Laut dem Aussenministerium der Republik Absurdistan wird vor Reisen in die Bundesrepublik Deutschland dringend abgeraten, da die Sicherheitslage verheerend ist. Die deutschen Sicherheitsbehörden sind nicht in der Lage Besucher und Touristen ausreichend vor Gewalttaten zu schützen, wie die neuesten Vorfälle zeigen, sagt das Ministerium. Besonders alleine reisende Frauen und Kinder sollten Deutschland und generell europäische Länder meiden.

Reneé Zucker ist das, was man eine Haltungsjournalistin nennt. Das heißt, sie hat nicht nur Haltung, sondern zeigt diese auch gern. Sei es in ihren Texten in der taz oder der Frankfurter Rundschau oder im Inforadio des rbb, wo sie eine Kolumne hat.

Am Donnerstag beschäftigte sich Zucker dort mit der Zeit, die bekanntlich alle Wunden heilt. Der Faktor Zeit beinhalte neben dem Trost aber noch einige andere positive Aspekte: So seien beispielsweise Anhänger der „Fridays for Future“-Bewegung im Durchschnitt deutlich jünger als jene der AfD. „Letztere werden größtenteils ausgestorben sein, wenn die Umweltaktivisten zu ihrem zweiten oder dritten Frühling durchstarten“, frohlockte die Journalistin.

Wenn man nur lange genug warte, werde alles wieder gut. Auch alte Männer wie Trump, Putin, Erdogan oder Orban würden irgendwann den Weg allen Irdischen gehen. Dann komme etwas Besseres.

Haltung zeigen!

Was aber, wenn man gerade in einer ungünstigen Zeitspanne lebe und nicht 35 Jahre jünger sei? Auch hier weiß die Autorin Rat: Haltung zeigen! Und wie es sich für eine Haltungsjournalistin gehört, geht Zucker hierbei mit gutem Beispiel voran. Sie habe unlängst bei Lidl nicht zum Angebot mit sächsischem Apfelsaft gegriffen, obwohl es sich um einen naturtrüben Dirketsaft gehandelt habe. Eine innere Stimme habe zu ihr gesagt: „Du kaufst jetzt nicht den Apfelsaft aus einem Land, in dem voraussichtlich bald die AfD stärkste Partei ist.“ Solche Maßnahmen hätten bei Südafrika seinerzeit zwar lange gedauert, aber irgendwann geholfen.

Zwar hat Walter Rathenau einmal gesagt: „Denken heißt vergleichen“, aber bekanntlich ist nicht alles, das hinkt, ein Vergleich. Und wenn man Äpfel nicht mit Birnen vergleichen soll, dann gilt das auch für Apfelsaft. Selbst wenn der aus Dunkeldeutschland stammt. Bis auf den Anfangsbuchstaben S dürften sich die Gemeinsamkeiten des heutigen Sachsens mit dem früheren Südafrika auch recht schnell erschöpfen. Das weiß auch Frau Zucker. Aber wer weiß schon, was eine Haltungsjournalistin was sie noch so an ominösen inneren Stimmern hört.

REGENSBURG. Das deutsche Flüchtlingshilfsschiff Alan Kurdi wird nach Angaben der Organisation Sea-Eye nicht in italienische Gewässer einfahren. „Wir werden definitiv vor den Hoheitsgewässern Italiens stoppen und nicht gegen die Anweisungen eines Staates verstoßen“, sagte der erste Vorsitzende des Vereins mit Sitz in Regensburg, Gorden Isler, dem Evangelischen Pressedienst.

DieAlan Kurdi werde kurz vor der Zwölf-Meilen-Zone die Motoren abschalten. Gewässer zählen bis zwölf Meilen (rund 22 Kilometer) zum Staatsgebiet eines jeweiligen Landes. Das Schiff hatte am Mittwoch morgen vor Libyen 40 Migranten von einem Schlauchboot aufgenommen.

Kapitän Andrej Kovaliov habe nach der Aufnahme die libysche, maltesische und italienische Seenotleitzentralen kontaktiert. Am Abend habe die libysche Seewacht Tripolis als sicheren Hafen angegeben. „Jeder Flaggenstaat, der die UN-Flüchtlingskonvention unterzeichnet hat, darf uns eigentlich nicht nach Libyenzurückschicken“, erklärte Kovaliov mit Blick auf die humanitäre Situation in dem nordafrikanischen Land.

Salvini erläßt Verbot für Ein- und Durchreise

Kurz nach Bekanntwerden der Aufnahme der 40 Einwanderer hatte Italiens Innenminister Matteo Salvini (Lega) ein Ein- und Durchreiseverbot für das Schiff unterzeichnet. „Es ist eine deutsche Nichtregierungsorganisation, also weiß sie, wohin sie fahren kann, aber nicht nach Italien. Punkt“, teilte er auf seinen Social-Media-Kanälen mit.

