Als das mannshohe „Schwert des Artus“ vorsichtig aus dem Renault-Kastenwagen gezogen wird, ahnt man, daß die Vorbereitungen fast abgeschlossen sind. Auf dem provisorischen Parkplatz, einer Wiese bei Saint-Kaduan, einem winzigen Weiler im Westen der Bretagne, stehen an diesem Sonntagmorgen etwa einhundert Pkws. Die Insassen haben sich unter bedecktem Himmel in kleinen Gruppen zusammengefunden, reden miteinander, trinken noch einen Kaffee. Die Atmosphäre ist entspannt, auch bei den Akteuren, die einander helfen, ihre Kostüme – sie selbst würden sagen: ihre Gewänder und Insignien – anzulegen.

Die übrigen sind in Alltagskleidung erschienen, einige aber auch im Kilt, was unter herkunftsstolzen Bretonen seit einiger Zeit Mode ist. Viele kennen sich und begrüßen einander. Aber die größte Zahl stellen die Neugierigen, unter Einschluß der Touristen und einem kleinen Team von France Bleu, dem staatlichen Fernsehsender, die gekommen sind, um am „Gorsedd der Druiden, Barden und Ovaten der Bretagne“ teilzunehmen.

Der Begriff „Gorsedd“ stammt eigentlich aus dem Walisischen und bedeutet so viel wie „Thron“. Gemeint ist damit der Sitz des obersten Druiden, der an der Spitze eines Kollegiums aus Druiden, also Priestern der keltischen Tradition, Barden, also Sängern, und Ovaten, ursprünglich eine Art Prophet und Heiler, steht. Vereinigungen dieser Art gibt es in Wales, Cornwall und eben der Bretagne. Wales kommt dabei der Vorrang zu, nicht nur weil die vom Gorsedd dort abgehaltenen Veranstaltungen – in erster Linie das Eistedfodd – tatsächlich den Charakter von Nationalfesten haben, sondern auch, weil hier der Ursprung der Bewegung liegt.

Druiden schätzen neben Naturverehrung auch Vernunft und Toleranz

Teilnehmer des leicht skurrilen Umzugs Foto: Karlheinz Weißmann

Die geht zurück auf die „Keltische Renaissance“, die seit dem 18. Jahrhundert zuerst Irland und Schottland, dann Wales, die Isle of Man und schließlich Cornwall und die Bretagne erfaßte. Dabei spielten sowohl Motive der Aufklärung wie der Romantik eine Rolle. Der erste Aspekt kommt in manchen Ähnlichkeiten zwischen den damals gegründeten Druidenorden und der Freimaurerei zum Ausdruck. In Ermangelung wirklicher Kenntnisse der keltischen Tradition entwarf man eine Weltanschauung, die eine mehr oder weniger ausgeprägte Arkandisziplin kannte, neben Theismus, Lichtsymbolik und Naturverehrung auch die Hochschätzung von Vernunft und Toleranz umfaßte.

Daß der Kopfputz der neuen Druiden, Barden und Ovaten so massiv an den pharaonischen erinnert, hat wahrscheinlich damit zu tun, daß die Ägyptomanie der Maurer zu dem Zeitpunkt noch nicht abgeklungen war. Allerdings wurden die Gewichte in der Folgezeit zu Gunsten jener Inhalte und Symbole verschoben, die sich aus dem romantischen Interesse an der Vorgeschichte und dem Willen zur nationalen Emanzipation der keltischen Völker speisten.

Besonders deutlich ist dieser Zusammenhang im Fall der Bretonen, obwohl oder weil sie als Nachzügler die Bühne betraten. Zwar wurde schon 1838 auf dem walisischen Eistedfodd von Abergavenny eine Delegation aus der Bretagne begrüßt, und in der Folgezeit ergab sich ein dauernder Austausch zwischen den „keltischen Brüdern“. Der führte aber nur nach und nach dahin, daß man auf dem Festland die Muster von der Insel nachzuahmen verstand. Erst 1899 fand eine bretonische Gorsedd statt und löste eine Bewegung aus, die rasch einen klarer heidnischen Charakter annahm und Ausdruck des regionalen beziehungsweise nationalen Selbstbehauptungswillens gegenüber dem französischen Zentralismus wurde.

Die Atmosphäre während der Zeremonie ist entspannt

Druiden, Barden und Ovaten beim diesjährigen Gorsedd Foto: picture alliance/dpa

Alle diese Momente spielen bis heute eine Rolle, wenngleich die Gorsedd weit entfernt ist von der Bedeutung, die sie einmal für den bretonische Autonomismus hatte. Und so gewinnt man angesichts des Zuges, der sich allmählich aufstellt, weniger den Eindruck einer feierlichen Prozession als eines fröhlichen und etwas skurrilen Umzugs. Dudelsack und Bombarde gehen an der Spitze, gefolgt von der bretonischen Nationalflagge, dem Gwenn-ha-du, dann die Novizen mit einer Schärpe, darauf das (angeblich) druidische Symbol des „Tribann“, bestehend aus drei Lichtstrahlen, die „Weiße Dame“ als Verkörperung der bretonischen Jugend, verschiedene Standarten, die Ovaten, die Barden, die Druiden, die Träger verschiedener Embleme, darunter der „Speer des Lug“, der Waffe des keltischen Kriegsgottes, oder des Stabes der Gehörnten Schlange, zuletzt der Großdruide und die Großbardin Cornwalls mit Krone und der Schwertwächter.

Der Weg führt einen Abhang hinunter, auf eine Lichtung mit Steinkreis. In der Mitte steht ein Felsblock, von dem aus der Großdruide die Zeremonie leitet, die sich über fast zwei Stunden erstreckt. Der Ablauf sieht Begrüßung und Predigt ebenso vor wie das Totengedenken, die Aufnahme der Neulinge und zuletzt die obligatorische Verteilung der Mistelzweige. Das Ganze unterbrochen von einem einzigen Beitrag auf Französisch, der sich der Solidarität mit denjenigen widmet, die den bretonischen Sprachunterricht verstärkt wissen wollen.

Sehr text- und liturgiesicher wirken die Akteure insgesamt nicht. Die Optik irritiert zudem die Vielfalt dessen, was unter den Gewändern an nackten Füßen, Turnschuhen und Gummistiefeln hervorschaut, gar nicht zu reden von dem Dauerfotografieren, an dem sich auch der eine oder andere Druide beteiligt. Die Atmosphäre ist eher entspannt und etwas wurstig, kaum feierlich. Insofern kann man sich an einen evangelischen oder katholischen Familiengottesdienst unter freiem Himmel erinnert fühlen. Wäre da nicht das Eigenartige der Embleme, des Bretonischen und zuletzt die Inbrunst, mit der die Teilnehmer die bretonische Hymne singen und ein dreifaches Hoch auf das bretonische Vaterland ausbringen.

Leave a Reply

WordPress Themes



Premium WordPress Themes