Die Intelligenz und ihre Feinde

Aufstieg und Niedergang der Industriegesellschaft

100 Jahre vor der Schrumpfung eines Volkes schwindet seine geistige Schöpferkraft!

Die über 400 Seiten des Buches „Die Intelligenz und ihre Feinde – Aufstieg und Niedergang der Industriegesellschaft“ sind derart vollgestopft mit Informationen und Verknüpfungen von Zusammenhängen, daß der Leser schnell vergessen kann, vor welchem Hintergrund Dr. Dr. Volkmar Weiss dieses Buch verfaßt hat. Anlaß dieser Analyse ist das kommende „große Chaos“ unserer Gesellschaft, das er herannahen sieht:

I. Uns schwinden die günstigen Energiequellen, auf denen unsere Gesellschaft fußt;
Die Intelligenz und ihre FeindeWeiss, VolkmarDie Ausbeutung fossiler Brennstoffe wie Kohle, Erdöl oder Erdgas ermöglichte die Entstehung der heutigen globalen Industriegesellschaft. Billige Energie hat bis heute zu einer nie dagewesenen Bevölkerungszunahme geführt. Dennoch steht die demokratische Massengesellschaft des Westens, die den Sozialstaat hervorgebracht hat, im Begriff, sich selbst wieder zu zerstören. Unter anderem deshalb, weil sich die um Mehrheiten kämpfenden Parteien in Versprechungen überbieten und den Staat überschulden. §Die eigentlichen Gründe für diese Selbstzerstörung liegen allerdings tiefer: Überwogen in der Aufstiegsphase der westlichen Gesellschaften die unternehmerischen Kräfte, so beherrscht seit etwa 1970 das Gleichheitsbestreben die öffentliche Diskussion. Heute werden nicht nur erbliche Intelligenzunterschiede geleugnet, es werden durch falsche Anreize auch die Leistungsstarken entmutigt und die Leistungsschwachen gefördert. Dadurch gelingt es den Industriegesellschaften häufig nicht mehr, im ausreichenden Maße für qualifizierten Nachwuchs zu sorgen; ihr Niedergang wird so unvermeidbar.§Parallel dazu steigen unablässig die Kosten für Energie, dem unverzichtbaren Betriebsstoff der Industriegesellschaft. Vielerorts mangelt es an kreativem Potential, um den sich abzeichnenden chaotischen Verhältnissen, die aufgrund dieser Entwicklung drohen, entgegenzusteuern. §Alle diese Entwicklungen, so die zentrale These dieses Buches, müssen im Zusammenhang ihrer Wechselwirkungen gesehen werden: sie sind Ausdruck eines gesetzmäßigen Regulationskreislaufes, der die Industriegesellschaft in eine Dauerkrise treibt, die sich schubweise und unaufhaltsam beschleunigt. §Der Autor§Volkmar Weiss, Dr. rer. nat. habil. Dr. phil. habil.; 1972 Dissertation über die Vererbung von mathematisch-technischer Hochbegabung, 1990 als Genetiker habilitiert mit dem Buch Psychogenetik: Humangenetik in Psychologie und Psychiatrie ; 1993 für Sozialgeschichte habilitiert mit dem Buch Bevölkerung und soziale Mobilität: Sachsen 1550 1880 ; 1990 2007 Leiter der Deutschen Zentralstelle für Genealogie. 2000 erschien von ihm im Leopold Stocker Verlag Die IQ-Falle: Intelligenz, Sozialstruktur und Politik

II. uns fehlen zunehmend die hochbegabten Köpfe, die an der Lösung dieser energetischen Probleme arbeiten könnten;

III. der ausgeuferte Sozialstaat fördert Unterdurchschnitt und Mittelmaß – wenn er eines Tages nicht mehr finanziert werden kann, lassen sich die hungrigen und wohl auch etwas verwöhnten Massen nicht mehr still bzw. in Schach halten.

