Mitten in der heißen Wahlkampfphase zur Landtagswahl in Tirol am 25. Februar sorgt der Spitzenkandidat der FPÖ, Markus Abwerzger, für einen heftigen Skandal. Doch dieser entpuppte sich kurze Zeit später als Fake. Zum Hintergrund: In einer Wahlkampfreportage in der ORF-Sendung „Tirol heute“ vom vergangenen Freitag steht Abwerzger neben einem 86 Jahre alten Tiroler, der sich bei dem Politiker über die heutigen Zustände mokiert.

In der Hitlerjugend sei er militärisch ausgebildet worden, es habe „Zucht und Ordnung geherrscht“. In der Kirche habe es immer „die stinkerten Juden“ geheißen, was man heute aber nicht mehr sagen dürfe – „sonst bist du sofort Nazi“, beschwert sich der Senior. Abwerzger hört dem Mann die gesamte Zeit über schweigend und aufmerksam zu. Am Ende nickt der FPÖ-Kandidat, der Beitrag endet.

In den sozialen Netzwerken ergoß sich sofort ein Empörungs-Schwall über den Tiroler Landtagsabgeordneten. Zu präsent sind die Erinnerungen an den niederösterreichischen Spitzenkandidaten Udo Landbauer. Der FPÖ-Politiker hatte am 1. Februar kurz nach der Landtagswahl seine politischen Funktionen niedergelegt, seine Parteimitgliedschaft läßt er ruhen. Zum Verhängnis wurde ihm ein Liederbuch mit antisemitischen Inhalten der Burschenschaft Germania zu Wiener Neustadt, deren stellvertretender Vorsitzender Landbauer war.

Wendung einen Tag später

Im Fall Abwerzger kam es am Samstag allerdings zu einer Wendung: Ein vollständiger TV-Beitrag zeigte nicht nur, daß der Tiroler FPÖ-Chef auf die Aussagen des 86jährigen ablehnend reagierte, er verdeutlichte auch, daß der FPÖ-Klubobmann im Tiroler Landtag, Rudi Federspiel, dem Mann deutlich widersprach: „Jeder Mensch hat seine Würde und jeder Mensch hat seine Rechte.“

Abwerzger reagierte auf Twitter empört: „Ich habe niemals zustimmend genickt, zudem auch deutlich widersprochen, gemeinsam mit Rudi Federspiel. Die Beurteilung, weshalb der ORF das so geschnitten hat, überlasse ich jedem selbst.“ Wie in der Schweiz und in Deutschland geraten die öffentlich-rechtlichen Sender in Österreich zusehends unter Druck. Vor allen in FPÖ-Kreisen ist der zwangsfinanzierte ORF als „Rotfunk“ verschrien.

Der vermeintliche Skandal war Wasser auf die Mühlen für all jene, die glauben, daß der ORF den Beitrag bewußt so geschnitten hatte, um der FPÖ zu schaden. Denn die SPÖ griff ihn gierig auf. „Wer derlei Aussagen (wie die des 86Jährigen, Anm.) unkommentiert stehenläßt, gar noch anerkennend nickt, kann kein Vertreter der Tirolerinnen und Tiroler sein. Gegen dieses Gedankengut muß man aufstehen“, kommentierte SPÖ-Spitzenkandidatin Elisabeth Blanik. Den Blauen forderte sie auf, den Fall „sofort aufzuklären oder umgehend zurückzutreten“.

FPÖ gibt sich mit Entschuldigung nicht zufrieden

Der ORF Tirol entschuldigte sich am Sonntag, zwei Tage nach Ausstrahlung des verzerrenden Beitrags, bei Abwerzger. Landesdirektor Helmut Krieghofer sagte, der Beitrag sei aus „Zeitknappheit“ und wegen „technischer Probleme“ so auf Sendung gegangen. In einem weiteren Beitrag am Sonntag versuchte der Sender, das Mißverständnis zu erklären.

Doch damit will sich die FPÖ nicht zufriedengeben. Ihr medienpolitischer Sprecher Hans-Jörg Jenewein sprach am Montag von einem „Tiroler ORF-Manipulationsskandal“. Die „vermeintliche Aufklärung“ in der gestrigen Sendung bringe das Faß endgültig zum Überlaufen. „Es findet sich kein Wort der Entschuldigung – der ORF-Fehler wird ebenfalls nicht erwähnt. Statt dessen wird einmal mehr falsch, mißverständlich und manipulativ berichtet.“

Die FPÖ bläst deshalb zum Angriff gegen den ORF. Vizekanzler Strache forderte nach den beiden Fällen nun „harte Konsequenzen“ und eine Reform des ORF. Das Gebührensystem müsse beendet werden, forderte er in dem Blatt. „Das ist alles nicht lustig: Der ORF-Beitrag über Markus Abwerzger hat auch dessen persönliche Existenz gefährdet, da kann jetzt nicht mehr einfach zur Tagesordnung übergegangen werden.“

Auf Facebook bezeichnete Strache am heutigen Dienstag den ORF als „Ort, wo Lügen zu Nachrichten werden“. Bebildert war der als „Satire“ gekennzeichnete Eintrag mit Moderator Armin Wolf. Dieser sagte auf Nachfrage des Standard an, er werde Strache verklagen. „Daß der Vizekanzler der Republik ein derartiges Sujet postet, macht mich ehrlich fassungslos.“ Der ORF kündigte gegenüber der Nachrichtenagentur an, unverzüglich die Löschung des Eintrags zu veranlassen und weitere rechtliche Schritte zu prüfen.

Laut der jüngsten Umfrage zur Tiroler Landtagswahl liegt die FPÖ mit einem Plus von 15 Punkten auf 24 Prozent hinter der ÖVP auf Platz zwei. Während sich der ORF für eine „gewohnt objektive Berichterstattung seines Teams in der verbleibenden Wahlkampfzeit verbürgt“, ist der Sender nun selbst Teil der Berichterstattung geworden und unter strenger Beobachtung durch die FPÖ steht.

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