Koblenz (PAZ) – Wegen des Betriebs eines rechtsextrem ausgerichteten Internetradios hat die Staatsanwaltschaft Koblenz gegen weitere zwölf deutsche Staatsangehörige im Alter zwischen 20 und 42 Jahren Anklage erhoben.

Bereits im April waren 18 Personen wegen Aktivitäten für das „Widerstandradio“ zu Gefängnisstrafen von teils mehreren Jahren verurteilt worden. Den nun Angeklagten aus mehreren Bundesländern wird unter anderem die Bildung beziehungsweise Unterstützung einer kriminellen Vereinigung sowie Volksverhetzung vorgeworfen. Sie sind verdächtig, Sendungen moderiert zu haben. Eine 28 Jahre alte Hausfrau aus Baden-Württemberg soll Rädelsführerin und Gründungsmitglied des Internetradios gewesen sein, das ab spätestens Juli 2009 seinen Sendebetrieb für einige Monate aufnahm, wie die Staatsanwaltschaft mitteilte. Acht der im April Verurteilten haben gegen ihre Urteile Revision eingelegt. Der Bundesgerichtshof hat noch nicht entschieden.

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(127)

München (KN)-  Beim Münchner städtischen Amt „für Wohnen und Migration“ ist man verzweifelt. Aber nicht etwa, weil es in München für Einheimische immer schwerer wird, erschwinglichen Wohnraum zu finden – sondern weil der Stadt die Pensionsplätze und Notunterkünfte für Asylanten und Flüchtlinge ausgehen.

Das Wohnungsamt sucht deshalb händeringend die Unterstützung von Maklern. Mehr noch: im Rahmen eines eigenen Hilfsprogramms sollen künftig nach Auskunft von Wohnungsamtschef Stummvoll Sozialpädagogen gezielt Flüchtlinge zu Maklern, Vermietern und Wohnungsbesichtigungen begleiten, um ihre Chancen zu vergrößern – ein Service, von dem einheimische Münchner Wohnungssuchende nur träumen können. Jährliche Kosten des Projekts: 115.000 Euro.

Aber auch die völlig unangemessene Unterbringung von Flüchtlingen und Asylbewerbern in eigens angemieteten Pensionen ist teuer: ein einziger Pensionsplatz kostet den Steuerzahler im Schnitt 10.058,- Euro im Jahr. Mit Stand vom Mai 2011 waren in München insgesamt 1990 Flüchtlinge in Pensionen untergebracht, viele davon mit Bleiberecht. Kosten für den Steuerzahler: 20,015 Mio. Euro in einem einzigen Jahr.

Die Bürgerinitiative Ausländerstopp (BIA) im Münchner Rathaus hält diese Kosten für untragbar. BIA-Stadtrat Richter (Bild) hat deshalb heute einen Antrag im Rathaus eingebracht, in dem die Wiedereinführung preiswerter Containerunterkünfte für Flüchtlinge und Asylbewerber gefordert wird; auch solle die Stadt unverzüglich ihre privilegierte Unterstützung für Flüchtlinge einstellen. In der Antragsbegründung heißt es u.a.: Containerunterkünfte „wurden früher nicht als unzumutbar empfunden und sind es heute ebensowenig. Auch Bauarbeitern und Münchner Krankenhauspersonal werden Containerunterkünfte zugemutet.“ Es sei „nicht einzusehen, warum ausländische Flüchtlingsfamilien partout besser gestellt werden sollten. (…) Im übrigen hat der Bayerische Landtag erst im März 2009 einen Antrag auf pauschale ´Schließung der Containerunterkünfte für Asylbewerberinnen, Asylbewerber und Flüchtlinge´ abgelehnt. Etwaige Einwendungen des UN-Menschenrechtskommissariats oder vergleichbarer Institutionen kann die Stadt München mithin getrost ignorieren.“

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(219)

Berlin (PAZ) – Den großen Auftritt von Kanzlerin Angela Merkel und ihrem damaligen sozialdemokratischen Finanzminister Peer Steinbrück im Herbst 2008 hat niemand vergessen: Die Bundesregierung stehe für die Sparguthaben aller Deutschen in voller Höhe ein, niemand müsse sich davor ängstigen, sein Geld zu verlieren.

Der Auftritt hatte Erfolg: Der befürchtete Ansturm auf die Banken blieb aus. Wären die Deutschen tatsächlich losgerannt, um ihre Konten abzuräumen, wäre das Bankensystem über Nacht kollabiert.

Dabei war das Versprechen ein gigantischer Bluff: Anfang 2011 gab Steinbrück zu, dass er bis heute nicht wisse, auf welcher rechtlichen Grundlage die Kanzlerin und er 2008 eigentlich gehandelt hätten. Und die finanziellen Mittel, sämtliche Sparguthaben der Deutschen zu erstatten, hatte Berlin weder damals noch sonst irgendwann. Dennoch blieb die Botschaft hängen: Die Regierung stellt sich schützend vor die Bürger, die Opfer skruppelloser „Spekulanten“ zu werden drohten.

Nun ist die Verunsicherung von 2008 zurückgekehrt, Beobachter sprechen bereits von „Panik“. Und wieder präsentieren sich die Regierungen als Beschützer der kleinen Leute, der Sparer zumal. Doch heute, nach drei Jahren, in denen eine ganze Palette rechtskräftiger Verträge im und zum Euro-Raum von der Politik verletzt und fundamentale Versprechen gebrochen wurden, fände ein neuerliches Versprechen à la 2008 wohl kaum noch die gleiche warme Aufnahme im Volk wie seinerzeit.