Bestimmte Gesetzmäßigkeiten betrachtet Weiss als unumgänglich:

Den Zyklus politischer Systeme einerseits.
So könne der kritische Wissenschaftler „die Demokratie [als] nichts anderes als […] eine Stufe in einem gesetzmäßigen Kreislauf“ sehen. Es ist nicht so, daß Weiss etwas gegen die Demokratie hätte. Er sieht nur die Abwärtsspirale, die uns in Unruhen und totalitaristische Systeme zurückversetzen wird. Denkbar, daß uns in dem kommenden Chaos angesichts des heutigen Zeitgeistes ein neuer Sozialismus als Durchlauferhitzer zum Kommunismus bevorsteht. Dies sei aber ein Kommunismus kollektiver Armut. Denn ihm geht erstens ein Zusammenbruch voraus und zweitens verachtet der Kommunismus im Gegensatz zum Sozialismus jegliche Leistungsbereitschaft als anti-egalitär. Die ausbleibende Überflußgesellschaft, von der Kommunisten bisher träumen, wird nur durch stramme Zügel geführt werden können. Dennoch hält Weiss einen dauerhaften kommunistischen Weltstaat für wenig wahrscheinlich, denn: „Die Verteuerung der Energie wird nämlich jede Kommunikation, allen Handel und jede Verwaltungstätigkeit über größere Entfernungen verteuern, erschweren oder ganz unmöglich machen […]“ Für wahrscheinlicher hält Weiss daher „in weiten Teilen der Welt de[n] Zerfall der größeren Machtbereiche in örtliche und landschaftsgebundene Einheiten“, in denen sich religiöse Phantasien austoben und Banden um Macht kämpfen. Es droht die Gefahr einer „große[n] Zahl sich gegenseitig bekämpfender Neuanfänge auf schmaler energetischer Basis“. Es lasse sich nicht sagen, ob diese kleinen Gemeinschaften innerlich bürgerlich-freiheitlich oder autoritär aufgestellt sein werden.

Die Grundstruktur der Gesellschaft andererseits.
Weiss läßt George Orwell sprechen, der feststellte, daß sich die gesellschaftliche Grundstruktur in der Menschheitsgeschichte nie geändert habe. „Selbst nach ungeheuren Umwälzungen und scheinbar unwiderruflichen Veränderungen stellte sich das gleiche Muster wieder her“: Es gibt die Oberen, die Mittleren und die Unteren.
Weiss sichert seine Zukunftsprognose für das „große Chaos“ quellenmäßig gut ab. Über 1.300 Einzelnachweise umfaßt das Literaturverzeichnis. Auf Anfrage gab Weiss an, daß tatsächlich jedoch aus etwa 20.000 Arbeiten Material zitiert wird.

I. Energiekosten – Faktor
von Aufstieg und Niedergang

Doch woher nimmt Weiss die düsteren Aussichten? Als besonders wichtig erachte ich hier vor allem das dritte Kapitel des Buches: „Die Energiekosten bestimmen die Wirtschaftskraft und die Bevölkerungszahl“. Gerade aus Sicht eines ökologisch interessierten Publikums sind die dort belegten Zusammenhänge äußerst interessant. Und im Ergebnis steht Weiss der Ökologie mit seiner Analyse und seinen Meinungsäußerungen weit näher, als er vielleicht selbst glauben mag. Seine Abneigung gegen „Klimahysteriker“ und Gentechnikgegner ändert das ganz und gar nicht. Messerscharf hat er die Lage erkannt: „Die Energiekosten waren stets der schrittbegren-zende Hauptfaktor aller Entwicklung und bleiben es auch in Zukunft.“

Einst gab es natürliche Grenzen dafür, wie viele Menschen dieser Planet versorgen kann. Wassermühlen und das Transportwesen im Mittelalter setzten diese Gesetze nicht außer Kraft. Eindrucksvoll schildert Weiss die Wechselwirkung zwischen den „neuen“ Energien der industriellen Revolution und wie ihre Ausbeutung die Naturgesetze aufhob. Zuerst war es die billige und schier endlos vorhandene Kohle, danach das Erdöl. Weiss zeigt unter anderem, wie sich zwischen 1900 und heute die Weltproduktion an Erdöl parallel zur Zahl der Weltbevölkerung steigerte – oder umgekehrt! Die billige Energie konnte immer mehr Menschen ein Leben ermöglichen. Kunstdünger zur Vervielfachung der Lebensmittelproduktion sind hierbei nur einer der wichtigsten Faktoren. Nun sind die Menschen da, werden immer mehr – aber die Energie wird immer teurer. Die Erschließung neuer Energiequellen ändert das nicht, denn nicht jeder kann sie sich leisten und sie gehen oft einher mit der Vernichtung oder Verschmutzung von Anbauflächen für Nahrung. Alles wird teurer. Es kann sich nicht mehr jeder Energie und Nahrung leisten. Die ersten Vorboten spüren wir heute bereits. In armen Ländern stärker als in reichen (Umwelt & Aktiv berichtete mehrfach dazu).

