MÜNCHEN. Die Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung (SZ) hat den Pianisten Igor Levit wegen eines Textes über ihn um Verzeihung gebeten. Der Artikel, der am vergangenen Freitag erschienen war, sei von vielen Lesern und Teilen der Redaktion als antisemitisch empfunden worden, schrieben die SZ-Chefredakteure Wolfgang Krach und Judith Wittwer. „Das tut uns leid, und deswegen bitten wir Igor Levit persönlich wie auch unsere Leserinnen und Leser um Entschuldigung.“

In den vergangenen Tagen sei in der Redaktion „ausführlich, leidenschaftlich und kontrovers über den Levit-Text diskutiert“ worden. Anstoß habe auch die im Artikel enthaltene Kritik an Levits Anti-Rechts Engagement in den sozialen Medien erregt.

In dem Artikel „Igor Levit ist müde“ hatte sich der Autor Helmut Mauró über Levits Tweets gegen die AfD lustig gemacht und die Frage gestellt, ob das für den Pianisten „politische Aktivitäten oder lustiges Hobby“ sei. Er warf dem jüdischen Musiker zudem vor, mit einer „Opferanspruchsideologie“ aufzutreten. Doch der Erfolg gebe ihm recht. „Neulich gab es noch das Bundesverdienstkreuz des um schmucke Künstlerkontakte bemühten Bundespräsidenten“, kommentierte Mauró die Auszeichnung.

Polenz attackiert Süddeutsche 

Spott äußerte der Journalist auch über die häufige Präsenz von Levit in den sozialen Medien. „Wer oft und laut schreit, wird wahrgenommen, und zur Verkaufspsychologie gehört nur leider inzwischen eine mit der Dauerpräsenz verbundene Qualitätsvermutung.“

Die SZ und Mauró waren für die Veröffentlichung des Textes attackiert worden. Der ehemalige CDU-Generalsekretär Ruprecht Polenz bezeichnete den Artikel als „mißgünstiges Geschreibsel“.

Die SPD-Politikerin Sawsan Chebli beklagte, der Text zeuge von „so viel Ignoranz, Arroganz und der Verkennung davon, wie wichtig es ist, daß Künstler ihre Stimme gegen Rechts erhaben“. Dafür danke sie Igor Levit.

Levit spricht AfD-Mitgliedern Menschsein ab

Die SZ hatte in einer ersten Stellungnahme betont, hinter dem Text zu stehen und wies die Antisemitismusvorwürfe zurück. Sie bot Levit an, eine Antwort auf die Kritik Maurós im Blatt zu veröffentlichen, was dieser jedoch ablehnte.

Kritik an der Entschuldigung der SZ kam vom Chefredakteur der Welt, Ulf Poschardt. Nicht deren Chefredaktion, sondern die „Twitter-Brigade einer neuen linken Meinungsführerschaft“ führe das Blatt, schrieb er. Er verteidigte den Mauró-Text als „für das Feuilleton vollkommen normal“. Das Zurückweichen der SZ-Leitung sei „eine Einladung, unliebsame, andersdenkende, fordernde Positionen abseits der links-‘liberalen’ Trampelpfade zu brandmarken, anzugreifen, fertigzumachen.“

Levit hatte im vergangenen Jahr in der TV-Diskussionsrunde bei Maybrit Illner gesagt, AfD-Mitglieder hätten ihr Menschsein verwirkt. Im Spiegel behauptete er, Deutschland habe ein „Menschenverachtungsproblem“. (ag)

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