Einige Stunden später ergänzte er: „Das Alan Kurdi-Schiff, derzeit 30 Meilen von den Küsten Libyens entfernt, lehnte den von der lybischen Küstenwache zugewiesenen Hafen von Tripolis ab. Es geht wieder gleich weiter, die deutsche Nichtregierungsorganisation ignoriert internationale Behörden. Ich werde nicht nachgeben!“

In den vergangenen Monaten war Salvini immer wieder mit den zumeist deutschen Flüchtlingsorganisationen in Konflikt geraten, die mit ihren Schiffen nach Italien wollten. Zumeist ließ der Lega-Chef die Einwanderer an Land, sobald sich andere EU-Staaten, darunter Deutschland, zur Aufnahme der Asylbewerber bereit erklärten.

Vor zwei Wochen hatte ein italienisches Fernsehteam aufgedeckt, daß Schlepper explizit mit Kontakten zu Hilfsorganisationen wie Sea-Eye oder Sea-Watch werben. Der Migrationsforscher Jochen Oltmer von der Universität Osnabrück hatte zuvor gesagt, es gebe „keinen einzigen Beleg“ dafür, daß Flüchtlingsschiffe privater Hilfsorganisationen Afrikaner dazu animieren, über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen. (ls)

COTTBUS. Der Großvermieter Gebäudewirtschaft Cottbus (GWC) hat sich für sogenannte Kulturmanager ausgesprochen, die bei Konflikten zwischen einheimischen und ausländischen Mietern vermitteln sollen. „Die kulturellen Hürden sind hoch. Es bräuchte ‘Kulturmanager‘, die überregional im Einsatz sind“, sagte GWC-Geschäftsführer Torsten Kunze der Lausitzer Rundschau. „Der Bund müßte solch eine Möglichkeit schaffen, denn der Stadt kann man diese Aufgabe nicht noch zusätzlich aufbrummen.“

Anlaß für die Überlegungen seien Probleme in mehreren Immobilien der GWC in Cottbus, Potsdam und Frankfurt/Oder. So hätten sich alteingesessene Mieter unter anderem über Störungen der Nachtruhe und Müll durch neue Mieter vom Balkan und aus Syrien beschwert.

GWC widerspricht Vorwurf der Ghettobildung

„Natürlich gibt es Probleme, wenn Menschen hierherkommen, in einen fremden Kulturkreis, wo sie zwar eine Grundversorgung erhalten, aber keine Arbeit haben. Da verschieben sich ganz schnell die Tagesabläufe“, räumte Kunze ein. Sie blieben bis spät in die Nacht auf und seien laut. Die Vergangenheit habe jedoch gezeigt, daß sich solche Probleme in den meisten Fällen nach einem Jahr lösen würden.

Der GWC-Chef widersprach Vorwürfen, sein Unternehmen bringe zu viele Ausländer in einzelnen Wohnblöcken unter und fördere so eine Ghettobildung. Die neuen Mieter würden auf einzelne Immobilien verteilt. Dabei achte ein Flüchtlingsbeauftragter auf eine gleichmäßige Zuteilung. So habe der Konzern in den vergangenen Jahren mehr als 1.000 Flüchtlingen in Wohnungen untergebracht. (ag)

GARZWEILER. Die Proteste der Braunkohlegegner im Tagebau Garzweiler bei Aachen im Juni haben Schäden in Höhe von 250.000 Euro verursacht. Beim illegalen Betreten das Geländes hätten Demonstranten unter anderem technische Anlagen, Wege, Schilder und Zäune beschädigt, sagte der Energiekonzern RWE der Nachrichtenagentur dpa. Zudem sei durch das herabrutschen in den Tagebau Böschungsmaterial auf Trassen gelandet und Wegkanten weggebrochen.

Auch Landwirte rund um das Gelände waren von den Demonstrationen der rund 6.000 Personen betroffen. Teilnehmer der Kundgebungen rannten wiederholt über Felder und trampelten dabei die Ernte nieder.

Derweil stehen bereits die nächsten Proteste in der Region an. Die Jugendorganisation des Bund für Umwelt und Naturschutz startet am Freitag am Tagebau Hambach ein zweiwöchiges „Camp for Future“. Seit Mittwoch findet zudem in Dortmund der Sommerkongreß der „Fridays for Future“-Bewegung statt. (ag)

BERLIN. Die Polizei soll nach dem Willen des Bundesjustizministeriums künftig Täterspuren genauer auswerten dürfen. Wie aus einem Gesetzesentwurf hervorgeht, soll es Fahndern in Zukunft erlaubt sein, aus DNS-Tests auch die Farbe von Augen, Haar und Haut abzulesen, berichten die Zeitungen der Funke Mediengruppe am Donnerstag.

