ROM. Der emeritierte Papst Benedikt XVI. hat die sexuelle Revolution der 1960er Jahre sowie die Säkularisierung der westlichen Gesellschaft für den sexuellen Mißbrauch von Kindern und Jugendlichen verantwortlich gemacht. In einem am Donnerstag von der Catholic News Agency veröffentlichten Aufsatz diagnostizierte er zudem einen davon unabhängigen Zusammenbruch der katholischen Morallehre.

Die aktuelle Kirchenkrise könne nicht verstanden werden, ohne einen Blick auf die sexuelle Revolution und ihre Auswirkungen zu werfen. „Man kann sagen, daß in den 20 Jahren von 1960 – 1980 die bisher geltenden Maßstäbe in Fragen Sexualität vollkommen weggebrochen sind und eine Normlosigkeit entstanden ist, die man inzwischen abzufangen sich gemüht hat.“

Kirche bestehe nicht nur aus „bösen Fischen“ und aus „Unkraut“

Außerdem warnt er vor nach seiner Ansicht nach falschen Ansätzen zur Lösung der Kirchenkrise. „Die Idee einer von uns selbst besser gemachten Kirche ist in Wirklichkeit ein Vorschlag des Teufels, mit dem er uns vom lebendigen Gott abbringen will durch eine lügnerische Logik, auf die wir zu leicht hereinfallen.“

Doch die katholische Kirche bestehe auch heute nicht nur aus „bösen Fischen“ und aus „Unkraut“, verdeutlicht Benedikt in Anspielung auf zwei biblische Bilder. Die Kirche Gottes gäbe es nach wie vor, und sie sei auch heute das Werkzeug, durch das Gott uns rette. „Es ist sehr wichtig, den Lügen und Halbwahrheiten des Teufels die ganze Wahrheit entgegenzustellen: Ja, es gibt Sünde in der Kirche und Böses. Aber es gibt auch heute die heilige Kirche, die unzerstörbar ist“, schreibt der aus Bayern stammende Pontifex.

Kritik von mehreren Theologen

Mehrere Theologen kritisierten das Schreiben. Es sei verblüffend, „eine freizügige Kultur und progressive Theologie für ein internes und strukturelles Problem verantwortlich zu machen“, sagte die in Kalifornien lehrende katholische Theologin Julie Hanlon Rubio laut der Nachrichtenagentur dpa.

Benedikts Analyse sei „zutiefst fehlerhaft“ und „zutiefst beunruhigend“. Der Dozent an der Marymount University in Virginia, Brian Flanagan, teilte auf dem Kurznachrichtendienst Twitter mit: „Das ist ein beschämendes Schreiben.“ Es sei „peinlich“ und „falsch“, anzunehmen, daß der Mißbrauch von Kindern durch Geistliche ein Ergebnis der 1960er Jahre und eines angeblichen Zusammenbruchs der Moraltheologie sei. (ls)

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