In den 1970er Jahren antwortete der Liedermacher Reinhard Mey auf die Frage, welches Gebäude so häßlich sei, daß man es abreißen sollte: „die Berliner Mauer“. In seiner Zunft und der Kulturszene überhaupt machte er sich damit keine Freunde. Ganz im Gegenteil. Denn auch wenn es kaum jemanden gab, der die Mauer ästhetisch ansprechend fand, so wurde sie in der alten Bundesrepublik doch achselzuckend hingenommen, von den Gebildeten oft noch hinzugefügt, daß sie auf eine gewisse Weise der Friedenssicherung diente.

Damit war man sehr weit entfernt von der Empörung, die die Westdeutschen und vor allem die West-Berliner unmittelbar nach der Errichtung der Mauer am 13. August 1961 erfaßt hatte. Regelmäßig kam es vor dem Brandenburger Tor zu Aufmärschen und Protesten, auch zu direkten Angriffen oder Versuchen, wenigstens Teile der Grenzbefestigung zu demolieren. Wer sich noch etwas an die damalige Atmosphäre erinnert, wird vielleicht die Bilder des toten Peter Fechter vor Augen haben, der bei einem Fluchtversuch angeschossen wurde und im Todesstreifen langsam und qualvoll starb, bevor ihn DDR-Grenzposten bargen.

Aber das oder die Zahl der übrigen Mauertoten zu erwähnen galt, wie auch der Hinweis auf die Absurdität einer solchen Anlage in der Mitte der Hauptstadt eines Landes, spätestens nach Einleitung der Neuen Ostpolitik als „entspannungsfeindlich“, wenn nicht „revanchistisch“.

Kennedys Bekundungen waren reine Propaganda

Es gab wenige, die es damals wagten, den Status quo, der Berlin, Deutschland und den Kontinent teilte, in Frage zu stellen. Dazu gehörte Richard von Weizsäcker, der als Bundespräsident erklärte, daß die Deutsche Frage so lange offen sei, wie das Brandenburger Tor geschlossen bleibe. Die Formel hat der US-Präsident Ronald Reagan bei seinem Besuch in Berlin 1987 zitiert und sie mit dem berühmt gewordenen Appell an die sowjetische Führung verknüpft „Tear down this wall!“ – „Reißen Sie diese Mauer nieder!“

Neben dem Satz seines Amtsvorgängers John F. Kennedy „Ich bin ein Berliner!“ wird diese Aussage gern als Beleg dafür genommen, daß der große Verbündete seine Zusagen einhielt und sich für die Einheit der Deutschen aussprach. Allerdings wissen die Historiker längst, daß Kennedys Bekundungen reine Propaganda waren.

Er hatte durch Berichte der CIA Monate vor dem Mauerbau von der entsprechenden Absicht des DDR-Regimes erfahren und im kleinen Kreis keinen Hehl daraus gemacht, daß man die Eindämmung der Fluchtbewegung aus dem Osten im Grunde für richtig hielt. Also traf man auf Kosten der Deutschen mit der Sowjetunion ein Arrangement, das auf der wechselseitigen Anerkennung der Einflußsphären in Europa beruhte.

Zu diesem Bild paßt der Fund neuerer Dokumente, deren Inhalt dafür spricht, daß Reagan seine Stellungnahme, kurz nachdem sie gefallen war, wieder zurückzog. In Reaktion auf Vorwürfe des sowjetischen Außenministers Eduard Schewardnadse äußerte er kleinlaut, daß es wohl „unrealistisch“ und gefährlich sei, die Mauer beseitigen zu wollen. Zudem gehöre die deutsche Teilung zu den Kriegsfolgen, und „viele“ fänden, Deutschland dürfe „nie wieder die stärkste und mächtigste Macht im Zentrum Europas sein“.

Meinungsmacher hatten sich eingerichtet

Auf diese Äußerung hinzuweisen bedeutet auch klarzustellen, daß die Mauer als sinnfälligster Ausdruck der deutschen Lage nach 1945 weder Zufall noch Strafe des Weltgerichts für kollektive Schuld war, sondern das Ergebnis eines Konflikts zwischen den Supermächten, in dem die Deutschen als Manövriermasse behandelt wurden. Dabei hatten die im Westen mehr Glück mit ihrem Hegemon als die im Osten. Trotzdem war nach dem Zusammenbruch des Reiches an eine selbständige Politik nicht zu denken. Diese Zwangslage als solche begriffen und daraus die notwendigen Schlüsse gezogen zu haben, kann niemandem vorgeworfen werden.

