Berlin ist dafür bekannt, daß nicht immer alles reibungslos funktioniert. Eine bräsige Verwaltung, marode Infrastruktur, aufgeblähte Sozialindustrie statt echter Wirtschaft. Was gammlig und verlottert ist, wird gern als „kultig“ verklärt oder als ganz spezieller „Kiezcharme“ gepriesen. So wird aus der Verwahrlosung des öffentlichen Raums und der sinkenden allgemeinen Einhaltung von Regeln und Verordnungen ein „internationaler Großstadtflair“ mit viel „Freiraum für Individualisten“.

In einem aber ist Berlin unangefochtener Meister: Wenn es darum geht, Dinge zu problematisieren, wo der Normalbürger keine Probleme sieht. Niemand reicht der Stadt das Wasser, wenn es gilt, die speziellsten Mikro-Sorgen der kleinsten Minderheit zum Standard für alle zu erheben. Die Strategie, die dahintersteckt, lautet: Wer sich mit Nebensächlichkeiten beschäftig, muß die wahren Probleme nicht angehen.

Damit das funktioniert, braucht es vor allem eines: die passende Sprache. Denn nur mit dem richtigen Neusprech läßt sich der Traum von der schönen neuen Welt über die traurig-triste Wirklichkeit stülpen. Und so hat der Berliner Senat diese Woche ein „Diversity-Landesprogramm“ beschlossen, zu dem auch der Leitfaden „Vielfalt zum Ausdruck bringen!“ für die „Mitarbeitenden der Berliner Verwaltung“ gehört.

„Schutzberechtigte“ statt „Asylbewerber“

Vorbei sind die Zeiten, in denen auf dem Amt noch zwischen Einheimischen und Ausländern unterschieden wurde, die Vielfalt der Geschlechter sich in Mann und Frau erschöpfte und das generische Maskulinum nicht unter diskriminierendem Patriarchatsverdacht stand.

Von nun geht es in der Berliner Verwaltung vor allem darum, „respektvoll mit den Menschen in dieser Stadt kommunizieren zu können, unabhängig von ihrem Lebensalter, ihrem Geschlecht, ihrer sexuellen Identität, ihrer Religionszugehörigkeit oder Weltanschauung, ihrer Herkunft, ihrer Hautfarbe oder ihrer Behinderung“. Wie das in der Praxis aussehen soll, ist dem Leitfaden zu entnehmen.

Der Begriff „Asylant“ zum Beispiel soll besser nicht mehr verwendet werden, denn „politische Gruppen“ instrumentalisierten diesen häufig negativ. Auch die Bezeichnung „Asylbewerber“ ist nicht viel besser, schließlich legt sie nahe, daß sich Menschen um ein Grundrecht, in diesem Fall das auf Asyl, bewerben müßten. Empfohlen wird deshalb der Ausdruck „Schutzberechtigte“.

Ausländer sind „Menschen mit internationaler Geschichte“

Und es geht noch weiter: Ausländer sind eigentlich keine Ausländer mehr, sondern „Einwohnende ohne deutsche Staatsbürgerschaft“. Ebenso verbietet sich die gutgemeinte Bezeichnung „ausländische Mitbürger“, denn durch den Zusatz „Mit-“ finde eine unnötige Unterscheidung statt.

Flüchtlinge sollten ebenfalls nicht mehr als solche bezeichnet werden, denn dadurch reduziere man Menschen „auf einen Teil ihrer Biografie“. Hier empfiehlt der Leitfaden die Verwendung „geschützte Personen“.

Noch mehr verrenken sich die Wortschöpfer bei Einwanderern, die unrechtmäßig nach Deutschland gekommen sind. Hier solle künftig nicht mehr von „illegalen Migranten“ gesprochen werden, sondern lieber von „undokumentierten Migranten“, wobei die Formulierung „Migranten“ selbst auch nicht erste Sprachwahl ist. Eher empfehle sich der Begriff „Menschen mit Migrationsgeschichte“ oder noch besser: „Menschen mit internationaler Geschichte“.

Sorge bereitet den Experten für sprachliche Ungerechtigkeiten zudem die Einordnung von Asylsuchenden als Wirtschafts- oder Armutsmigranten. Dies lege nahe, daß die betroffenen Personen vor allem aus wirtschaftlicher Not nach Deutschland kämen und das Grundrecht auf Asyl ausnutzen.

„Musliminnen“ statt „Kopftuchträgerinnen“

Insbesondere Angehörige der Roma-Minderheiten sowie Geflohene aus den Maghreb-Staaten würden häufig pauschal als Armutsflüchtlinge bezeichnet, wodurch eine Einwanderung in die Sozialsysteme angedeutet werde, beklagen die Verfasser. Eine solche sei aber gesetzlich ausgeschlossen. Deshalb empfehle es sich von „Arbeitseinwanderung“ zu sprechen.

Der Leitfaden für „Mitarbeitende“ der Berliner Verwaltung erschöpft sich jedoch nicht nur in der richtigen Bezeichnung für Ausländer beziehungsweise „Einwohnende ohne deutsche Staatsbürgerschaft“. So sollen beispielsweise „Kopftuchträgerinnen“ nicht mehr „Kopftuchträgerinnen“ heißen, sondern „Musliminnen“, „Geschlechtsumwandlungen“ seien „Geschlechtsangleichungen“ und wer „früher ein Mann“ war, ist nun „bei der Geburt als männlich eingeordnet“ worden.

Auch bekenne sich niemand zu seiner Sexualität, denn bekennen könne man sich nur zu einer Straftat. Statt „Anne ist bekennend lesbisch“ solle man lieber von „Annes Lebensgefährtin“ sprechen, statt „geistiger Behinderung“ lieber „Mensch mit Lernschwierigkeit“ sagen. Und selbst Begriffe wie „schwarzfahren“ oder „anschwärzen“ sind künftig tabu. Jetzt heißt es „Fahren ohne gültigen Fahrschein“ und „melden“.

Es kommt also einiges zu auf die Mitarbeitenden der Berliner Verwaltung. Wie gut, daß der Senat da gerade zeitgleich eine Hauptstadtzulage für seine Bediensteten beschlossen hat. Mit 150 Euro mehr pro Monat läßt sich der geistige Mehraufwand dann vielleicht etwas leichter ertragen.

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