nur einen geringen Teil seiner Beute mit ihr teilen wollte.

Wie Holmberg weiter festhielt, war den Sirionó das Ergattern von Nahrung weitaus wichtiger als irgendwelche sozialen Praktiken, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt hätten fördern können. In unserer westlichen Gesellschaft hat das gemeinsame Mahl einen hohen Stellenwert und führt zu größerer sozialer Nähe. Die Sirionó aßen häufig allein im Wald und waren erfinderisch, was das Verbergen weiterer Nahrung betraf. So versteckten die Frauen mitunter Nahrung in der Vagina.

Die soziale Kälte der bolivianischen Eingeborenen erreichte ihren Höhepunkt in Verbindung mit kranken und alten Menschen. Betagte Stammesangehörige, die Probleme hatten, dem nomadischen Lebensstil zu folgen, wurden ohne Erbarmen zurückgelassen. Sie krochen der aufbrechenden Gruppe hinterher, bis sie kraftlos zusammenbrachen und allein im Wald starben. Das gleiche Schicksal drohte jedem, der so krank wurde, daß er der Gruppe bei ihren Wanderungen nicht mehr aus eigener Kraft folgen konnte. Natürlich führte dies zu panischer Angst davor, krank zu werden. Als wichtigstes Krankheitssymptom galt den Sirionó, daß jemand keinen Appetit mehr entwickelte. Wenn sich also jemand krank fühlte, aß er besonders viel, um vorzutäuschen, nicht krank zu sein. Das konnte soweit gehen, daß Kranke sich zwangen, solche Unmengen an sauren Früchten und ähnlichem zu verschlingen, daß sie letztlich daran starben.(9)

Ein anderes Beispiel für fehlenden sozialen Zusammenhalt stammt aus Afrika. Der berühmte Anthropologe Colin Turnbull war so entsetzt über das enthumanisierte, rücksichtslose Verhalten der Ik, daß er einem Beamten der ugandischen Regierung riet, sie mit Gewalt zusammenzutreiben und über das ganze Land zu zerstreuen. Es ging Turnbull nicht darum, die unterernährten Ik vor dem Hungertod zu bewahren. Vielmehr wollte er sicherstellen, daß “ihre asoziale, lieblose Kultur zusammen mit ihnen ausstürbe und so nie mehr andere Menschen verderbe.”(10)

Medizin

In der westlichen Welt, besonders in esoterischen Kreisen, ist das Bild des “weisen Schamanen” ein wichtiger Bestandteil des Mythos der harmonischen Naturvölker. In der Realität zeigt sich jedoch ein sehr trostloses Bild

Wie viele andere Naturvölker besaßen auch die Sirionó keinerlei medizinisches Verständnis. Krankheiten wurden schlicht von bösen Geistern verursacht. Weder half man Kranken (sie lagen oft bei Regen ungeschützt im Freien) noch wurden irgendwelche Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Die Kinder durften in ihren eigenen Exkrementen spielen und man achtete auch nicht darauf, daß die Fäkalien vom Trinkwasser ferngehalten wurden.

Gerade der fehlende Schutz der Kinder ist bei vielen Naturvölkern zu beobachten. Afrikanische Hirtenvölker wie die Massai, die Pokot oder Samburu entfernen den Kindern grundsätzlich keine Fliegen von den Augen, weil Fliegen mit Rinderkot in Verbindung stehen und Rinder der größte Reichtum sind. Einige Kinder stecken sich so mit Granulose an, die von den Fliegen übertragen wird. Blindheit ist oft die Folge. Bilder von fliegen-befallenen Kindergesichtern werden in den westlichen Medien gerne als Indiz für die elenden Zustände in Teilen Afrikas verwendet. In Wahrheit liegen die Ursachen in einem quasireligiösen Aberglauben von der Heiligkeit der Kühe, des Kuhdungs und damit auch der Fliegen.

Die Yoruba in Nigeria verabreichten Kindern, die an Krämpfen litten, eine übelriechende Mixture aus Tabak-blättern, Urin und manchmal noch Gin. Das Gebräu enthielt dermaßen viel Nikotin, daß die Kinder ins Koma fielen und nur gerettet werden konnten, da sie von den anwesenden Anthropologen in ein nahegelegenes Krankenhaus nach westlichem Vorbild gebracht wurden.(11)

Bei den Pokot in Kenia bestand die “Behandlung” von Stammesangehörigen, die an Psychosen litten, darin, daß sie zunächst mit Gewalt zu Boden gedrückt wurden. Dann schlug man ihnen mit einem recht großen Stein längere Zeit auf den Kopf. Diese wahrlich steinzeitliche Praxis forderte nicht wenige Leben.(12)

Auch die Serbei in Uganda standen Krankheiten absolut hilflos gegenüber. Wenn jemand an Kopfschmerzen litt, wurde ihm eine rotglühende Speerspitze auf die Stirn gedrückt. Die Kopfschmerzen traten dadurch mit Sicherheit in den Hintergrund und wahrscheinlich machte kein Patient nach einer solchen Behandlung mehr den Fehler, sich über Kopfschmerzen zu beschweren.

Die Netsilik-Inuit im Norden Kanadas glaubten, ein Säugling würde bei der Geburt einen giftigen Dampf absondern. Deshalb wurden Schwangere zur Geburt allein in ein Zelt gesperrt. Wenn es Komplikationen gab, rief man bestenfalls einen Medizinmann herbei, der versuchte, durch Beschwörungsformeln böse Geister auszutreiben. Anfassen durfte er die Schwangere nicht.(13)

Insgesamt war und ist die Lebenserwartung bei vielen Naturvölkern aufgrund fehlender Medizin sehr gering. Bei den berühmten Yanomami-Indianern in Venezuela erreichten lediglich 22% der Bevölkerung das 30. Lebensjahr. Bei den Xavante in Brasilien waren es sogar nur 15,4%.(14)