Das gewachsene Misstrauen wird beflügelt durch eine grundlegende Frage: Stimmt es überhaupt, dass verschuldete Staaten und sparende Bürger wirklich in einem Boot sitzen, dass sie die gleichen Interessen verfolgen?

Einerseits schon: Beide haben ein Interesse an einer gut laufenden Wirtschaft. Der Staat, weil er dann mehr Steuern einnehmen kann und die Altschulden im Verhältnis zu einem wachsenden Bruttoinlandsprodukt an Gewicht verlieren (Schuldenquote gemessen am Bruttoinlandsprodukt). Die Bürger, weil eine gute Konjunktur mehr Arbeit und höhere Löhne in Aussicht stellt.

Hier endet aber auch schon die Übereinstimmung. Tief in den roten Zahlen, muss dem Staat daran gelegen sein, seine Last zu verringern. Ab einer bestimmten Schuldenhöhe ist es jedoch kaum mehr möglich, diese Last allein durch Einnahmeerhöhungen oder Ausgabenkürzungen abzubauen. In dieser Dimension sind nahezu alle westlichen Länder gelandet.

Hier kann es dem Staat nur noch darum gehen, den realen Wert seiner Schulden zu reduzieren. Dies geschieht durch Geldentwertung. Dabei ist nicht allein die nackte Inflationsrate entscheidend, sondern das Verhältnis von Inflationsrate und Zinsniveau, der sogenannte „Realzins“. Ist die Inflationsrate höher als der Zins, den der Staat für seine Schulden zahlen muss, schrumpft der reale Wert der Schulden mit der Zeit ganz von selbst.

Erstmals seit 50 Jahren, so gaben die Statistiker jetzt bekannt, wurde in Deutschland dieser Zustand erreicht: Berlin zahlt für seine auf zehn Jahre laufenden Schuldpapiere weniger als die Inflationsrate.

Was für den verschuldeten Staat jedoch Entlastung bedeutet, heißt für den sparenden Bürger schleichende Enteignung. Der Begriff des Sparers ist dabei weit zu fassen: Es geht um Inhaber gewöhnlicher Sparkonten ebenso wie die von Lebensversicherungen oder Bausparverträgen, von Betriebs- und Riesterrenten. Überall spüren die Bürger, wie ihre Erträge auf real nahezu null und bald vielleicht sogar darunter fallen.

Einst hatten sie in solchen Lagen einen mächtigen Schutzherrn, der sich der schleichenden Enteignung durch den Schuldenstaat entgegenstellte: die Bundesbank. Im Falle von Inflation setzte sie die Zinsen herauf. Das hatte zweierlei zur Folge: Die Leute legten ihr Geld wegen lukrativer Renditen vermehrt zurück, was die Währung stabilisierte und die Inflation wieder dämpfte. Und solange die Inflation anhielt, konnte sie den Sparern nichts anhaben, weil der Zins immer höher war als die Inflation, womit der wahre Wert ihres Guthabens erhalten blieb.

Die Bundesbank war allein der Aufrechterhaltung der Geldwertstabilität verpflichtet, mit den Folgen seines Finanzgebahrens muss­te der Staat allein klarkommen. So kümmerte es die Bundesbank nicht, als sie Anfang der 80er-Jahre die ohnehin gewaltigen Finanzprobleme der untergehenden SPD/FDP-Koalition noch dadurch verschärfte, dass sie den Leitzinssatz kräftig nach oben setzte: Die Inflation war in Folge des zweiten Ölpreisschocks 1980 in die Höhe geschnellt, die Menschen flüchteten (wie heute) massenhaft weg vom Papiergeld ins Gold. Um die Stabilität des Geldes und der Guthaben der Deutschen zu sichern, tat die Bundesbank daher das, was nötig war: Zinsen kräftig rauf.

Ganz anders heute: Der EZB-Leitzinssatz ist (auch aus Rück­sicht auf die schwächelnden Randländer des Euro) viel zu niedrig für die Inflation in Deutschland. Zudem gefährdet die EZB die Geldwertstabilität noch dadurch, dass sie Anleihen von Schuldenstaaten zu Dumpingzinsen aufkauft, also weit weniger Zinsen für die Anleihen verlangt, als es laut Markt eigentlich angezeigt wäre. Damit schöpft die EZB Geld aus dem Nichts ohne entsprechenden realen Gegenwert – ein sicherer Antreiber von Inflation.

EZB-Präsident Jean-Claude Trichet versucht dem Publikum derweil weiszumachen, dass er die Interessen beider Seiten gleichermaßen vertritt: Er helfe den Staaten bei der Bewältigung ihrer Schuldenmisere und halte dennoch den Euro im Interesse der Sparer „hart wie die Mark“. Er tritt damit auf wie ein Anwalt, der schwört, die Interessen zweier streitender Parteien vor Gericht gleichzeitig zu vertreten.

In so einer Konstellation ist eine der Parteien notwendigerweise die Betrogene. In einem Rechtsstaat wird dies daher als „Parteiverrat“ verurteilt und streng bestraft. Angesichts der Euro-Schuldenkrise aber sollen die Bürger dies für verantwortliches Handeln zu ihrem eigenen Besten halten.