Vorwerfbar bleibt aber die kleinmütige oder opportunistische Bereitschaft, die Nötigung auch noch zu rechtfertigen oder anzuhübschen. Eine entsprechende Neigung war bei den Verantwortlichen und den Meinungsmachern ausgeprägt und erklärt viel von dem Zögern, mit dem sie vor dreißig Jahren auf die Maueröffnung und dann den Fall der Grenze reagierten. Sie hatten sich eingerichtet, und nun durchkreuzte der Gang der Geschichte ihr Kalkül.

Sie wußten sehr genau, was ihnen drohte, wenn man prüfte, wer sich an der Aufrechterhaltung und Verharmlosung des Unrechts beteiligt oder davon profitiert hatte. Die Menge der Beteiligten war allerdings so groß und deren Machtposition so gefestigt, daß ein derartiger Prozeß der „Aufarbeitung“ niemals Aussichten hatte.

Die eigentlichen Lehren werden nicht beherzigt

Die Folgen sind bekannt. Da ist zum einen die Entschlossenheit, mit der man den 9. November 1989 seiner konkreten Bedeutung beraubt, indem man von einem „Wunder“ spricht oder den Eindruck erweckt, als habe damals eine neue Epoche universaler Grenzenlosigkeit ihren Anfang genommen. Da ist zum anderen die Art und Weise, in der man den Charakter des DDR-Regimes verzeichnet. Dessen totalitärer und menschenverachtender Charakter wird nicht nur von den Postkommunisten relativiert, sondern auch von denen, die sich gern als „Mitte“ und „Zivilgesellschaft“ präsentieren.

Die Folge ist eine Art politischer Amnesie, die es notwendigerweise erschwert, die eigentlichen Lehren aus dem Kollaps des Systems zu beherzigen: daß der Versuch, den Menschen das Recht auf nationale Selbstbestimmung zu nehmen – damals im Namen des Marxismus, heute im Namen des Multikulturalismus –, zu heftigen Gegenreaktionen führt; und daß Indoktrination, egal ob sie brutal oder subtil arbeitet, zuletzt genau das hervorruft, was eigentlich vermieden werden soll – die Infragestellung der Legitimität der bestehenden Ordnung.

JF 46/19

Heute jährt sich zum 30. Mal der Fall der Berliner Mauer. Eigentlich ein Grund zu unendlicher Freude. Während jedes andere Volk ein solches Jubiläum mit einem Gefühl der nationalen Verbundenheit ausgelassen feiern würde, nutzen in Deutschland viele den runden Geburtstag der wiedergewonnenen, gesamtdeutschen Freiheit, um die Spaltung innerhalb der Bevölkerung voranzutreiben. Statt republikanisch-patriotische Freudenklänge erklingen zu lassen, blasen sie in das alte, dumpfe Horn zum Kampf gegen Rechts.

Die antideutsche Schickeria aus Politik und Medien schießt gegen alles, was irgendwie mit Nationalstolz zu tun hat. Ganz egal, wie sehr sich dieser auf die demokratischen Werte der Bundesrepublik Deutschland bezieht. Mit der Demokratie ist das sowieso so eine Sache. 30 Jahre nach dem Fall der Mauer und der DDR wählen die Ostdeutschen nämlich, zum Entsetzen vieler „Besser-Wessis“, einfach so, wie und wen sie wollen und was ihnen gerade einfällt.

CDU streitet um den Kuschelkurs

In Thüringen hat rund jeder Vierte sogar die AfD gewählt. Spätestens da haben vor allem viele westdeutsche Politiker und Medienschaffende wohl ernsthaft darüber nachgedacht, ob das mit dem Wahlrecht für die Ossis wirklich so eine gute Idee war. Ist man im etablierten, bundesrepublikanischen Establishment doch ziemlich kollektiv der Meinung, daß die Alternative für Deutschland gefährlichste politische Kraft seit der Wiedervereinigung, ach was, seit dem Zweiten Weltkrieg sei.

