Wie ausländische Konzerne deutsche Firmen schlucken

Michael Brückner

 

Die Top-Adressen der deutschen Wirtschaft liegen auf dem Wühltisch. Und Investoren aus China, Indien, Russland und dem Mittleren Osten greifen zu. Sie wollen sich starke Marken, Vertriebswege und vor allem Know-how sichern. Auf der Strecke bleiben bei diesem Ausverkauf Arbeitsplätze und Wohlstand im Inland. Der Autor Constantin Schreiber warnt: »Ausländische Investoren übernehmen unser Land.«

 

Er gilt derzeit als der Superstar unter den Börsen-Indizes. Nichts konnte den DAX in den vergangenen Wochen bremsen. Keine neuen Hiobsbotschaften aus den europäischen Pleitestaaten, keine schlechten Konjunkturdaten, keine geopolitischen Risiken. Im Bestreben, nun auch wieder verstärkt private Anleger in die Aktienanlage zu locken, fantasieren interessengeleitete Analysten und provisionsabhängige Anlageberater bereits von einem DAX-Stand von 30.000 Punkten! Noch jede Hausse starb aber in der Euphorie. Das dürfte sich auch dieses Mal wieder bestätigen.

 

Doch unabhängig davon, wie sich die Bluechips im DAX entwickeln werden – fest steht, dass sich die meisten der 30 größten deutschen Unternehmen zumindest teilweise längst in ausländischer Hand befinden. »Ob Volkswagen oder Deutsche Telekom – in unseren größten Firmen haben Anteilseigner aus der Ferne ein gehöriges Wort mitzureden«, stellt Constantin Schreiber in seinem packenden Wirtschaftssachbuch Ausverkauf Deutschland fest. Wie auf dem Wühltisch präsentieren sich die ersten Adressen der Nation – und warten auf den Zugriff von Chinesen, Indern, Arabern und Russen.

 

Im vergangenen Jahr investierten allein chinesische Unternehmen nach einer Untersuchung der Hongkonger Private-Equity-Firma A Capital rund 12,6 Milliarden Euro in die Übernahme von europäischen Betrieben. Besonders begehrt sind deutsche Unternehmen. Jeder siebte chinesische Manager erklärte in einer Umfrage der Beratungsgesellschaft Ernst & Young, sein Unternehmen plane Übernahmen in Deutschland. Ganz oben auf dem Wunschzettel stehen dabei Firmen aus den Branchen Maschinenbau, Automobilbau und Umwelttechnik.

 

Dabei konzentriert sich das Interesse der Chinesen längst nicht nur auf die großen DAX-Konzerne. Ebenso gefragt sind innovative und etablierte Mittelständler. So übernahmen chinesische Investoren zum Beispiel im vergangenen Jahr den Mittelständler Putzmeister, der als Technologieführer im Bereich von Betonpumpen gilt. Auch der Werkzeugbauer GIW in Heilbronn, der Automobilzulieferer Preh in Bad Neustadt und viele andere Mittelständler sind inzwischen in chinesischer Hand. Insgesamt erwarben Investoren aus dem Land der Mitte in den vergangenen Jahren über 40 deutsche Unternehmen.

 

Die Mainstreammedien feiern das als erfolgreiche Globalisierung und als Beweis für die hohe Wertschätzung, die deutsche Unternehmen im Ausland genössen. Die Risiken und Nebenwirkungen indessen werden weitgehend ausgeblendet. Constantin Schreiber hingegen spricht sie offen an. Einmal an der Macht, schanzten die »Großen Vier« (Araber, Russen, Inder und Chinesen) lukrative Aufträge anderen Firmen zu, die ihnen ebenfalls gehörten. Oder aber, sie zögen technisches Wissen aus Deutschland ab, um in ihren Heimatländern zu produzieren, wo die Lohnkosten um ein Vielfaches niedriger seien als hierzulande. Das koste Arbeitsplätze und
Ausverkauf Deutschland Constantin Schreiber Wie ausländische Investoren unser Land übernehmen Die »Deutschland AG« hat ausgedient. Daimler und Porsche brauchen demnächst eine Standleitung nach Abu Dhabi und Katar. Inder kaufen deutsche Bekleidungsketten, Chinesen einverleiben sich Maschinenbauunternehmen. Und den ausländischen Investoren liegt nichts am Erhalt von Arbeitsplätzen. Sie ziehen unser Know-how ab, um die Arbeit billiger in ihrer Heimat machen zu lassen - mit fatalen Folgen für die deutsche Gesellschaft.Traurig, aber wahr: Seit Dezember 2007 befindet sich die Mehrheit der Aktien der 30 größten deutschen Unternehmen in fremder Hand. TUI, ThyssenKrupp, Blohm + Voss, MAN Ferrostaal: Die Beteiligungen ausländischer Investoren nehmen zu - und damit auch ihr Einfluss in den Vorstandsetagen. Die Frage ist nur allzu berechtigt: Wem gehört eigentlich unser Land?Vor allem Araber, Russen, Inder und Chinesen - die Großen Vier - sind auf dem Vormarsch und kaufen auf, was zu haben ist. Einmal an der Macht, schanzen sie die lukrativsten Aufträge Firmen zu, die sie bereits kontrollieren. Oder sie ziehen technisches Wissen aus Deutschland ab, um in ihren Heimatländern zu produzieren, wo die Lohnkosten um ein Vielfaches niedriger sind. Die Konsequenzen für die deutsche Gesellschaft sind dramatisch: Es drohen Massenarbeitslosigkeit und die Abwanderung von Fachkräften im großen Stil - wenn wir nicht gegensteuern. Und zwar jetzt! Constantin Schreiber schildert die heraufziehende Katastrophe. Er spricht aus, was Politiker noch nicht einmal zu denken wagen. Ein aufrüttelndes Buch.Paperback, 286 Seiten
Wohlstand in Deutschland. Außerdem werde die Bundesrepublik politisch erpressbar. »So wie es vor zehn Jahren noch kaum vorstellbar war, dass deutsche Soldaten in Afghanistan ihr Leben riskieren, so könnte es irgendwann so weit sein, dass wir für die Inder gegen eine islamische Bedrohung kämpfen müssen, weil von ihnen unser wirtschaftliches Überleben abhängt«, schreibt der Autor.

