Staatsbankrott (1.4.2015)

Michael Winkler, der Mann mit Visionen

Michael Winkler, der Mann mit Visionen

Das Thema ist ernst gemeint, trotz des Datums. Die Entwicklung vieler Staaten Europas und der ganzen Welt läßt es angelegen erscheinen, sich damit zu beschäftigen. An Stelle einer wirtschaftswissenschaftlichen Abhandlung habe ich die Form einer Spielszene gewählt, die vielleicht Eingang in “Das neue Reich, Band 5” finden wird. Wann – und ob – dieses Buch tatsächlich erscheinen wird, ist allerdings noch völlig offen.

Die deutsch-katholische Reichskirche hatte mit dem Dreikönigsfest, das 2031 auf einen Montag fiel, dem Reich einen letzten freien Tag in der Nachweihnachtszeit beschert. Am 7. Januar begann die Arbeit, und auch Reichskanzler Dr. Werner Winheim saß an seinem Schreibtisch. Er gönnte sich noch ein kurzes Verschnaufen, bevor er die erste Akte öffnen wollte. Jesus, der galiläisch-nordische Weisheitslehrer, war kein Jude mehr, und er war auch nicht in Bethlehem geboren. Diesen Ballast aus dem Alten Testament hatte die Kirche hinter sich gelassen. Im neuen Evangelium mußte er sich vor den Juden verbergen und die drei Könige waren aus dem Osten gekommen, um seinen Eltern die Flucht nach Ägypten nahezulegen. Ob noch jemand der alten Version nachtrauerte? Hölle und Verdammnis, ein strafender, eifersüchtiger Gott – wer brauchte schon sowas?

“Finanzminister Scholz bittet Sie um ein Gespräch, Herr Reichskanzler.” Die Ansage aus seinem Vorzimmer riß Winheim aus seinen Gedanken. Scholz am Morgen bringt Kummer und Sorgen… So hatte er selbst einst gereimt, als er noch Assistent Treugott Rechtschaffens gewesen war. Der Spruch hatte sich all die Jahre bewahrheitet. Mit guten Nachrichten pflegte Adolf Scholz bis zu regulären Kabinettssitzungen zu warten.

“Er möchte bitte hereinkommen.” Winheim lauschte seinen Worten hinterher. Sie hatten ein wenig nach Stoßseufzer geklungen.

“Guten Morgen, Herr Reichskanzler, und alles Gute im neuen Jahr”, begrüßte der Finanzminister den Regierungschef.

“Guten Morgen und alles Gute im neuen Jahr”, erwiderte Winheim den Gruß. “Obwohl ich das Gefühl habe, daß Sie weder einen guten Morgen noch ein gutes Jahr im Gepäck haben, Herr Finanzminister.”

“Herr Reichskanzler, ich bin nur der Überbringer der schlechten Nachrichten, nicht der Urheber.” Scholz war fast dreißig Jahre älter als sein Vorgesetzter. Winheim war zunächst für den bloßen Schützling Reichskanzler Rechtschaffens gehalten worden, doch als Leiter des Ministeriums für Industrie, Technologie und Außenhandel hatte er seine Widersacher davon überzeugt, daß er sein Amt eigenen Fähigkeiten und nicht nur der Protektion verdankte.

“Ich hatte gehofft, daß ich meinem Nachfolger geordnete Verhältnisse hinterlassen könne”, fuhr Scholz fort. “Stattdessen treiben wir auf den Staatsbankrott zu. Wir haben den Krieg gegen die Edenier gewonnen, doch unsere Kassen sind leer geworden. Das Hochfahren der Militärproduktion hat sehr viel Geld gekostet.”

“Das liegt doch schon fast zwei Monate hinter uns”, wunderte sich Winheim. “Die Zeppelin- und die Salier-Werke haben ihre Produktion zurückgefahren, die Belegschaften genießen einen verlängerten Weihnachtsurlaub. Die zusätzlichen Luftabwehr-Verbände haben wir demobilisiert und deren Waffen eingelagert. Wo, bitte, finden Sie noch zusätzliche Kostenfaktoren?”

