BAD KÖSEN. Der Stardirigent Christian Thielemann hat eine Rückbesinnung auf preußische Tugenden gefordert. „Alle Leute sollten manchmal Preußen sein, wenn es um Arbeitsethos, Disziplin und Zuverlässigkeit“, sagte Thielemann im Interview mit der Zeitschrift Corps, dem Verbandsblatt der Kösener und Weinheimer Corpsstudenten, anläßlich seines 60. Geburtstag am heutigen Montag. „Es geht um Erziehung. Das Preußische macht sich darin fest, in einer richtigen Erziehung. Dem Streben nach Idealen. Man fühlt sich besser mit Regeln, solange man nicht darin verkrampft.“

Dazu gehöre das Elitäre, ergänzte Thielemann, der unter anderem als Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle Dresden und als Musikdirektor der Bayreuther Festspiele tätig ist. Er selbst sei nur durch Elitendenken an die Weltspitze gelangt. „Bevor man etwas von anderen verlangt, muß man es erst sich selbst abverlangen.“

Besonders betonte er den Wert der Disziplin. „Ich mag das Wort Disziplin, es geht um Selbstbeherrschung. Zum Beispiel keinen Alkohol im Dienst zu trinken und konzentriert zu sein“, verdeutlichte Thielemann. Es amüsiere ihn, daß neuerdings ständig vom Burn-out-Syndrom die Rede sei. „Die Menschen au dem Jahr 1945 wußten noch, was ein Burn-out wirklich bedeutet, die hatten ausgebrannte Städte.“ Da sei es keine Frage gewesen, ob man sich überfordert fühle mit der Situation. „Das sind Zivilisationskrankheiten.“

„Man muß sagen dürfen, daß etwas Mist ist, wenn es Mist ist“

Zudem attestierte der Dirigent dem Bürgertum eine derzeitige Schwäche. Das Bürgertum habe versagt. „Die Maßstäbe gehen vor die Hunde. Man muß sagen dürfen, daß etwas Mist ist, wenn es Mist ist. Darin zeigt sich auch die Krise des Bürgertums.“ Viele trauten sich nicht mehr zu sagen, wenn sie etwas nicht mögen und drucksten herum. „Die Toleranz darf nicht so weit gehen, daß man nichts mehr schlecht finden darf, um nicht als altbacken zu gelten.“

Toleranz sei zwar wichtig, „aber eben in preußischer Variante“. Dies bedeute, zu akzeptieren, „daß der andere seine Freiheit so weit genießt, bist er an die eines anderen stößt“. Leider sehe die Praxis heute anders aus. (ls)

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