Die Kunde von dem Testament des Herrn von Rhoda mit seiner seltsamen Klausel flog des andern Tages wie ein Lauffeuer durch die Stadt. Die meisten Einwohner Frankenfelds hatten sich bis dahin gar nicht um die Altertümer des wunderlichen Freiherrn bekümmert. Jetzt aber erklärte jeder Frankenfelder mit einemmal das Museum für einen Juwel der Stadt. Die Leute würden zu Hunderten hineingeströmt sein, wenn die Räume nicht von Gerichts wegen geschlossen gewesen wären.

Das Museum durfte um keinen Preis den neidischen Groß-Runensteinern zufallen, und der Preis, daß der Turm stehen bleiben solle, war ja eigentlich gar keiner. Viele, die den Haderturm bisher sehr häßlich gefunden, fanden ihn jetzt überaus romantisch. Die geschlagenen Fledermäuse atmeten wieder auf; ihre Partei wuchs von Tag zu Tag. Verschämt verschwiegene Anhänger traten jetzt aufs tapferste laut hervor, Gleichgültige bekannten Farbe, und Hunderte vordem sehr laute Mauerbrecher bekehrten sich unversehens ganz still zu den Fledermäusen.

Allgemeines Staunen herrschte über die ganz ungeahnte Tat des Freiherrn. Man zerbrach sich den Kopf, warum er sich bei Lebzeiten niemals zur Partei der Fledermäuse bekannt und ihnen doch nach seinem Tode so überraschend zum Siege verholfen habe. Den wahren Grund wußte nur des Verstorbenen Schwester, aber sie sagte ihn jetzt noch nicht; sie hat ihn erst später gelegentlich ausgesprochen.

Ihr Bruder haßte alles Parteiwesen. Er sprach wohl manchmal: “Die charaktervollen Führer jeder Partei sind Karikaturen; ihre blinde Gefolgschaft pflegt dann um so charakterloser zu sein und kann diese Charakterlosigkeit wieder bis zur Karikatur steigern. Was Bedeutendes in der Welt geschaffen wird, das schaffen einzelne. Die Stärke der Menschheit liegt in wenigen großen Persönlichkeiten, nicht in der Masse; aber die schöpferischen Führer müssen sich die Massen dienstbar zu machen wissen, gleichviel ob bei Lebzeiten oder erst Jahrhunderte nach dem Tode. Im Dreinschlagen ist die Masse respektabel, im Denken miserabel. Tausend gescheite Leute, von denen jeder einzelne für sich das Gescheitesten tun könnte, sind, wenn sie als Masse denken und urteilen, nur ein großer Esel.”

Der Vollzug des Testamentes ging seinen Weg. Der Magistrat hatte zunächst zu erklären, ob die Stadt das Vermächtnis unter der auferlegten Bedingung annehmen wolle. Diese Frage war keine Frage mehr; die Wucht der völlig umgewandelten öffentlichen Meinung zwang gebieterisch zur Annahme. Der Bürgermeister, welcher in seinem stillen Sinn das Testament samt dem Testator dahin wünschte, wo der Pfeffer wächst, hatte die angenehme Aufgabe, seinen von der Staatsregierung bereits genehmigten Antrag auf Abbruch des Haderturms wieder zurückzuziehen und vielmehr den Fortbestand des Turmes für ewige Zeiten zu befürworten.

Er entledigte sich dieser Aufgabe nicht ohne Anmut. Zunächst hielt er nochmals alle Gründe aufrecht, die er früher für den Abbruch des Turmes geltend gemacht hatte. Des weiteren setzte dann der Bürgermeister ebenso viele Gründe gegen seine früheren Gründe, und Gründe wie Gegengründe findet man immer, wenn man sie nur suchen will.

aus “Ein ganzer Mann” von Wilhelm Heinrich Riehl, 1897.

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