Trichet behauptet tatsächlich nach wie vor, dass die direkte Subventionierung von Schuldenstaaten durch „Gelddrucken“ (nach Griechenland, Portugal und Irland kommen ab sofort auch die Schwergewichte Italien und Spanien in diesen Genuss) keine negativen Auswirkungen auf die Werthaltigkeit von Sparergeld entfaltet. Kaum zu glauben, dass der Franzose das ernst meint. Doch wie sagte der Chef der Euro-Gruppe, der luxemburgische Ministerpräsident Jean-Claude Juncker: „Wenn es ernst wird, müssen wir eben lügen.“

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(137)

BIELEFELD (JF)  Die überwiegende Mehrheit der Deutschen lehnt die Einführung von gemeinsamen europäischen Staatsanleihen ab. Dies geht aus einer am Donnerstag veröffentlichten Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Emnid im Auftrag des Nachrichtensender N24 hervor.

Demnach sprachen sich 76 Prozent gegen und 15 Prozent für sogenannte Euro-Bonds aus. 37 Prozent glauben, daß Deutschland nach einer Wiedereinführung der D-Mark finanziell besser dastehen würde. Etwa 50 Prozent gaben an, in der Euro-Krise kein Vertrauen in die Fähigkeiten der Bundesregierung zu haben.

 Ifo-Institut warnt vor Euro-Bonds

Bereits am Mittwoch hatte das Institut für Wirtschaftsforschung der Universität München nachdrücklich von der Einführung von Euro-Bonds abgeraten. Selbst wenn Europa „die Kraft fände, einen Bundesstaat zu bilden“, wäre es nicht sinnvoll die Staatsschulden der Euro-Länder zu vergemeinschaften, teilte das Institut mit.

Während besonders finanzschwache Länder von gemeinsamen Staatsanleihen profitieren würden, müßte beispielsweise Deutschland künftig deutlich höhere Zinsen zahlen.

 

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(127)

BERLIN (JF) –  Der innenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Dieter Wiefelspütz, hat angesichts der neuerlichen Brandserie in Berlin vor dem Aufkommen eines neuen Terrorismus gewarnt. „Auch die RAF fing mit Brandanschlägen an. Wenn solche Täter das Gefühl haben, sie werden nicht erwischt und wenn, dann nur leicht bestraft, werden sie zu schlimmeren Taten geradezu animiert“, sagte er der BILD.

Der innenpolitische Sprecher der Berliner CDU, Robin Juhnke, kritisierte, die rot-rote Landesregierung habe das „Problem verpennt“. Jetzt sei es schwer, die Brandserie in den Griff zu bekommen.

Polizeigewerkschaften fordern härtere Strafen

Härtere und abschreckende Strafen forderte unterdessen auch der Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt. Es sei nötig, „daß die Gerichte dann, wenn Täter festgenommen werden, mit harten Urteilen auch deutlich machen, daß so etwas kein Kavaliersdelikt ist“, sagte er dem Nachrichtensender n-tv.

Die Gewerkschaft der Polizei verlangte eine Unterstützung der Berliner Polizei durch Beamte aus anderen Bundesländern sowie der Bundespolizei. Der Berliner Landesvorsitzende Michael Purper betonte, dies sei nötig da der Berliner Senat in den vergangenen Jahren mehr als 4.000 Polizeistellen eingespart habe.

 Auch in dieser Nacht brannten wieder Autos

Auch in der vergangenen Nacht brannten in Berlin wieder Autos. Nach Polizeiangaben wurden in den Bezirken Charlottenburg und Lichtenberg neun Fahrzeuge angezündet

 

 

 

 

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LEIPZIG. Das Bundesverwaltungsgericht hat das Aufenthaltsrecht von Ausländern in Deutschland ausgeweitet. Die Richter entschieden am Mittwoch, daß einer Iranerin eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung auch dann erteilt werden muß, wenn diese nicht in der Lage ist, den Lebensunterhalt für ihre Familie aufzubringen.

Die Ausländerin, die im Zuge einer Familienzusammenführung 1996 nach Deutschland kam, lebt seit 1999 mit ihren Kindern vom Ehemann getrennt. Zusätzlich zu ihrem Gehalt als Küchenhelferin erhält die Frau Arbeitslosengeld II. Da die Kinder die deutsche Staatsangehörigkeit hätten, müsse die Mutter jedoch nicht für deren Unterhalt sorgen, argumentierte das Gericht. Die Stadt Frankfurt am Main hatte die Erteilung einer dauerhaften Aufenthaltsgenehmigung zuvor abgelehnt.

Der Integrationspolitische Sprecher der Grünen im Bundestag, Memet Kilic, lobte die Gerichtsentscheidung und forderte eine neue Härtefallregelung, die auch bei ausländischen Kindern greifen müsse.

20 Prozent der Hartz-IV-Empfänger sind Ausländer

Bereits am Dienstag war bekannt geworden, daß der Ausländeranteil unter den Hartz-IV-Empfängern bei mehr als 20 Prozent liegt. An der Gesamtbevölkerung dagegen beträgt er etwa zehn Prozent. Die hohe Arbeitslosigkeit liege vor allem an der schlechten Bildung vieler Einwanderer, teilte die Bundesagentur für Arbeit nach einem Bericht der Bild mit. (ho)

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Um das von Schulden gebeutelte Italien zu sanieren, hat die Berlusconi-Regierung vergangenen Freitag in einer Sondersitzung beschlossen, die Anzahl der italienischen Provinzen drastisch zu verringern, um Geld für die Administration einzusparen. Provinzen die weniger als 300’000 Einwohner haben oder Gemeinden mit weniger als 1’000 Bewohner, sollen mit anderen fusionieren. Berlusconi sagte, damit können 54’000 gewählte Ämter in den Provinzen, Regionen und Städten eingespart werden, was Milliarden bringt.