„Der Änderungsvorschlag soll die wissenschaftlich mit einer hohen Wahrscheinlichkeit mögliche Bestimmung der Haar-, Augen- und Hautfarbe sowie des Alters des Spurenlegers erlauben“, heißt es in dem Gesetzentwurf, den das SPD-geführte Ministerium zur Abstimmung an die anderen Ressorts vorgelegt habe.

Frage nach „biogeographischer Herkunft“ soll verboten bleiben

Die Erkenntnisse aus diesen erweiterten Untersuchungen seien „grundsätzlich geeignet, die Ermittlungen voranzubringen und den wahren Sachverhalt aufzuklären“. Gleichwohl stelle eine solche DNS-Fahndung einen „Eingriff in das allgemeine Persönlichkeitsrecht dar“. Dieser sei aber „in den konkreten Ausgestaltungen verhältnismäßig“.

Bisher dürfen Ermittler mittels eines DNS-Tests lediglich das Geschlecht erfassen oder einen Abgleich der Spuren mit einer polizeilichen Datenbank machen. Weiterhin verboten bleiben soll gemäß dem Referatsentwurf die Auswertung der „biogeographischen Herkunft“ eines gesuchten Verdächtigen. Medizinisch sei es zwar möglich, die Herkunftsregion einer unbekannten Person zu bestimmen, Ermittlern solle dieses Instrument jedoch nicht erlaubt werden.

Debatte nach Mord an Maria L.

Das Justizministerium warnt in dem Papier allerdings vor den möglichen Auswirkungen der „Folgemaßnahmen“ dieser erweiterten DNS-Auswertungen. Es müsse beachtet werden, „daß es in Fällen der möglichen Zuordnung der Spur zu Angehörigen einer Minderheit nicht zu eine Mißbrauch dieses Umstandes im Sinne rassistischer Stimmungsmache oder Hetze kommen darf“.

Eine deutschlandweite Debatte über die medizinischen und die rechtlich erlaubten Möglichkeiten von DNS-Auswertungen hatte es vor drei Jahren im Fall Maria L. in Freiburg gegeben. Die junge Frau war von einem Asylbewerber vergewaltigt und ermordet worden. Die Polizei sicherte DNS-Material, das sie jedoch nicht vollständig auswerten durfte, auch wenn dies zur zügigeren Aufklärung des Falls hätte beitragen können. (ls)

BERLIN. Nach mehreren brutalen Gewaltverbrechen hat die AfD ein Messerverbot für Einwanderer gefordert. „Wir dürfen nicht länger hinnehmen, daß solche primitiven und archaischen Verhaltensweisen sich in Deutschland ausbreiten“, sagte der AfD-Bundestagsabgeordnete Martin Hess.

Es gebe eine neue Dimension der Messerkriminalität in Deutschland, deren Ursache in der Migrationspolitik der Bundesregierung liege, erläuterte der AfD-Innenexperte. Deswegen müsse nun gehandelt werden. „Es wäre nicht verhältnismäßig und nicht zielführend, die gesamte Bevölkerung mit neuen Waffenverboten unter Generalverdacht zu stellen. Wir müssen dem Beispiel Österreichs folgen und ein Messerverbot für Zuwanderer umsetzen.“

Hintergrund sind die zwei jüngsten Mordfälle von Dortmund und Stuttgart. Am Mittwoch hatte ein 28 Jahre alter Syrer in Stuttgart einen 36jährigen mit einer Machete niedergemetzelt. Die beiden sollen laut Polizeiangaben in einer Wohngemeinschaft zusammengelebt haben. Das Opfer erlag trotz sofortiger Rettungsmaßnahmen seinen Verletzungen.

Tatverdächtiger soll polizeibekannt gewesen sein

Der Tatverdächtige flüchtete zunächst mit einem Fahrrad, konnte jedoch von der Polizei festgenommen werden. Der Syrer soll am Donnerstag dem zuständigen Haftrichter vorgeführt werden. Laut der Bild-Zeitung war er 2015 nach Deutschland gekommen und wegen Diebstahls und Sachbeschädigung bereits polizeibekannt und verurteilt worden sein. Dem Bericht nach soll es sich bei dem Opfer um einen „Deutsch-Kasachen“ gehandelt haben.

Am Montag hatte die Polizei in Zwickau einen 24 Jahre alten Afghanen festgenommen, der im Verdacht steht, am Sonntag seine Ehefrau mit zahlreichen Messerstichen getötet zu haben. Die Leiche soll er in einem Koffer entsorgt haben.