Daß Kohle und Erdöl nicht unendlich zur Verfügung stehen, ist kein links-grünes Hirngespinst. Jeder Verfechter des „endlosen, unverzichtbaren Wirtschaftswachstums“ muß das wissen. Es ist Weiss’ gro-ßer Verdienst, daß er in diesem Buch historische Stimmen zu Wort kommen läßt, die schon im 19. Jahrhundert vor dem Versiegen der billigen Energie warnten. So schrieb bereits im Jahr 1865 der britische Volkswirtschaftler William Stanley Jevons in einer Untersuchung: „Bedeutenden Geologen ist schon seit langem schmerzhaft bewußt, daß die Vorräte des wichtigsten Bodenschatzes, auf denen unser Wohlstand beruht, begrenzt sind. Und obwohl andere es für richtig gefunden haben, in der Öffentlichkeit zu behaupten, daß alle Vorahnungen einer Erschöpfung grundlos und absurd sind … haben manche sich ernsthaft mit der Sache befaßt.“ Ist es nicht schade, daß unsere Diskussion 150 Jahre später noch immer an diesem Punkt steht? Daß noch immer viel zu viele, vor allem „Rechte“ und „Konservative“ meinen, wir könnten ewig weiter wirtschaften wie heute? Weiss zitiert sogar Stimmen aus dem späten 18. Jahrhundert, daß steigende Förderzahlen die Vorräte erschöpfen werden, egal wie groß sie sind.

Ressourcenerschöpfung steht kurz bevor

Solche Warner lagen richtig. Großbritannien erreichte sein Kohleförderungsmaximum („peak coal“) im Jahr 1913, die USA werden das Fördermaximum für minderwertige Kohle im Jahr 2032 erreichen (für hochwertige Kohle schon 1917 überschritten); in Europa werden die Kohlelagerstätten im Jahr 2042 zu 90 Prozent erschöpft sein, in China ebenso im Jahr 2044. Die Leser mittleren Alters werden das noch erleben.

Selbstverständlich wußte Jevons 1865 noch nichts davon, daß der Erschöpfung der Kohle die Ausbeutung des Erdöls folgen wird. Aber dem „peak coal“ folgte auch der „peak oil“. Für das Öl gelten dieselben Gesetze: Es wird nicht ewig reichen und lange vor dem Endpunkt immer teurer werden. Das Ölfördermaximum erreichten die USA, wie durch den berühmten Marion King Hubbert vorausgesagt wurde, im Jahre 1970. Ob nun Hubberts weltweiter „peak oil“ bereits 2005, 2010 oder noch gar nicht eingetreten ist, hält Volkmar Weiss zu Recht für unerheblich, denn: „Entscheidend ist, daß wir uns mit der Ölförderung unwiderruflich auf dem absteigenden Ast befinden, beim Ölpreis hingegen schon kurzfristig und langfristig um so mehr auf dem ansteigenden. […] Die Gewinnung der zweiten Hälfte der Welterdölvorräte ist weit kostspieliger als die der ersten.“

„2006 waren bereits 40 Prozent aller Weltvorräte an Kohle, Erdöl und Erdgas verbraucht“, stellt Weiss fest. In einem Zeitraum von gut 200 Jahren und wir wachsen und wachsen immer weiter, werden immer mehr Menschen! Der Wissenschaftler hält die düsteren Vorhersagen des Club of Rome über „Die Grenzen des Wachstums“ von 1972 für weitgehend korrekt. Eine klare Absage erteilt er jenen Stimmen, die darauf verweisen, die Prognosen hätten sich doch nie verwirklicht: „Falsch, denn der Prognosehorizont liegt noch vor uns“ Die Voraussagen waren für 100 Jahre getroffen worden. Der Zeitraum endet somit etwa im Jahre 2070. Bis dahin hält auch Weiss das „große Chaos“ für eingetroffen; den Beginn des Zusammenbruchs der Weltwirtschaft dürften wir ab 2030 erleben. Die Party geht zu Ende! Es folgt das Zeitalter der Handarbeit.