Einige ganz schlimme Finger in der CDU Thüringen würden in diesen Tagen dennoch gerne das Unfassbare wagen. 17 Abgeordnete der Union wollen doch tatsächlich mit der AfD reden! Das ist für viele Pressevertreter und Parteifreunde der ultimative Sündenfall. Verständlich. Jetzt ist die CDU schon so lange los vom Konservativsein, da will sie durch die Verlockungen der AfD natürlich keinen Rückfall riskieren. Am Ende stecken sich die CDUler noch bei den Rechtspopulisten an und werden selbst irgendwie rechts. Da würde doch keine der anderen linksgrünen Parteien mehr mit ihnen kuscheln wollen.

Linksextremistische Gewalt

Real war die Woche in Deutschland stark geprägt von linksextremen Gewaltexzessen. Diese Realität ist natürlich mitnichten neu. Neu ist, daß deutsche Journalisten, wenn auch etwas widerwillig, über den Terror von links berichten. Bisher fühlte sich dieses Milieu den Chaoten von Antifa und Co. ja immer ziemlich nahe. Einige fühlten sich dem Schwarzen Block sogar zu Dank verpflichtet für seinen wackeren Kampf gegen das Böse.

Nun sind einige der Guten dabei aber etwas zu weit gegangen, als daß es selbst der wohlmeinendste Pressevertreter noch öffentlich gutheißen könnte, ohne sich dabei selbst zu outen. Ignorieren geht auch nicht mehr so richtig. Zu offensichtlich haben Linksextremisten in Sachsen jetzt das getan, von dem man uns bisher einreden wollte, so etwas würden nur Rechte machen. Sie haben Gewalt gegen Menschen angewandt. Das haben sie natürlich schon immer. Aber Polizisten, rechte Aktivisten und AfD-Politiker zählen für viele Journalisten nicht so richtig als Menschen.

Frauen aber schon ein bißchen. Selbst wenn sie für eine Immobilienfirma arbeiten, wie die Frau, die Leipzig, wo seit Wochen schon die Baustellen brennen, von zwei linken Schlägern in ihrer Privatwohnung angegriffen wurde. Die beiden offenbar klar politisch motivierten Gewalttäter haben der Frau mehre Schläge ins Gesicht versetzt und sich dann mit den Worten „Schöne Grüße aus Connewitz“, verabschiedet. Das ist, das kann auch der linkeste Meinungsmacher nicht bestreiten, absolut verwerflich. Aber natürlich nicht so verwerflich, wie eine Spende von einem – einem selbst völlig unbekannten – späteren Rechtsterroristen anzunehmen.

Halbzeitbilanz der Bundesregierung

Die Bundesregierung hat dieser Tage ihre Halbzeitbilanz gezogen. Das mag für den ein oder anderen etwas verwirrend klingen. Schließlich ist inzwischen eine ganze Generation herangewachsen, die aufgrund ihrer gnadenlos späten Geburt bisher nur Angela Merkel bewußt als Kanzlerin erlebt hat. Aber auch viele, die deutlich früher geboren wurden, dürften sich wohl weniger wie in einer Halbzeitpause fühlen, als wie in der siebten Minute der Nachspielzeit der Verlängerung eines sehr, sehr miesen Spieles.

Mit Halbzeitbilanz war natürlich ausschließlich die große Koalition der aktuellen Legislaturperiode gemeint. Aber auch in dieser haben die langzeitregierenden Parteien in Berlin schon wieder so viel Schuld und Versagen angesammelt, daß deren Niederschrift für einen sehr dicken Roman von Dostojewski oder Arthur Miller ausgereicht hätte. Die Regierung selbst stellt sich aber ein positives Zeugnis aus. Das hat schon einen Hauch von integrativer Klasse.

Im Teil 3 der Video-Reihe habe ich über den Fortschritt der Sanierung der Turnhalle der Volksschule Eshera in der Republik Abchasien berichtet. Heute kann ich euch mit Freude mitteilen, das Sanierungs- projekt ist fertig!

Mauerfall„Auf nach Berlin!“

On November 9, 2019, in Junge Freiheit, by admin

Wie schafft man es auf eine Postkarte? JF-Redakteuren der ersten Stunde gelang dies, weil sie in der Nacht vom 10. auf den 11. November 1989 mit Zehntausenden auf der Berliner Mauer am Brandenburger Tor feierten – und eine deutsche Fahne dabeihatten! Im Gegensatz zum Festakt zur Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990, als der Platz vor dem Reichstag in ein schwarzrotgoldenes Fahnenmeer getaucht war, damals noch ein Unikum.

