Tobruk, 1. Juni 2011

„Es war eine sehr unangenehme Überraschung“, sagt Sagar Adam, 64. Er ist General der Luftwaffe. Sein Lebensmittelpunkt: Der Flughafen von Tobruk im Osten Libyens – nur 140 Kilometer von der ägyptischen Grenze entfernt.

Bis gestern war die Mittelmeerstadt fern jeglicher Kriegsereignisse. Die kleine Hafenstadt, die im Zweiten Weltkrieg so umkämpft war, gilt seit dem Ausbruch der Revolution gegen Gaddafi als sicheres Hinterland der Rebellen. Doch am frühen Morgen um 5.20 Uhr waren laute Explosionen im Wohngebiet Al Adam nördlich des Flughafens zu hören. Acht Grad-Raketen schlugen auf dem Gelände ein.

Die Einwohner reagierten geschockt, auch wenn keine Toten und Verletzten zu beklagen waren. Sieben Geschosse trafen unbewohntes Ödland, eine Rakete ein im Bau befindliches Haus. „Da waren keine Profis am Werk“, glaubt Sagar Adam. Der kräftige Mann weiß, wovon er spricht: Seit dem 23. Lebensjahr diente in der libyschen Armee. Unter seiner Führung entschieden die Piloten und Flughafenmitarbeiter am 20. Februar 2011, sich der Revolution gegen Gaddafi anzuschließen.

Flughafenbesatzung lief zu den Rebellen über

Die gesamte Militärbasis mitsamt dem zivilen Terminal fiel ohne Blutvergießen. Jetzt stehen die Militärs unter dem Kommando von Abdul Fattah Junis aus Bengasi – und warten auf Befehle. Die letzten drei Monate jedoch tat sich nichts – bis auf ein paar Erkundungsflüge mit NATO-Genehmigung und einer Luft-Hilfslieferung aus Katar.

„Aber die große Schlacht wird kommen“, sagt Sagar Adam bestimmt. Der Raketenangriff war nur ein Vorgeschmack auf die noch ausstehende Auseinandersetzung mit den Anhängern Gaddafis. Auch seine Untergebenen sind davon überzeugt, daß es sich bei dem Beschuß um ein Störmanöver von Gaddafi-Loyalisten gehandelt hat.

Die Angreifer konnten nicht gefaßt werden. Aber auch wenn der Angriff von Süden aus der Wüste stattgefunden hat – es habe sich angeblich nicht um eine Vorhut der feindlichen Regierungsarmee gehandelt. Vielmehr seien Schläfer aktiviert worden. Männer, die öffentlich als Revolutionsanhänger gelten. 

Nachtrag:

In der Nacht nach dem Interview hat es einen gescheiterten Anschlag auf das Haus von General Sagar Adam gegeben. Am Tor explodierte ein Sprengkörper. Das Metall ist verbogen, ein Loch im Boden. Sagar war nicht anwesend, niemand kam zu Schaden. Dutzende Rebellen standen noch weit nach Mitternacht um das Gebaeude herum – kaum nervös. Wer es war? Angeblich ist eine fünfte Kolonne Gaddafis dafür verantwortlich. Wie diese Leute aber am Kontrollpunkt vorbeigekommen sein sollen, kann sich niemand erklären.

 

Hier geht es zum letzten Bürgerkriegstagebuch von Billy Six.

 

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