Schiefergas und „erneuerbare Ener-gien“ sieht Weiss als Hoffnungsschimmer. Aber es müßte auch unser Verbrauch eingeschränkt und das Bevölkerungswachstum abgeschwächt werden. Zahlreiche Einschnitte in die individuelle Entscheidungsfreiheit wären von Nöten. Eine Option, die Weiss nach seinem Leben in der DDR nicht gefällt. Volkmar Weiss´ Analyse ist schon für sich bis hierher eine absolute Pflichtlektüre.

II. Intelligenz – Vererblichkeit und Einfluß

Nun ist es so, daß Volkmar Weiss einer besseren Zukunftsprognose nicht abgeneigt ist. Aber große Herausforderungen brauchen kluge Köpfe. An denen wird es uns in Zukunft mehr und mehr fehlen. Da die Intelligenzforschung die Berufung von Volkmar Weiss ist, ist es nicht überraschend, daß er sich vorwiegend mit der Vererblichkeit von Intelligenz beschäftigt und mit der Politik, die es bräuchte, um eine entsprechende „Bevölkerungsqualität“ mit einem gesunden Kern Hochbegabter zu erreichen.

Zugegeben ist dies das schwierigste Thema in „Die Intelligenz und ihre Feinde“. Nicht weil es politisch nicht gerne gesehen wird, sondern fachlich schwer zu verstehen. Für den Laien ist das Statistik und Naturwissenschaft am Hochreck. Weiss selbst verweist an einigen Stellen darauf, daß manche Ausführungen nur mit speziellem Fachwissen verstanden werden können. Es sind diese Abhandlungen und Nachweise, die Thilo Sarrazin in „Deutschland schafft sich ab“ herunterbrechen, dabei wohl auch falsch wiedergeben oder gleich ganz weglassen mußte, damit sein Buch massentauglich werden konnte.

Weiss arbeitet heraus, wie sich die Intelligenz im Zuge der Industrialisierung hocharbeiten konnte und schon in den ländlichen Dorfgemeinschaften durchsetzte. Untersuchungen beweisen, daß die Oberen ländlicher Gemeinschaften sich durch höhere Intelligenz auszeichneten. Es wäre daher zu kurz gegriffen, in antikapitalistischer Manier nur den Zusammenhang von Herrschaft und Kapital zu sehen; denn beides hängt mit der Denkkraft der Menschen zusammen. Weiss zeigt ferner, daß die „Dorfeliten“ aufgrund dieser höheren Leistungsfähigkeit auch im Zuge der Verstädterung zu höherem Erfolg in den Städten gelangten.

Sehr interessant sind in diesem Zusammenhang die Ergebnisse von Schulnotenuntersuchungen einiger Dörfer aus den letzten beiden Jahrhunderten. Sie zeigen erstens, daß gute Schulnoten durchaus innerhalb einer Familie kennzeichnend sind, umgekehrt auch schlechte Schulnoten sich einzelnen Familien zuordnen lassen. Zweitens zeigten sich die guten Noten eher bei den höheren Schichten (Großbauern) und schlechte bei den niederen Schichten des Dorfes. Drittens führten gute und sehr gute Schulnoten in den leistungsstarken Familien nachweislich zu einer Abwanderung, um anderenorts als Leistungsträger Karriere zu machen. Wir kennen das Phänomen auch heute nur allzu gut: Die Spitzenwissenschaftler zieht es in die Ferne; Studenten verlassen den Herkunftsort ihrer Familie eher als Kinder, die in einfachen Ausbildungsberufen verbleiben. Auch hier ist Weiss’ Buch äußerst erhellend, da man die Abwanderung von Leistungsträgern sicherlich nicht schon in den Dörfern des bäuerlich geprägten 18. und 19. Jahrhundert vermutet hätte.

