Neues Album von AC/CDZurück ins Paradies

On November 24, 2020, in Junge Freiheit, by admin

Nehmen wir an, der liebe Gott wäre nicht schon nach nur sechs Tagen Arbeit müde geworden. Er hätte nicht am siebten ausgeruht und zufrieden auf sein bis dahin geschaffenes Werk geschaut, auf Himmel und Erde, Tiere und Menschen und Nahrung. Nehmen wir an, er hätte gemeint, es fehle noch etwas in seiner Welt, nämlich die Musik. Was hätte er wohl geformt? Ein Streichquartett oder ein Flötenkonzert? Eine Klaviersonate?

Mitnichten. Als alter Rocker hätte der Schöpfer wohl eher eine Rock’n’Roll-Band wie AC/DC ins Diesseits gesetzt – „und Gott sah, daß es gut war.“ Wäre die Genesis so verlaufe, wer weiß, vielleicht wäre dann sogar Adam und Eva die Vertreibung aus dem Paradies erspart geblieben.

Blasphemie? Keineswegs, denn eben dorthin will uns das kürzlich erschienene neue Album von AC/DC, „Power Up“, zurückführen. „Der Augenblick, in dem du erkennst, diese Momente, die an dir vorüberziehen, werden dich ins Paradies bringen“, heißt es in den ersten Zeilen des fetzigen Eröffnungstitels „Realize“.

Und weiter: „Fühle die Kälte in deiner Wirbelsäule hoch und runter / Ich werde dich fliegen lassen“. Das Stück erinnert entfernt an „Thunderstruck“ (1990) und ist ebenso stadiontauglich wie die erste Singleauskopplung „Shot in the Dark“, der bluesige Kneipenschunkler „Through the Mists of Time“ oder der Stampfer „Kick You When You’re Down“. Der Spaßfaktor auf einer Skala von eins bis zehn liegt bei zwölf.

Von einigen weiteren Nummern des Albums läßt sich das leider nicht sagen. „Witch’s Spell“ oder „No Man’s Land“ wollen auch nach mehrmaligem Durchhören nicht zünden; so manche Riffs wirken belanglos und uninspiriert. Zudem fehlt einigen der rhythmische Spannungsbogen zwischen Strophe und Refrain. Hier wiegt der Verlust von Macolm Young hörbar sehr schwer.

Der im November vor drei Jahren verstorbene Rhythmusgitarrist war der kreative Kopf der Band und hauptverantwortlich für das Songwriting. Während sein Bruder Angus an der Leadgitarre und in Schul-uniform die Show lieferte, war es musikalisch im wesentlichen der zwei Jahre ältere Malcolm, der mit seinen Akkorden und Riffs den Grundstein legte, auf dem AC/DC ihre Kathedrale des Rock’n’Roll errichteten.

Brian Johnson klingt wie seit jeher

Deswegen ist es auch noch nicht lange her, daß dem Weltmusikerbe die Totenglocken läuteten. Als die Band 2014 mitteilte, Malcom Young sei an Demenz erkrankt und habe die von ihm gemeinsam mit Angus 1973 gegründete Band verlassen müssen, verkündete der Kulturjournalist Edo Reents in der FAZ: „Das Ende der größten Hardrock-Band aller Zeiten ist besiegelt.“ Und ein Welt-Feuilletonist urteilte: „Ohne AC/DC wird die Welt eine andere sein.“

Der nächste Schicksalsschlag folgte 2016. Frontmann Brian Johnson mußte die „Rock or Bust“-Tour aufgrund gesundheitlicher Probleme abbrechen. Der damals 68jährige hatte einen Hörverlust erlitten, ihm drohte die totale Taubheit. Als Ersatz für ihn sprang kurzfristig der Guns N’ Roses-Sänger Axl Rose ein. „Für mich war es das Ende. Nichts mehr zu machen, wenn man nicht hören kann“, zitierte die Deutsche Presse-Agentur Brian Johnson vergangene Woche rückblickend auf jene Zeit.

Inzwischen scheint der passionierte Ballonmützenträger mit Hilfe einer speziellen Ohrhörer-Technologie wieder fit zu sein. Jedenfalls klingt er auf dem neuen Album, nun ja, wie halt Brian Johnson seit jeher klingt. Er krächzt und preßt und schmirgelt sich durch die insgesamt zwölf Titel, was das Zeug hält – und überrascht bei dem Stück „Demon Fire“ zeitweilig sogar mit tief-klarer Stimmlage.

Das alles nährt die Hoffnung auf eine nochmalige Tour der Hardrocker in Post-Corona-Zeiten. Live im Stadion mit einem Bierchen in der Hand ist der Unterhaltungswert der unverwüstlichen Truppe immer noch am höchsten. Gut zwei Stunden lang bis zum traditionellen Rausschmeißer „For Those About to Rock (We Salute You)“, begleitet von Kanonendonner, fühlt sich dann jeder Konzertbesucher wie im Garten Eden – „und Gott sah, daß es gut war.“

JF 48/20

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