„Totalitär“, „neototalitär“, „Totalitarismus“ sind schwerwiegende Begriffe. Heute werden sie wie selbstverständlich benutzt, um deutsche – und anderweitige – Zustände zu bezeichnen. Nicht immer geschieht das in voller Kenntnis der Wortbedeutung.

Totalitäre Systeme erstreben den umfassenden, den totalen Zugriff auf die Gesellschaft und auf den einzelnen. Ihre Wesenselemente sind laut klassischer Definition eine verbindliche, alle Lebensbereiche bestimmende Staatsideologie, eine autoritär geführte Staatspartei, eine terroristische Geheimpolizei, das Staatsmonopol an Massenkommunikationsmitteln und Waffen sowie eine zentral gesteuerte Wirtschaft.

Der Totalitarismus ist also der denkbar größte Gegensatz zur offenen, rechtsstaatlich und demokratisch verfaßten Gesellschaft, in der wir – den Verlautbarungen unserer politisch-medialen Elite zufolge – nach wie vor leben und die erklärtermaßen den Ausgangs- und Zielpunkt allen politischen Handelns bildet. Dafür scheint einiges zu sprechen: Der in gleicher, freier und geheimer Wahl bestimmte Bundestag ist größer denn je; die föderale Struktur behauptet sich gegen Zentralisierungstendenzen; es gibt ein Mehrparteiensystem und die Gewaltenteilung; die öffentlich-rechtlichen konkurrieren mit den privaten Medien; es herrscht soziale Marktwirtschaft. Von Totalitarismus keine Spur.

Den Theoretikern des klassischen Totalitarismus-Modells wie Hannah Arendt, Zbigniew Brzeziński oder Carl J. Friedrich standen die stalinistische Sowjetunion und das nationalsozialistische Deutschland vor Augen. Diese offen terroristischen Systeme haben ihre literarische Entsprechung in George Orwells 1948 erschienenem Roman „1984“ gefunden.

Doch bereits 16 Jahre früher, 1932, hatte Aldous Huxley die Dystopie „Schöne neue Welt“ veröffentlicht, die eine weichere und – aus heutiger Sicht – zeitgemäßere Spielart des Totalitarismus beschreibt: eine Welt des universellen Glücks, der individuellen und gesellschaftlichen Harmonie, in der überschüssige Energien durch die Verabreichung einer Droge, durch Massenrituale und Promiskuität neutralisiert werden.

Unter der Losung „Gemeinschaftlichkeit, Einheitlichkeit, Beständigkeit“ haben die Menschen gelernt, ihre Unterwerfung zu lieben. Die Schlagworte ließen sich ohne weiteres durch „Toleranz, Vielfalt, Klimaneutralität, Volksgesundheit“ ersetzen.

„Verfügungsgewalt über die Gesamtheit der Lebenschancen“

Der Politologe Peter Graf Kielmansegg plädierte schon 1974 für eine elastischere Definition, um die Metamorphosen des Totalitarismus erfassen zu können. Totalitär sei es, „die extreme Mobilisierung einer Gesellschaft für einen bestimmten Zweck“ zu erzwingen, „wobei die Zwecke durchaus unterschiedlicher Natur sein können“. Zu den Merkmalen der multiplen Variante zählte Kielmansegg die „prinzipiell unbegrenzte Intensität der Sanktionen, mit denen das System arbeitet“. Der Terror stelle nur die äußerste Möglichkeit dar.

Entscheidend sei „die unbegrenzte Verfügungsgewalt über die Gesamtheit der Lebenschancen des einzelnen diesseits des blanken Terrors, über Bildungschancen und Berufschancen, über die Chancen der Befriedigung materieller Bedürfnisse und Kommunikationschancen“. Wer die an keine „kontrollierbaren Bedingungen gebundene Macht besitzt, über diese Chancen zu Sanktionszwecken zu verfügen, dessen Sanktionspotential kann mit gutem Grund totalitär genannt werden“.

Unter der Hand zeigte Kielmansegg hier die Gefahr der totalitären Transformation unter Beibehaltung der äußeren Formen von Demokratie und Rechtsstaat auf und erinnerte daran, was Tocqueville 1835 in seinem Buch „Über die Demokratie in Amerika“ als latente Möglichkeit konstatiert hatte: den Umschlag der Demokratie in Tyrannei.

Im Unterschied zum postdemokratischen Staat, der kritisiert wird, weil er sich zugunsten der Wirtschaftslobby aus weiten Bereichen des öffentlichen Lebens zurückzieht, ist der totalitäre Staat hyperaktiv – bei dem Versuch nämlich, bestimmte Ideologien auf die Wirklichkeit zu übertragen und die Gesellschaft in ihr Prokrustesbett zu zwingen.

