Brüssel (UZ) – Österreichs Kanzler Faymann meint, die Schuldigen an der Krise des Euroraumes identifiziert zu haben: die Spekulanten. Freilich nicht alleine, sondern im Zusammenspiel mit den US-amerikanischen Ratingagenturen. Die Gründung eines europäischen Gegenstücks soll deren Macht über Gedeih und Verderb ganzer Staaten jetzt brechen. Die Rechnung dürfte aber nicht aufgehen – jedenfalls nicht in näherer Zukunft.

Das Rating-Desaster

Die drei großen Ratingagenturen Moody’s, Standard & Poor’s und Fitch haben Europa einige Kopfschmerzen bereitet. Unbarmherzig zerstörten die Amerikaner den Ruf von “Good Old Europe” an den Finanzmärkten. Keine Woche schien zu vergehen, in der nicht ein Euroland in das Fadenkreuz der nüchternen Analysten geraten wäre. Die Zinsen auf Staatsanleihen überschuldeter Mitglieder der Währungsunion stiegen jedes Mal schlagartig. Die Politik reagierte geschockt und sah sich genötigt, einen Krisengipfel einzuberufen. Das Primat der Politik über die Wirtschaft ist wohl endgültig Geschichte, doch ganz so einfach wollen sich die Volksvertreter nicht geschlagen geben. Die Gründung einer europäischen Ratingagentur soll Abhilfe schaffen und vor neuerlichen Attacken schützen. Soweit die Idee.

Vielfältige Kritik an europäischer Agentur

Noch bevor das Vehikel ins Leben gerufen wird, finden sich zahlreiche Kritiker. Andreas Treichl, jener Generaldirektor der Erste Bank, der durch bissige Bemerkungen gegenüber der Politik aufgefallen war, hält die Idee für “kindisch”. Freilich nicht ohne zu erwähnen, dass die Politik die Problematik der Finanzwirtschaft nicht durchblicken würde. Doch auch in ihrer Ausdrucksweise gemäßigtere Zeitgenossen können einer europäischen Agentur nichts abgewinnen oder halten sie für unzweckmäßig. Nationalbankpräsident Claus Raidl betont zwar die prinzipielle Bedeutung einer solchen, warnt aber vor zu großen Hoffnungen seitens der Politik. In einem Interview mit NEWS in der Ausgabe Nummer 28 dieses Jahres gab er zu bedenken: “Ich hege keine Hoffnung, dass eine neu zu schaffende, europäische Agentur zu kurzfristigen Verbesserungen führt. Diese müsste sich erst eine Reputation auf den Finanzmärkten verschaffen und das würde sie nicht mit Soft-Urteilen erreichen.”

Geldverschwendung oder Stabilisierung?

Der Chefvolkswirt der Industriellenvereinigung erteilt dem Vorhaben überhaupt eine Absage. Das Projekt würde in eine Scheinlösung münden, meinte er im Rahmen einer Pressekonferenz und legte nach: “Das wäre reine Verschwendung von Steuergeldern.” Selbst wenn eine europäische Ratingagentur geschaffen würde, käme dieser nur die Rolle vier oder fünf – hinter den etablierten Marktteilnehmern – zu. Deren Beurteilungen wären also nicht besonders aussagekräftig. Der Oxford-Wirtschaftswissenschaftler Clemens Fuest geht mit Faymanns Lieblingsplan noch härter ins Gericht. Es gehe weniger um Reformen am Finanzmarkt, als um die “Konstruktion eines Sündenbocks.” Tatsächlich ist die Politik am vorerst aufgeschobene Debakel der Währungsunion nicht unschuldig. Jene Schulden, die den gescholtenen Analysten Anlass zur Abstufung gaben, haben unsere Vertreter über Jahre und Jahrzehnte angehäuft. “Das kommt mir vor, als würde man behaupten, der Guide Michelin macht österreichische Restaurants kaputt, weil er sie schlecht bewertet”, kritisiert Fuest die Brüsseler Argumentation.

Langfristig würde die Etablierung einer europäischen Agentur vermutlich zu Verbesserungen führen. Es scheint allerdings fraglich, ob eine solche Institution bei der Bewältigung der momentanen Herausforderungen helfen kann.

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