Nach Bekanntgabe dieser geplanten Massnahme hat sich sofort Widerstand und Protest dagegen gebildet. Es wird sogar von Sezession gesprochen, von einer Ablösung aus Italien. So hat der Präsident der Provinz Sondrio, Maximum Sertori der Lega Nord, vorgeschlagen, ein Volksinitiative zu lancieren, um die Bevölkerung im Veltlin zu fragen, wollt ihr weiter in Italien bleiben oder zur Schweiz gehören?

Der Vorschlag wurde sofort aufgenommen und eine Facebook-Seite mit Namen „Valtellina Libera! Vogliamo essere un Cantone Svizzero“ oder „Freies Veltlin! Wollt ihr zu einem Kanton der Schweiz werden.

Der Gründer der Gruppe schreibt auf der sozialen Netzwerkseite, „Ich glaube, dass die Schweiz nicht viel Widerstand gegen eine Eroberung des Veltlins haben wird.

Mit der Initiative soll die Bevölkerung quasi entscheiden, ob sie eine Auflösung ihrer Provinz Sondrio innerhalb Italien oder ob sie lieber als eigenständiges Gebiet zur Schweiz will.

Wie auf dem Foto zu sehen, zeigen Befürworter der Initiative bereits ein Autokennzeichen des zukünftigen Kantons Veltlin (lach).

Der Bürgermeister von Sondrio, Dr. Alcide Molteni sagte, der Vorschlag ist nicht so absurd: “Unsere Geschichte zeigt, dass in die Schweiz eingebunden ein Antrag auf Autonomie machbar ist. Der Veltlin wurde über zwei Jahrhunderte lang aus Graubünden dominiert.“ (Napoleon Bonaparte hat damals das Veltlin abgetrennt). Molteni meint, es könnte ein Modell sein, den Alpenbogen zu vereinen.

Geschichtlich gesehen haben die drei Urkantone bereits seit 1486 versucht die Kontrolle über das Veltlin zu erlangen. 1512 gelang im Zuge der Mailänderkriege den Eidgenossen die Eroberung der drei Talschaften Chiavenna, Veltlin und Bormio, die in der Folge ein Untertanenland des Freistaates der Drei Bünde bildeten. Dieser war ein zugewandter Ort der alten Eidgenossenschaft.

Die Bündner Herrschaft endete 1797, als Napoleon das Veltlin der neu gegründeten Cisalpinischen Republik zuschlug. Durch den Wiener Kongress wurde 1815 das Veltlin dem neu gegründeten Lombardo-Venetianischen Königreich übertragen, das in Personalunion mit Österreich verbunden war.

Eine Vereinigung des Veltlins mit Graubünden scheiterte an verschiedenen Gründen. Zum einen waren die Grossmächte, insbesondere Österreich, nicht daran interessiert, das strategisch wichtige Gebiet aus den Händen zu geben. Zum anderen konnten sich die Bündner selbst nicht darüber einigen, den Veltlinern anzubieten, als gleichberechtigtes Land in den Kanton Graubünden einzutreten aus Angst, das italienische und katholische Element würde in Graubünden zu mächtig.

Für die Veltliner kam ein Anschluss an die Schweiz aber nur als eigenständiger Kanton oder als gleichberechtigter Teil Graubündens in Frage. Der Verlust des Veltlins wurde in Graubünden noch weit bis ins 20. Jahrhundert beklagt (Wiki).

Interessant wie die Geschichte sich jetzt wiederholt und es Bestrebungen der Veltliner gibt, zur Schweiz zu gehören, um ihre Identität und Eigenständigkeit zu erhalten. Denn Rom will sie auf Grund der Sparmassnahmen wegen der Staatsverschuldung auflösen. Könnte ein Vorbild für andere Regionen rund um die Schweiz sein, die auch mit ihrer Behandlung durch die Zentralregierung unzufrieden sind. Was ist mit euch Baden-Württemberg oder Vorarlberger?

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BIELEFELD. Die überwiegende Mehrheit der Deutschen lehnt die Einführung von gemeinsamen europäischen Staatsanleihen ab. Dies geht aus einer am Donnerstag veröffentlichten Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Emnid im Auftrag des Nachrichtensender N24 hervor.

Demnach sprachen sich 76 Prozent für und 15 Prozent für sogenannte Euro-Bonds aus. 37 Prozent glauben, daß Deutschland nach einer Wiedereinführung der D-Mark finanziell besser dastehen würde. Etwa 50 Prozent gaben an, in der Euro-Krise kein Vertrauen in die Fähigkeiten der Bundesregierung zu haben.

Ifo-Institut warnt vor Euro-Bonds

Bereits am Mittwoch hatte das Institut für Wirtschaftsforschung der Universität München nachdrücklich von der Einführung von Euro-Bonds abgeraten. Selbst wenn Europa „die Kraft fände, einen Bundesstaat zu bilden“, wäre es nicht sinnvoll die Staatsschulden der Euro-Länder zu vergemeinschaften, teilte das Institut mit.

