Wer die Romane Michel Houellebecqs kennt, der weiß um die essayartigen Passagen darin, mit denen der französische Schriftsteller in gestochen scharfen Sätzen sein vielseitiges Wissen über gesellschaftliche, religiöse, wirtschaftliche und geisteswissenschaftliche Zusammenhänge spiegelt. In seinen Geschichten dienen sie als Unterfütterung der Handlung; wo seine Figuren einer Melancholie und Leere anheimfallen, kreisen die Ausführungen das Ganze kommentierend ein. Ob dabei die Rolle des Katholizismus besprochen oder die Lage der Milchbauern in der französischen Provinz analysiert wird, stets verweist das Wissen des lyrischen Ichs auf einige grundlegend falsche Dinge im zeitgenössischen Westen, auf seinen Verfall und die Abwesenheit einer simplen Lösung.

Wer nun wissen will, ob diese Technik auch außerhalb eines Romans funktioniert, dem bietet sich nach „Die Welt als Supermarkt“ (1999) und „Ich habe einen Traum“ (2010) nun ein weiterer Essayband an. „Ein bißchen schlechter“ heißt die Sammlung von Interviews und kurzen Aufsätzen aus der Zeitspanne von 2003 bis 2020. Um die Antwort an dieser Stelle vorwegzunehmen: Es gelingt und befriedigt doch nicht ganz.

Zweifellos warten auf den Leser vielerlei interessante Details. So gibt Houellebecq, dem man häufiger eine Nähe zu seinen Romanfiguren nachgesagt hat, an, es sei „eine echte Versuchung“, sämtliche Kontakte abzubrechen und sich mit seinen Büchern alleine in der Wohnung zu verschanzen. Auch die Erklärungen zu seinen Romanen sind erhellend: daß seine Figuren daran leiden, quasi nicht zu existieren, keinen eigenen Willen und keine Wirkung auf die Welt zu haben, ist etwas, das man auch zuvor erahnt, und doch vom Autor nicht so prägnant auf den Punkt gebracht bekommen hatte. „Die Welt kann nichts für dich tun, und du kannst nichts für die Welt tun“, faßt Houellebecq es zusammen.

Die Literatur bringt ihn der Religion näher

In „Unterwerfung“, so berichtet er, gehe dieser Verlust der Konversion der Hauptfigur voraus: „Ich nehme meinem Protagonisten nach und nach alles weg, beraube ihn: seiner Lebensgefährtin Myriam, seiner Eltern, einer Arbeit, die ihm trotz allem noch eine gewisse Befriedigung und ein gewisses Sozialleben verschaffte (…). Ich reduziere meinen Protagonisten also, ich lösche ihn aus. Warum sollte er daher über Denkfreiheit verfügen? Warum sollte er nicht einfach dem zustimmen, was man ihm unterbreitet?“

Das dient Houellebecq zusätzlich zu einer Demonstration gegen den Philosophen René Descartes, die an Armin Mohlers Drei-Uhr-Morgens-Menschen erinnert: Der Mensch, so Houellebecq, ist nicht, weil er denkt, sondern er ist nur im Bezug zu anderen Dingen. Die Hauptfigur von „Unterwerfung“ denkt andauernd, hat ohne jeglichen Bezug zur Welt aber doch kein Sein mehr. Sie wird zum Spielball, zum leeren Gefäß.

Deutlich wird in einem Interview auch, daß das Thema der Religion in seinen Werken über den bekannten Roman von 2015 hinaus wichtig ist. Nach eigener Aussage seit seinem neunten oder zehnten Lebensjahr am Glauben und spezifisch am Katholizismus interessiert, berichtet er, sich doch nie zu einem tatsächlich beständigen Glauben durchringen haben zu können. Es ist stattdessen die Literatur, die ihn der Thematik früh näherbringt: mit 15 Jahren liest er den Naturwissenschaftler und christlichen Philosophen Blaise Pascal, dessen „Schilderung der Macht des Todes und der Leere“ ihn sichtlich prägt, später kommen der heilige Paulus, Auguste Comte, Chesterton und Chateaubriand hinzu, deren literarische und philosophische Qualitäten er eloquent und genüßlich analysiert.

Auf sein eigenes Schreiben angesprochen, erwidert Houellebecq, er sei „katholisch, in dem Sinne, daß ich dem Schrecken einer Welt ohne Gott Ausdruck verleihe“, und berichtet von einer bizarren Episode, bei der ihm ein Leser in Israel berichtet habe, er sei nach der Lektüre seiner Bücher zu dem Entschluß gekommen, sein Leben zu ändern und Rabbi zu werden. So weit und so gut. Auf die angeblichen Provokationen des Autors wartet man dabei allerdings vergebens.

Er sei „der größte Provokateur unserer Zeit“, leitete die Zeit ihre Rezension des Essaybandes ein, der WDR sprach von „Provokationen eines scharfzüngigen Schriftstellers“. Bei der Lektüre des neusten Bandes bleibt von diesem Bild nicht viel übrig. Wenn Houellebecq die zurückhaltende Außenpolitik Trumps lobt, und ihn gleichzeitig menschlich zu einem Widerling erklärt; er bezweifelt, daß es ohne Religion eine Basis für menschliches Zusammenleben gibt und „Islamophobie“ schon alleine deswegen legitim sei, weil es zu den Regeln der Meinungsfreiheit gehörte, eine Religion angreifen zu dürfen, dann lassen sich daraus mitnichten Angriffslust und Aggressivität ablesen.

Nur gelegentlich neigt er zur Polemik

Michel Houellebecq argumentiert ruhig und bedacht, bezieht sich auf einen reichen Fundus von literarischen Quellen und neigt nur in Einzelfällen zur Polemik. Es sind die Ausführungen eines nicht besonders radikalen Konservativen, die nur auf ein Feuilleton provokant wirken können, in dem die Werte einer individualistisch-atomistisch-radikalegalitären Postmoderne bereits vollkommen zementiert sind. Insofern sagt die wahrgenommene Provokation hier mehr über unsere Gesellschaft als über Houellebecq aus.

Indes, Houellebecqs Analysen treffen. Seine Texte sind so bedrückend, weil sie „den Schrecken einer Welt ohne Gott“ überzeugend schildern, und sowohl der Aufschrei des Feuilletons wie auch die Anekdote des Lesers, der zum Rabbi wird, sind dabei als Zeugen zu werten.

Ein wenig unbefriedigt bleibt man von „Ein bißchen schlechter“ dennoch zurück. Zum einen sind sowohl die Essays als auch die Interviews zwar anregende Häppchen, die jedoch nicht sättigen. Zum anderen fehlt ihnen die emotionale Wucht der Romane. Der Schmerz, die Melancholie und der Trost bildete sich aus dem Zusammenspiel von Geschichten, Schicksalen, Beschreibungen und analytischer Schärfe. Fällt das weg, lernt und unterhält sich der Leser zwar, wird jedoch nicht berührt. Also: Man sollte Houellebecqs neues Buch lesen. Man wird viel zum Nachdenken finden und trotzdem weiter auf den nächsten Roman warten.

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Michel Houellebecq: Ein bißchen schlechter. DuMont Buchverlag, Köln 2020, gebunden, 200 Seiten, 23 Euro

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