Ob nervtötende Regenbogenwerbung, verpflichtende „Diversity“-Programme für die eigenen Angestellten oder ein vorauseilender Gehorsam, wenn es um die Zensur von Produkten oder unbequemen Personen geht: Fast alle großen Konzerne orientieren ihr Erscheinungsbild heutzutage am linken Zeitgeist. Ihr Handeln faßt man neuerdings unter dem Begriff „woke capitalism“ zusammen, frei übersetzt also einem „aufgeweckten Kapitalismus“. Was ist damit gemeint?

Das Wort „woke“ kam verstärkt in den späten 2010er Jahren auf und umschreibt im Grunde ein erhöhtes Bewußtsein für vermeintliche soziale Ungerechtigkeiten, Diskriminierungen oder gar Rassismus. Ross Douthat, Kolumnist der New York Times, stellte 2018 erstmals den Bezug zu einer besonderen Art der Unternehmensführung her. Douthat beschrieb den „woke capitalism“ als einfachen Trick. Unternehmen huldigen der kulturellen Linken, um im Gegenzug Nachsicht bei der Erfüllung ihres primären Ziels zu erhalten: Geld zu verdienen.

Ersten Untersuchungen zufolge hat eine „woke“ Unternehmenspolitik jedoch kaum positive oder negative Auswirkungen auf den Gewinn eines Unternehmens. Die Aktienkurse etwa werden höchstens minimal beeinflußt. Warum also sollte ein Unternehmen eine Entscheidung treffen, die keine Auswirkungen auf den Gewinn hat?

Der linken Ideenwelt nahestehend

Nun, wenn es um den Kulturkampf geht, muß das Ziel eines Unternehmens nicht zwingend die Maximierung von Gewinnen sein, sondern eben auch die Minimierung von Verlusten. Aufgrund ihrer profitorientierten Natur werden viele Unternehmen standardmäßig zur Zielscheibe der aktivistischen Linken. Es ist somit eine Frage der Abwägung: Nehme ich zunächst vielleicht kleine Einbußen in Kauf, um politisch korrekte Dinge zu tun, oder aber riskiere ich durch die Toleranzwächter in Politik und Medien meinen kompletten Ruf zu verlieren?

Doch kann ebensowenig bestritten werden, daß viele junge Unternehmer, gerade aus der Tech-Branche, der Ideenwelt der Linken nahestehen. Angesichts ihrer Sozialisation ist es durchaus möglich, daß das, was diese „aufgeweckten“ Kapitalisten ihren Arbeitern und Kunden aufzwingen, ein verinnerlichtes Glaubenssystem widerspiegelt. Ganz gleich aber, ob sie nun an diese progressiven Ideen glauben oder nicht: für die Konzernchefs der Welt ist es strategisch bedeutsam, „aufgeweckt“ zu sein, um diejenigen zu besänftigen, die sie sonst mit Steuern und Boykotten zerstören würden.

Daß der „woke“ Kapitalismus auch längst keine Ausnahme mehr ist, sondern das Maß der Dinge, beweist nicht zuletzt das Weltwirtschaftsforum (WEF). Genau jene Institution also, die seit Jahren den nun erfolgten Paradigmenwechsel vom Shareholder- zum Stakeholderprinzip propagiert. Das heißt, Unternehmen orientieren sich nicht mehr nur an den Aktionären, sondern auch an Kunden, Mitarbeitern, Partnern und der Gesellschaft als Ganzes.

Nicht nur versuchen sich die Davos-Eliten somit an die Spitze von sozialen Bewegungen zu setzen. Zugleich legt die Institution um Gründer Klaus Schwab auch die künftigen Standards für die Wirtschaft fest. So veröffentlichte das WEF kürzlich eine Reihe einheitlicher Kennzahlen zu den Themen Umwelt (Environmental), Soziales (Social) und verantwortungsvoller Unternehmensführung (Governance), die sogenannten ESG-Kennzahlen, die zur Messung des Stakeholder-Kapitalismus dienen sollen. Nachhaltigkeit ist Trumpf, für viele Konzerne sind die Kennzahlen mittlerweile ein wichtiger Gradmesser.

Konzerne löschen digitale Identität aus

Und damit nicht genug. „Wokeness“ ist allerorten gefragt: Die US-Technologiebörse Nasdaq will künftig Diversity-Quoten für die bei ihnen gelisteten Unternehmen festsetzen. Andernfalls will sie den Firmen die Börsenzulassung entziehen. Facebook und Microsoft unterstützen bereits den Vorschlag. Goldman Sachs weigert sich derweil an Börsengängen mitzuarbeiten, wenn das Unternehmen nur von weißen Männern geführt wird. Das Bankhaus J.P. Morgan will in den nächsten fünf Jahren 30 Milliarden Dollar bereitstellen, um gegen einen „systematischen Rassismus“ vorzugehen und dabei Kredite ironischerweise explizit nach Rasse zu vergeben.

Gleichzeitig lassen die großen Konzerne „im Dienste der guten Sache“ ihre Muskeln spielen. Nichts zeigt dies besser als die Folgeereignisse der „Kapitolstürmung“ in den USA. Twitter, Facebook, Instagram und Snapchat leiteten die Sperrung von Donald Trumps Kanälen ein. Dann zogen Apple, Google und Amazon der Alternativplattform Parler den Stecker. Die New Yorker Signature Bank kündigte Trump zwei Konten, auf denen knapp 5,3 Millionen Dollar lagerten. Die Deutsche Bank verlautbarte, künftig keine Geschäfte mehr mit Trump zu machen.

