Winkler-Pranger: Expedition (5)

On January 30, 2013, in Michael Winkler Pranger, by admin

Expedition (5) (30.1.2013)

 

Michael Winkler, der Mann mit Vision

Michael Winkler, der Mann mit Vision

Leutnant Werner Voß wurde zur SMS FRIEDENSTAUBE zurückbeordert. Die T2-06 sollte wieder auf Luftaufnahmen umgerüstet werden. Kapitän Ritscher hörte sich den Bericht des Leutnants schweigend an, erst am Schluß kommentierte er gereizt: “Was fällt diesem Wohlthat ein, Waffen an diesen angeblichen Nordstaaten-Oberst zu verschenken?”

“Es sind doch nur G36, Herr Kapitän”, schränkte Voß ein.

“Halb so alt wie unsere G3, und bei den ersten Schüssen sogar einigermaßen treffsicher”, knurrte der Kapitän. “Wie auch immer, pacta sunt servanda, aber sagen Sie dem Doktor unter vier Augen, daß er das nie wieder machen soll! Ich werde ihn mir deshalb noch persönlich zur Brust nehmen!”

“Jawoll, Herr Kaptein!”

Ritscher grinste über diese Antwort. “Immerhin, die Räuberbande wird dadurch hoffentlich die Verladearbeiten nicht stören. Herr Leutnant, Sie werden morgen zwölf Mann zu Oberleutnant Skorzeny bringen, damit der schneller vorankommt.”

“Herr Kapitän, mit einer solchen Zuladung…”

“Ich kenne zufällig das Handbuch, Sie können diese Männer transportieren”, unterbrach ihn Ritscher.

“Ja, aber ich bin dann nicht mehr luftkampffähig”, schränkte Voß ein.

“Dann müssen Sie für die 20 Minuten dieses Transports eben auf Luftkämpfe verzichten”, riet ihm der Kapitän. “In Washington nehmen Sie Ihre komplette Mannschaft an Bord. Fliegen Sie anschließend nach Annapolis, ich will davon Aufnahmen.”

“Annapolis? Darf ich fragen, warum?”

“In Annapolis befand sich die Marineakademie der Vereinigten Staaten”, erklärte der Kapitän. “Ich war dort mal auf einem Lehrgang. Annapolis hat Zugang zur See, liegt aber zugleich geschützt im Landesinneren. Wenn eine militärische Einrichtung die Katastrophe überstanden hat, dann Annapolis. Privat interessiert mich, was da stehen geblieben ist.

Ihr zweites Ziel ist Norfolk, das war mal die größte Marinebasis der Welt, außerdem liegt da gleich Langley Airfield daneben. Die Russen haben da eine Ladung draufgeworfen, aber vielleicht hat da etwas überlebt. Wir müssen sicher gehen.

Ihr drittes Ziel ist diese famose Potomac-Armee. Wenn dieser Brown nicht nur geblufft hat, muß es da Lager geben, vielleicht sogar die eine oder andere Kaserne. Gibt es diese Armee wirklich, gibt es vielleicht sogar irgendwo eine Regierung. Und wenn es eine Regierung gibt, ist die unter Umständen wenig begeistert, daß wir ihre Schatzkammern ausräumen. Ich wünsche jedoch keine Kontaktaufnahme! Bringen Sie mir Bilder, deren Stellungen, deren Ausrüstung, mehr nicht.

Wenn Sie tatsächlich die Potomac-Armee aufspüren, haben Sie am Nachmittag ein viertes Ziel: Suchen Sie nach der Virginia-Armee!”

“Bitte?”, wunderte sich Voß. “Sie glauben, dort gibt es eine zweite amerikanische Armee?”

“Geschichte, Herr Leutnant”, rügte Ritscher mit einer leichten Andeutung. “Die Potomac-Armee war im amerikanischen Bürgerkrieg die Hauptstreitmacht der Nordstaaten. Ihr Gegenspieler war die Virginia-Armee unter Robert E. Lee. Wenn es eine Nordstaaten-Armee gibt, finden wir womöglich auch eine Südstaaten-Armee. Gehen Sie eine Stunde in die Bordbibliothek und stöbern Sie im Lexikon, damit Sie für morgen vorbereitet sind.”

“Zu Befehl, Herr Kapitän.”

Ritscher schüttelte den Kopf. “Voß, wenn Sie das als Befehl auffassen, dann müssen Sie noch einiges mehr lernen als den richtigen Umgang mit Ihrem Steuerknüppel. Das ist der Ratschlag eines Mannes, der vom Alter her Ihr Vater sein könnte, an einen jungen Mann, jede Gelegenheit zu nutzen, etwas für seine Bildung zu tun.”

“Danke, Herr Kapitän.”

Am Morgen hatte die TAUBE Verstärkung bekommen, die SMS ADMIRAL HIPPER und die SMFS JAKOB FUGGER waren eingetroffen und steuerten auf Battery Park zu. Damit koordinierte die FUGGER die Bergungsmaßnahmen und übernahm die geförderten Gold- und Wolframbarren.

Leutnant Voß erhielt eine Kuriermappe mit einem Bericht Ritschers, außerdem sollte er auf den anderen Schiffe landen, um dort ebenfalls Berichte entgegenzunehmen. Kurzwellenverbindungen waren nicht abhörsicher, Frankreich und Rußland brauchten nicht unbedingt zu erfahren, was dieser Verband der Reichsmarine in amerikanischen Gewässern trieb. Die Mappe sollte der T2-04 oder der T2-07 mitgegeben werden, die heute wieder im zweiten Weltkrieg geraubte Unterlagen ins Reich fliegen würden.

Natürlich gab es auf den 200 Kilometern zwischen New York und Washington keinerlei Gelegenheit zu Luftkämpfen, die einstige US Air Force würde sich aller Wahrscheinlichkeit nie wieder in die Luft erheben. Leutnant Voß lieferte die Helfer bei Oberleutnant Skorzeny ab und nahm dafür die vier Mann seiner Besatzung an Bord, die ganz froh darüber waren, keine Waschkörbe voller Papier mehr zwei enge Treppen hochschleppen zu müssen.

Voß betrachtete Annapolis als eine langweilige Besichtigung, um dem Kapitän einen Gefallen zu erweisen. Er näherte sich mit 400 Knoten in 2.000 Metern Höhe, als ihn ein Warnton aus der Flugroutine riß.

“Radarerfassung!”, meldete der Bordingenieur überflüssiger Weise.

“Serienbilderfassung”, befahl Voß. “Mit allem, was wir haben!” Er hielt die Flugscheibe ruhig, um keinen Verdacht zu erregen. Seine Hände lagen auf den Kontrollen, bereit, um mit Maximalbeschleunigung 45 Grad nach oben zu jagen, um dort Haken zu schlagen, falls eine Rakete aufsteigen sollte. Doch die zweite Warnung blieb aus, es stieg keine Rakete auf. Feldwebel Haberstroh ließ die Weitwinkelkamera per Automatik rattern, Feldwebel Flachbart richtete ruckartig die Telekamera aus und schoß fleißig Einzelbilder.