Wenn man seine Umwelt nicht versteht, wenn man nicht weiß, woher Krankheiten kommen, dann ist es vor allem Furcht, die das Leben bestimmt. Dement-sprechend antwortete ein “weiser Mann” der Igluik-Inuit, der nach seinen Glaubensvorstellungen befragt wurde: “Was wir glauben? Wir glauben nicht, wir fürchten uns nur.”(15) Diese Furcht manifestiert sich, wie z.B. bei den Sirionó, in einem weitverbreiteten und tiefverwurzelten Glauben an Dämonen, Hexen und Menschen mit dem “bösen Blick”. Es ist wohl kein Zufall, daß die wahnsinnige Verfolgung und Verbrennung von Hexen in Europa einherging mit der Verstädterung, die durch fehlende Hygiene zunächst viele Krankheiten nach sich zog. In Paris wurden Fäkalien noch bis ins 17. Jahrhundert einfach auf die Straßen gegossen. Die daraus resultierenden Erkrankungen wurden nicht mit diesen Praktiken in Verbindung gebracht, sondern auf Hexen und Magier geschoben. Erst der wissenschaftliche Fortschritt ermöglichte Verständnis und eine ordentliche Medizin. Viele Naturvölker sind davon weit entfernt. Manche mögen zwar durch Zufall auf ein Kraut gestossen sein, daß bei einer bestimmten Krankheit Linderung beschert, aber in der Regel sind die Angehörigen primitiver Völker von Dämonen- und Hexenglauben besessen.

Bei den Gebusi in Papua-Neuguinea führte ein virulenter Hexenglaube z.B. dazu, daß diese kleine Gesellschaft eine der höchsten Mordraten weltweit besaß. Etwa ein Drittel aller Todesfälle waren Hinrichtungen von Hexen.(16) Der Aberglaube vieler Naturvölker kann noch viele weitere Formen annehmen. Die Skidi Pawnee-Indianer in Nebraska brachten Menschenopfer dar, um den heiligen Morgenstern gnädig zu stimmen. Das ging mindestens bis 1834 so, vielleicht sogar noch viel länger.(17)

Die Inuit, die zwar sehr gute Technologien zum Überleben in ihrer harschen Umgebung entwickelt hatten, glaubten doch ganz fest an alle möglichen gefährlichen Ungeheuer und übernatürlichen Wesen. Dazu gehörten Meerjungfrauen, die Menschen erst verführten und dann töteten, riesige Vögel, die einen Erwachsenen davontragen konnten, gewaltige Fische, die Jäger mit einem Biß komplett verschlingen konnten. Dieser Aberglaube hielt sie z.B. davon ab, gute Fischgründe zu besuchen oder vorteilhafte Lagerplätze zu benutzen. Allerlei weitere Gespenster machten ihnen Angst. Sogenannte “wilde Babies” sollten nachts an bestimmten Orten auftauchen und Inuit, die dort schliefen, zu Tode kitzeln.

Kinder

Der Inuit-Glaube an gefährliche “wilde Babies” und giftige Dämpfe während der Geburt, und die Praxis der Massai, ihre Kinder nicht von Fliegen zu befreien, sind gute Beispiele dafür, welch gestörtes Verhältnis viele Eltern in Naturvölkern zu ihren Kindern haben.

Wir alle kennen die Bilder von schrecklich unterernährten Kleinkindern, z.B. aus Äthiopien. Da in westlichen Gesellschaften das Wohl der Kinder in der Regel sehr wichtig ist und Eltern eher selbst hungern, als daß sie ihre Kinder hungern sehen, glauben wir, wenn es den afrikanischen Kindern schon so schlecht geht, müsse es den Erwachsenen noch schlechter gehen. Aber das ist häufig nicht der Fall. In Äthiopien, wie in weiten Teilen Ostafrikas, ist es Sitte, daß das jüngste Kind nur das Essen bekommt, das der Vater, die Mutter, die älteren Kinder und die Gäste nicht aufgegessen haben. Dort heißt es nicht, Kinder zuerst, sondern Männer, Gäste, Frauen und ältere Geschwister zuerst.(18) Natürlich bedeutet das nicht, daß es keinen Hunger unter Erwachsenen gibt. Aber die schok-kierenden Bilder, die manchmal im Fernsehen gezeigt werden und sicherlich im “kollektiven Bewußtsein” der westlichen Welt verankert sind, düften in vielen Fällen auf die Tatsache zurückzuführen sein, daß die jüngsten Kinder nur dann Nahrung bekommen, wenn mehr als genug für alle da ist.

Nicht nur in vielen Stammesgesellschaften Afrikas stehen Kleinkinder an letzter Stelle der sozialen Rangfolge. Kindesmord war eine weitverbreitete Praxis überall auf der Welt. Bei den Yanomami-Indianern gab es eine Regel, wonach es einer Frau vom Zeitpunkt der Entdeckung ihrer Schwangerschaft bis zur Entwöhnung des Kindes verboten war, mit einem Mann Sex zu haben. Anstatt aber diese lange Zeit abzuwarten oder das Tabu aufzugeben, töteten manche Paare ihre Säuglinge, um danach wieder gesellschaftlich abgesegneten Sex haben zu können.(19) Dies führte dazu, daß bei den Yanomami unglaubliche 43% aller weiblichen Kinder das erste Lebensjahr nicht überlebten.(20)

Die Ijaw in Nigeria, die sich zwar mehr Kinder wünschten, töteten jedoch grundsätzlich alle Zwillinge, selbst noch, als die britische Regierung dies als Mord einstufte und unter Strafe stellte. Auf die Frage, warum sie Zwillinge töten würden, antworteten die Ijaw: “Weil unsere Vorfahren es schon so gemacht haben.”(21)

Frauen

Hilflosen Menschen in Stammesgesellschaften — Alten, Kranken, Kindern — ergeht es häufig besonders schlecht. Aber auch Frauen werden im allgemeinen durch die körperlich überlegenen Männer unter-drückt. Noch relativ gesittet ging es bei den Tasmaniern zu, die im 18. Jahrhundert zum erstenmal in Kontakt mit Europäern gerieten. Sie lebten in kleinen Stämmen von 40 bis 50 Menschen und ernährten sich hauptsächlich von Schalentiere und, in geringerem Maße, von der Jagd auf Waldtiere. Dabei war es so, daß praktisch alle Tätigkeiten, besonders aber die gefährlichsten, den Frauen zufielen. Die Männer blieben im Lager und unterhielten sich angeregt, während die Frauen Wasser und Feuerholz heran-schleppen mußten. Das lebensgefährliche Tauchen nach Schalentieren wurde ebenfalls ausschließlich von Frauen übernommen, wobei sie mit scharfkantigen Felsen, unberechenbaren Strömungen und giftigen Stachelrochen zu kämpfen hatten. Sie erschlugen auch Opposums und schwammen an schlafende Seehunde heran, um sie mit primitiven Holzkeulen zu erlegen. Wenn die Männer auf die Jagd gingen, dann um daran Spaß zu haben. Sie stellten Kanguruhs und Wallabies nach, die keinerlei Gefahr bedeuteten.