Die oben beschriebenen Mechanismen bedingten auch das Heiratsverhalten. Man blieb unter Seinesgleichen, heiratete jedoch durchaus auch eine Schicht höher oder tiefer. Der heiratsbedingte Auf- oder Abstieg vollzog sich jedoch stets nur zwischen Ober- und Mittelschicht bzw. Mittel- und Unterschicht. Das heißt, der Aufstieg von ganz unten nach ganz oben und umgekehrt bedurfte in der Regel zweier Generationen – war aber in beide Richtungen möglich.

Für das 20. und 21. Jahrhundert stellt Volkmar Weiss eine ganze Reihe aufschlußreicher Untersuchungen vor, aus denen hervorgeht, daß Leistungsträger von hoher allgemeiner Denkkraft (Intelligenz) auf den IQ ihrer Eltern bauen können und das ihrerseits an ihre Kinder weitergeben. Sie einzeln wiederzugeben, würde den Rahmen sprengen. Es verbleibt nach der Lektüre dieser Ausführungen jedoch keinerlei Zweifel, daß die Kinder von Spitzenleuten aus Wissenschaft und Forschung, Wirtschaft und Politik selbst die besten Erbanlagen für eigene Leistungsfähigkeit erhalten und dies an ihre Kinder weitergeben. Dies jedoch mit abnehmender Tendenz: Je weiter entfernt der Verwandtschaftsgrad von Familienmitgliedern eines Hochintelligenten ist, desto eher nähert sich die Denkkraft des Verwandten wieder der Durchschnittsbevölkerung an.

Es ist jedoch alles zudem eine Frage des Milieus. Erbanlagen gilt es auszuformen und hier haben Kinder mit hochintelligenten Eltern natürlich den Vorteil, daß sie von vornherein in die Leistungsberufe ihrer Eltern Einblick haben; viele Anforderungen werden für sie keine Hürde sein, weil sie diese von jeher kennen.

Dem Aufschrei der Gutmenschen angesichts solcher Forschungsergebnisse ist entgegenzuhalten, daß hier nicht von einer unüberwindbaren Determination die Rede ist. Im Gegenteil! Der Bergmannsohn kann ein sehr gutes Abitur machen und ein erfolgreiches BWL- oder Jura-Studium abschließen. Wer aber über einen guten Hauptschulabschluß nicht hinauskommt, wird nicht dadurch Atomphysiker, daß ihm eine politisch korrekte Bildungspolitik über die Gesamtschule doch noch irgendwie ein Abitur zuschustert. Weiss erörtert in diesem Zusammenhang, daß das klassische dreigliedrige Schulsystem den Erkenntnissen der Intelligenzforschung am ehesten entspricht. Diese bildungspolitischen Ableitungen dürften dem „Establishment“ nicht schmecken. Der unverblümt ehrliche Forscher spricht aus, was viele erahnen: Mehr Abiturienten haben nicht mehr Hochbegabte und potentielle Leistungsträger hervorgebracht. Vergrößert hat sich hierdurch höchstens das Heer unterdurchschnittlich bis durchschnittlich intelligenter Soziologen, deren gesellschaftlicher Einfluß seit den 1970er Jahren äußerst dominant ist (Weiss’ Verbalprügel gegen die Soziologie ziehen sich durch das gesamte Buch; ein Hochgenuß für jeden, der diese Gruppe studierter Besserwisser nicht abhaben kann).

Um es noch einmal zu betonen: Eine gewisse Bevölkerungsqualität mit möglichst vielen Hochbegabten bzw. überdurchschnittlich Intelligenten erachtet Weiss als unabdingbar für das Überleben einer Nation: „Die Macht eines Staates hängt nicht nur von seiner Einwohnerzahl ab, sondern auch vom Prozentanteil der intellektuellen Elite, wie er durch die soziale Evolution optimiert worden ist.“ Die folgende Feststellung untermauert dies. Es läßt sich durch ein bestimmtes Verfahren, das im Buch auch für Laien verständlich beschrieben wird, anhand des durch PISA-Werte zu ermittelnden IQ, dem Anteil der Klugen (IQ über 105) an der Bevölkerung und einer Genfrequenz für Begabung errechnen, welches theo-retische Bruttoinlandseinkommen pro Kopf ein Land mit traditioneller Marktwirtschaft erreichen kann. Es fällt auf, daß das theoretische Pro-Kopf-BIP mit dem tatsächlich erwirtschafteten je Land sehr nahe kommt. Je klüger die Nation, desto höher ihr Pro-Kopf-BIP. Ausreißer gibt es dort, wo z.B. große Rohstoffvorkommen viel Geld ins Land spülen. Hier kann das Pro-Kopf-BIP trotz niedriger Begabung in der Bevölkerung sehr hoch sein. Versiegen jedoch die Rohstoffquellen, nähert sich das BIP wieder dem IQ entsprechend an (Beispiel Nauru).