“Wenn wir eine Schleife ziehen, wirkt das verdächtig”, brummte Voß. “Wir schauen uns Norfolk an, und auf dem Rückweg kommen wir ganz zufällig noch mal hier durch.”

“Ich glaube, ich habe Unterseeboote gesehen”, meldete sich Dr. Wohlthat, der wieder die Bodenbeobachtung übernommen hatte. “War relativ viel los, dort unten.”

“Verdammt… Hoffentlich ist auf den Bildern genug drauf.”

Norfolk erreichten sie wenig später. Die Marinebasis, die Werften, die Ausrüstungsdocks – sie ließen sich noch erahnen, doch es waren nur Reste übriggeblieben. Der Leutnant steuerte tiefer und zog langsame Kreise.

“Die Russen haben da einen ganz großen Klopper hingeschickt”, vermutete Dr. Wohlthat. “Vermutlich mehrere Megatonnen. Und einen zweiten nach Langley.”

“Na ja, beide Basen waren groß genug, um eine solche Ladung zu erfordern”, überlegte Oberfähnrich Altemeier. “Mit einem richtig großen Radiergummi bekommt man eben mehr weg.”

“Die Flutwelle hat der Stadt und dem Hafen den Rest gegeben”, vermutete Leutnant Voß. “Was immer im Atlantik war und auf Norfolk zugehalten hat, dürfte vertilgt worden sein.”

“Die US-Navy wäre damit Geschichte”, stellte Altemeier fest.

“Wir wissen nicht, was im Pazifik geschehen ist”, schränkte Dr. Wohlthat ein. “Und was in Annapolis liegt, dürfte auch noch offen sein.”

“Flachbart, haben Sie noch genug Film?”, erkundigte sich Voß bei seinem Luftbeobachter und ersten Kameramann.

“54 Aufnahmen Weitwinkel und 176 Aufnahmen Tele”, meldete der Feldwebel und erste Kameramann. “Annapolis war zu nah für mehr Tele.”

“Ich drehe noch zwei Schleifen über Norfolk, dann geht es zurück nach Annapolis und Sie halten mit dem Tele drauf, bis es raucht”, erklärte Voß. “5.000 Meter, 250 Knoten – und wenn die auf uns schießen, wird es wieder lustig.”

Norfolk lohnte keinen weiteren Besuch. Bei der zweiten Schleife fanden sie die Überreste mehrerer großer Schiffe, die kilometerweit ins Landesinnere geschwemmt worden waren.

“Das dürfte ein Flugzeugträger sein”, behauptete Feldwebel Flachbart. Er fertigte zwei Aufnahmen mit dem Teleobjektiv an.

“So, das war’s”, sagte Voß und zog seine Maschine nach oben. “Sind alle angeschnallt?”

Aus großem Abstand meldete der Kameramann: “Im Ziel!”

Wie zur Bestätigung erklang wieder der Radarwarner. Die großformatige Kamera schoß alle zwei Sekunden eine Aufnahme. Sie besaß eine Schwenkmechanik, die dafür sorgte, daß die Aufnahmen nicht verwischten. Ein elektronischer Bildstabilisator und ein entsprechender Bildsensor wären deutlich schneller gewesen, doch das Reich konnte diese noch nicht herstellen. Mechanik benötigte jedoch Zeit.

“Ich glaube, sie halten uns für harmlos”, ließ Altemeier verlauten. “So viel Frechheit erscheint denen nicht möglich.”

“Oder sie unterschätzen unsere Fähigkeiten”, vermutete Voß. “Jedenfalls kriegt der Alte den ganzen Tisch voller Bilder.”

“Vier Unterseeboote, sechs Überwasserschiffe”, meldete Dr. Wohlthat. “Sehen alle intakt aus.”

“Durch!”, rief Flachbart. “Alles im Kasten.”

“Na, dann wollen wir mal…” – Voß grinste und nahm die Hand vom Beschleunigungshebel – “…lieber nicht auffallen.”

Kapitän Ritscher hatte befohlen, ihm die ersten Weitwinkelaufnahmen von Annapolis sofort vorzulegen, sobald sie entwickelt worden waren. Er prüfte die Aufnahmen, nickte und fragte, wann der Rest der Bilder vorläge. Zwei Stunden, war die Antwort. Ritscher sah auf die Uhr und meinte, besser zweieinhalb und dafür größere Abzüge. Anschließend lud er die Kapitäne der SMS ADMIRAL HIPPER und der SMFS JAKOB FUGGER zum Mittagessen auf die FRIEDENSTAUBE. Die gefunkte Einladung endete mit den Worten: “Ich hoffe, Sie mögen Kohlsuppe.”

Die Reichsmarine verfügte über keinerlei abhörsichere Funkverbindungen, doch dafür gab es eine Anzahl Codeworte, die zusätzliche Informationen übermittelten. Die Kohlsuppe stand für “Feindberührung möglich, Offiziersbesprechung”. Ritscher kommandierte zwar nicht das stärkste Schiff, er war trotzdem der höchstrangige Offizier. Fregattenkapitän Donnerhack von der HIPPER und Korvettenkapitän Meißner von der FUGGER unterstanden ihm, sie würden ihre Ersten Offiziere mitbringen.

Gespeist wurde an Bord der FRIEDENSTAUBE tatsächlich, anschließend begaben sich die Herren Offiziere in die als Besprechungsraum vorgesehene Operationszentrale. Ritscher hatte seinen Ersten Offizier, Kapitänleutnant Spee, und seinen Maschinenoffizier, Major Dr.-Ing. Ohain dazu gebeten. Auf der Brücke hatte Oberleutnant Reske übernommen, der Zweite Offizier.

Ritscher eröffnete die Besprechung. Er hatte vor dem Mittagessen noch einen längeren Blick auf die Bilder geworfen. “Meine Herren, nach diesen Aufnahmen haben wir die Reste der US-Navy gefunden, zumindest den Teil, der im Atlantik übrig geblieben ist. Ich möchte sogar noch einen Schritt weiter gehen: Wir haben das gefunden, was von den Vereinigten Staaten von Amerika noch überlebt hat.”

Die Offiziere begutachteten die Bilder und diskutierten, welche Schiffstypen sie dort sahen. Kapitänleutnant Friedrich Spee notierte das Ergebnis: Ein Kreuzer der alten Ticonderoga-Klasse, ein hochmoderner Zerstörer der Zumwalt-Klasse, zwei moderne Zerstörer der Burke-Klasse, zwei alte Fregatten der Perry-Klasse, ein strategisches U-Boot der Ohio-Klasse und drei Jagd-U-Boote der Virginia-Klasse. Hinzu kamen die Flugzeuge: acht F22, sechs F35, zwei YF117, eine B2 und vier B52.