Trotz ihrer überragenden wirtschaftlichen Bedeutungen wurden die Frauen von den Männern schlecht behandelt, z.B. dadurch, daß man ihnen wohlschmeckende Nahrung vorenthielt. Im Winter, wenn das Nahrungsangebot zurückging, standen die Tasmanier oft kurz vor dem Hundertod. Dennoch weigerten sich die Männer, entscheidend an der Nahrungsbeschaffung mitzuwirken. Das ganze Dilemma wurde noch durch die irrationale Weigerung verstärkt, Fische zu verzehren, die es in Massen in den umliegenden Gewässern gab. Als den Tasmaniern von Europäern gekochter Fisch angeboten wurde, lehnten sie angeekelt ab.(22) So wenig sie mit dem angebotenen Fisch anfangen konnten, so begeistert waren sie doch von den Hunden, die die Europäer mitgebracht hatten. Gerne tauschten sie ihre Frauen gegen Hunde, was natürlich zu weiteren wirtschaftlichen und sozialen Problemen führte. Jeder Stamm sah sich gezwungen, von Nachbarstämmen Frauen zu stehlen, was zu mörderischen Stammesfehden führte.

Insgesamt waren die Tasmanier alles andere als gut angepaßt an ihre Umgebung. Sie bauten keine Hütten und besaßen keine Kleidung, so daß sie im Winter nicht nur hungerten, sondern auch ganz erbärmlich froren. Sie konnten nicht einmal selbst Feuer machen. Irgendein Mitglied des Stammes mußte ständig ein Stück brennendes Holz mit sich herumtragen. Natürlich erkrankten sie häufig, aber auch in Sachen Medizin waren sie hoffnungslos primitiv. Ihre wichtigste “Behandlungsmethode” bestand darin, den Patienten auszupeitschen, bis dieser völlig blutüberströmt und entkräftet war. Bevor die Europäer kamen, verhinderte allein die völlige Isolation der Tasmanier die Auflösung der Stammesgesellschaften. Aber einmal in Kontakt mit einer anderen Kultur gekommen, brach die tasmanische Gesellschaft in kürzester Zeit zusammen.

Die tasmanischen Männer waren nicht die einzigen, die Frauen bessere Nahrung vorenthielten. Den Inuit der Hudson Bay galt gekochtes Fleisch traditionell als “Männeressen, das zu gut für Frauen” war.(23) Bei den Fore auf Papua-Neuguinea führte das Vorenthalten von Tierfleisch dazu, daß die Frauen und Kinder in ihrer Not das Fleisch verstorbener Verwandter aßen. Hierdurch erkrankten sie nicht selten an “kuru”, einer tödlichen Viruserkrankung, die durch Kannibalismus übertragen wird.(24)

Wenn es nicht um Nahrung ging, ging es meist um Sex. Die Männer der Mehinaku-Indianer in Brasilien drohten ihren Frauen regelmäßig Gruppenvergewaltigungen an.(25) Bei den Gusii in Kenia war die Vergewaltigung nicht nur eine Drohung, sondern praktisch institutionalisiert. In der Hochzeitsnacht war es Brauch für die Frau, sich ihrem Bräutigam durch verschiedenste Tricks zu widersetzen. Dazu gehörte auch das Verknoten der Schambehaarung über der Vagina. Vor der Tür standen jedoch die Freunde des Bräutigams bereit, die irgendwann einschritten, die Braut festhielten und ihre Beine mit Gewalt spreizten. Die traditionelle Aufgabe des Bräutigams bestand dann darin, den Geschlechtsverkehr mindestens sechsmal in der einen Nacht zu wiederholen, wobei er der Frau so viele Schmerzen wie möglich zufügen sollte.(26) Insgesamt gab es bei den Gusii eine viermal höhere Vergewaltigungsrate als zur gleichen Zeit in den USA. 1950 wurden so viele Männer wegen Vergewaltigung verurteilt, daß es nicht genug Gefängniszellen gab.

Man kann sich leicht vorstellen, was für eine Atmosphäre des Hasses und Mißtrauens zwischen Männern und Frauen in solchen Gesellschaften herrschen muß. Bei den Pokot in Kenia aßen die Männer grundsätzlich keine Speisen, die von einer ihrer Frauen zubereitet worden waren, da sie Angst hatten, vergiftet zu werden. Ähnliches gab es auch bei den Kamba und den Sebei in Uganda.(27)

Durch die sozialen Spannungen zwischen den Geschlechtern, das weitgehende Desinteresse am Wohl der eigenen Kinder und älterer Menschen, und durch die vielen unbewältigten Probleme, was Nahrungsbeschaffung, Medizin und Unterkunft anging, gab es bei vielen Naturvölkern große Probleme mit Depressionen und Selbstmord. Bei den Bimin-Kuskusmin in Papua-Neuguinea stellte der Anthropologe F. P. Poole eine Selbstmordquote von 10% für die letzten sechs Generationen fest. Er selbst beobachtete in der kurzen Zeit, die er mit den Bimin-Kuskusmin lebte, daß von 58 Todesfällen 30 auf Selbstmord zurückzuführen waren. Das sind 57%. Die Anzahl an Selbstmorddrohungen und gescheiterten Versuchen war ebenfalls enorm hoch. 67 Frauen drohten 93mal ernsthaft mit Selbstmord.(28)

Weitere Formen der Gewalt

Zum Mythos der harmonischen Naturvölker gehört in vielen Fällen auch die Unterstellung von Pazifismus und einem generell großen Mitgefühl für alles Lebendige. Wenn jedoch Alte und Kranke gnadenlos zurückgelassen werden, wenn Menschen geopfert werden, um Geister und Dämonen zu vertreiben, wenn Frauen vergewaltigt werden, wenn Kinder gequält und ermordet werden, dann wird es kaum überraschen, bei Naturvölkern auch all die anderen schrecklichen Praktiken zu entdecken, die gerne der modernen Zivilisation zugeschrieben werden.