“Wir haben acht einsatzbereite Einheiten der Walhalla-Klasse, die uns jeden Tag Geld kosten”, begann der Finanzminister. “In der deutschen Schweiz wurden große Zerstörungen angerichtet, Venedig wurde ausgelöscht. Wir haben also große Gebiete aufzubauen.”

“Vor zehn Jahren mußte ganz Deutschland aufgebaut werden”, wandte Winheim ein. “Mit deutlich weniger Steuereinnahmen!”

Scholz seufzte abgrundtief. “Damals reichte es aus, den Leuten Nahrung und ein Dach über den Kopf zu geben. Wir hatten einen richtigen Staatsschatz angelegt, tonnenweise Gold und Silber…”

Winheim unterbrach ihn. “Die SMS FRIEDENSTAUBE hat doch die Tresore in New York ausgeräumt? Das waren doch mehrere tausend Tonnen Gold, soweit mir bekannt ist.”

“Ja, das sind unsere letzten Reserven”, gab Scholz zu. “Die dürfen wir aber nur ganz langsam angreifen, wenn die weg sind, können wir den Laden zumachen.”

“Soweit ich Sie verstanden habe, wollen Sie den Laden schon jetzt zumachen, anstatt diese Reserven anzugreifen?”, stichelte Winheim. “Was haben die Leute denn früher in solchen Situationen gemacht?”

“Die BRD-Regierung hat hemmungslos Schulden aufgenommen”, überlegte Scholz. “Deren Geld war durch nichts gedeckt, sie haben es einfach drucken lassen. Und sie waren verrückt genug, den Banken dafür Zinsen zu bezahlen. Die Weimarer Reichsregierung hat ebenfalls Geld gedruckt, in solchen Mengen, daß die Währung zerstört worden ist. Die kaiserliche Reichsbank hat mehr Papiergeld herausgegeben, als sie Gold besessen hatte, im Vertrauen darauf, daß niemals alle Menschen ihr Geld in Gold tauschen würden. Hitler hat MeFo-Wechsel herausgegeben, also die Reichsschulden einer ominösen Metall-Forschungsanstalt aufgebürdet. Das sind natürlich keine sauberen Finanzierungen.”

Der Reichskanzler war studierter Physiker, er hatte sich jedoch genug geschichtliches Wissen angeeignet, um über betrügerische Staatsfinanzierungen Bescheid zu wissen. Als Student hatte er sich ein Motorrad gekauft, auf Ratenzahlung – und den bitteren Moment erlebt, in dem der Gerichtsvollzieher seinen ganzen Stolz abgeholt hatte. Nie wieder mit fremdem Geld, hatte er sich damals geschworen. Das Deutsche Reich hatte nach dem Zusammenbruch mit einer Edelmetall-Währung begonnen. Klamme Fürsten früherer Zeiten hatten sich mit infamen Geld beholfen, den Feingehalt der Münzen herabgesetzt. Andere Fürsten hatten sich Geld geliehen und so Banken zu Mitregenten werden lassen. Das Reich hatte jedoch zu lange der Souveränität entbehrt, um sich bei Dritten zu verschulden, und es hatte in der BRD einen derart ehrlosen Vorgänger, daß es keine Schande auf sich laden wollte.

Die Rentenmark der Weimarer Zeit war da ehrlicher gewesen, damals war der gesamte Staatsbesitz als Deckung der Papierwährung herangezogen worden. Dies wäre die letzte Möglichkeit, denn damit war dem Betrug die Tür geöffnet. Brachland ließ sich als höherwertiges Bauland ausweisen, womit dem Staat neue Geldmittel zuflössen… MeFo-Wechsel, ausgestellt auf eine staatseigene Firma, verleiteten zur Wechselreiterei, zur Begleichung der Wechselschulden durch Ausgabe neuer Wechsel. Ein Staat, der sich einmal verschuldet hatte, wurde diese Schulden nie wieder los, weil sich die Staatsführung an die zusätzlichen Mittel gewöhnt hatte.