Fregattenkapitän Donnerhack kommentierte: “Meine Hipper ist das größte Kriegsschiff, das unser Reich aufzubieten hat – mit viel Glück könnten wir gerade gegen eine Perry-Fregatte aufkommen.”

Major Ohain hatte bisher nur wortlos zugehört. Für die Klassifizierung der Objekte fehlte ihm die Erfahrung, das überließ er den Kapitänen, die im Gegensatz zu ihren Ersten Offizieren noch in der Bundeswehr gedient hatten. Jetzt sah er seine Zeit gekommen. “Gehe ich recht in der Annahme, daß wir hier vier Atom-U-Boote und sechs Diesel-Schiffe vor uns haben?”

“Diesel vertragen die Ticonderoga und die zwei Perrys”, erklärte ihm Korvettenkapitän Meißner. Als Kommandant eines Frachters wollte er gerne seinen militärischen Sachverstand demonstrieren. “Die modernen Schiffe haben Gasturbinen, die benötigen Kerosin. Und ja, die U-Boote haben Atomantrieb.”

“Danke.” Der Major zog eine Lupe hervor und begutachtete eine Aufnahme intensiver. Gerade rechtzeitig, als Meißner schon zu einer Frage ansetzte, schob er dem Korvettenkapitän Photo und Lupe hin. “Sehen Sie den Strich, der von diesem dicken U-Boot zu dem einen Zerstörer führt? Und diesen anderen Strich, zu den Gebäuden?”

Die Seeoffiziere betrachteten das Bild genauer. “Ja, da verlaufen tatsächlich Striche… Das sieht aus wie dicke Taue…”

“Fast”, kommentierte Ohain. “Das sind Kabel, um genauer zu sein: Stromkabel. Das dicke Atom-U-Boot versorgt den Zerstörer mit Strom – und die ganze Anlage. Der Reaktor hatte mal gute 60.000 PS erzeugt, inzwischen dürfte er so 20.000 schaffen.”

“Wie meinen Sie das, Herr Major?”, erkundigte sich Ritscher.

Der Major lächelte und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. “Norfolk, das war damals der Ausrüstungshafen, da gab es alles und vermutlich sogar doppelt so viel. Annapolis war die Marineakademie, da haben die Rekruten durch den Schlamm gejagt, aber vermutlich nur Barkassen betrieben. Die mußten sich in Annapolis erst einrichten. Stimmen Sie so weit mit mir überein?”

“Ja, Herr Major.” Ritscher kannte seinen Maschinenoffizier und tolerierte dessen umständliche Argumentation.

“Was die hier mit Sicherheit nicht haben, ist Atombrennstoff für die Reaktoren und Kerosin für die Gasturbinen. Obwohl, letzteres will ich gleich wieder einschränken: Sie haben wahrscheinlich etwas, aber nicht allzuviel, und schon gar nicht die Additive, die benötigt werden, um die Gasturbinen zuverlässig zu betreiben.” Der Major blickte in die Runde. “Atomreaktoren gehen nicht einfach aus, nur weil ihr Brennstoff verbraucht ist. Genau genommen, verbraucht er sich nicht wirklich, die Leistung geht nur zurück. Das fette Ding da ist jetzt das Kraftwerk des Stützpunkts, der Reaktor sorgt dafür, daß der Zerstörer Strom hat. Und noch etwas: Kennen Sie den Unterschied zwischen russisch und amerikanisch reparieren?”

“Erklären Sie es uns einfach”, drängte Spee.

Behaglich erklärte der Major: “Wenn bei den Amis eine Feder für fünf Cent gebrochen ist, haben die das ganze Bauteil für fünf Millionen weggeworfen und ein neues eingesetzt. Die Russen haben bei dem gleichen Problem einen Einmachgummi genommen und damit improvisiert. Die Ersatzteile für diese schönen Schiffe und Flugzeuge sind in Norfolk geblieben. Die Einzelschiffe dürften außer Gefecht sein, die anderen Dinger haben sie russisch repariert, also eines ausgeschlachtet und das andere damit versorgt. Das dicke U-Boot ist der Reaktor, von den drei anderen dürften zwei noch funktionieren. Der Zerstörer dürfte die Luftüberwachung übernommen haben. Gab es da nicht so etwas wie Aegis?”

“Ja, Schiffe dieser Klasse haben die Flugzeugträger abgeschirmt”, bestätigte Meißner.

“Bestens”, nickte der Major. “Also, dieses eine Aegis-Boot hat unsere Flugscheibe geärgert und dürfte unser Flugaktivitäten seit unserer Ankunft beobachten. Das andere wird kannibalisiert. Die beiden Fregatten dürften auch zu einer geworden sein. Bei den Jagd-U-Booten bin ich nicht sicher, da dürften zwei von dreien noch gehen. Auf See kriegen die eine Fregatte und zwei U-Boote!”

“Wie schätzen Sie die Waffen ein?”, hakte Ritscher nach. “Die hatten alles drauf, was gut und teuer war: 24 Tridents mit jeweils bis zu einem Dutzend Atom-Sprengköpfen, Marschflugkörper bis zum Abwinken, konventionell und atomar, Torpedos mit Zielsteuerung und natürlich weitere Raketen.”

“Davon dürfte sehr viel funktionieren”, erwiderte der Major. “Zumindest die großen Atomwaffen werden noch zünden, kleine Ladungen eventuell nicht mehr, da die sehr exakt berechnet waren. 20% Sprengkraftverlust… Schätze ich mal. Es gibt aber noch etwas: Die Amis haben sich so auf ihr GPS verlassen, daß sie ohne nicht mal ihre eigene Kantine gefunden haben. GPS ist weg, die haben nur noch ihr Trägheits-Navigations-System. Wenn so eine Trident auf Berlin geschossen wird, brauchen die alle zwölf Gefechtsköpfe, um halbwegs zu treffen.”

“Warum sollten die auf Berlin schießen?”, wunderte sich Meißner. “Da lebt doch keiner mehr.”

“Sie dürften nicht wissen, daß das Reich von Köln aus regiert wird”, antwortete Ritscher.

Dr. Ohain fuhr fort: “Mit den Flugzeugen ist das auch so eine Sache. Die kommen mit schlechtem Treibstoff nicht allzu weit, aber einen Angriff auf uns dürften sie schaffen. Die B52 wurden modernisiert, mit den alten Triebwerken wären die trotz überlagertem Treibstoff über den Atlantik und zurück gekommen. Die Frage ist, was haben sie für die Flugzeuge. Annapolis dürfte nicht gerade ein Luftwaffen-Waffendepot gewesen sein. Einen Flugzeugträger haben sie nicht retten können, deshalb dürfte es da knapp aussehen.”