Die Inuit ermutigten ihre Kinder zum Beispiel, kleine Tiere und Vögel zu Tode zu quälen. Die Erwachsenen wurden oft dabei beobachtet, wie sie tödlich verwundete Tiere verhöhnten und schlugen.(29) Nicht besser erging es ihren eigenen Hunden, die sich beim Ziehen der Schlitten verletzt hatten. Bevor sie zum Sterben zurückgelassen wurden, malträtierte man sie erbarmungslos mit Tritten und Peitschenhieben.(30)

Die Mbuti im Kongo gingen nicht besser mit ihren Hunden um, auf die sie, wie die Inuit, bei der Jagd angewiesen waren. Vom ersten Tag als Welpe bis zum Tod wurden die Hunde ständig getreten. Colin Turnbull war regelrecht entsetzt, als er sah, mit welchem Vergnügen die Mbuti den qualvollen Todeskampf verwundeter Tiere beobachteten.(31)

Die Machiguenga-Indianer im peruanischen Amazonasgebiet rieben ihren Jagdhunden Chili-Schoten in die Schnauze und zwangen sie dann, diese herunterzuschlucken. Und zwar “…eher zum Spaß, den sie daraus bezogen, daß sie zusahen, wie die Tiere aufheulten, wie verrückt umherliefen und sich in Qualen wanden, als zur Vorbereitung auf die Jagd.”(32)

Wie schon bei der Hexenjagd, die in den vorwissenschaftlichen Gesellschaften Europas weitverbreitet war, und die ebenfalls bei vielen Naturvölkern beobachtet werden konnte, so war es auch mit Kriegen und Sklavenhaltung. Die Chumash-Indianer Kaliforniens hatten nicht nur soziale Klassen, die auf einem ausgefeilten Muschelgeldsystem beruhten, sondern auch rechtlose Sklaven. Ebenso die Kwakiutl-Indianer von Vancouver-Island. Bei ihnen machten die Sklaven bis zu 15% der gesamten Bevölkerung aus. Alle Sklaven waren dort das Eigentum der Häuptlinge.

In vielen romantisch verklärenden Darstellungen werden die Häuptlinge primitiver Gesellschaften als weise, gutherzige Anführer portraitiert, denen am Wohl ihrer Untertanen gelegen ist. In Wahrheit beruhten die proto-politischen Systeme vieler Stämme auf brutaler Gewalt, “sie Schreckensregime zu nenne, wäre gar nicht so falsch”.(33) Bemba-Häuptlinge in Simbabwe nahmen an ihren Untertanen z.B. “wüste Verstümmelungen” vor, einfach nur, weil sie das Gefühl hatten, verbal beleidigt worden zu sein.(34) Unter der Führung des berühmten Shaka zeigten die mächtigen Zulu-Armeen keine Gnade mit unterlegenen Stämmen. Sie töteten Frauen und Kinder ohne Rücksicht. So zogen die Zulu 1826 gegen die Ndwandwe in den Krieg. Nach nur eineinhalb Stunden war das Gemetzel vorbei. 40.000 Männer, Frauen und Kinder waren abgeschlachtet worden. Umliegende Stämme flohen in Todesangst und so gab es weite Landstriche um das Zulureich, die völlig entvölkert waren.

Shaka benutzte brutalsten Terror auch gegen die eigene Bevölkerung. Seine Henker folgten ihm überall hin und er brauchte nur einen Finger krumm zu machen, um jemanden zum Tode zu verurteilen. Dem Opfer wurde der Schädel eingeschlagen oder das Genick gebrochen. Dann schlugen die Soldaten wie verrückt auf den Körper ein und was übrigbliebt, spießten sie auf einen Pfahl auf, der durch den Anus getrieben wurde.(35) Ein westlicher Beobachter wurde Zeuge, wie Shaka sechs Kinder, die noch keine zwölf Jahre alt waren, hinrichten ließ. Diese Greueltaten waren eine tägliche Praxis am Hof Shakas.(36)

Nachdem seine Mutter gestorben war, erließ Shaka Befehle, die zum Tod von etwa 7000 Menschen führten. Nicht nur wurden zehn Mägde der Mutter lebendig mit dem Leichnam begraben. Shaka ließ auch alle Schwangeren des Königreichs töten. Nach all dem Morden verkündete er eine Fastenzeit im Andenken an seine Mutter. Für ein Vierteljahr durfte weder Getreide geerntet, noch Milch getrunken werden, noch durfte irgend jemand Sex haben. Diese Anweisungen führten schließlich zur Rebellion der Zulu, die die zehnjährige Terrorherrschaft Shakas beendete.

Gerade in Afrika kam es im 19. und 20. Jahrhundert zu großem Blutvergießen. Daran waren die europäischen Kolonialtruppen natürlich alles andere als unschuldig. Aber auch der Aberglaube vieler Naturvölker und das blinde Vertrauen auf selbsternannte Propheten erwiesen sich in vielen Fällen als fatal. 1905 kam es in Tansania zum sogenannten Maji-Maji-Aufstand (Suaheli für “Wasser, Wasser”) der ansässigen Stämme gegen die rücksichtslosen deutschen Kolonialtruppen. Ein Prophet hatte verkündet, die Kugeln der Deutschen würden sich vor dem Aufprall in Wasser verwandeln. Im festen Glauben an die Richtigkeit dieser Prophezeiung kamen Abertausende von Kriegern im Maschinengewehrfeuer der Deutschen um.(37)

Kriege waren nicht nur bei großen Stämmen wie den Zulu verbreitet. Auch kleine Gesellschaften führten mitunter durchgängig Krieg gegen ihre Nachbarn. Die Mae Enge in Papua-Neuguinea befanden sich in einem Dauerzustand des Kriegs um Ackerland mit ihren Nachbarn. 25% aller Todesfälle der männlichen Bevölkerung waren direkte Folge der Kriegshandlungen. Zusätzlich herrschte ein Klima ständiger Angst vor erneuten Angriffen.

Als der angesehene Sozialanthropologe Edward E. Evans-Pritchard 1940 die Nuer im Sudan beschrieb, stellte er fest, daß sie keinerlei soziale Mittel entwickelt hatten, um Streitereien friedlich beizulegen. Laut Evans-Pritchard sagten die Nuer selbst, daß “eine Fehde niemals ende”.(38) Ständige Vergeltungen bis hin zum Mord waren normal.

