Es war ein Alibi-Talk, den Anne Will am Sonntag abend in der ARD veranstaltete. Offenbar war der Redaktion klar geworden, daß man auf die verheerenden Ausschreitungen während des G20-Gipfels in Hamburg reagieren mußte. Also unterbrach Will extra ihre Sommerpause und eilte ins Studio, um die Frage aufzuwerfen: „War es das wert?“

Schon die Themenstellung machte deutlich, womit sich die Runde in der kommenden Stunde vorrangig beschäftigen sollte. Nicht mit der Frage, wie linksextreme Gruppen ein solches Ausmaß der Zerstörung über Tage hinweg in einer deutschen Großstadt anrichten konnten. Auch nicht, ob die Gefahr des gewaltbereiten Linksextremismus in den vergangenen Jahren nicht systematisch unterschätzt und verharmlost wurde. Und erst recht nicht, welche Verantwortung denn die Politik an dem Entstehen einer solchen Szene trägt. Dann nämlich wäre es für manche Beteiligten recht unangenehm geworden.

Übliche Verdächtige

Daß die Redaktion der Sendung kein Interesse an einer ernsthaften Diskussion hatte, zeigte schon ein Blick auf die Gästeliste: Kanzleramtsminister Peter Altmaier (CDU), Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz (SPD), Grünen-Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt, „Monitor“-Journalist Georg Restle (WDR) sowie der frühere amerikanische Botschafter und Talkshow-Dauergast John Kornblum.

Zusätzlich war Jan Reinecke vom Bund Deutscher Kriminalbeamter geladen, der aber nicht in der Gesprächsrunde Platz nehmen durfte, sondern seinen Sitz Publikum zugewiesen bekam. Nach einem kurzen Eingangsstatement hatte der Polizist dann auch Sendepause.

Kein Innenexperte der Union war geladen, kein Extremismusforscher mit Schwerpunkt Linksextremismus, kein Vertreter der Linkspartei, der sich als parlamentarischer Arm der Szene versteht, kein Opfer linksextremer Gewalt, kein zur Vernunft gekommener Aussteiger. Statt dessen nur die üblichen Verdächtigen, die Erwartbares von sich gaben. Und so dauerte es auch geschlagene 15 Minuten, bis zum ersten Mal überhaupt das Wort „Linksextremismus“ fiel. Zuvor war ausnahmslos von Chaoten, Randalierern, Demonstranten oder Gewalttätern die Rede gewesen, so als ob es sich um völlig unpolitische Täter handelte.

Bündnisse mit Extremisten

Doch darüber, daß die Große Koalition die Programme gegen Linksextremismus zu Beginn der Legislaturperiode zusammengestrichen hatte, wurde nicht gesprochen. Auch kein Wort darüber, daß es ebenfalls die Regierung aus Union und SPD gewesen war, die die sogenannte Extremismusklausel abschafft hatte, nach der sich Vereine, die Fördergelder im „Kampf gegen Rechts“ erhalten, zur Demokratie bekennen müssen.

Anne Will hätte zudem Grünen-Spitzenkandidatin Göring-Eckardt fragen können, warum sie im Bündnis „Aufstehen gegen Rassismus“ gemeinsame Sache mit der Interventionistischen Linken macht. Jener Gruppierung, die einen maßgeblichen Anteil an den Ausschreitungen vom Wochenende trägt und vor der der Hamburger Verfassungsschutz bereits zuvor öffentlich gewarnt hatte.

Wer unterstützt die „Rote Flora“

Es wäre auch interessant gewesen, zu erfahren, wie es Scholz rechtfertigt, daß eine stadteigene Stiftung Besitzer des Szenetreffs „Rote Flora“ ist, in dem militante Gruppen den Widerstand gegen die Polizei vorbereiteten und planten. Doch daran bestand kein Interesse.

Statt dessen durfte Göring-Eckardt darüber klagen, daß US-Präsident Donald Trump dem Klimaschutz nicht die notwendige Beachtung schenke und „Monitor“-Mann Restle nutzte die Gelegenheit, einmal mehr Stimmung gegen die Polizei zu machen. Es sei fraglich, so Restle, ob nicht die harte Linie der Hamburger Polizei zur Eskalation beigetragen habe.

Stimmung gegen Polizei

Schon vor dem Beginn des Gipfels hatte der Journalist der Polizei ein übertriebenes Vorgehen vorgeworfen und zu mehr „hanseatischer Gelassenheit“ geraten. Wie diese Gelassenheit angesichts Tausender vermummter, marodierender, steinewerfender, molotowcoctailsschleudender, autosanzündender, plündernder, polizistenangreifender gewalttätiger Linksextremisten hätte aussehen sollen, verriet Restle dagegen nicht.

Und so bot die Sendung letztlich eine Erkenntnis, für die sich das Einschalten dann doch lohnte: Auch nach der Randale von Hamburg besteht an einer ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Problem Linksextremismus in Deutschland ganz offensichtlich kein wirkliches Interesse.

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