“Wie knapp?”, fragte Spee. “Gar nichts oder doch etwas?”

“Eine volle Ladung”, überschlug der Major. “Das dürften sie an Bord gehabt haben, als sie nach Annapolis gekommen sind.”

“Wir sollten noch eines berücksichtigen”, meldete sich Donnerhack. “Den Ausbildungsstand! Acht Jahre nicht mehr geflogen, acht Jahre nicht mehr auf See – und womöglich sind die Spezialisten der ersten Garnitur gestorben, desertiert oder anderweitig abhanden gekommen. Die haben zwei Jagd-U-Boote und eine Fregatte, vielleicht vier F22 und vier F35, sowie die vier B52, aber alles mit gerade einmal einem Zehntel der ursprünglichen Kampfkraft.”

“Sie sind uns trotzdem noch um Faktor fünf überlegen”, schränkte Ritscher ein. “Unser Schwachpunkt ist die FUGGER. Wir beladen da gerade das gewaltigste Schatzschiff der Welt, gegen das alle spanischen Schatzflotten zusammen ärmlich anmuten. Das ist das erste.

Ich habe noch ein zweites, noch interessanteres Argument. Die haben dort ganz sicher Kurzwelle und nie auf unsere Rufe geantwortet. Wir sind in Funkreichweite, sie haben bestimmt gehört, was wir funken, und sie haben sich nie gerührt. Wir könnten sie direkt anfunken und fragen, doch das hieße, schlafende Hunde wecken. Ich schlage deshalb vor, daß wir Annapolis ebenfalls ignorieren und unsere Arbeit vollenden. Wir sind nicht im Krieg mit den Vereinigten Staaten, und wir sollten ihnen keinen Anlaß geben, mit uns in den Krieg zu treten. Allerdings brauchen wir einen Plan, ein abgestimmtes Vorgehen, wenn sich etwas ändern soll.”

“Sie sollten mein Schiff nicht unterschätzen”, widersprach Meißner.

“Wenn Sie mit Ihrer Ladung an Neu-Vineta vorbeifahren, bin ich zufrieden”, erwiderte Ritscher. “Bis dahin vergehen aber noch mindestens sechs Wochen, falls wir nicht abbrechen. Und ehe Sie glauben, wir könnten Hilfe anfordern: Das Aegis-System auf diesem einen Zerstörer, der die Luftüberwachung durchführt, kann alle unsere großartigen Flugscheiben gleichzeitig aus dem Himmel fegen!”

Kapitänleutnant Luckner, der Erste Offizier der HIPPER, hatte andere Aufnahmen betrachtet. “Herr Kapitän, ich habe da zwei Dinge entdeckt. Erst einmal das hier.” Er zeigte eine Weitwinkel-Aufnahme aus dem zweiten Überflug und damit größerer Höhe. “Ich halte das für Felder.”

Dieser Meinung schlossen sich die anderen Offiziere schnell an.

Luckner setzte hinzu: “Felder bedeuten, daß ein Teil des Personals Landwirtschaft betreibt. Die Einschätzung durch Kapitän Donnerhack dürfte richtig sein, der Ausbildungsstand hat gelitten. Und dann habe ich das hier interessant gefunden.” Die Tele-Aufnahme zeigte eine Gruppe in Marschordnung, die sich zwischen den Gebäuden bewegte. “Sie drillen – sie verhalten sich also militärisch.”

“Das sollte man bei einer Marineakademie erwarten”, sagte Spee.

“Ja, natürlich, aber – würden WIR unsere altgedienten Mannschaften so durch die Gegend marschieren lassen? Wenn das alte Amerikaner sind, also Feldwebel-Dienstgrade, wäre das lächerlich. Nein, das sind junge Leute! Und eines habe ich bisher nicht gesehen: Frauen. Dabei sind Frauen wichtiger als Flugzeuge, wenn dieser Flecken da Bestand haben soll. Das dort ist eine richtige Gemeinde, 5.000 oder 10.000 Menschen.”

“Hm…”

Felix Luckner hatte seine Argumente wohlüberlegt. “Ich habe den Bericht über Andrews Airbase gelesen, den Leutnant Voß abgegeben hat. Die leben von Vorräten, absolvieren sinnlose Routine, sterben vor sich hin, doch Annapolis lebt und strebt auf! Das ist nicht nur der letzte Rest der alten, das ist die Keimzelle der neuen Vereinigten Staaten!”

“Was folgern Sie daraus, Herr Kapitänleutnant?”, erkundigte sich Ritscher.

“Wir müssen unbedingt Kontakt aufnehmen, Herr Kapitän. Allerdings, da gebe ich Ihnen recht, sollten wir es nicht gerade dann tun, wenn wir damit beschäftigt sind, aus den beiden wichtigsten Schatzkammern der USA unser Eigentum zurückholen.”

“Dann decken sich ja unsere Ansichten.”

Leutnant Voß’ heimliche Hoffnung, an Bord der FRIEDENSTAUBE zu Mittag zu essen, erfüllte sich nicht. Kapitän Ritscher hatte seinen Bericht angehört und danach ein Vier-Augen-Gespräch mit Dr. Wohlthat, das letzteren trotz der Kürze der Unterredung ziemlich zerknirscht zurückkehren ließ. Die Kameras der Flugscheibe wurden mit neuen Filmen bestückt, danach erhielt die T2-06 den Befehl zum Abflug.

Voß hatte Washington als Ausgangspunkt seiner Suche gewählt und flog nun ganz grob nach Nordwesten, den Potomac entlang, in 1.000 Metern Höhe, mit gerade einmal 100 Knoten, mit an Langeweile grenzender Gemütlichkeit. Dr. Wohlthat und Feldwebel Haberstroh saßen vor dem Prismenschirm und beobachteten den Boden. Feldwebel Flachbart starrte als Luftraumbeobachter Löcher in entfernte Wolken, Oberfeldwebel Pawlik, der Bordingenieur, beschwerte sich in Gedanken über die absolute Zuverlässigkeit des Vril-Reaktors und des Antriebs, die ihm gar nichts zu tun überließen.

“Sind das Zelte?”, wunderte sich Haberstroh und deutete auf den Schirm. Gleich darauf benutzten er und Dr. Wohlthat die beiden Binokulare, die eine bessere Darstellung lieferten.

“Ja, das sind Zelte”, bestätigte der Jurist. “Herr Voß, schwenken Sie bitte auf das Südufer.”

“Sie haben Pferde und moderne Artillerie”, stellte Dr. Wohlthat fest.

“Moderne Artillerie?”, wunderte sich Voß. “Sie meinen Panzerhaubitzen?”