Die Tonkawa in Texas waren, wie viele amerikanische Indianerstämme, Kannibalen. Ihr Appetit auf Menschenfleisch war so groß, daß sich sechs terrorisierte Nachbarstämme, die eigentlich nichts miteinander zu tun hatten, allein durch ihren Haß auf die Tonkawa vereinten, und 1862 die Hälfte der Tonkawa töteten.

Azteken

Und über den weitverbreiteten Kannibalismus kommen wir zu den Azteken Mittelamerikas, denen in Neil Youngs Song all die harmonischen Mythen angedichtet werden, die sich seit Jahrhunderten hartnäckig in der westlichen Gesellschaft halten. In Wahrheit waren die Azteken ein zutiefst grausames Volk mit einigen der widerlichsten Praktiken, die es je in menschlichen Gesellschaften gegeben hat. Das Reich war eine Theokratie, mit einem all-mächtigen Gottkönig an der Spitze und einer kleinen Elite aus Priestern und Generälen darunter. Durch ständige Überfälle auf benachbarte Gesellschaften und daraus resultierende Tributzahlungen und Plünderungen häufte die Militärelite eine große Menge Reichtum an, die jedoch nicht mit der allgemeinen Bevölkerung geteilt wurde. In dieser Praxis unterschieden sich die Azteken natürlich nicht von vielen anderen Gesellschaften aller Zeiten.

Was die Azteken einzigartig machte, war ihr unersättlicher Hunger auf Menschenfleisch. Es wird geschätzt, daß zwischen 15.000 und 250.000 Menschen jährlich im “kannibalistischen Königreich”(39) der Azteken ermordet wurden, indem ihnen die Priester bei lebendigem Leibe das Herz aus der Brust rissen. Man kann von einer richtigen Industrie des Menschenmordens sprechen. Edgerton beschreibt den Ablauf in seinem Buch folgendermaßen: “Die Leichname der Geopferten wurden die Tempelstufen hinabgerollt (die wahrscheinlich so steil waren, um diesen Vorgang zu ermöglichen), wo sie von Männern in Empfang genommen wurden, die sie so geschickt und leidenschaftslos zerlegten, wie jeder Schlachter es mit einer Rinderhälfte tun würde, ehe die verschiedenen Teile davongetragen, gewürzt, gekocht und mit großem Genuß verspeist wurden. Das Verlangen nach Menschenfleisch war so groß, daß viele Kriege aus keinem anderen Grund geführt wurden als dem, Gefangene zu machen, und im Grunde führte man ununterbrochen militärische Einsätze gegen benachbarte Gesellschaften durch.”(40) Darüber hinaus wurden gefangene Kinder nicht selten in Käfige gesperrt und dort einem erbärmlichen Hungertod überlassen.

Die Ruinen der Pyramidentempel, die heute als Touristenmagnete dienen, sind steingewordene Zeugnisse eines grausamen und aggressiven Naturvolkes, das seine Größe nur dadurch erreichen konnte, daß es die Angehörigen von Nachbarvölkern zu Tausenden ermordete und als Nahrung benutzte. Cortés, der mit nur 500 Männern in Mexiko gelandet war, hätte die Azteken niemals besiegen können, wenn sich die umliegenden Stämme, die so schrecklich von den Azteken tyrannisiert worden waren, nicht mit größter Bereitwilligkeit am Kampf gegen dieses blutrünstige Volk beteiligt hätten.

Die völlig realitätsferne, romantische Verklärung, die in Songs wie “Cortez the Killer”, in Filmen wie “Avatar” oder “Der mit dem Wolf tanzt”, in allen möglichen esoterischen Kreisen und bei vielen Umweltaktivisten zu entdeckten ist, zeigt deutlich, wie weit der Kulturrelativismus fortgeschritten ist. Die eigene Kultur wird als schlimmstes Übel angesehen, während die horrenden Zustände in anderen Gesellschaften ausgeblendet werden. Zum einen behindert eine solche Haltung die Verbreitung positiver Errungenschaften der westlichen Welt, wie Rationalität, Individuation und Wissenschaft. Zum anderen macht sie aber auch blind für die wahren Wurzeln der Probleme der eigenen Kultur.

Die hier vorgestellten Beispiele treffen natürlich nicht alle auf alle Gesellschaften zu. Ein bestimmtes Naturvolk mag weitaus friedliebender sein als ein anderes. Aber alle haben mit sozialen Konflikten zu kämpfen, die denen der westlichen Zivilisation in nichts nachstehen. Im Gegenteil, in den meisten Fällen sind Mord- und Vergewaltigungsraten viel höher als im Westen, sind massive Depressionen bis hin zum Selbstmord keine Seltenheit. Weder sind die einzelnen Angehörigen von Naturvölkern glücklicher als Menschen im Westen, noch leben sie als Gesellschaften insgesamt harmonischer.


Quellen:

(1) Originaltext von www.lyricsfreak.com; Übersetzung ins Deutsche durch den Autor

(2) Vgl. R. Wockler, Perfectible Apes In Decadent Cultures: Rousseau’s Anthropology Revisited (1978), S.107-134

(3) J. Belo, The Balinese Temper (1935), S.120-146

(4) R. Fox, The Violent Imagination (1990), S.3

(5) B. Malinowski, “Anthropology”-Eintrag in der Encyclopaedia Britannica (1936), S.132

(6) G. P. Murdock, Culture and Society (1965), S.146

(7) R. B. Edgerton, Trügerische Paradiese – Der Mythos von den glücklichen Naturvölkern (1994), Ernst Kabel Verlag

(8) A. R. Holmberg, Nomads of the Long Bow: The Sirionó of Eastern Bolivia (1969), S.160

(9) ibd., S.229

(10) R. B. Edgerton, Trügerische Paradiese (1994), S.16

(11) V. MacLean, Magical Medicine. A Nigerian Case-Study (1971), S.84

(12) R. B. Edgerton, A Traditional African Psychiatrist (1971)

(13) K. Rasmussen, The Netsilik Eskimos (1931)

(14) R. Wirsing, The Health of Traditional Societies and the Effects of Acculturation (1985), S.305

(15) zit. nach Hoebel (1954), S.70

(16) B. M. Knauft, Good Company and Violence: Sorcery and Social Action in a Lowland New Guinea Society (1985)

(17) G. E. Hyde, The Pawnee Indians (1974)

(18) R. B. Edgerton, Trügerische Paradiese, S.154

(19) N. A. Chagnon, Yanomami Warfare, Social Organization and Marriage Alliances (1967), S.53ff