Das merkantilistische System hatte versucht, durch Exporte das nötige Geld einzunehmen. Es erschien einleuchtend, Waren zu verkaufen und im Gegenzug dafür Geld einzunehmen, doch dieses Geld führte zu einem Ungleichgewicht zwischen Geld und Waren im eigenen Land – und in jenem Land, das diese Waren gekauft hatte. Das MITA war eine Tauschhandels-Börse, welche den internationalen Handel auf fairer Basis abwickelte. Das alte “Beggar Thy Neighbor”, “Bring deinen Nachbarn an den Bettelstab”, wollte das Reich nicht mehr praktizieren. Zumal die BRD einstmals ihre Waren gegen Schuldscheine abgegeben hatte; Schuldscheine, die niemals eingelöst wurden.

Als fortschrittlichster Staat der Welt hatte das Reich weltweit begehrte Waren zu bieten, doch ein freizügiger Handel würde zu einem Wohlstandsgefälle führen, das Haß und Neid erzeugte. Zwar war das Reich seinen Gegnern militärisch klar überlegen, doch selbst ein kleiner, schnell entschiedener Krieg kostete das Geld, das der Handel zuvor eingebracht hatte. Zu viel Geld im Land würde den Wohlstand durch Inflation aufzehren, die Altersvorsorge der Sparer ausdünnen und damit das Vertrauen in den Staat untergraben.

Natürlich wäre es einfach, die Steuern zu erhöhen. Höhere Steuern dämpften allerdings die wirtschaftliche Aktivität der Menschen, also genau das, was ein Staat benötigte um aufzublühen. Der schöne Satz, daß stärkere Schultern größere Lasten tragen könnten, berücksichtigte nicht, daß ein Zugpferd, dem man zusätzlich Lasten auf den Rücken lud, deutlich weniger ziehen konnte. Der Grenznutzen wurde insgesamt verringert. Trotzdem wäre eine moderate Steuererhöhung vielleicht sinnvoll.

“Herr Scholz, wie hoch ist unser Spitzensteuersatz?”

“20% für den Teil des Einkommens, der 30.000 Mark übersteigt”, erwiderte der Finanzminister. Die Kaufkraft einer Goldmark betrug mindestens das Zehnfache eines Euros, verglichen mit den BRD-Steuern hielt sich das Reich sehr zurück.

“Wie wäre es mit 25% ab 48.000 Mark?”, schlug Winheim vor.

“Das wäre ein Tropfen auf den heißen Stein”, überlegte Scholz. “Ich möchte zudem eine Erhöhung der Umsatzsteuer um ein Viertel Prozent vorschlagen.”

“Wir geben damit künftigen Regierungen ein sehr schlechtes Beispiel”, wandte Winheim ein. “Außerdem benötigen wir die Zustimmung des Reichstags dafür. Mir wäre eine andere Lösung lieber. Welche Dienstleistungen bieten wir an, bei denen wir unsere Einkünfte steigern können?”

“An der Gebührenschraube drehen? Das ist auch nichts anderes als eine Steuererhöhung”, sagte der Finanzminister.

“Mein alter Freund Rechtschaffen hat mir mal erzählt, wir hätten in Deutschland deshalb eine Staatsbahn eingeführt, weil der Staat die Gewinne aus dem Bahntransport einstreichen wollte”, überlegte Winheim. “Bei den Angelsachsen hätten Privatleute diese Gewinne eingesackt.”