“Nein”, korrigierte Haberstroh. “Bespannte Feldartillerie, wie im zweiten Weltkrieg, jedenfalls moderner als im Sezessionskrieg.”

“Ich erkenne Pferdewagen”, ergänzte Dr. Wohlthat. “Motorfahrzeuge sehe ich nirgends.”

“Dann haben wir die grandiose Potomac-Armee gefunden”, freute sich Voß. “Flachbart, machen sie ein paar Aufnahmen.”

Voß nahm keine Rücksicht darauf, daß er gesehen wurde. Die Soldaten, die ans Ufer kamen und ungläubig das UFO bestaunten, waren willkommene Photomodelle. Feldwebel Flachbart bediente eine Handkamera und verknipste einen Rollbildfilm. Er benötigte dazu lange genug, um die Amerikaner zu einer Entscheidung kommen zu lassen. Leutnant Voß riß die Flugscheibe mit einem Beschleunigungsimpuls nach oben, er beschränkte sich auf 10fache Erdschwerkraft, die vollkommen absorbiert wurde. Einen Treffer mußte die Flugscheibe einstecken, der dem Klang nach zu schließen auf dem Abdeckschirm des Antriebs lag.

“Kaliber .223”, kommentierte Voß gelassen. “Mit einer Enfield Kaliber .58 aus dem Bürgerkrieg hätten wir jetzt ein Loch im Pelz.”

“Mit 7,62mm aus einem G3 auch”, knurrte Oberfeldwebel Pawlik. “Sie werden ein wenig leichtsinnig, Herr Leutnant.”

“Jedenfalls haben sie sehr unamerikanisch geschossen”, stellte Voß fest. “Jedenfalls, soweit ich mich an die Filme meiner Kindheit erinnere.”

“Stimmt”, warf Dr. Wohlthat ein. “Die hatten M16 und haben gezieltes Einzelfeuer geschossen.”

“Schlecht gezieltes Einzelfeuer”, korrigierte Voß. “Eine Flugscheibe auf 100 Meter sollte sogar ein geübter Pistolenschütze treffen. Die Kameraden haben zwar Gewehre, aber keine Munition, deshalb kein Dauerfeuer und keine Schießübungen. Ich habe vier Schüsse gehört – jemand mehr?”

“Sechs”, warf Haberstroh ein.

“K.O., wie die Amerikaner immer gesagt haben”, meinte der Leutnant. “Ich suche einen Landeplatz, 10 Kilometer südlich, damit Sie, Oberfeldwebel, sich den Treffer anschauen. Da essen wir zu Mittag und danach fliegen wir direkt nach Richmond. Da sparen wir uns hoffentlich die Suche nach der Virginia-Armee.”

Der Schuß hatte den flachen Teil des Schirms getroffen und dort einen flachen Kratzer hinterlassen. Oberfeldwebel Pawlik kroch sogar unter die Flugscheibe, der Rest der Besatzung begutachtete intensiv die Oberfläche. Weitere Treffer fanden sie nicht. Danach verspeisten sie Dauerwurst und Zwieback, die grandiosen Feldrationen der Reichstruppen. Eine kleine Aufmerksamkeit hatte ihnen Oberbootsmann Schustereit, der Smutje der FRIEDENSTAUBE, allerdings zukommen lassen: Kuchen und heißen Kaffee aus Thermosflaschen zum Nachtisch.

Gut gelaunt nahmen sie Kurs auf Richmond. Das Landschaftsbild veränderte sich, als sie sich der Stadt näherten: Felder und Weiden, auf denen tatsächlich Kühe standen. Auf den Feldern arbeiteten Menschen mit Zugtieren, alles erweckte den Eindruck, als sei die Zeit dort unten um 1850 stehen geblieben. Im Vergleich zur Ödnis des Nordens lebte und gedieh hier das Gemeinwesen.

Nach Richmond führten Straßen, deren guter Zustand zeigte, daß sie bei Bedarf ausgebessert wurden. Autos fuhren keine, es standen auch keine herum, folglich hatte jemand aufgeräumt. Die Stadt selbst wirkte befremdlich, die Stahlbeton-Architektur des späten 20., frühen 21. Jahrhunderts erschien unpassend. Einzelne Stadtteile mit Hochhäusern verfielen, solche mit kleineren Gebäuden florierten. Die Gebiete südlich des James River erschienen fast gänzlich verlassen. Die Stadt lebte, doch sie hatte einen großen Teil ihrer früheren Bewohner verloren.

“Das sieht nach einem Amtsgebäude aus”, bemerkte Dr. Wohlthat und deutete auf ein Gebäude, über dem eine Flagge wehte.

Der Antrieb einer Flugscheibe erzeugte keine Kondensstreifen, ein zwölf Meter durchmessendes Objekt in 2.500 Metern fiel deshalb kaum auf, zumal wenige Leute das Bedürfnis hatten, in die Luft zu schauen.

“Ich finde diese Flagge sehr merkwürdig… Herr Haberstroh, werfen Sie doch bitte ebenfalls einen Blick darauf.” Dr. Wohlthat war längst zum Okular übergewechselt.

“Das ist… Hey, das ist die Südstaaten-Flagge”, rief Feldwebel Haberstroh. “Die habe ich in der Schule gesehen, im Geschichtsunterricht.”

“Fast, aber nicht ganz”, korrigierte Wohlthat. “Die Flagge der Konföderierten war Blau-Weiß-Rot. Das Rot stimmt in etwa, doch was weiß sein sollte, ist gelb, und beim Blau bin ich mir nicht sicher, ob das nicht Schwarz ist. Ich halte das dort unten für Gold, Rot, Schwarz.”

“Die Farben des Reiches?”, staunte Leutnant Voß. “HIER?”

“Ich kann nur sagen, was ich sehe”, erwiderte Dr. Wohlthat. “Die haben wohl kaum die Farbeimer verwechselt.”

Wäre auch nur das leiseste Anzeichen einer Gefahr aufgetreten, Werner Voß hätte niemals seinen Pilotensitz verlassen. So aber obsiegte der Neugier, er löste seine Haltegurte und begab sich an die Position des Bodenbeobachters. Der Feldwebel überließ ihm bereitwillig das Okular.

“Eindeutig Gold, Rot, Schwarz”, konstatierte Voß. “Wir dürften willkommen sein, hoffentlich sind sie nicht allzu böse, wenn wir in ihrem Vorgarten runtergehen.”

“Sie wollen mitten in der Stadt landen?”, staunte Dr. Wohlthat. “Ist das nicht zu gefährlich?”