Während besonders finanzschwache Länder von gemeinsamen Staatsanleihen profitieren würden, müßte beispielsweise Deutschland künftig deutlich höhere Zinsen zahlen. (sf)

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35. Jahrestag des „Fanals von Zeitz“

On August 18, 2011, in Junge Freiheit, by admin

ZEITZ. Es ist als das „Fanal von Zeitz“ in die Geschichte eingegangen: Aus Protest gegen die Kirchen- und Jugendpolitik der DDR verbrannte sich der evangelische Pfarrer Oskar Brüsewitz am 18. August 1976 vor der Michaeliskirche in Zeitz in Sachsen-Anhalt. Der Pfarrer hatte sich in seiner Dorfgemeinde in Rippicha immer wieder mit spektakulären Aktionen gegen die atheistische Propaganda der SED sowie gegen eine Anpassungsstrategie der evangelischen Kirche in der DDR gewandt.

So brachte er am Kirchturm ein weithin sichtbares leuchtendes Neon-Kreuz an. Als die Partei 1975 die Parole ausgab „Ohne Gott und Sonnenschein bringen wir die Ernte ein“, konterte Brüsewitz mit der Losung „Ohne Regen, ohne Gott, geht die ganze Welt bankrott“. Dem Ministerium für Staatssicherheit war der missionarisch gesinnte Pfarrer ein Dorn im Auge. Es setzte Dutzende Inoffizielle Mitarbeiter (IM) – auch aus der Kirche – auf ihn an und lancierte Gerüchte, er sei geistesgestört. Nach seinem Fanal distanzierten sich diejenigen Kirchenleiter von ihm, die für eine „Kirche im Sozialismus“ eintraten.

Manfred Stolpe, damals Oberkonsistorialrat in Berlin, fuhr mit Kirchenstaatssekretär Hans Seigewasser nach Magdeburg, um die Leitung der Kirchenprovinz Sachsen auf Solidarität mit dem Staat einzuschwören. Auf Geheiß von Staats- und Parteichef Erich Honecker sollte das Fanal totgeschwiegen werden. Letztlich ist es zwei Pfarrkollegen von Brüsewitz zu verdanken, dass die Welt doch davon erfuhr – einer von ihnen ist Klaus-Reiner Latk. Sie reisten nach Ost-Berlin und informierten zwei westliche Fernsehkorrespondenten über das Ereignis und die Hintergründe. Regimegegner in der DDR monierten, dass sich die evangelische Kirche nicht hinter den Pfarrer gestellt habe.

Brüsewitz-Zentrum: Kirche hat sich nicht für Fehlverhalten entschuldigt

Bis heute habe sich die Kirche für ihre verkehrte Zurückhaltung von damals nicht offiziell entschuldigt, kritisierte der Vorsitzende des Brüsewitz-Zentrums, Prof. Wolfgang Stock, gegenüber idea. Wenn es um Brüsewitz gehe, laviere die Kirche nach wie vor. Eine der wenigen Ausnahmen war bereits damals der Theologe und spätere SPD-Politiker Richard Schröder. Er protestierte direkt nach der Selbstverbrennung in einer Predigt gegen staatliche Halbwahrheiten und Verleumdungen in der SED-Parteizeitung „Neues Deutschland“.

Auch die 75 Pfarrer, die Brüsewitz am 26. August 1976 im Talar das letzte Geleit gaben, setzten damit ein Zeichen. Unter ihnen war der spätere Superintendent von Plauen, Thomas Küttler. Wie er auf idea-Anfrage sagte, sei es Brüsewitz’ bleibendes Verdienst, die „eingeschliffenen Mechanismen gegenseitiger Rücksichtnahme zwischen Kirche und SED-Staat“ aufgebrochen zu haben. „Sein Flammentod war definitiv ein Einschnitt für die evangelische Kirche in der DDR“, so Küttler.

Heute gilt Brüsewitz als Wegbereiter der friedlichen Revolution

Heute wird Brüsewitz von den meisten als ein Wegbereiter der friedlichen Revolution von 1989 angesehen. Im Jahr 2000 wurde er in das Buch „Zeugen einer besseren Welt“ aufgenommen, mit dem die Evangelische Kirche Deutschland und die katholische Deutsche Bischofskonferenz die Märtyrer des 20. Jahrhunderts würdigen. An der Pfarrkirche in Rippicha prangt seit 2006 eine Gedenktafel, auf der der Theologe als „Streiter für Christus“ gewürdigt wird.

Vor der Michaeliskirche in Zeitz erinnert bereits seit 1990 eine Gedenksäule an seine Selbstverbrennung. Am 21. August findet dort ein Gedenkgottesdienst statt. Im Anschluss daran werden Vertreter der Stadt Zeitz und der evangelischen Kirche Kränze an der Brüsewitz-Säule vor der Kirche niederlegen. Die Bischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland wird nicht dabei sein, wie die Pressestelle auf Anfrage mitteilte. (idea)

 

 

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Zu Hause geblieben und fremd geworden

On August 18, 2011, in Thiazi Forum, by admin
Seite 1:
Sie sind in Wedding geboren worden, aufgewachsen, nie weggegangen, seit drei Generationen. Das hat die Seiferts einsam gemacht. Wie es ist, sich als letzte Deutsche in der eigenen Welt fremd vorzukommen.