III. Sozialstaat: „Züchtung der Dummheit“

Daß in Deutschland nichts dafür getan wird, die Bevölkerungsqualität zu erhöhen ist unser Problem. Im Gegenteil führe der ausgeuferte Sozialstaat dazu, daß die Republik im Mittelmaß versinken und letztlich untergehen wird. Weiss setzt im Jahre 1891 an, als Geringverdiener mit Kindern in Preußen erstmalig von Steuern befreit wurden. Die Feststellung des Humangenetikers dazu hat Geschmäckle: „An diesem Tag begann die Züchtung der Dummheit. In der gesamten Menschheitsgeschichte war bis dahin die wirtschaftliche Tüchtigkeit der Eltern die Voraussetzung, daß ihre Kinder aufwachsen konnten. Waren ihre Eltern untüchtig, so sollten oder durften sie nicht heiraten; hatten sie dennoch Kinder, so war deren Schicksal meist beklagenswert und ihre Überlebenschance gering.“ Das Ende der Ständegesellschaft brachte somit nicht nur die Demokratie, sondern auch das Ende der Leistungsgesellschaft durch den Wohlfahrtsstaat und „Kinderprämien für Habenichtse“. Es fällt mir nach wie vor schwer, solche Sätze zu unterschreiben. Aber es stimmt doch, wenn Weiss schreibt, daß man mit vielen Kindern heute unter Umständen besser von Sozialhilfe lebt, als mit wenigen Kindern ehrlich zu arbeiten.

Hier sollte man aber nicht verschweigen, wie es kommt, daß einfache Arbeiten heute nicht mehr „gerecht“ entlohnt werden und man statt dessen billige, sklavenähnliche Arbeiter aus dem Ausland holt, die zusätzlich die Löhne drücken. Wo der Stundenlohn für ehrliche, harte und sinnvolle Arbeit über Sozialhilfeniveau kaum herauskommt, hält man niemanden zu eigener Leistung an. Was den Arbeitern die „prekäre Beschäftigung“ ist, ist den jungen Akademikern das Problem der „Generation Praktikum“. Der deutsche Ingenieur muß nach Arabien, die deutsche Ärztin nach Schweden auswandern, wenn sie gut bezahlt werden wollen – und wir holen dann die billigen Ärzte aus Griechenland und die billigen Ingenieure aus Indien. Das kapitalistische System namens „soziale Marktwirtschaft“ will alles haben, doch nichts dafür geben. Doch wer ordentlich leisten soll, dem muß auch ordentlich geleistet werden.