“Unser Bahnnetz ist bislang sehr lückenhaft”, gab Scholz zu bedenken. “Wir haben die 1435-Spuren aus dem 19. Jahrhundert, die neuen 1520er Gleise bauen wir gerade erst, die kosten Geld, statt welches einzubringen. Die Magistrale Arnheim, Oldenburg, Hamburg, Kiel, Stettin, Danzig, Königsberg, Sankt Petersburg hat noch nicht einmal Hamburg erreicht, Dresden, Breslau, Warschau, Minsk haben wir noch nicht mal angefangen. Die Linien Wien-Adria und Wien-Budapest sind noch im Planungsstadium. Rußland und China sind als Handelspartner weit zurückgeworfen, die Russen werden wohl kaum in unsere Richtung bauen können.”

“Konzentrieren wir uns auf die Magistrale Arnheim – Sankt Petersburg”, schlug der Reichskanzler vor. “Damit erreichen wir die Siedlungsprojekte Hamburg, Kiel, Stettin, Danzig und Königsberg. Und bei den Siedlungsprojekten sollten wir den künftigen Siedlern anbieten, selbst Geld anzusparen. Wir geben die Hälfte des Sparbetrags als Zuschuß, so tragen wir nur ein Drittel, statt wie bislang geplant, den vollen Betrag. Das sollte Ihre Kasse ein wenig entlasten.”

“Ja, allerdings erzielen wir so mit dem Bahngeschäft keine nennenswerten Einnahmen”, behauptete der Finanzminister. “Zumindest nicht in den nächsten fünf bis zehn Jahren.”

“Was halten Sie von einer Bahnanleihe?” Winheim hob die Hand, damit Scholz nicht zu früh antwortete. “Wir bieten keine Kapital-Lebensversicherungen mehr an, da stieße eine Bahnanleihe als langfristiger Sparplan doch sicher auf Interesse. Da wir keine Inflation zulassen, sind zwei bis zweieinhalb Prozent Zinsen attraktiv. Da ließe sich sogar eine Risiko-Lebensversicherung draufpacken. Und eventuell sogar eine Bahncard – abhängig von der Ansparsumme. So beschaffen wir das Kapital für den Ausbau der Bahnlinien.”

“Das könnte interessant sein”, gab Scholz zu.

“Mann, Scholz, ich hoffe, daß Sie mindestens noch fünf Jahre im Amt bleiben”, rief der Reichskanzler amüsiert. “Sie sind ein hervorragender Erbsenzähler, Phantasie ist leider nicht Ihre Stärke. Wir haben nur die Chance, uns wie Baron Münchhausen am eigenen Zopf aus dem Sumpf zu ziehen. Wir können vorsichtig das Volk anzapfen, Hilfe von dritter Seite wäre tödlich. Die Zeppelin-Werke haben derzeit Personal-Überschuß, das sollten wir nutzen. Weil wir derzeit keine brauchbare Landverbindung und kaum Seefracht-Kapazität haben, sollten wir die Fracht-Luftschiffe nutzen. Friedrichshafen wird dadurch ausgelastet – und wir generieren über die Lufthansa-Frachtmaschinen Einnahmen.”

“Ich verstehe”, folgerte Scholz. “So generieren wir Einnahmen über die MITA-Provision UND über die Luftfracht.”

“Ja, Sie denken mit”, lobte Winheim. “In dieser Richtung müssen wir weiterdenken.”

“Zu Zeiten des Papiergeldes war es einfacher”, sagte Scholz mit einem leisen Seufzen.

Winheim lächelte freundlich und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. “Herr Scholz, das ist der Unterschied zwischen Prometheus und Epimetheus. Der eine hat erst gehandelt und hinterher nachgedacht, der andere hat es umgekehrt gehalten. Papiergeld haben Sie schnell bekommen und später für ewige Zeiten bereut, bei unserem heutigen Vollgeld müssen Sie erst Nachdenken und sich den Kopf zerbrechen, dafür haben Sie hinterher keinerlei Sorgen. Langfristig fahren wir mit der zweiten Lösung besser.”

© Michael Winkler

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