Attentat mit weitreichenden Folgen

On March 23, 2019, in Junge Freiheit, by admin

Der Attentäter schrie: „Hier, du Verräter des Vaterlands!“ und stieß seinem Opfer den Dolch in die linke Seite. Was sich am Nachmittag des 23. März 1819 in der Mannheimer Straße „Quadrat A 2“ ereignete, sollte für Deutschland, ja für ganz Europa üble Folgen haben.

Der 24jährige Theologie-Student Karl Ludwig Sand gehörte zu den aktiven Vertretern der Burschenschaften, die für nationale Einheit und liberale Politik kämpften. Im Oktober 1817 nahm er am Wartburgfest in Eisenach als Mitglied des Festausschusses teil. Er trat als fanatischer Gegner Rußlands hervor, das als mächtigster Bewahrer der konservativen und reaktionären Zustände galt.

Sand war auch ein Wirrkopf, der kaum einen sinnvollen Satz zustande brachte. Ein enger Bekannter äußerte über ihn: „Seine Auffassungsgabe war beschränkt, das Gedächtnis nahm nur mit Mühe an, schwer oder gar nicht war mit Gründen dem beizukommen, was er erfaßt zu haben meinte, und er konnte dabei sehr erregt und bitter werden; aber seine Gesinnung war höchst edel.“

Sand zeigte keine Reue

Schon im Mai 1818 hatte Sand geschrieben: „Es sollte doch einer es mutig über sich nehmen, dem Kotzebue oder sonst einem solchen Landesverräter das Schwert ins Gekröse zu stoßen.“ Am 23. März 1819 machte er blutigen Ernst. Aus seiner Universitätsstadt Jena kommend, traf er in Mannheim ein. Er ließ sich am späten Nachmittag als angeblicher Bekannter bei dem Schriftsteller August von Kotzebue melden. Kaum vorgelassen, zückte er seinen Dolch und stieß den völlig überraschten 57jährigen nieder.

Der Stoß erfolgte mit ungeheurer Wucht, er durchdrang fünf Kleidungsstücke, durchtrennte eine Rippe und bohrte sich ins Herz. Kotzebue war fast auf der Stelle tot. Sein jüngster Sohn, der vierjährige Eduard, mußte diesen ersten politischen Mord in Deutschland mit ansehen.

Sand versuchte danach, sich selbst zu erdolchen, ging dabei jedoch weniger konsequent zu Werke und wurde nur leicht verletzt. An den Hergang der Tat konnte er sich kaum erinnern, meinte nur, „es war geschwind geschehen“. Seine Tat bereute er nicht. Ihm galt Kotzebue als „Verräter an der Idee des Sittlichen, Richtigen und Wahren“, der den Tod verdient habe.

Allen Versuchen, das Attentat als eine weitverzweigte politische Verschwörung aufzubauschen, trat der Gefangene entgegen und betonte immer wieder seine Einzeltäterschaft. Das Hofgericht zu Mannheim verurteilte Sand zum Tod durch das Henkerschwert. Er verzichtete auf ein Gnadengesuch an den Großherzog von Baden und wurde am 20. Mai 1820 vor dem Heidelberger Tor enthauptet. Das Volk nannte die Richtstätte „Sands Himmelfahrts-Wiese.“

Generalangriff auf die national-liberale Opposition

Bezeichnend ist, daß Sand sich ein weitgehend ungeeignetes Haßsubjekt wählte. August von Kotzebue, Vater von 18 Kindern aus drei Ehen, hatte zwar einige Jahre in russischen Diensten gestanden, war 1785 vom Zaren geadelt und 1816 zum Staatsrat ernannt worden, doch sein politischer Einfluß erwies sich als äußerst gering. Vielmehr trat er als Bühnenschriftsteller hervor, der sein Publikum mit mehr als 200 seichten, aber effektvoll aufgemachten Theaterstücken traktierte. Außerdem gab er das Literarische Wochenblatt heraus.

Darin polemisierte er gegen die deutschen Burschenschaften und Turnerbünde als Brutstätten des Umsturzes sowie gegen den politischen Liberalismus mit seinen Bestrebungen nach Parlament und Pressefreiheit. Auch den von vielen Studenten verehrten Turnvater Jahn traf sein Spott. Grund für finstere Mordpläne lieferte Kotzebue aber wirklich nicht.

Sofort nach der Exekution von Sand stürzten zahlreiche Leute zur Richtstätte und tauchten Taschentücher in sein Blut oder schnitten ihm Haarlocken ab. Bald galt er in gewissen Kreisen als politischer Heiliger. Doch tatsächlich hatte er nur Unheil angerichtet. Wie die meisten Attentäter in der Geschichte erreichte Sand das genaue Gegenteil seiner Bestrebungen. Statt der Freiheit eine Gasse zu bahnen, nutzten viele europäische Regierungen die Mordtat als Vorwand zum Generalangriff auf die national-liberale Opposition. Das Ganze gipfelte dann in den berüchtigten Karlsbader Beschlüssen vom August 1819.

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