 

Neu ist die Masche der Know-how-Ausplünderung übrigens nicht. Mancher mag sich noch an das unrühmliche Ende des deutschen Traditionsunternehmens Saba erinnern, damals eine weltweit geschätzte Top-Marke der Unterhaltungselektronik. Die Abkürzung »Saba« stand für »Schwarzwälder Apparate-Bau-Anstalt«. Im Jahr 2004 wurde der Betrieb an die chinesische TCL-Gruppe verscherbelt. Der Konzern stieg damit zum weltweit führenden Hersteller von Fernsehgeräten auf. Doch ernsthaftes Interesse an einer langfristigen Existenzsicherung von Saba hatten die neuen Eigentümer nicht. Ihnen ging es nur darum, Experten-Know-how abzusaugen. Nachdem dieses Ziel erreicht war, drehten die Chinesen einfach den Geldhahn zu. Die Presse schrieb von einer »Operation Ausplünderung«. Saba musste Insolvenz anmelden, die Mitarbeiter standen auf der Straße, und die restlichen Geräte wurden zu Schleuderpreisen nach Ungarn verkauft.

 

Ähnliches kann sich jederzeit wiederholen. »Zouchuqu« lautet die Devise des chinesischen Fünfjahresplans. Was in etwa bedeutet: »Schwärmt aus!«. Die Chinesen haben es nach Ansicht des Autors Constantin Schreiber in erster Linie auf mittelständische Unternehmen, technologisches Know-how und massenkompatible Produkte abgesehen.

 

Doch nicht nur die Manager im Reich der Mitte nehmen deutsche Unternehmen ins Visier. Auch Scheichs, Russen und Inder seien »Lieblingsgäste in deutschen Vorstandsetagen«, stellt Schreiber fest. Schließlich säßen diese Investoren auf schier unerschöpflichen Geldquellen. Die »Großen Vier« seien im Besitz von streng geheimen Einkaufslisten. »Jeder will sich das für ihn attraktivste Stück aus dem Kuchen herausschneiden. Araber, Inder, Russen und Chinesen teilen Deutschland unter sich auf«, schreibt der Autor. Und der Ausverkauf habe gerade erst begonnen.

 

Die »Großen Vier« haben dabei durchaus unterschiedliche Präferenzen. Während es den Chinesen, wie erwähnt, in erster Linie um technologisches Know-how und um Massenprodukte geht, investieren die Araber vor allem in Luxus und Lifestyle. Es kommt also nicht von ungefähr, dass sich arabische Investoren in den vergangenen Jahren mit Milliardenbeträgen zum Beispiel bei Mercedes und Porsche engagierten. Wie wenig deutsche Politiker von den Vorlieben arabischer Einkäufer verstehen, zeigte übrigens der Versuch, im Jahr 2009 den maroden deutschen Automobilhersteller Opel nach Abu Dhabi zu verkaufen. Opel? Viel zu popelig für arabische Investoren.

 

Auf der Einkaufsliste der Inder wiederum stehen nach den Recherchen von Constantin Schreiber unter anderem Unternehmen mit vorhandener Europa-Vertriebsstruktur. Interessant seien ferner Firmen aus dem IT-Bereich, der Mode- oder Textilbranche sowie der Stahlindustrie. »Indien boomt und expandiert Richtung Europa. Und für diesen Machtausbau brauchen sie uns«, schreibt der Autor. Die reichen Russen schließlich interessierten sich vorrangig für Unternehmen der Luft- und Raumfahrt, der Energieversorgung sowie Werften. Es scheint, als hätten die »Großen Vier« die unterschiedlichen Branchen der deutschen Wirtschaft schon unter sich aufgeteilt.

 

Constantin Schreiber weiß, wovon er berichtet. Der gelernte Jurist und Journalist arbeitete mehrere Jahre als Korrespondent in Dubai. Anschließend wechselte er ins Auswärtige Amt nach Berlin. Er schreibt nicht nur, wie gezielt die ausländischen Investoren vorgehen. Er enthüllt zudem, wie eine gierige und mächtige Finanzelite dem Ausverkauf deutscher Unternehmen Vorschub leistet. »Manager, Berater, Anwälte und Ex-Politiker heizen den Ausverkauf an. Sie sind Vorbilder, deren Handeln katastrophale Konsequenzen zeigt. Eine Allianz aus Vertretern von Wirtschaft und Politik hat sich vorgenommen, Deutschland als Steinbruch zu nutzen – den Raubbau an unserem Wohlstand nehmen sie stillschweigend in Kauf«, kritisiert der Autor.

 

Schreiber indessen schweigt nicht. Er nennt engagiert die Dinge beim Namen und zeigt auf, wie sich Deutschland gegen den Ausverkauf wehren kann. Wer sich nicht damit abfinden möchte, dass die deutsche Wirtschaft auf dem Wühltisch ausländischer Großinvestoren landet, sollte dieses Buch lesen.

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