Tiefergelegtes röhrt um die Ecke, Bässe hämmern aus Fenstern und Schiebedächern, Hupen dröhnen, weil es wieder nicht schnell genug geht. Weil sich alles staut in der Badstraße in Berlin-Wedding. Autos parken in zweiter Reihe, Gemüsehändler schleppen Wassermelonen aus Lieferwagen, „Halal“- Metzger Lammhälften. Türkische und arabische Wortfetzen fliegen durch die Luft und vermischen sich mit orientalischem Pop aus Internet- und Telecafés.

Etwas weiter westlich, wo die Badstraße in eine andere Straße mündet und sich etwas beruhigt, muss es einmal deutsche Geschäfte gegeben haben. Zwischen dem „Salon Marokko“ und dem „Salon Diyar“ hängt ein Schild: „Bäckerei & Konditorei“.

Die Schrift ist ausgeblichen, der Laden steht leer. Daneben gibt es ein Mietshaus, das auffällt. Es ist ein wenig nach hinten versetzt, und rechts und links vom Eingang steht eine gepflegte Hecke um ein paar Meter Rasen.

Hier wohnen die Seiferts. Unten rechts die Großeltern, viele Treppen hinauf Sandra und Volker Seifert mit ihren Töchtern Josie, 2, und Shari-Lee, 15.

Klackklack, klackklack. Das Sicherheitsschloss schnappt auf. Sandra Seifert öffnet die Tür und führt den Besuch ins Wohnzimmer.

Es ist still hier. Alles hat seinen Platz: der große Flachbildschirm, das Hochzeitsfoto im Regal, die kleine Skulptur mit den stilisierten Händen um einen Säugling. Kein Stäubchen liegt auf dem Glastisch, keine Tasse hat einen Abdruck hinterlassen. Die Schrankwand ist weiß, das Sofa beige. Die Seiferts wollen es hell und ordentlich haben. Denn die 84 Quadratmeter sind weit mehr als eine Wohnung für sie. Sie sind Heimat in einer Welt, die ihnen fremd geworden ist.

„Wir sind Gast im eigenen Land“, sagt Volker Seifert.

Er ist 38 Jahre alt und nur ein paar Straßen entfernt von hier aufgewachsen. Sandra Seifert ist in diesem Haus hier groß geworden, in dem sie immer noch wohnt. Die beiden kennen sich seit der ersten Klasse. Sie hatten damals auch schon ein paar türkische Klassenkameraden, klar. Es gab auch damals schon ein türkisches Obstgeschäft in der Nachbarschaft. „Man ist ja mit denen groß geworden“, sagt Sandra Seifert. „Das ist ja auch nicht das Problem. Das Problem ist, dass es jetzt so viele sind, dass egal, wo man hingeht, alles türkisch und arabisch ist. Da kriegt man schon einen Hals.“

Aus der Bäckerei an der Ecke wurde ein türkischer Möbelladen, aus dem Kiosk der Kuaför Yusuf, aus der Metzgerei der arabische Getränkeshop. Die deutschen Nachbarn sind weggezogen, und in jede Wohnung, die frei wurde, zogen türkisch oder arabisch sprechende Menschen ein. Von den 18 Mietparteien sind noch vier deutsche geblieben.

„Bald sind wir hier ganz alleine“, sagt Sandra Seifert. Sie hat die kurzen schwarzen Haare vorne hochgegelt, das T-Shirt spannt über dem schwangeren Bauch. Am Arm ein Tattoo. Volker Seifert hat kurze blonde Haare und trägt an diesem Sommertag kurze Hosen und T-Shirt. Die Seiferts machen nicht viel Gewese um sich, lange Reden zu halten, ist nicht ihr Ding. Sie haben gezögert, als die Anfrage kam, ob sie eine Journalistin in ihre Wohnung lassen würden. Dann fanden sie es gut, dass mal jemand nachfragt, wie man sich so fühlt als deutsche Minderheit in Deutschland.

Wie ist es also? Manche Nachbarn seien zu faul, den Müll in den Hof zu bringen und lassen ihn einfach irgendwo im Keller liegen, andere würden den Müll aus dem Fenster werfen. „Wo gibt’s denn so was“, sagt Jürgen Seifert. Vor allem die Jugendlichen seien das Problem, beschimpfen seine Tochter als „deutsche Schlampe“.

„Wo gibt’s denn so was.“

Volker Seifert ist jetzt richtig sauer und kann nicht mehr ruhig auf dem Sofa sitzen bleiben. „Das ist doch unser Land. Die sind die Gäste und nicht wir, die sollen sich gefälligst anpassen.“ Er fühlt sich alleingelassen von der Politik. Keiner greife richtig durch. Ob die wohl erwarten, dass sie, die Seiferts, sich in die Kultur der Mehrheit integrieren? Kommt nicht infrage. Sie würden zum Beispiel niemals zu einem der Ärzte nebenan gehen. Es muss ein deutscher Mediziner sein. „Der spricht unsere Sprache, dem vertraut man einfach mehr“, sagt Sandra Seifert. Auch fürs Haareschneiden fahren sie lieber ein paar U-Bahn-Stationen.

Die Seiferts könnten es natürlich machen wie die anderen, die mal in ihrem Haus gewohnt haben: wegziehen. Aber dafür, so ihre Bedingung, müssten auch die Großeltern im neuen Heim Platz finden. Also geht es schon mal nicht. Jedenfalls nicht einfach. Wenn man umgeben ist von der Fremde, muss man zusammenhalten. So reagieren Minderheiten überall auf der Welt, auch die Deutschen in Wedding.