Ideologie wird hier verstanden als eine „große Erzählung“ über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Sie ist nicht zwingend falsch, kann aber höchstens einen Ausschnitt der Wirklichkeit erklären, während sie den Anspruch auf Ausschließlichkeit erhebt, der von ihren Anhängern rigoros umgesetzt wird. Im Kommunismus war es die Klassen-, im Nationalsozialismus die Rassenfrage, die absolut gesetzt, unter Tabu gestellt und aus denen die weiteren Entscheidungen und Maßnahmen mit eiserner Konsequenz deduziert und exekutiert wurden.

Abwesenheit einer Großideologie

Im Lichte eines Zukunftsideals, das durch diszipliniertes und zielgerichtetes Handeln einzulösen ist, emanzipieren Staat und Gesellschaft sich kollektiv von der erfahrbaren Wirklichkeit. An ihre Stelle tritt eine artifizielle Realität, eine ideologisch bestimmte Simulation, in die sich die einen zustimmend, andere gleichgültig, manche widerwillig und einige nur zum Schein einfügen mit dem Entschluß, Widerstand zu leisten. Ein Staat – oder ein Imperium – macht ernst mit dem Märchen „Des Kaisers neue Kleider“.

Die reale Wirklichkeit läßt sich wohl verdrängen, aber nicht dauerhaft aus der Welt schaffen. Die Nachrichten des DDR-Fernsehens präsentierten allabendlich ausführliche Erfolgsmeldungen, die die Überlegenheit der sozialistischen Planwirtschaft zu belegen schienen. Am Ende stand der Offenbarungseid einer dysfunktionalen Ökonomie.

Die Disziplinierung der Gesellschaft wird, wie Hannah Arendt in ihrer Untersuchung der Totalitarismen der dreißiger und vierziger Jahre dargelegt hat, durch eine Kombination aus Propaganda und Terror erreicht. Überwachung, Strafandrohung und die Ermunterung zur Denunziation erzeugen eine Atmosphäre aus Furcht und Mißtrauen, in der die freie Kommunikation erstirbt, das zwischenmenschliche Band durchtrennt und selbstbestimmtes, gemeinsames Handeln unmöglich wird. Parallel dazu werden die atomisierten Individuen durch Massenrituale, Kampagnen und totalitäre Organisationen neu formiert und in einen Zustand der Ruhelosigkeit und permanenten Dynamik versetzt.

Grundsätzlich ist Arendts Erklärungsmodell gültig geblieben. Der wichtigste Unterschied ist heute die Abwesenheit einer Großideologie, die den Gang der Welt aus einem einzigen Axiom wie der Klassen- oder der Rassenfrage erklärt und ableitet. Erkennbar ist statt dessen eine Haupttendenz, die sich auf widersprüchliche Weise äußert, entfaltet und die Wirklichkeit überformt, so daß eine mit ideologischen Elementen – Ideologemen – durchsetzte Hyperrealität entsteht.

Vereinzelung des Menschen

Die politisch-medialen Eliten der Bundesrepublik exekutieren in der Hauptsache einen globalen Universalismus, wie er im Ende 2018 verabschiedeten UN-Migrationspakt seinen konkreten Niederschlag gefunden hat. Beleglos werden dort „die Vorteile der Migration als Quelle für nachhaltige Entwicklung“ angeführt. Man deklariert die Verpflichtung, „Äußerungen, Handlungen und Ausprägungen von Rassismus“ und die daraus folgende „Intoleranz gegenüber Migranten (seien) zu verurteilen und zu bekämpfen“.

Die Vertreter des Universalismus behandeln das eigene Land als Filiale einer Weltgesellschaft, auf die alle ihre Mitglieder einen gleichberechtigten Zugriff haben sollen. Dem steht der politische Wille jener entgegen, die ein partikulares, gruppenbezogenes – konkret: nationalstaatliches – Eigeninteresse geltend machen, das nach außen behauptet werden muß. Der Konflikt entzündet sich hauptsächlich an der Masseneinwanderung.