(20) R. Wirsing, The Health of Traditional Societies and the Effects of Acculturation (1985), S.305

(21) P. E. Leis, The Nonfunctional Attributes of Twin Infanticide in the Niger Delta (1965)

(22) R. M. Jones, Why did the Tasmanians Stop Eating Fish? (1978)

(23) P. Freuchen, Der Eskimo (1982), S.97

(24) S. Lindenbaum, Kuru Sorcery: Disease and Danger in the New Guinea Highlands (1979)

(25) T. Gregor, Male Dominance and Sexual Coercion (1990)

(26) R. A. LeVine, Gusii Sex Offenses: A Study in Social Control (1959), S.965-990

(27) R. B. Edgerton, A Traditional African Psychiatrist (1971)

(28) F. P. Poole, Among the Boughs of the Hanging Tree. Male Suicide Among the Bimin-Kuskusmin of Papua New Guinea (1985)

(29) N. H. H. Graburn, Severe Child Abuse Among the Canadian Inuit (1987)

(30) ibd.

(31) C. Turnbull, The Forrest People (1961), S.101

(32) M. Baksh, Cultural Ecology and Change of the Machiguenga Indians of the Peruvian Amazon (1984), S.99

(33) R. B. Edgerton, Trügerische Paradiese, S.123

(34) A. I. Richards, The Political System of the Bemba Tribe – North-eastern Rhodesia (1940)

(35) R. B. Edgerton, Trügerische Paradiese, S.126

(36) N. Isaacs, Travels and Adventures in Eastern Africa Descriptive of the Zoolus, Their Manners, Customs (1970), S.62

(37) J. Iliffe, A Modern History of Tanganyika (1979)

(38) E. E. Evans-Pritchard, The Nuer: A Description of the Modes of Livelihood and Political Institutions of a Nilotic People (1940)

(39) M. Harner, The Ecological Basis for Aztec Sacrifice (1977)

(40) R. B. Edgerton, Trügerische Paradiese, S.126

Angela Merkel besuchte mit Francois Hollande auch den Louvre. Das etwas gewalttätige Bild hat jedoch nichts mit der deutschen Erlaubnis zu tun, dass Frankreich seine Banken künftig mit ESM-Geldern retten darf. (Foto: Prèsidence de la République)

Angela Merkel besuchte mit Francois Hollande auch den Louvre. Das etwas gewalttätige Bild hat jedoch nichts mit der deutschen Erlaubnis zu tun, dass Frankreich seine Banken künftig mit ESM-Geldern retten darf. (Foto: Prèsidence de la République)

Die Kanzlerin und der französische Präsident vereinbarten mit Blick auf den EU-Gipfel Ende Juni in Brüssel gemeinsame Vorschläge für eine Vertiefung der europäischen Wirtschafts- und Währungsunion. In einem neunseitigen Papier wurden die Ergebnisse der Gespräche danach bekanntgegeben. Es ist das erste Mal seit  Hollandes Amtsbeginn im vergangenen Jahr, dass die beiden Regierungschefs solche detaillierten Vorschläge für einen EU-Gipfel ausarbeiten.

Sie stellen sich darin gegen die Pläne der EU-Kommission und der EZB, die Zuständigkeit für Bankenrettungen in die Hände der EZB zu geben. Merkel und Hollande fordern: Banken-Bailouts in der Eurozone sollen zumindest vorläufig in der Zuständigkeit der nationalen Bankenbehörden bleiben.

Geht es nach Merkel und Hollande, wird dazu ein „gemeinsamer Ausschuss unter Beteiligung der nationalen Behörden“ eingeführt, berichtet die FT. Die Abwicklung von Banken durch ein solches Gremium wäre weniger weitreichend als ursprünglich im Rahmen der Bankenunion geplant. Die EZB wollte im Zuge der Einführung einer europaweiten Bankenaufsicht auch die Mechanismen zum Beschluss von Rettungsmaßnahmen zentralisieren.

Die Verlagerung der Banken-Bailouts auf den nationalen Level hat einen handfesten Hintergrund: Deutschland und Frankreich vereinbarten nämlich auch, den 500 Milliarden Euro schweren Rettungsfonds ESM für die nationalen Regierungen zugänglich zu machen. Die EU-Staaten hätten damit künftig Zugriff  auf die ESM-Gelder, wenn sie nicht mehr in der Lage sind ihre Banken aus eigener Kraft zu sanieren.

Die „direke Rekapitalisierung“ – bei der die Rettungsgelder den Banken direkt zugewiesen werden – hingegen wollen Merkel und Hollande um mehrere Monate verschieben. Eigentlich sollte beim EU-Gipfel im Juni ein entsprechendes Rechtsrahmen geschaffen werden. Damit wäre der Zugriff auf deutsche Steuergelder zur Bankenrettung noch vor dem Sommer beschlossene Sache gewesen (hier).

Damit haben die beiden größten Euro-Länder eine weitreichende Entscheidung getroffen: Denn bisher waren Banken-Rettungen aus dem ESM ein absolutes Tabu für Deutschland. Merkel und Schäuble hatten von Anbeginn des ESM beteuert, dass die deutschen Steuergelder im ESM nicht zur Bankenrettung verwendet werden dürften.

Einen ersten Sündenfall gab es mit Spanien: Madrid erhielt 80 Milliarden, um seine Banken zu retten. Allerdings wurde das Geld an Spanien überwiesen, und nicht an die Banken direkt. Neu an der Spanien-Rettung: Anders als in den kleinen Ländern wurden die Men in Black (Troika) nicht nach Madrid entsandt, um mit der Rettung verbundene Spar-Maßnahmen zu kontrollieren.

Merkel will die direkte Banken-Rettung erst nach der Bundestags-Wahl weiter betreiben. Sie fürchtet, dass das Thema in Deutschland den einen oder anderen stören könnte. Mit der Zwischenschaltung des ESM ist dagegen ein dezenter erster Schritt gesetzt, gegen den es, so hofft die Kanzlerin, in Deutschland nicht allzu viel Widerstand geben dürfte.

Hollande wollte eigentlich auch ein eigenes Eurozonen-Budget und eine europäische Arbeitslosenversicherung. Stattdessen soll jetzt ein „Spezialfonds“ kommen, den nur jene Länder in Anspruch nehmen können, die sich zu strengen Reformen bereit erklären. Diese Reformen wären Teil der geplanten „vertraglichen Vorkehrungen“ zwischen den nationalen Regierungen und Brüssel. Die Bundesregierung wollte diese Maßnahmen schon länger. Bisher gab es solche Verträge zur Umsetzung der Spar-Agenda nur mit den Bailout-Staaten.