“Wir warten bis zur Dunkelheit, landen fünf Kilometer außerhalb, schleichen in die nächtliche Stadt und werden als Landstreicher, Spione oder Saboteure verhaftet?”, bot Voß an. “Halten Sie das für die bessere Lösung? Die Südstaaten sind in den alten Büchern so verteufelt worden wie wir Deutsche, das müssen also die Guten gewesen sein. Ich wette, daß sie das auch heute noch sind.”

“Darf ich fragen, woher Sie diese Gewißheit nehmen?”

Voß lächelte und kehrte in den Pilotensitz zurück. “Ich glaube an Gott, Herr Doktor. Die Katastrophen haben die Bösen und die Gleichgültigen getroffen, die Welt gereinigt und die Guten überleben lassen. Nördlich des Potomac, an der einstigen ‘Ostküste’, dort, wo die Geldjuden die Menschheit ausgeraubt haben, ist alles wüst und leer, von der Amish-Siedlung abgesehen. Hier hingegen blüht die Landschaft, das ist mir Zeichen genug.”

“Dann müßte Gott auch mit Annapolis sein”, widersprach Dr. Wohlthat.

“Vielleicht möchte der liebe Gott ja auch von uns, daß wir sein Werk vollenden”, überlegte der Leutnant. “Aber keine Sorge, ich werde vorsichtig sein.”

Er kippte die Flugscheibe über die Kante ab, jagte die Maschine im Sturzflug auf 100 Meter, bevor er sanft wie eine Feder dem Boden entgegen schwebte. Es stellte sich heraus, daß das beflaggte Gebäude bewacht war. Zwei bärtige Soldaten in grauen Uniformen verfolgten in fassungslosem Staunen, wie die Flugscheibe vor ihnen landete. Sie ließen die Finger von ihren M16.

“Flachbart, gehen Sie raus und winken Sie ihnen freundlich zu, damit die uns nicht für Marsmenschen halten”, befahl der Leutnant. “Altemeier, Sie bleiben am Platz und retten wenn nötig die Maschine. Pawlik und Haberstroh, Sie haben Bordwache.”

Auf den Anblick von Feldwebel Flachbart reagierten die Soldaten erfreut, sie kamen langsam näher. Ihre Gewehre beließen sie dabei auf den Schultern.

“Das sind Südstaaten-Uniformen”, erklärte Leutnant Voß, der in diesen Sekunden einmal mehr Kapitän Ritscher für den dienstlichen Ratschlag dankte, sich in die Geschichte einzulesen. “So, Herr Doktor, dann steigen wir mal aus.”

Die Soldaten erhielten Verstärkung. Ein glattrasierter Mann in schmucker Uniform, mit Sternen auf den Schultern, gesellte sich zu ihnen. Leutnant Voß sprang vom Schirm der Flugscheibe, Dr. Wohlthat kletterte nach Vorschrift die Klappleiter herunter. Um die Zeit zu überbrücken, trat Voß auf die Soldaten zu und salutierte. “Leutnant Voß, Pilot in Seiner Majestät Luftwaffe.”

Sein Gruß wurde erwidert, und in gutem Deutsch stellte sich sein Gegenüber vor: “Oberleutnant Noack, Armee der Konföderierten Staaten von Amerika.”

Dr. Wohlthat hatte das nicht mitbekommen. Er trat heran und stellte sich vor: “My name is Dr. Wohlthat, I work for the Minister of Foreign Affairs of the German Reich.”

“You’re welcome, Dr. Wohlthat”, erhielt er zur Antwort. “But we prefer to talk German.”

“Wie bitte? Deutsch?”, staunte der Beamte.

“Ja, Deutsch”, erwiderte der Oberleutnant. “Dieses Zeichen dort erweckt Vertrauen.” Er deutete auf das Tatzenkreuz der T2-06. “Auch wenn wir eher ein gerades Kreuz mit weißem Rand erwartet haben.”

Leutnant Voß erklärte: “Das gerade Balkenkreuz war unser Hoheitszeichen im zweiten Weltkrieg, und zu BRD-Zeiten hatten wir noch den weißen Rand, das neue Reich hat das einfache Eiserne Kreuz wieder eingeführt, das wir im ersten Weltkrieg getragen haben.”

“Oh, ich verstehe. Meine Herren, ich bin autorisiert, Sie auf dem Gebiet der Republik Virginia willkommen zu heißen. Gouverneur Harry Maron erwartet Sie. Bitte, folgen Sie mir.”

Feldwebel Flachbart blieb als sichtbare Wache vor der Flugscheibe zurück, Voß und Dr. Wohlthat folgten dem Offizier. Das fremde Objekt zog Schaulustige an, die beiden Wachsoldaten halfen dem Feldwebel, diese auf ein wenig Abstand zu halten und zu verhindern, daß allzu Neugierige die Flugscheibe bestiegen.

Der Oberleutnant führte die deutschen in den ersten Stock, in ein Arbeitszimmer, dessen massive Möbel bei aller Geschäftsmäßigkeit auch eine gediegene Gemütlichkeit verbreiteten. “Seine Exzellenz, Gouverneur Maron der Republik Virginia”, stellte Noack den Mann vor, der trotz der warmen Sommertemperaturen einen formellen dunklen Anzug trug.

“Dr. Wohlthat, kommissarischer Staatssekretär im Außenministerium Seiner Majestät, Friedrichs IV.”, stellte der Beamte sich vor.

“Leutnant Voß, Pilot der kaiserlichen Luftwaffe”, fügte Voß hinzu.

“Meine Herren, ich heiße Sie in Richmond willkommen”, antwortete der Gouverneur. “Wenn ich das Objekt da draußen betrachte, gewinne ich den Eindruck, daß Sie ins 24. Jahrhundert vorgerückt sind, während wir jetzt wieder im 19. Jahrhundert leben.”

“Das täuscht, Eure Exzellenz”, sagte Dr. Wohlthat. “Das ist Technologie, die im zweiten Weltkrieg nicht mehr zum Einsatz gekommen ist. Mithin sind wir ebenfalls um fast hundert Jahre zurückgefallen.”

“Oh? Aber es freut mich zu hören, daß es Europa noch gibt”, erwiderte der Gouverneur. “Bitte, meine Herren, setzen Sie sich. Sie müssen mir unbedingt berichten, wie es in Europa aussieht. Ich vermute, Sie sind ebenso interessiert, wie es uns ergangen ist.”

Eine Tür öffnete sich und drei Frauen betraten den Raum. Zwei von ihnen trugen Schürzen, sie stellten Gebäck und eine Karaffe mit Gläsern auf den Besprechungstisch.

“Darf ich Ihnen Hertha vorstellen? Meine Frau – sie stammt aus Deutschland und möchte bestimmt gerne hören, wie es dort heute zugeht.”

Die Besucher begrüßten die Gastgeberin und warteten, bis diese sich gesetzt hatte. Leutnant Voß eröffnete das Gespräch. “Über diesem Gebäude weht die Flagge der Konföderierten Staaten von Amerika. Darf ich Sie fragen, wie es kommt, daß Sie sich wie Deutsche anhören?”