Die Zensurmaßnahmen greifen also längst tiefer als allgemeinhin angenommen. Dem „woke capitalism“ geht es im Zeitalter der „Cancel Culture“ nicht mehr nur um die Ausgrenzung in den sozialen Netzwerken. Auch Finanzinstitutionen, Banken oder Zahlungsanbieter wie Paypal und Patreon sind durchpolitisiert. Am Ende dieses Feldzugs der Großkonzerne droht die totale Auslöschung der digitalen Identität dissidenter Kräfte, mitunter sogar eine Art damnatio memoriae. Die moderne Technik ermöglicht, daß der Mensch seine Existenz verliert, obwohl er noch am Leben ist.

Das „woke“ Kapital lenkt die Empörung in ungefährliche Bahnen

Mitunter führen die Sperrungen jedoch auch zu interessanten geistigen Verrenkungen. Viele Linke verteidigen nun, da es ihren politischen Feind immer härter trifft, das Recht auf private Medienmonopole und huldigen den Großkonzernen. Das hängt eng mit der Abwendung von klassisch linken Themen hin zur Identitätspolitik zusammen.

Die postmoderne Identitätslinke hat mittlerweile auch in Deutschland einige Parteien übernommen oder zumindest fest in ihren Klauen – Grüne, Linkspartei und SPD – und selbst im extremistischen Vorfeld wie etwa in der Interventionistischen Linken ihren Einfluß massiv erweitert. So finden ihre gesellschaftlichen Analysen nicht mehr primär entlang ökonomischer Fragen statt, sondern verlagern sich auf das Gebiet der Privilegien, der Diskriminierung und des (Anti-)Rassismus.

Das „woke“ Kapital reibt sich die Hände, denn durch die Annahme dieser Themen nimmt man sich gekonnt aus der Schußlinie, ohne Gefahr zu laufen, finanzielle Einbußen fürchten zu müssen. Die Empörung wird in Bahnen gelenkt, die für das globale System ungefährlich sind. Kaum verwunderlich also, daß unmittelbar nach Ausbruch der „Black Lives Matter“-Proteste im Mai 2020 sich das „Big Business“ sofort auf die Bewegung stürzte und sich wie selbstverständlich als ein Teil davon sah. Kaum ein international agierender Konzern, der nicht in Millionenhöhe spendete.

Spätestens da wurde deutlich: Benachteiligungen jedweder Art können auf der Linken nicht mehr länger als Bestandteil eines kapitalistischen Ausbeutersystems verstanden werden – jede antikapitalistische Äußerung auf den „BLM“-Demonstrationen erscheint geradezu lächerlich. Die Verantwortung für vermeintliche Ungerechtigkeiten verschiebt sich vielmehr auf die berühmte „strukturell rassistische Gesellschaft“, also die autochthone Bevölkerung selbst.

Was wiederum dem zunehmend totalitär und sozial destruktiv agierenden „Big Business“ und seinen „Quasi-Monopolen“ (Erich Preiser) aus der Tech-Branche zugute kommt, für die traditionell gewachsene Strukturen wie Familie, Nation oder Solidargemeinschaft nichts bedeuten. Der von der Linken geschaffene identitätspolitische Überbau ist also das ideale Instrument für den Kapitalismus, um in eine schranken- und grenzenlose Zukunft zu steuern.

Die heutige Situation ist sicher kein „Sozialismus“

Was macht die politische Rechte? Bedauerlicherweise sind viele Konservative allzu häufig in 1980er-Jahre-Zeitschleifen gefangen, die sie gedanklich nicht aus dem Kalten Krieg entlassen. Sie verstehen nicht, daß weder die Begriffe „Kommunismus“ oder „Sozialismus“ (und natürlich auch nicht „Faschismus“) eine hinreichende Beschreibung des heutigen „kapitalistischen Realismus“ (Mark Fisher) ermöglichen.

Sie wollen nicht wahrhaben, daß der Kapitalismus sich als „woke capitalism“, der mit einem familiengeführten Mittelstandsbetrieb rein gar nichts mehr gemein hat, mittlerweile selbst auf die Spitze treibt. Und so hat sich in den vergangenen Jahrzehnten ein Konservatismus etabliert, der zwanghaft an bestimmten Ideen festhält, einen ökonomischen Liberalismus favorisiert, den wirklichen Zustand der Gesellschaft aber mehr und mehr aus den Augen verliert.

Wenn aber die Rechte den „woke capitalism“ und seine Macht nicht als Problem versteht, verkennt sie die daraus resultierenden Prozesse, die in einer Art „neofeudalen Gesellschaftsordnung“ (Joel Kotkin) münden. Big Tech beherrscht die Kommunikations- und Distributionskanäle. Staaten werden zum Handlanger eines „woken“, datenbasierten Überwachungssystems. Die kulturelle Linke dient als Schutzschild vor einer entwürdigten und verarmenden einheimischen Mittelschicht.

Solange Konservative „in ihrer wirtschaftlichen Ideologie selbst konzernfreundlich bleiben“, hätten die Großunternehmen wenig zu befürchten, beschrieb New York Times-Kolumnist Douhat bereits vor drei Jahren die Situation. „Ihre ‘Wokeness’ verschafft ihnen Deckung, wenn der Liberalismus an der Macht ist.“ Daran muß sich in den nächsten Jahren etwas ändern. Ansonten ist es zu spät.

JF 4/21

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