Deutsche Gold-Inventur: Londoner Finanzfreunden flattern die Nerven

Gerhard Wisnewski

 

Die Bundesbank will ihr Gold nachzählen und vielleicht sogar heimholen? Da geht bei Londoner Finanzfreunden die Angst um. Die Zählung sei »paranoid«, die Goldbarren »irrelevant« oder sogar »ökonomischer Giftstoff«. Junge, Junge – liegen da die Nerven blank. Also lieber her damit…

 

Der Spiegel-Autor Wolfgang Münchau ist ein richtiger Brite. Oder besser gesagt: ein Londoner. In London studierte er nicht nur Journalismus, hier begann er laut Wikipedia auch »seine journalistische Karriere«, und zwar »bei der Londoner Times«. Anschließend zog es Münchau demnach zur Financial Times, und 1999 sei er  Mitbegründer der Financial Times Deutschland

geworden, wo er »bis August 2003 Chefredakteur war«. Dann wechselte er ins Europa-Hauptquartier nach Brüssel, von wo aus er als »Europa-Kolumnist und Associate Editor über Angelegenheiten der Europäischen Union« berichtete. Schon 1989 erhielt er den feinen Londoner Wincott-Young-Journalistenpreis »Financial Journalist of the Year«.

 

Gold = »ökonomischer Giftstoff«

 

Noch Fragen? Eigentlich nicht: ein richtiges Londoner Finanz-U-Boot also. Derselbe Mann hetzt nun gegen den Bundesrechnungshof, der auf die überfällige Idee kam, nachzusehen, was eigentlich das deutsche Staatsgold in fremden – unter anderem Londoner – Tresoren macht. »Wäre ich der Chef der US-Notenbank Federal Reserve, bei der ein Großteil des Goldes lagert, würde ich dieser deutschen Paranoia ein Ende setzen«, schimpft Münchau. »Ich würde einfach das gesamte Gold zwecks Zählung an den Bundesrechnungshof schicken. Es wäre das Äquivalent eines Atommülltransports.« Es gebe nämlich, man höre und staune, »keinen größeren ökonomischen Giftstoff als dieses Edelmetall, das der Weltwirtschaft die Große Depression in den dreißiger Jahren bescherte.«

 

Der Spiegel schreibt die Geschichte um

 

Interessant – aber beim Spiegel hat man ja schon immer besonders gern die Geschichte umgeschrieben. Die wirkliche Ursache des Aktiencrashs von 1929 und der darauffolgenden Wirtschaftskrise war das Platzen einer riesengroßen Kredit- und Aktienblase. Nichts da. Vielmehr solle man, um Münchau folgen zu können, doch bitte die wirtschaftshistorischen Analysen von einem gewissen Herrn Kindleberger oder einem Herrn Eichengreen lesen.

 

Die Rückkehr zu einem Goldstandard (also der Golddeckung des Papiergeldes) ist nämlich der »größte Stuss«, schimpft London-Münchau. »Ein neuer Goldstandard, also eine Bindung der Geldmenge an die Goldreserven der Zentralbank, wäre das Ende jedes Krisenmanagements.« Genau – und zwar des unbegrenzten Gelddruckens, was Münchau offenbar gar nicht gefällt. »Die Zentralbanken könnten auf Wachstumseinbrüche nicht mehr reagieren, indem sie mehr Geld in Umlauf bringen, dadurch die Zinsen drücken und so die Nachfrage wieder ankurbeln. Krisen würden sich unaufhaltsam ausweiten.« Komisch – dabei hat sich doch gerade die gegenwärtige Papiergeld-Krise »unaufhaltsam ausgeweitet«, und zwar ohne Goldstandard.

 

Inflation nach dem Peanuts-Index

 

Nicht doch. Vielmehr ist die Rückkehr zum Gold einem »Goldwahn« gleichzusetzen bzw. einer »Ideologie, die eine Rückkehr in eine vorindustrielle, vordemokratische Welt propagiert«. Allerdings sind auch das Symptome, die wir gerade durch die unendliche Ausweitung der Kredit- und Geldmenge sowie des »Fiat Money« erleben. Keineswegs, meint Münchschlau, oder doch besser Münchhausen?, sondern »dass Zentralbanken heute noch über Goldreserven verfügen, ist ein Anachronismus« und die ganze Goldangelegenheit eine »Beschäftigungstherapie für Notenbanker«. Schließlich sei der deutsche Goldschatz gerade mal 133 Milliarden Euro wert und daher im Vergleich zu den Summen, um die es bei den Rettungsschirmen geht, reinste »Peanuts«. Oder auch Erbsen. Denn der Rechnungshof sei nichts weiter als ein »Erbsenzähler«, und das alles »am Rande des Verfolgungswahns«. Nichts könnte die galoppierende Papiergeld-Inflation besser illustrieren als dieser »Peanuts-Index«. Schließlich wurden 1994 noch schlappe 50 Millionen Mark als »Erdnüsse« bezeichnet, und zwar durch den damaligen Deutsche-Bank-Chef Hilmar Kopper. Heute sind es schon 133 Milliarden Euro (also nominal 266 Milliarden Mark). Vermutlich ahnt aber auch Herr Peanuts bzw. Münchhausen bzw. Münchau, dass die Goldpreise bei einer weiteren Zuspitzung der Krise explodieren könnten und das Staatsgold daher von überlebenswichtiger Bedeutung für Deutschland sein könnte.

Ach ja: Und  natürlich muss auch noch die Antisemitismus-Keule her. Denn »früher waren es Juden«, jetzt seien es »Investoren aus dem englischsprachigen Raum, die dem Gold-Michel Angst einjagen«. Die Forderung nach einer Zählung deutscher Goldbarren sei »letztlich nur ein absurder Ausdruck des Unbehagens gegenüber dem Finanzwesen im allgemeinen und dem Euro im besonderen«. Donnerwetter – ist man in London schon so nervös, Herr Münchau? Wenn das so ist, holen wir lieber unser Gold heim. Falls es noch da ist.

Hier hetzt Herr Stock vom Handelsblatt

Hier geht’s zur Initiative »Holt unser Gold heim!«

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