“Herr Leutnant, wir SIND die Konföderierten Staaten von Amerika. Allerdings haben wir den alten Fehler korrigiert und den englischen Einfluß abgeworfen.” Der Gouverneur lächelte freundlich. “Da ich der Gastgeber bin, möchte ich Ihnen gerne erklären, wo Sie sich hier aufhalten.

Nach der großen Seuche sind die alten Südstaaten wiederaufgelebt. Die Staaten sind so unabhängig, wie es den alten Konföderierten vorschwebte, ein Verband aus 13 Republiken. Wir haben den Titel des Gouverneurs beibehalten, und wir arbeiten untereinander auf verschiedenen Gebieten zusammen. Zweimal im Jahr treffen sich die Delegierten der Staaten im jeweils präsidierenden Staat zusammen, wobei das Präsidium jährlich wechselt. Aktuell ist der Gouverneur von Georgia der amtierende Präsident der Konföderierten, der Kongreß trifft sich folglich in Atlanta.

In den Staaten der Konföderation leben 15 Millionen Menschen, allesamt Deutsche oder Deutschstämmige. Überlebende aus dem Norden haben wir gerne aufgenommen. Wir haben beschlossen, uns von der verbrecherischen Tradition der USA loszusagen und unserem deutschen Ursprung zu folgen. Und damit komme ich zum bizarrsten Teil meines Berichts: Das alles verdanken wir den Juden.”

“Wir haben bereits Juden getroffen, eine Siedlung in der Nähe New Yorks”, warf Dr. Wohlthat ein.

“Oh? Nun ja, Sie dürfen mir gerne davon berichten”, sagte der Gouverneur. “Meine Geschichte ist sowieso gleich zu Ende. Im Auftrag des Präsidenten haben jüdische Wissenschaftler eine Seuche zur Reduzierung der Weltbevölkerung entwickelt, so wie es auf den Georgia Guidestones notiert ist. Sie haben natürlich darauf geachtet, daß die Seuche eine ganz bestimmte Gruppe der Menschheit verschont – Sie ahnen bestimmt, welche Gruppe. Sie hatten Genproben aller Rassen, und wollten insbesondere herausfinden, wie sich Juden von den übrigen Semiten unterscheiden. Und ja, es waren Spitzenleute, die tatsächlich einen Genmarker gefunden haben.”

Der Gouverneur grinste unverschämt in die Runde, zum Zeichen, daß nun die Pointe folgen würde. “Zufällig waren alle Juden der Forschungsgruppe deutschstämmig. Und durch einen noch größeren Zufall waren die Genproben der Weißen im Test alle Nichtdeutsche. Die von ihnen entwickelte Krankheit verschonte somit Deutsche und tötete vor allem Nichtdeutsche. Die jüdische Gemeinde in Amerika bestand zum großen Teil aus Nichtdeutschen, das haben die Herren Entwickler bald gemerkt und noch ein Gegenmittel verteilt, das ursprünglich nur für hochrangige Freimaurer gedacht gewesen war und nur eingeschränkt geholfen hat.”

Dr. Wohlthat nickte langsam, doch er hatte einen Einwand: “Eure Exzellenz, das sind sehr spezielle und gewiß streng geheime Fakten. Woher wissen Sie das alles?”

“Von Professor Silverstein persönlich”, erwiderte der Gouverneur. “Er und einige bedeutende Mitglieder seiner Forschergruppe haben sich abgesetzt und uns hier in Richmond besucht.” Jetzt wurde sein Lächeln bösartig. “Sie haben alles gestanden, bevor wir sie aufgehängt haben. Wir haben die Seuche nach ihm benannt, zum ewigen Andenken und wider das Vergessen.” Nach einer kurzen Pause setzte er hinzu: “Die Gerechtigkeit der Justiz der Südstaaten ist schließlich sprichwörtlich.”

Dr. Wohlthat bedankte sich, indem er die Zustände im Reich schilderte, von der russischen Besetzung über die Naturkatastrophen zu Kaiser Karl dem Deutschen, der die Überlebenden zu einem Reich zusammengefaßt hatte. Er hatte nur kurz geherrscht, den Thron bald Friedrich IV. überlassen, der den Wiederaufbau in die Hand genommen hatte. “Wenn Sie so wollen, Exzellenz, sind wir jetzt wieder auf dem Stand von 1950.”

“Das heißt, hundert Jahre voraus, denn wir sind hier auf dem Stand von 1850”, meinte der Gouverneur. “Wir haben die Bücher, das Wissen einer moderneren Zeit, allerdings nicht ganz so viele, wie wir gerne hätten. Vor dem Zusammenbruch sind Bibliotheken zu teuer geworden und wurden aufgelöst, wir hatten damals alle diese Tablett-Computer. Inzwischen wissen wir den Wert des Gedruckten wieder zu schätzen.”

“Immerhin, Sie haben beachtliches geleistet”, lobte Leutnant Voß. “Was ist mit Ihren Nachbarn? Wir haben von einer Potomac-Armee gehört.”

“Oh? Diese Räuberbande? Sie haben Farmen ausgeraubt und die Ernte gestohlen, das war eine echte Plage.” Maron zuckte mit den Schultern. “Wir haben die Army of Virginia wieder ins Leben gerufen. Seither ist zwar keine Ruhe, aber den Kerlen gehen langsam Waffen und Munition aus. Plünderer scheint es dort drüben genug zu geben, denn sie haben immer genug Leute.”

“Sagen Sie bloß, der Anführer hat sich den Künstlernamen Robert E. Lee zugelegt?”, vermutete Voß.

“Nein, er nennt sich Jebb Stuart, es ist eine Kavallerie-Truppe, damit wir die Yankees schnell einholen.” Der Gouverneur hob entschuldigend die Hände. “Wenn die von ehrlicher Arbeit leben wollten, würden wir ihnen sogar Saatgut und Weidevieh geben. Wir haben Gefangene gemacht, ihnen die Landwirtschaft beigebracht und sie mit einer Grundausrüstung freigelassen. Nichts, die haben es nicht mal probiert.”

Dr. Wohlthat wechselte lieber das für ihn unangenehme Thema. “Haben Sie noch ein Rassismus-Problem?”

“Rassismus?” Der Gouverneur lachte auf. “Wie sollte bei uns Rassismus aufkommen? Dank der Silverstein-Seuche gibt es in den Konföderierten Staaten keine Juden, keine Nigger, keine Latinos – nichts. Noch nicht mal Indianer! Das hier ist das gelobte Land, und es wurde uns geschenkt, besenrein übergeben.”

“Das scheint Ihre Gottes-Theorie zu bestätigen”, sagte Dr. Wohlthat zu Voß.