Aber vor allem ist Umziehen finanziell nicht drin. Volker Seifert arbeitet als Pfleger im Seniorenheim. Das Gehalt reicht für die 770 Euro Miete hier im Kiez, mehr geht nicht. Auch Urlaub nicht. In wenigen Wochen kommt das dritte Kind.

Seite 2:

Die Großeltern im Erdgeschoss können sich ein Leben woanders gar nicht vorstellen. Sie sind in Wedding aufgewachsen, er in der Maxstraße, sie in der Lortzingstraße. Sein Vater war Schuhmacher, und auch dessen Eltern und die Generation davor lebten schon hier.

„Wo sollen wir denn hin?“, fragt Hans-Jochen Seifert in schnoddrigem Berlinerisch und lässt sich fallen in einen tiefen Wohnzimmersessel aus braunem Kunstleder. Er ist jetzt 67 Jahre alt, graue Strähnen mischen sich unter die schwarzen Haare, der Schnauzbart ist immer noch buschig.

Monika Seifert ist 69 und hat ein weiches, zartes Gesicht. „Wir haben nichts gegen Ausländer“, sagen die beiden. An Fremde ist man in Wedding gewöhnt. Nach dem Krieg kamen die Flüchtlinge aus Ostpreußen, dann die aus der Ostzone, nach dem Mauerbau die Türken. 1965 ist Monika Seifert zum ersten Mal aufgefallen, dass die Fremden immer fremder werden. Sie arbeitete bei der AEG und setzte ein Jahr aus, als der älteste Sohn geboren wurde. Als sie zurückkam, saßen Frauen mit Kopftüchern an den Fließbändern. Sonntags breiteten die neuen Familien in den Parkanlagen ihre Decken aus. In den Parkanlagen! Das hätten wir Deutschen uns nicht getraut, sagt Monika Seifert. Stand doch überall: „Betreten verboten“. Manchmal legten die Neuankömmlinge die Decken auch mitten auf den Bürgersteig und setzten sich darauf. Da haben sich die Seiferts schon sehr gewundert.

Als sie 1977 in das neu gebaute Mietshaus zogen, war die Abmachung mit dem Eigentümer: nur eine türkische Familie. Doch irgendwann galt das nicht mehr. Irgendwann starb auch die Hauswartsfrau, die für Ordnung gesorgt hatte. Jetzt kommt einmal die Woche ein Putzdienst, aber es gibt niemanden, der allen signalisiert: Ich bin hier die Autorität, ich setze die Regeln.

Ein bisschen ist Hans-Jochen Seifert in die Rolle geschlüpft. Er stutzt die Hecke vorne zur Straße, schneidet den Rasen und schimpft mit den Kindern. An die ausländischen Geschäfte muss man sich wohl gewöhnen, sagt er. Wenn nur die Kinder nicht so verzogen wären. Spielen Fußball im Hof, reißen Zäune nieder, lassen Eispapier und Kaugummi fallen, wo sie gerade stehen. Er hat einen Mülleimer neben die Haustür gestellt. Genutzt hat es nicht viel. Auch an diesem Tag fliegt Bonbonpapier auf den Treppen herum.

Hans-Jochen Seifert war Dachdecker. Doch, ja, die türkischen Kollegen auf dem Bau waren nett, sagt er. Aber die arabischen Einwanderer? Die sind noch mal wieder fremder. Es sind Nuancen. Manchmal würde man nun Frauen sehen, die sich gänzlich verschleiert hätten. Als hätten sie Angst. Vor den Seiferts?

Aber so viel kriegen die nicht mit von dem, was sich vor der Tür abspielt. Monika Seifert kann nur noch mit Mühe laufen, die Hüfte und die Knie machen ihr zu schaffen. So leben die Großeltern Seifert vor allem in ihren dreieinhalb Zimmern, auf dem Balkon und in dem kleinen Garten, der in den grauen Hinterhof hinausgeht. Die bunten Sommerblumen stehen akkurat, die Erde ist frisch geharkt. Auch eine Art, gegen die Unordnung mancher Nachbarn anzukämpfen.

Wenn Hans-Jochen Seifert Sehnsucht nach Deutschen hat, geht er zu Reichelt. In der Maxstraße am Imbiss auf dem Parkplatz trinkt er ein alkoholfreies Bierchen mit anderen letzten deutschen Männern.

Wer in die Fremde geht, ist vielleicht darauf gefasst, sich verändern zu müssen. Die in ihrer Heimat Gebliebenen rechnen nicht damit. Die Fremde um sie herum trifft sie als etwas, für das sie nur resignierende Worte haben. „Als es noch deutsche Geschäfte gab, war alles persönlicher“, sagt Monika Seifert. „Da kannte man sich und hat einen Schwatz gehalten.“ Wenn sie jetzt mit deutschen Frauen reden will, geht sie auf den Trödelmarkt. Dort hat sie Engel, Kruzifix und auch die Madonna mit dem Kind gekauft, die im Wohnzimmerschrank stehen und über dem Sofa hängen. Sie konnte die Figuren nicht stehen lassen auf dem Markt. Es gibt nur noch so wenige Christen im Kiez, da kommen die noch in falsche Hände. Sie hat ihnen bei sich Asyl gegeben.