Zu teuer: Belgien schaltet ARD und ZDF ab

On June 1, 2013, in Endzeit, by admin
Der letzte Tatort lief in Belgien am 12. Mai. Auch die Nachrichten des deutschen Staatsfernsehens sind in Brüssel nun nicht mehr zu empfangen.

Der letzte Tatort lief in Belgien am 12. Mai. Auch die Nachrichten des deutschen Staatsfernsehens sind in Brüssel nun nicht mehr zu empfangen.

Die Öffentlich-Rechtlichen verlangen eine Verdoppelung der Einspeisegebühr. Daher hat Belgiens größter Fernsehanbieter ARD und ZDF aus dem Programm genommen. An ihre Stelle treten nun RTL, SAT1 und Pro7.

Seit dem 14. Mai speist der größte belgische Fernsehanbieter Belgacom ARD und ZDF nicht mehr ins Netz ein. Stattdessen werden nun die privaten Sender RTL, SAT1 und Pro7 gesendet, berichtet Astel. Denn die Öffentlich-Rechtlichen verlangen die Verdoppelung der Einspeisegebühr auf eine Million Euro im Jahr. Das war Belgacom zu viel.

Von der Änderung der Programmauswahl sind neben den 75.000 deutschsprachigen Belgiern circa 40.000 deutsche Diplomaten und Lobbyisten in Brüssel betroffen. Dort befinden sich die EU-Institutionen und das Nato-Hauptquartier. Eine Onlinepetition gegen die Abschaltung von ARD und ZDF scheint im Hinblick auf diese Klientel eigentlich unnötig. Sie hat bereits über 3.700 Unterschriften gefunden.

Kanzlerin Merkel hat bereits versprochen, sich beim belgischen Premier Elio Di Rupo für eine Ausstrahlung von ARD und ZDF starkzumachen, berichtet der Tagesspiegel. Der FDP-Bundestagsabgeordnete Oliver Luksic schrieb an Di Rupo: „Für die engen freundschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Belgien wäre eine Einigung in dieser Sache ein positives Signal.

Beim Spanienurlaub sollte man sich nicht auf seine Europäische Versichertenkarte verlassen. Sonst kann ein Sportunfall sehr teuer werden. (Foto: Flickr/surfglassy)

Beim Spanienurlaub sollte man sich nicht auf seine Europäische Versichertenkarte verlassen. Sonst kann ein Sportunfall sehr teuer werden. (Foto: Flickr/surfglassy)

Spanische Krankenhäuser erkennen häufig die Europäische Krankenversicherungskarte (EKVK) nicht an. Stattdessen müssen Touristen für die Notbehandlungen immer öfter selbst bezahlen. Nun hat die EU-Kommission von Spanien eine Erklärung gefordert. Die deutschen Krankenkassen haben sich längst auf das Problem eingestellt.

Man sei besorgt darüber, dass Spanien womöglich seinen EU-rechtlichen Verpflichtungen nicht nachkomme, so die EU-Kommission in einer Pressemitteilung. Spanien müsse Personen aus anderen EU-Mitgliedstaaten, die sich vorübergehend im Land aufhalten, im medizinischen Notfall die gleiche Versorgung zukommen lassen wie den Einheimischen.

Der Techniker Krankenkasse sind diese Probleme seit Jahren bekannt. Nicht nur spanische, sondern auch Krankenhäuser anderer EU-Mitgliedstaaten lehnten die EKVK ab. Sie ist dazu übergegangen, mit den europäischen Krankenhäusern Direktvereinbarungen zu treffen. „Die Europäische Versicherungskarte wird dann gar nicht benötigt“, sagte TK-Sprecher Hermann Bärenfänger den Deutschen Wirtschafts Nachrichten.

Die Versicherten sollten die Hotline anrufen, die auf ihrer Krankenkarte steht. Dann würden sie an ein nahegelegenes Krankenhaus vermittelt, bei dem es keine Probleme gibt. Zudem zeigte Bärenfänger Verständnis für die spanischen Krankenhäuser. Zahlungen über das EU-System könnten lange dauern. Die Krankenhäuser wollten einfach nicht so lange auf ihr Geld warten.

Die EKVK soll eigentlich ihren Inhaber berechtigen, während des Aufenthalts in einem EU-Land, der Schweiz, Liechtenstein, Norwegen und Island Leistungen der medizinischen Notfallhilfe in Anspruch zu nehmen. Dies gilt für alle Personen, die in einem der genannten Länder in der öffentlichen Krankenversicherung versichert sind.

Die Kommission reagierte auf die Beschwerden über Spaniens Krankenhäuser nun zunächst mit einem Auskunftsersuchen. Spanien muss innerhalb von zwei Monaten darauf antworten. Dies ist die erste Stufe eines EU-Vertragsverletzungsverfahrens.

Leistungen der öffentlichen Gesundheitsversorgung sind in Spanien in der Regel kostenlos. Die EKVK verleiht ihrem Inhaber Anspruch auf die gleiche Behandlung, die spanische Staatsangehörige erhalten. Doch in mehreren Fällen erhielten EU-Bürger die falsche Auskunft, dass ihre EKVK nicht gültig sei, wenn sie eine Reiseversicherung abgeschlossen hätten.

Andere Patienten nahmen an, sie seien auf der Grundlage ihrer EKVK behandelt worden. Später fanden sie jedoch heraus, dass die Behandlung ihrer Reiseversicherung in Rechnung gestellt worden war. Doch die Reiseversicherungen decken in den meisten Fällen keine privaten Behandlungen ab. Daher bleiben Patienten immer häufiger auf den Rechnungen sitzen, die sie bei einem medizinischen Notfall vor Ort sofort in Bar oder per Kreditkarte zahlen mussten.

Das Warten auf russische Jets hat sich gelohnt (Foto: Flickr/Ronnie MacDonald).

Das Warten auf russische Jets hat sich gelohnt (Foto: Flickr/Ronnie MacDonald).

Moskau lässt Damaskus weiterhin massive militärische Hilfen zukommen. Etwa zehn Kampfflugzeuge vom Typ Mig-29MM2 sollen schon bald in Syrien ankommen. Damit erfülle Russland seine Verpflichtungen aus zuvor abgeschlossenen Verträgen, berichtet CBS.

