BONN. Landwirte aus ganz Deutschland haben für den morgigen Dienstag Proteste gegen das Agrarpaket der Bundesregierung angekündigt. Die zentrale Demonstration wird am Hauptsitz des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft in Bonn stattfinden. Zur Kundgebung um 11 Uhr auf dem Bonner Münsterplatz wird mit 8.000 bis 10.000 Teilnehmern gerechnet. Auch in anderen deutschen Städten wollen Bauern auf die Straße gehen, weil sie nicht länger die „Fußabtreter der Nation“ sein möchten.

So sind unter anderem in München, Stuttgart, Freiburg, Würzburg, Münster, Magdeburg und Rostock Proteste geplant. In Brandenburg sollen 600 Polizisten eingesetzt werden, um eine Traktoren-Sternfahrt nach Berlin zu eskortieren. In der niedersächsischen Hauptstadt wollen Landwirte mit 1.500 Schleppern zusammenkommen. Die Landmaschinen dürfen aufgrund einer Ausnahmegenehmigung im Konvoi auch die Autobahnen benutzen.

Aufgerufen zu den Protesten hat die Initiative „Land schafft Verbindung“, eine Basisbewegung von Landwirten, die ihre Aktionen unabhängig von den Berufsverbänden organisieren. Mittlerweile gehören über 30.000 Landwirte der Initiative an, die sich hauptsächlich über soziale Netzwerke formiert hat. „Ein Grund für diese Bewegung ist zum Beispiel das Bauern-Bashing“, erläuterte Henriette Struß gegenüber dem Fachmagazin Land und Forst. Die junge Landwirtin aus Barsinghausen bei Hannover gehört zu den Mitorganisatoren der Proteste. Man sei „es leid, ständig für fast alle Fehlentwicklungen verantwortlich gemacht zu werden“.

„Buhmann der Politik“

Sie und ihre Berufskollegen sehen sich als „Buhmann der Politik und vieler NGOs“, also Nichtregierungsorganisationen wie Umwelt- oder Verbraucherverbänden, heißt es in einem Aufruf zur Demo. Die permanente negative Stimmungsmache führe „zu Ärger und Frustration im Berufsstand“, mittlerweile gehörten „Diskriminierung, Benachteiligung und Mobbing von Angehörigen zur Tagesordnung“. Das gefährde die Zukunft der bäuerlichen Familienbetriebe und damit des ländlichen Raums.

So fühlen sich die Bauern beispielsweise zu Unrecht einseitig für erhöhte Nitrat-, Phosphat-, oder Stickstoffwerte im Grundwasser verantwortlich gemacht. Tatsächlich aber belaste die ganze Gesellschaft Gewässer und Umwelt, etwa durch Kläranlagen. „Keiner fordert, daß die Leute weniger aufs Klo gehen, aber wir sollen unter Bedarf düngen“, erregt sich ein anderer Mitorganisator der Demonstration in Hannover. Man fordere diesbezüglich einen „fairen Umgang“ und „Wissenschaft statt Ideologie – beim Dünger wie beim Diesel“.

Dort will ein Teil der Protestierer nicht zum Kundgebungsort am Maschsee fahren, sondern sich am Eingang der Fußgängerzone in der Nähe des Hauptbahnhofs versammeln. Man plane „nicht nur eine reine Bauern-Veranstaltung mit eigenen Rednern fernab der Öffentlichkeit, sondern wolle mitten in der Stadt sichtbar sein und direkt mit dem Verbraucher ins Gespräch kommen“, heißt es zur Begründung.

„Laut, aber friedlich“

Neben dem Agrarpaket wenden sich die Agrarvertreter auch gegen das Mercosur-Handelsabkommen zwischen der EU und südamerikanischen Staaten. Dies gefährde durch Billigpreise importierter Waren „die Versorgung mit sicheren, qualitativ hochwertigen und geprüften Lebensmitteln aus der Region“.

„Laut, aber friedlich“, so lautet die Devise der Protestler. Anders als teilweise bei vergleichbaren Veranstaltungen in Frankreich wollen die deutschen Landwirte auf Krawall verzichten. „Dafür haben wir viel zu gute Argumente“, beteuert einer der Organisatoren in einer Videobotschaft an die Mitstreiter. Ganz wichtig sei auch der Anspruch, den Veranstaltungsort danach noch sauberer zu hinterlassen als man ihn vorgefunden habe. „Wir nehmen unseren Müll mit, wir sind ja nicht Fridays for Future“, fordert der Landwirt. Der Gesellschaft gegenüber setze man so ein Zeichen, „wo die wahren Naturschützer herkommen“.

Der Leidensdruck in der Branche ist groß. „3 vor 12 – Bauern in Not“ lautet das Motto einer Protestgruppe aus dem südöstlichen Niedersachsen. Ein westdeutscher Mitorganisator brachte die Stimmungslage angesichts des drohenden Agrarpakets ähnlich deutlich zur Sprache: „Wenn wir das jetzt nicht geschlossen durchziehen, sind wir verloren!“ (vo)

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