Die politisch-medialen Eliten unternehmen alles, um den Widerstand gegen ihre Politik zu brechen und die Gesellschaft so zu konditionieren, daß sie dieser Politik zustimmt oder sie zumindest hinnimmt. Sie stützen sich dabei auf ihr Medienmonopol. Eine Vielfalt der Presse und der elektronischen Medien existiert nur formal, entscheidend ist politisch-ideologische Konformität, die hier herrscht. Die formale Medien­demokratie erlaubt und ermöglicht endlose Debatten über Nebensächlichkeiten, aber keinesfalls darf erörtert werden, was der massenhafte Zuzug junger Männer aus archaischen Kulturen für das Land bedeutet. In dieser systemischen Irrationalität kann bereits das Vorbringen rationaler Argumente zu einem Akt der Selbstgefährdung werden.

Medien, staatliche und semistaatliche Institutionen, der Inlandsgeheimdienst und sogenannte zivilgesellschaftliche Kräfte kooperieren intensiv, um die Formierung einer Opposition zu be- und verhindern, tatsächliche oder vermutete Dissidenten sozial zu isolieren, materiell auszuhungern und psychisch zu zermürben. Die aus den USA importierte „Cancel Culture“ perfektioniert diese Praxis und bestätigt die „prinzipiell unbegrenzte Intensität der Sanktionen, mit denen das System arbeitet“ (Kielmansegg).

Die Anti-Corona-Maßnahmen haben in idealtypischer Weise eine totalitäre Versuchsanordnung geschaffen. „Lockdown“, „Shutdown“, „Homeoffice“ erzwingen die Atomisierung der Menschen. Politisches Handeln, das ein öffentliches und gemeinschaftliches ist, wird so erschwert oder unmöglich gemacht. Der virtuelle Raum der sozialen Medien kann die verbotenen öffentlichen Räume um so weniger ersetzen, als er unter der Kontrolle der „Cancel Culture“ steht.

Gleichzeitig findet eine mediale Dauerberieselung mit der Pandemie-Thematik statt, die darauf abzielt, das Publikum in einen Zustand ständiger Anspannung, der Angst und des Mißtrauens zu versetzen. Dem „Corona-Leugner“ wird die Position zugewiesen, die in der Vergangenheit der Staats-, Klassen- oder Volksfeind innehatte. In der entschiedenen Abgrenzung von ihm definiert und formiert sich die Gemeinschaft der Loyalen und Anständigen.

Es gibt eine Hoffnung

Der auf Dauer gestellte „Kampf gegen Rechts“, gegen Rassismus, Fremden- und Islam-Feinde sowie der Kampf gegen die vorgeblich menschengemachte Klimaerwärmung können als Mobilisierungsschübe in Richtung einer „One World“-Ordnung verstanden werden. Immer neue Gesetze, Verordnungen, Vorschriften, Quotenregelungen, Meldestellen für delinquentes Verhalten mit Sanktionskompetenz verstetigen diese „Mobilisierung einer Gesellschaft für einen bestimmten Zweck“ und zwingen die Menschen in ein staatskonformes Verhaltenskorsett. Der Zugriff hat sich nun auch über die Sprache gelegt.

Das „Gesetz zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite“ ist das totalitäre Siegel auf der Entwicklung. Die propagandatrunkenen Massen, die sich in einem Zustand existentieller Bedrohung wähnen, aus dem die Fürsorge der Regierenden sie hoffentlich errettet, sind in einen Dämmerzustand versetzt, in dem ihnen die gesetzliche Einschränkung der Freiheitsrechte nicht nur nebensächlich, sondern geboten erscheint. Sie sind Atome einer herdenartigen Verfügungsmasse.

Der historische Totalitarismus scheiterte letztlich an der Diskrepanz zur realen Wirklichkeit. Allerdings haben sich seitdem die Manipulationstechniken so sehr verfeinert, daß sie die Hirne über diese Diskrepanz hinwegtäuschen können. Die größte Schwäche des modernen Totalitarismus ist das Mosaik sich widersprechender Ideologeme, aus dem er seine Sinnstiftung bezieht. Eingebildete Klimaretter begrüßen zugleich die Masseneinwanderung nach Europa und nehmen hin, daß die Migranten ihren ökologischen Fußabdruck hier vervielfachen. Kämpfer gegen Rassismus begünstigen Judenfeinde, Menschenrechtsaktivisten verteidigen das Bleiberecht von Terroristen.

In seinen inneren Unverträglichkeiten und antagonistischen Widersprüchen, die er hervorbringt – und weniger im expliziten Widerstand –, liegt die Chance, daß der sich anbahnende neue Totalitarismus letztlich scheitert.

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Thorsten Hinz, Jahrgang 1962, studierte in Leipzig Germanistik, war JF-Kulturredakteur und ist heute freier Publizist und Buchautor. 2004 erhielt er den Gerhard-Löwen­thal-Preis für Journalisten.

JF 48/20

 

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