Also hielt der Fotograf die fröhliche Gruppe mit Fahne für so ansprechend, daß sie ihren Weg auf die Postkarte (siehe Abbildung) fand. Die dazugehörige Reportage wurde in der damals noch zweimonatlich erscheinenden JUNGEN FREIHEIT publiziert und gibt Zeugnis von der atemlosen Begeisterung, mit der wir den damaligen Ereignissen beiwohnten.

„Hast du schon gehört? In Berlin wird die Mauer abgerissen! Los, wir fahren hin!“

Freitag, 10. November

8.15 Uhr: Vor wenigen Stunden war die Nachricht um die Welt gegangen: Die DDR öffnet ihre Grenzen, die Berliner Mauer, die die alte Reichshauptstadt 1961 teilte, darf von Ost nach West an allen Grenzübergängen frei durchschritten werden. Eben hat mich ein Kommilitone aus dem Bett geklingelt und mir die Situation mit sich überschlagender Stimme geschildert.

11.00 Uhr: Kurz entschlossen starten wir zu fünft mit dem Auto. Vollkommen elektrisiert von den sich überstürzenden Ereignissen – stündlich kommen Meldungen über die begeisternden Szenen aus der bislang geteilten Stadt –, fahren wir über Karlsruhe, Frankfurt, Grenzübergang Herleshausen gen Berlin; immer wenn uns auf der Autobahn bereits „Trabis“ oder „Wartburgs“ begegnen, schwenken wir unsere mitgeführten Fahnen, ernten fröhliche Hupkonzerte. Hinten in der Heckscheibe haben wir ein Schild „Auf in die Hauptstadt“ befestigt.

„Ihr seid auch Deutsche!“

17.10 Uhr: Wir rollen ohne längere Wartezeit durch den Kontrollpunkt Herleshausen auf die Transitstrecke. Auf der gegenüberliegenden Fahrbahn eine endlose Schlange von Fahrzeugen aus der DDR, die nach Westdeutschland rollen. Presse, begeistert winkende Menschen säumen die Straße. Ein junges Mädchen läuft auf unser Auto zu und ruft lachend: „Ihr seid auch Deutsche!“ Es ertönen Rufe „Deutschland, Deutschland!“, als wir unsere Flagge schwenken.

Schild in der Heckklappe des JF-Autos Foto: JF

17.30 Uhr: Live-Übertragung der Reden vom Schöneberger Rathaus in West-Berlin. Enttäuscht hören wir die peinlichen, bestürzenden Worte des Regierenden Bürgermeisters Momper: hartnäckiges Plädoyer der Zweistaatlichkeit, spricht von einem „Volk der DDR“. Danach Willy Brandt, frenetisch gefeiert von „seinen“ Berlinern. Brandt war Regierender Bürgermeister, als 1961 die Mauer gebaut wurde. Er findet die Worte, die zünden.

Eine geradezu patriotische Rede. „Berlin wird leben, und die Mauer wird fallen“, für diese Minuten vergißt man, was Brandt erst kürzlich Zynisches über die Forderung nach Wiedervereinigung gesagt hatte. Dann Genscher, auch betont national: „Es gibt keine kapitalistische, es gibt keine sozialistische, es gibt nur die eine auf der Freiheit begründete deutsche Nation.“ Danach wird Kanzler Kohl in beleidigender Weise ausgepfiffen, schon bevor er begonnen hat zu sprechen.

18.14 Uhr: Meldung: Die Mauer wird bereits an mehreren Stellen von Ost-Berliner Seite abgerissen. Spontan intonieren wir das Deutschlandlied.

