Der Bericht über die Mißbrauchsfälle der Regensburger Domspatzen ist mit 440 Seiten umfangreich und offenbart Widerliches aus mehreren Jahrzehnten. Es geht um die Zeit von 1945 bis 2015. In ersten Meldungen schien es so zu sein, daß vor allem der Bruder des emeritierten Papstes, der in Regensburg lebende ehemalige Domkapellmeister Georg Ratzinger, besonders belastet worden sei. Wer Überschriften und Schlagzeilen las, mußte den Eindruck gewinnen, daß vor allem Ratzinger schwer schuldig geworden sei.

Und wie selbstverständlich tauchte fototechnisch dann auch sein berühmter Bruder immer wieder auf. Doch stimmt dieser offenbar ein wenig gesteuerte Eindruck überhaupt? Der Historiker und Biograph von Georg Ratzinger, Michael Hesemann, machte jetzt darauf aufmerksam, daß exakt das Gegenteil der – ganz vorsichtig ausgedrückt – zugelassenen medialen Beschuldigung und Verurteilung von Georg Ratzinger zutrifft. Denn wer den Bericht liest, und nicht nur punktuell hineinschaut, um eigene Wünsche bestätigt zu sehen, wird unschwer erkennen müssen: Georg Ratzinger wird entlastet.

Sexueller Missbrauch und Vertuschung solcher Vergehen können beileibe nicht mit dem ehemaligen Domkapellmeister in Verbindung gebracht werden. Die Fakten aus dem Papier, das den Titel „Vorfälle von Gewaltausübung an Schutzbefohlenen bei den Regensburger Domspatzen“ trägt, das der Regensburger Rechtsanwalt Ulrich Weber und der Auswerter Johannes Baumeister am 18. Juli der Presse präsentierten zeigen etwas anderes: Es wird unterschieden zwischen sexueller und körperlicher Gewalt.

Neun Lehrer für Gewalttaten verantwortlich

Von 1945 bis 2915 waren 547 ehemalige Domspatzen-Schüler betroffen. 500 von ihnen waren Opfer körperlicher Gewalt. Immerhin 67 hatten sexuelle Gewalt erlebt, wobei zwanzig der Opfer beides, körperliche und sexuelle Gewalt, zu ertragen hatten. Verantwortlich dafür waren neun Lehrpersonen. Haupttäter waren der Direktor und der Präfekt der Vorschule der Domspatzen in Etterzhausen und Pielenhofen. Die Übergriffe ereigneten sich in den 1960er und frühen 1970er Jahren. Die Opfer berichten von traumatischen Zuständen.

Auch im Musikgymnasium gab es Fälle sexueller Gewalt vor 1972. Drei Internatsdirektoren und ein Präfekt sind hierfür verantwortlich. Domkapellmeister Georg Ratzinger, der 1964 seinen Dienst begann, arbeitete bis 1994 als Chorleiter nicht mit den Vorschülern, sondern ausschließlich mit Schülern des Gymnasiums. Michael Hesemann bemerkt hierzu: „In die ersten acht Jahre seiner Dienstzeit fallen also lediglich die Sexualdelikte des Präfekten J., der nach zwei Jahren bereits entlassen wurde, und des Direktors L., der bis 1971 im Amt blieb.“

Ratzinger bekam dem Bericht zufolge nichts mit

Von den Mißbrauchsfällen, die heute bekannt sind, hat Ratzinger damals nichts mitbekommen. Das bestätigen auch entsprechende Zeugnisse in dem jetzt vorliegenden Bericht. Keines der Mißbrauchsopfer hat sich damals dem Domkapellmeister anvertraut. Auf Seite 380 folgend kann steht:

Bezüglich sexuellen Missbrauchs sehe ich keinen Fall, in dem ausgerechnet er (Georg Ratzinger) rechtzeitige Erkenntnisse gehabt hätte und den jeweiligen Täter hätte aufhalten können. Ich halte es auch für wirklich absurd, anzunehmen, daß sich ausgerechnet ihm Buben eindringlicher bzw. klarer oder auch eher eröffnet haben, als gegenüber ihren Eltern, Internatsleitern, Vertrauenslehrern etc. Daß man mit ihm über Sex spricht – undenkbar.

Als die Vorschule dann ins Musikgymnasium kamen, waren die Opfer ohnehin froh, die schlimme Zeit zuvor endlich hinter sich lassen zu können: „In Regensburg hat man über die Etterzhausen-Zeit nicht gesprochen“, bekunden etliche Zeugen Sie war „irgendwie tabu“ oder „nicht einmal mehr tabu, sie wurde völlig verdrängt.“ Sein Biograph Hesemann sagt deutlich: „Was sexuellen Missbrauch betrifft, ist Georg Ratzinger also von jeder Mitwisserschaft freizusprechen. So kann ihm auch nicht vorgeworfen werden, sie nicht verhindert oder zur Anzeige gebracht zu haben. Daher besteht auch kein Grund, seinen guten Namen mit diesen widerwärtigen Verbrechen in Verbindung zu bringen, wie es leider durch die Presse geschah.“

Körperliche Bestrafung war „normal“

Ws aber ich mit der körperlichen Gewalt? So schlimm das aus heutiger Sicht ist, so sehr war diese nicht nur in Regensburg damals in bestimmten Formen – leider – überall in Internaten zwischen 1940 und 1970 „normal“. Ohrfeigen, Backpfeifen, Kopfnüsse. Wer ehrlich ist, muss zugeben, dass dies keine Besonderheit katholischer Schulen war. Den Wechsel von der Vorschule zum Gymnasium empfanden offenbar viele damals als etwas Befreiendes.

Möglicherweise hat das auch etwas mit Georg Ratzinger zu tun, der zwar als gelegentlich jähzornig, perfektionistisch und cholerisch beschrieben wird, der aber auch in Erinnerung ist als jemand, der „aufrichtig, kompetent und verständnisvoll“, „freundlich, ja liebevoll“, „warmherzig“, „sehr beliebt“ und „von allen Kindern geschätzt“ war. Aber auch er konnte ausrasten und hat die damals üblichen Züchtigungen angewandt: Ohrfeigen, Ziehen an den Haaren, Werfen des Schlüsselbundes, der Stimmgabel, des Taktstockes.

Trotz Züchtigung positive Erinnerungen an Ratzinger

Selbst von einem Umwerfen eines Stuhles liest man in dem Bericht. Doch dort steht auch dies: „Trotzdem fällt im Gegensatz zu zahlreichen anderen Beschuldigten auf, daß viele Opfer die allgemeine Menschlichkeit von R.(atzinger) schätzten und deshalb in vielen Fällen trotz Gewalt sogar positive Erinnerungen mit ihm verbinden.“

Georg Ratzinger können lediglich „mangelnde Reaktionen bei Kenntnis von körperlichen Gewaltvorfällen“ vorgeworfen werden. Sexuelle Gewalt oder Kenntnis von sexuellen Mißbrauchsfällen können dem Bruder des Papstes wahrlich nicht angelastet werden. Insofern ist es seltsam und zumindest unsauber, wenn derzeit der Eindruck zugelassen oder gar erzeugt wird, daß ausgerechnet Ratzinger ein Beschuldigter in diesem Bericht ist, der weder für die Domspatzen noch für die Kirche insgesamt ein Ruhmesblatt sein kann. Eher ein Grund zur Scham.

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