Seite 3:

Am Sonntag zuvor ist Enkelin Shari-Lee „eingesegnet“ worden. Die Großeltern erzählen stolz davon. Nicht dass sie sonderlich religiös wären, die Seiferts, aber Familientradition eben. Shari-Lee war mit fünf anderen Jugendlichen in der Konfirmandengruppe; es war die vorerst letzte Gruppe in der großen, alten Schinkelkirche in der Badstraße.

Shari-Lee ist 15 Jahre alt, groß und schlank und hat schwarze lange Haare. Ihr Name ist abgeleitet vom englischen Frauennamen Sharlyn, was „der schöne Stern“ bedeutet. Klingt so schön amerikanisch, fanden ihre Eltern. Shari-Lee wurde in diese fremde, türkisch-arabische Welt hineingeboren, schon in der Grundschule gehörte sie zur Minderheit, jetzt in der Realschule ist sie es erst recht. Sie kann sich aber nicht wie ihre Großeltern in der Wohnung verkriechen, anders auch als ihre Eltern hat sie ihren Platz in der Gesellschaft noch nicht gefunden.

Shari-Lee braucht gut zwanzig Minuten zu Fuß zur Schule, ein mächtiger, alter roter Backsteinbau. Ornamente lockern die Strenge der Fassade auf. Im Hof werfen hohe Bäume Schatten. Shari-Lee sitzt auf einer Bank in einer kleinen Laube im Schulhof. Sie mag Schwarz. Schwarze Klamotten, schwarzer Kajalstift um die Augen, ein bisschen gruftimäßig. Heute prangt ein brüllender Löwenkopf auf ihrem schwarzen T-Shirt, dazu viel Leopardenmuster auf Schuhen, Tasche und Mäppchen.

„Ich liebe diese wilden Tierchen“, sagt sie, „die sind stark und schnell und lassen sich nichts gefallen.“ Shari-Lee geht mit ihrer tiefen Stimme noch ein bisschen runter, faucht und formt mit den Händen Löwentatzen. Das Schwarze und die Wildkatzen sind mehr als nur eine Vorliebe. Sie sind auch Abgrenzung gegenüber den Mitschülern, die eher auf Glitzerndes und Buntes stehen, auf rote und grüne T-Shirts, blaue und pinkfarbene Kopftücher. Es signalisiert: Lasst mich in Ruhe.

In ihrem Jahrgang gibt es drei deutschstämmige Jugendliche. Die meisten anderen kommen aus türkischen und arabischen Familien. Jeden Tag geht es darum, wer die Regeln bestimmt: die Mehrheit oder die Minderheit, zu der auch die Lehrer gehören. Schule ist für Shari-Lee deshalb nicht nur ein Ort, wo man lernt und Freundschaften schließt. Schule ist immer auch Kampfzone. Sie muss auf Angriffe gefasst sein. Vor allem die arabischen Jungs setzen ihr zu. Aber Shari-Lee übertreibt es nicht mit der Abgrenzung, sie will die Jungs nicht unnötig provozieren. Von wegen „deutsche Schlampe“, sagt sie und zieht ihre Unterlippe nach vorne zu einer trotzigen Schnute. „Mein T-Shirt ist auch nicht tiefer ausgeschnitten als das der anderen Mädchen.“

Die Lehrer haben vor ein paar Jahren klare Verhaltensregeln eingeführt. Auf dem Schulgelände darf seitdem nur Deutsch gesprochen werden. Jetzt verstehen die deutschen Schüler und Lehrer wenigstens, was man ihnen an den Kopf wirft, und sie können darauf reagieren. Auch Projekte wie gemeinsames Theaterspielen und Shirts mit dem Schullogo sollen den Zusammenhalt fördern. Das hilft.

Anfang des Jahres war es trotzdem besonders schlimm, sagt Shari-Lee, da hätten die arabischen Jungs sie nicht nur gehänselt, sondern auch nach ihr getreten, nur weil sie selbst mal ein Bein in die Höhe geschwungen habe. Die Lehrer hätten sie nicht sonderlich unterstützt. Sie hat dann Verteidigungsstrategie zwei angewandt: sich wehren. Sie hat zurückgeblökt und -getreten. Als auch das nicht geholfen hat, kam ihr Vater in die Schule und hat mit dem Direktor gesprochen und der mit den Jungs. Seitdem hat sie ihre Ruhe.

„Die deutschen Schüler haben es schwer“, sagt die Klassenlehrerin, „die müssen sehen, wie sie sich durchsetzen.“ Aber das muss sie selbst auch.

Gleich ist die Pause zu Ende. Shari-Lee dreht noch eine Runde ums Schulgebäude zusammen mit Sophie, dem anderen deutschen Mädchen in ihrer Klasse, und Fayza, die aus einer türkischen Familie kommt. Die drei sind schon zusammen in die Grundschule gegangen, sind beste Freundinnen und helfen sich. Sie treffen sich auch nachmittags außerhalb der Schule, gehen schwimmen im Humboldthain. Sophie und Fayza sind Shari-Lees feste Bastion. Mit ihnen lässt sich Schule aushalten.

Später aber, wenn sie eine Ausbildung absolviert und eine Arbeit gefunden hat, dann will sie wegziehen aus dem Wedding. Nach Buckow vielleicht. Da wohnt ihr Onkel. Da ist es ruhig und ordentlich und nicht so anstrengend. Da sind die Deutschen in der Überzahl.

Quelle

Einfach nur traurig,mehr kann man dazu nicht sagen.:~(

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