Der Lagerbestand der syrischen Luftwaffe umfasst aktuell 159 Mig-21 Fishbed H/J und 60 Mig-23 BN. Bis zum Jahr 2015 sollen weitere 24 Mig-29 SMT Jets dazu kommen. Des Weiteren verfügt Syrien über 41 Mig-29 Fulcrum A, 30 Mig-25, 80 Mig-23 MLD, 8 Mig-25 R. Des Weiteren sind 50 Su-22 und 20 Su-24 vorhanden, berichtet das US-Think Tank Globalsecurity. Die Mig-29 MM2 gilt als besondern schlagkräftig.

Zuvor hatte Russland eine erste Lieferung des russischen Flugabwehrraketen-Systems S-300 an Syrien geliefert (mehr hier). „Das militärische Kräfteverhältnis hat sich jetzt komplett zugunsten der Armee verschoben“, zitiert n-tv den syrischen Präsidenten Assad, der darauf hofft, die Rebellen in die Ecke zu drängen.

Russland hatte vor der Lieferung eine S-300-Militärübung auf dem Truppenübungsplatz Aschuluk durchgeführt und einen „massiven Luftangriff“ abwehren können. Moskau wollte damit die Fähigkeiten seines S-300 Arsenals demonstrieren:

Langsam ziehen die Preise in Japan an. Energie, Lebensmittel und nun Apple. (Foto: Flickr/jam_232)

Langsam ziehen die Preise in Japan an. Energie, Lebensmittel und nun Apple. (Foto: Flickr/jam_232)

Apple hat seine Preise in Japan massiv angehoben. Aufgrund des schwachen Yen sind Importe deutlich teurer geworden. Die Löhne für die Japaner sind allerdings kaum gestiegen.

Das iPad Wi-Fi mit 16 Gigabyte Speicher hat in Japan bisher 42.800 Yen (325 Euro) gekostet. Nun wurde der Preis auf 49.800 Yen erhöht, berichtet Bloomberg. Das ist ein Preisanstieg um 16,4 Prozent. Für einen iPod zahlt man nun 4.800 Yen statt wie bisher 4.200 Yen. „Wir haben einige Preisanpassungen vorgenommen aufgrund der Wechselkurse“, sagte Apple-Sprecher Takashi Takabayashi.

Auch die Elektronik-Hersteller Fujitsu und Toshiba haben Preiserhöhungen in Japan angekündigt. Im April lag die offizielle Inflationsrate noch bei nur 0,4 Prozent. Im vergangenen Jahr war die Rate sogar dauerhaft unter null. Dies könnte sich nun ändern. Vor allem Importe sind für die Japaner wegen des schwächeren Yen deutlich teurer geworden. Dies macht sich vor allem bei den Energiekosten bemerkbar. Trotz der höheren Lebenserhaltungskosten sind die Löhne in Japan kaum gestiegen.

Der Kurs des Yen gegenüber dem Dollar ist in den letzten Monaten massiv gefallen. Denn die japanische Zentralbank druckt extrem viel Geld. Relativ zur Größe der Wirtschaft des Landes druckt Japan derzeit mehr Geld als alle anderen großen Zentralbanken. Damit hat Japan den größten Währungskrieg seit hundert Jahren begonnen (mehr hier).

In der Türkei ist es am Freitagabend zu schweren Auseinandersetzungen der Polizei mit Demonstranten gekommen. In Istanbul demonstrierten mehrere tausend Menschen gegen die Abholzung von Bäumen im Gezi-Park in Istanbul. Die Bäume sollen einem neuen Einkaufszentrum weichen. Die Polizei ging erneut mit Tränengas und Wasserwerfern gegen die Demonstranten vor. Zwölf Menschen sollen verletzt worden sein, berichten türkische Medien.

Die Vorfälle am Gezi-Park haben zu landesweiten Solidaritätskundgebungen geführt, berichtet die Nachrichtenagentur Ihlas. In allen Großstädten der Türkei gingen die Menschen auf die Straße, um den Gezi-Park-Demonstranten ihre vollste Unterstützung zu beweisen. Die Polizei hatte Wasserwerfer und Tränengas gegen die Demonstranten eingesetzt. Menschrechtsorganisationen sprachen von einem unverhältnismäßigen Einsatz der Polizei.

Die Proteste in Istanbul, Ankara und anderen Städten richteten sich daraufhin gegen die Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan.

Die Fan-Clubs der Istanbuler Fußball-Vereine haben sich der Demonstration gegen die „Umgestaltung“ des Gezi-Parks angeschlossen. Der Fenerbahçe-Fanclub „Vamos Bien“, der Beşiktaş-Fanclub „Çarşı“ und der Galatasaray-Fanclub „UltrAslan“ wollen sich mit allen Mitteln gegen die Abholzungspläne in Szene setzen, berichtet die Zeitung Hürriyet.

Die Situation könnte sich dadurch weiter zuspitzen. Denn die Fans der drei Istanbuler Traditionsvereine waren schon in der Vergangenheit mehrmals in Zusammenstöße mit Polizisten verwickelt.

In Ankara versuchten Demonstranten, zum Gebäude der Regierungspartei AKP vorzudringen. Auch dort ging die Polizei mit großer Härte vor.

Offenbar wenden sich auch türkische Militärbeamte gegen die Maßnahmen, die die Polizei gegen die Demonstranten ergreift. Sanitäter und Soldaten des „Gümüşsuyu Militärkrankenhauses“ sollen Gasmasken an die Demonstranten am Gezi-Park verteilt haben, berichtet die Sportzeitung Fanatik.
Es soll auch zu einem Zwischenfall zwischen Polizisten und dem Wachpersonal des Militärkrankenhauses gekommen sein. Ein Polizist habe die Auflösung der Barrikaden vor dem „Gümüşsuyu Militärkrankenhaus“ verlangt. Dieser Forderung sei das Wachpersonal allerdings nicht nachgekommen.

„Das nächste Mal werde ich auch hier eine Tränengasbombe platzieren“, soll der Polizeibeamte anschließend gesagt haben, berichtet CNN Turk. Woraufhin der Soldat geantwortet haben soll: „Wenn ihr anfängt uns mit Tränengasbomben zu bewerfen, dann werden wir andere Sachen zurückwerfen müssen“.

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