„Wenn ihr wüßtet, was uns diese Fahne bedeutet!“

23.00 Uhr: Wir haben Berlin erreicht. Mit drei schwarzrotgoldenen Flaggen ziehen wir über den total überfüllten Kurfürstendamm. Ganz Berlin ist auf den Beinen. Eine Millionenstadt feiert Wiedersehen. Menschen, wohin man sieht, Musik, Lachen, Menschen, die sich um den Hals fallen. Sobald Ost-Berliner, die heute eindeutig die Mehrheit bilden, die deutsche Fahne ohne Hammer und Zirkel sehen, kommt Beifall auf, ertönen „Deutschland“-Rufe. Eine West-Berlinerin jedoch: „Ihr seid ja so daneben; wenn ihr wüßtet, wie daneben ihr seid!“ Oder ein junger Mann: „Natürlich, ohne Fahne geht’s wohl nicht, ohne Fahne wird’s wohl nie gehen!“ Aber auch: Ein Ost-Berliner will uns unbedingt eine Fahne abkaufen. „Wenn ihr wüßtet, was sie uns bedeutet!“

23.45 Uhr: Am Reichstag vorbei ziehen wir auf das Brandenburger Tor zu. Rund 7.000 Menschen stehen vor und auf der Mauer. Von einer improvisierten Diskothek ertönt Musik. Ich laufe auf die Mauer zu, von der sich mir Hände entgegenstrecken. Ich ergreife sie und werde hochgehoben. Ich kann es nicht fassen: Auf der Mauer, auf diesem verhaßten Stück, das uns Jahre schmerzlich zerriß, nun vereint mit Jugendlichen aus beiden Teilen der heute vor Glück trunkenen Stadt! Ich hatte gehofft, daß wir noch durch das Brandenburger Tor laufen könnten, jedoch war dieses durch Vopos abgesperrt.

Während dieser Nacht sprangen immer wieder einzelne auf Ost-Berliner Seite, um die Kette der „Volkspolizisten“ zu durchbrechen, mußten jedoch immer wieder hinaufsteigen. Es bot sich Gelegenheit zur Selbstdarstellung: Es sprangen Yuppies in ihrem dunklen Zweireiher hinunter, wie auch ein Splitternackter, bei dem die beherzten Polizisten zunächst zögerten, ob sie ihn anfassen sollten, um ihn jedoch dann auch wieder hinaufzuheben. Die ganze Nacht durch erscholl der Ruf „Die Mauer muß weg!“, „Wir wollen rein!“, auch wurden die Vopos mit „Schweine“, „Nazis“, „Faschisten“ beschimpft.

Samstag, 11. November

Vopos haben die Mauer vor dem Brandenburger Tor inzwischen besetzt, als wir wieder unterwegs sind. Wie wir später erfahren, haben in den Morgenstunden Mitglieder des „Bundes Heimattreuer Jugend“ (BHJ) ein Loch in die Mauer beim Brandenburger Tor gebrochen, dessen Bild um die Welt ging.

11.00 Uhr: Zu dieser Stunde platzt die Stadt aus allen Nähten, überall drängen sich die Besucher aus der DDR und Ost-Berlin vor den Geschäften, entlädt sich die Stimmung des Vortages in einem unsäglichen Konsumrausch.

19.00 Uhr: Wir sind inzwischen nach Ost-Berlin hinübergefahren und essen im „Palast der Republik“ (in dem sich auch die Volkskammer befindet) zu Abend. Dort erstehen wir vom Kellner zwei Besenstiele, die wir später dann verwenden werden, um auf West-Berliner Seite ein Transparent zu befestigen.

22.30 Uhr: Bei der Gedächtniskirche starten wir mit dem an den Palast-Besenstielen befestigten Transparent mit der Aufschrift „Deutschland KRENZenlos – Einheit jetzt“ und unseren Flaggen, erhoffen uns eine größere Gruppe, mit der wir zum Brandenburger Tor ziehen. Bis zum Siegesdenkmal sind wir gerade nur zwanzig, zwischendurch von einem Kamerateam gefilmt, von West-Berliner Alternativen angepöbelt „Nazis raus!“, „Ihr wißt ja gar nicht, wie gefährlich ihr seid, haut ab!“, werden wir von einem Lesben-Pärchen angeschrien.

Kurz vor dem Brandenburger Tor stoßen wir freudig überrascht auf eine Gruppe von 30 BHJ-lern, die mit einem Transparent „Neue Wege durch Glasnost – Deutschland los von West und Ost“ losgezogen waren. Mit ihnen ziehen wir noch einmal zum Tor, singen gemeinsam „Die Gedanken sind frei“, „Schwarze Fahne empor“ und das Lied, das uns Jugendliche aus der DDR beibrachten, die unseren Demonstrations-Zug begleiteten (nach der Melodie von „Lady in Black“ von Uriah Heep):

Tausend Meilen im Quadrat, nur Minenfelder, Stacheldraht, dann weißt du, wo ich wohne: ich wohne in der Zone. Doch einmal wird es anders sein, dann knasten wir die Bonzen ein, dann schmeißen wir Russen und Amis raus und bau’n ein ein’ges Deutschland auf!