“Oh, Herr Leutnant, Sie haben eine Gottes-Theorie?”, staunte Hertha Maron. “Dürfte ich davon mehr erfahren?”

“Nun ja…” Dr. Wohlthat kannte Voß als bedenkenlosen Draufgänger, daß der junge Mann errötete, weil er mit einer Frau sprechen sollte, wunderte ihn sehr. “Gnädige Frau, meine Theorie ist recht einfach. Wir haben früher in einer bösen, gottfernen Welt gelebt, die zweimal die Gelegenheit zur Umkehr gehabt hatte, 1914 und 1939. Danach hat Gottes Langmut die Unterdrückung der Deutschen in der BRD zugelassen, bis das Maß voll war. Gott hat diejenigen, die sich angemaßt haben, über das Gute, über das Deutsche zu richten, nun selbst gerichtet. Das Böse, das Judenreich, die USA – sie wurden von Gottes Erde getilgt, nur das Gute hat überlebt, um in einer gereinigten Welt zur höchsten Blüte aufzustreben.”

“Wie interessant!”, befand Frau Maron. “Haben Sie das aus der Johannes-Apokalypse abgeleitet?”

“Nicht direkt”, gestand Voß. “Eher aus der Edda, der Götterdämmerung. Die Bibel habe ich erst später gelesen. Aber es steht in vielen heiligen Büchern, daß Gott die alte Welt reinigt und eine neue, bessere erschafft.”

“Herr Voß, Sie erstaunen mich”, rief Dr. Wohlthat.

“Warum?”, fragte der Pilot verwundert. “Weil ich Bücher gelesen habe, die, sollte ich IHM einmal mit meiner Maschine begegnen, mir sagen, was ER dann von mir will?”

“Kommt Ihr Fluggerät wirklich so hoch?”, erkundigte sich Oberleutnant Noack.

“20 Kilometer sind kein Problem”, antwortete Voß. “Im Parabelflug vielleicht 25, da wird der Himmel schon langsam schwarz.”

“Und das Reich baut die in Serie?”

“Schön wäre es – drei pro Jahr. wir haben gerade erst angefangen. Und die Elektronik ist auf dem Stand von 1950.” Voß zuckte mit den Schultern. “Eine F22 würde uns kaum bemerken, so schnell haben die uns abgeschossen.”

Der Gouverneur lachte leise. “Ich weiß nicht, ob es überhaupt noch eine einzige flugfähige F22 gibt. Wir haben den Atompilz über Norfolk gesehen, wo sonst noch Bomben gefallen sind, wissen wir nicht. Jedenfalls haben sie mit Norfolk auch Langley ausgelöscht, die Luftwaffenbasis.”

“Oh…”

“Wir haben geschaut, ob wir dort nützliche Dinge finden, für die Virginia-Armee. Gewehre und Munition haben wir gefunden, sonst war nichts mehr brauchbar.” Maron grinste wieder. “Die Potomac-Armee hätte sich sehr gefreut.”

“Sie sind sehr offen zu uns”, stellte Dr. Wohlthat fest. “Da möchte ich auch zu Ihnen offen sein: Es gibt noch eine Basis des US-Militärs, und wie es aussieht, haben die mehr gerettet als uns lieb sein dürfte: Annapolis.”

“Annapolis, Maryland”, seufzte der Gouverneur. “Die haben schon 1861 nicht gewußt, auf welcher Seite sie stehen sollten. Haben Sie dort sehr viel gefunden?”

“Mehr Feuerkraft, als in ganz Europa aufzutreiben wäre”, gab Voß zu. “Ich habe es zweimal unbehelligt überflogen, ein drittes Mal wage ich das nicht.”

“Wenn die Potomac-Armee und Annapolis zusammenfinden, bekommen wir demnach ein Problem”, vermutete Oberleutnant Noack.

“Nun ja, vielleicht ist doch alles nicht so schlimm”, überlegte Dr. Wohlthat. “Die Kerle dürften kaum kampffähig sein.”

“Woraus leiten Sie das ab?”, wunderte sich Maron.

“Coca-Cola”, erwiderte Dr. Wohlthat. “Keine amerikanische Truppe ist seit hundert Jahren ohne Coca-Cola in den Kampf gezogen. Und das wird meines Wissens noch immer in Atlanta produziert.”

“Das gibt es tatsächlich noch”, sagte Frau Maron. “Allerdings nur in kleinen Mengen, da wir es nicht kühlen können.”

“Wir sind leider nicht hier, um geschäftliche Beziehungen zu knüpfen”, dämpfte Leutnant Voß die Erwartungen. “Wir sind ein Erkundungsflug, um herauszufinden, wer hier noch lebt.”

“Nun, wir”, sagte der Gouverneur. “Ich spreche für die Republik Virginia und denke, auch im Namen aller anderen Staaten der Konföderation erklären zu dürfen, daß wir an guten Beziehungen zum Deutschen Reich interessiert sind.”

“Dann werde ich das so weiterleiten”, antwortete Dr. Wohlthat. “Ich glaube jedoch, daß wir uns erst im nächsten Jahr wieder treffen werden.”

Nach drei Stunden verließ die T2-06 Richmond wieder. Auf der FRIEDENSTAUBE erwartete Voß und Dr. Wohlthat Arbeit – sie mußten ihre Berichte verfassen, mit einem Durchschlag für Kapitän Ritscher. Das Original – und das Ergebnis der Offiziersbesprechung, außerdem Abzüge aller Luftaufnahmen – wurde am nächsten Tag nach Washington geflogen, um mit der nächsten Frachtmaschine ins Reich geflogen zu werden.

Oberleutnant Skorzeny mußte sich mit einem mündlichen Lagebericht zufrieden geben. Er hatte noch eine weitere Kammer mit deutschen Akten gefunden, er würde also noch mindestens drei Tage brauchen, bis er alles geborgen hatte. Er hatte Waffen, Munition und Geld an Colonel Brown wie ausgehandelt übergeben. Dieser hatte sich hocherfreut bedankt und war abgezogen.

Drei Tage in Washington, weitere fünf Wochen in New York, dann wäre die Mission erfolgreich abgeschlossen. Skorzeny ließ Kapitän Ritscher einen Vorschlag übermitteln: Beide Frachtflugscheiben könnten pro Tag 24 Tonnen Goldbarren mit Wolframkern ins Reich transportieren. Das wären in fünf Wochen zwar nur 840 Tonnen, davon nur 700 Tonnen des begehrten Wolframs, aber es wäre eine sichere Beute, genug für ein paar hundert Vril-Reaktoren. Außerdem sollten die Flugscheiben New York aus dem Norden anfliegen, in geringer Höhe, um von Annapolis aus nicht bemerkt zu werden.

©Michael Winkler

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