Gut belegt (was auch sonst?) erläutert Weiss, wie die Demokratie den Sozialstaat hervorbrachte und aufblähte. Immer mehr Geld mußte durch Politiker und Parteien versprochen und verteilt werden, um an Wählerstimmen zu kommen. Und wo es eine Sozialleistung zu verteilen gibt, melden sich auch Bedürftige. Anders gesagt: Der Staat schafft sich die Bedürftigen erst dadurch, daß er Leistungen anbietet. Wo etwas verteilt wird, wird immer jemand „Hier!“ rufen. Wo es nichts zu holen gibt, wird sich jeder anstrengen. Der Wissenschaftler und leidenschaftliche Schriftsteller Weiss äußert hier keine bloße Meinung, sondern belegt diese Mechanismen historisch.
Dieser Sozialstaat ist denn auch der Anfang vom Ende, der den Kreislauf schließen wird. Er wird uns in den Untergang, das „große Chaos“ führen, weil er zulasten der Leistungsträger geht, die mit ihren Steuern das Leben der weniger Leistungsfähigen und –willigen finanziert. Ein Rückbau ist Weiss’ Ansicht nach daher zwar wünschenswert, jedoch politisch nicht durchsetzbar. Wer den Sozialstaat heutiger Prägung wieder zu einer Leistungsgesellschaft umbauen möchte, wird damit keine Wahl gewinnen. Die Hochbegabten und die Mittelschicht, aus der ebenso die Leistungseliten unseres Landes hervorgehen, machen höchstens 40 Prozent der Bevölkerung aus. Sie werden sich niemals bei Wah-len durchsetzen. Was wir daher von Wahlen an Änderungen zu erwarten haben, liest sich bei Weiss so: „Bei demokratischen Wahlen sinkt der Durchschnittsbürger in ruhigen Jahren auf ein geistiges Niveau herab, das noch niedriger ist, als sein sonst schon niedriges.“ Schafft es doch einmal eine Protestpartei über die 5-Prozent-Hürde, stelle sie „einen unfähigen Haufen völlig überforderter Abgeordnete[r], die […] weder über die Kenntnisse noch die Persönlichkeit verfügen, irgend etwas dauerhaft zu verändern…“

Die steigenden Energiekosten und die nicht mehr finanzierbaren Sozialkassen werden aber das System letztlich auseinandersprengen. Was folgt darauf? Siehe oben!

Weiss zeigt übrigens auf, daß dieses Schicksal kein deutsches ist. Es droht sämtlichen Industrienationen gleichermaßen. Kulturelle und gesellschaftliche Unterschiede, ja sogar solche im politischen System, ändern dies nicht.

Intelligenten Nachwuchs fördern

Eine ordentliche, an die Erfordernisse eines leistungs- und zukunftsfähigen Staates anknüpfende Politik würde intelligenten Nachwuchs fördern. Der Genetiker Weiss, der mit seinen wissenschaftlichen Arbeiten jahrzehntelang Einfluß auf die Familienpolitik der DDR hatte, unterbreitet dem Leser hierfür Vorschläge (die DDR hatte die höchste Kinderquote junger Akademikerinnen, die sogenannten Studentenmütter). Wir lassen ihn hier selbst sprechen, obwohl dieser kurze Auszug seinen detaillierten Ausführungen nur bedingt gerecht wird:

„Wenn Familienpolitik erfolgreich sein sollte, dann müßte sie nicht nur einen neuen geistigen Rahmen setzen, sondern auch in wirtschaftlicher Hinsicht

1. die Belastungen von den Familien mit Kindern auf die Kinderlosen umverteilen (denn bislang profitiert von Kindern derjenige am meisten, der keine hat);
2. die Arbeitgeber, die Frauen mit Kindern beschäftigen, vom Arbeitgeberanteil der Lohnnebenkosten befreien;
3. die Familienbildung bei jungen Frauen mit Abitur fördern und das auch schon während eines Studiums oder ohne; und
4. für junge Frauen mit akademischen Abschlüssen Arbeitsstellen mit einer Laufzeit von sieben bis zehn Jahren schaffen und fördern – mit entsprechender Verlängerung, wenn in dieser Zeit Kinder geboren werden. Denn jede Gesellschaft gebiert sich Zukunft, die ihr zusteht.“

Dem ist inhaltlich nichts hinzuzufügen.

Fazit

Dr. Volkmar Weiss sieht sein Buch nicht als massentauglich, da zu anspruchsvoll. Es ist jedoch fundierter, offener und mit klareren Worten artikuliert, als der Kassenschlager „Deutschland schafft sich ab“. Der durchschnittliche Leser wird an mancher Stelle naturwissenschaftlich überfordert. Aber solange der Leser damit leben kann, selbst kein Genetiker zu sein…. Warum nicht?

„Die Intelligenz und ihre Feinde“ ist eine fruchtbringende Pflichtlektüre mit dem Aha-Effekt irgendwo zwischen „Stimmt genau!“ und „Wie kann er das bloß sagen?“ Jeder, der sich irgendwie politisch oder sonstwie öffentlich zu den oben benannten Themen betätigt, sollte das Buch gelesen und verinnerlicht haben. Das wird in mancher Diskussion dazu verhelfen, die argumentative Oberhand zu gewinnen.

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