In meiner Kindheit machten wir Anfang der siebziger Jahre Urlaub in der Lüneburger Heide. Wir spazierten zu einer gesprengten Elbbrücke. Unser Vater wies nach Osten und meinte: „Dort drüben geht Deutschland weiter.“ Ich bin mit dem Bewußtsein großgeworden, daß die Teilung ein anormaler, gewaltsamer Zustand war.

Ab 1983 besuchte ich jedes Jahr unsere kirchliche Partnergemeinde in der DDR und besah die Mauer in Berlin von östlicher Seite. Sollte hier unsere Geschichte enden? Für die deutsche Einheit zu kämpfen hätte das wichtigste politische Ziel sein müssen – dachte ich.

Doch begegneten uns Lehrer, Pfarrer, Journalisten, Professoren, die in scheinbar großer Mehrheit verkündeten: Das Zeitalter der Nationalstaaten sei vorbei, es sei ein Segen, daß Deutschland nicht mehr einen gefährlichen großen Block in der Mitte Europas bilde und den Frieden in Europa nicht mehr bedrohen könne.

Unbändige Freude brach sich Bahn

Beim Wehrdienst erklärte mir mein Kompaniechef im Spätsommer 1989, als wir über die Meldungen von Demonstrationen und Massenflucht aus der DDR sprachen, die Mauer stehe noch in den nächsten 50 Jahren. Viele hatten es sich in Westdeutschland behaglich im Schatten der Mauer eingerichtet, auf deren östlicher Seite 17 Millionen Deutsche im Spiel des Lebens einfach die Niete gezogen hatten.

Mit dieser politischen Windstille war es am 9. November 1989 vorbei. Die Straßen waren schwarz vor Menschen, als ich mit Freunden am 10. November in Berlin eintraf. Unbändige Freude brach sich Bahn. Mit der furchtbaren Mauer fiel eine tonnenschwere Last von uns ab. Der „Rückruf in die Geschichte“ (Karlheinz Weißmann) war da.

Für die erdrückende Mehrheit der Deutschen auf beiden Seiten der Mauer stellte sich nie die Frage der Einheit – sie hatten niemals aufgehört, sich selbstverständlich als eine Nation zu verstehen. Das war für Teile der Politischen Klasse, vor allem der Linken, empörend. Gerade das hatte man geglaubt, doch überwunden zu haben.

Die Wut bei westdeutschen Linksintellektuellen darüber, daß die Deutschen in der DDR vor 30 Jahren das von Gorbatschow angestoßene Tauwetter nutzten und die Mauer überrannten, dauert teilweise bis heute an: Ein Echo davon vernehmen wir, wenn aktuell die Rede ist von vermeintlicher „Rückständigkeit“ der Ostdeutschen, die die Frechheit besitzen, anders zu wählen als ihre aufgeklärten, kosmopolitischen Landsleute in Westdeutschland.

Wir feiern eigentlich einen doppelten Mauerfall: einerseits den Einsturz der mörderischen Grenze, mit der die kommunistische DDR ihre Bürger einsperrte, andererseits den Zusammenbruch der postnationalen, ahistorischen Illusion eines westeuropäischen Sonderweges. Das Wunderbare ist doch: Seit dem 9. November 1989 ist die Geschichte wieder offen.

JF 46/19

Die massiven Auswirkungen der Hinwendung zur E-Mobilität werden immer deutlicher. Daimler hat nun den Abbau von über 1000 Führungsstellen weltweit bekanntgegeben, um Kosten zu sparen. Die Konzernleitung macht den deutschen Werken wenig Hoffnung, dass E-Autos künftig im eigenen Land gebaut werden.

In Deutschland wird Schweinefleisch stetig teurer. Ein wichtiger Grund dafür ist, dass die afrikanische Schweinepest in China die Schweinepopulation dezimiert hat. China kauft nun Schweinefleisch massiv im Ausland ein.

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