Die österreichische Regierung aus ÖVP und FPÖ hatte Ende vergangenen Jahres ein Verbot von Hieb- und Stichwaffen für Asylbewerber erlassen. (krk/ha)

BERLIN. Migration ist für den Kandidaten für den SPD-Vorsitz und Staatsminister im Auswärtigen Amt, Michael Roth, fester Bestandteil Deutschlands. „Ich kann mir Europa und Deutschland ohne Migration schlicht nicht vorstellen.“, sagte er der Welt. Seine Partei frage nicht danach, „woher du kommst, an wen du glaubst und wen du liebst“.

In dem Zusammenhang betonte der Bundestagsabgeordnete, daß die SPD nicht jeden an die AfD verlorenen Wähler zurückgewinnen wolle. Das gelte für „Nazis, Rassisten und Faschos sicher nicht“. Wer jedoch Sorgen vor der Globalisierung und einem ungezügelten Kapitalismus habe, sollte in seiner Partei „eine vernünftige Ansprechpartnerin finden“. Zudem sei die SPD das älteste Bündnis gegen Nationalismus und Populismus. „Sie stand stets auf der Seite der Anständigen, der überzeugten Demokratinnen und Demokraten.“

Klimaschutz: Roth fordert Tempolimit auf Autobahnen

Die Sozialdemokraten müßten künftig die politische Heimat der „Optimisten, Weltverbesserer, Mutmacherinnen und leidenschaftlichen Europäer werden“. Die SPD sei eine emanzipatorische und keine paternalistische Partei, erklärte er.

Mit Blick auf den Klimaschutz forderte Roth eine Tempolimit auf Autobahnen. Daran käme man nicht vorbei. „Mit 200 km/h über die Autobahn zu donnern, entsprich nicht meinen Vorstellungen von Freiheit.“

Roth zählte in der Vergangenheit zu Befürwortern des UN-Migrationspakts. Ebenso sprach er sich für eine Frauenquote aus, um damit Nationalismus und Populismus entgegen zu treten. (ag)

Es gibt Schriftsteller, deren Leben anmutet, als entstammte es selbst einem der Abenteuerromane, die sie zu Papier gebracht haben: Mark Twain war Lotse auf einem Mississippi-Dampfer, Jack London suchte Gold in Alaska, Joseph
Conrad schmuggelte Waffen, Hemingway kämpfte im Spanischen Bürgerkrieg.

Herman Melville, der mit „Moby-Dick“ das vielleicht berühmteste Werk der amerikanischen Literatur des 19. Jahrhunderts schuf, gehört mit hinein in diese Reihe der Abenteurer-Autoren. Wie Joseph Conrad fuhr er zur See und verarbeitete seine Reisen in ferne Gefilde später zu lebenspraller Literatur. Melville war aber auch: Pelzverkäufer, Landarbeiter, Grundschullehrer, Bankangestellter, Zollinspektor, Deserteur, Häftling, Lyriker.

Seine Karriere auf See begann 1837. In dem Jahr heuerte der gebürtige New Yorker, dessen Vater früh verstorben war, als Steward auf einem Linienschiff nach Liverpool an. Die für sein weiteres Leben folgenreichste Entscheidung war dann aber die für den Walfänger „Acushnet“, auf dem Melville in die Südsee fuhr. Er desertierte, entschloß sich zum Verbleib auf einer polynesischen Insel, floh nach Tahiti und landete schließlich in Honolulu, wo er sich 1843 von der US-Marine rekrutieren ließ.

Großer Anfangserfolg

Seine autobiographischen Romane „Taipi – Ein Blick auf polynesisches Leben während eines viermonatigen Aufenthalts in einem Tal der Marquesas-Inseln“ (1846) und „Omu – Ein Bericht von Abenteuern in der Südsee“ (1847) geben in schillernder Manier Auskunft darüber, was ihr Autor am anderen Ende der Welt erlebt hat. Die exotische Thematik – Melville war der Mann, der „unter Kannibalen gelebt hatte“ – machte vor allem „Taipi“ zum durchschlagenden Erfolg.

Die daraus resultierende finanzielle Konsolidierung führte das bis dahin abenteuerliche Leben des 1844 aus dem Marinedienst Entlassenen in ruhigeres Fahrwasser: Der frischgebackene Erfolgsautor ließ weitere Romane folgen, heiratete und zog mit seiner Frau auf eine Farm in Massachusetts. Hier kam es zu einer bedeutsamen Begegnung mit dem Schriftstellerkollegen Nathaniel Hawthorne. Die Freundschaft der beiden ähnelt in manchem der zwischen Goethe und Schiller: Hawthorne war ein ähnlich kritischer Leser von „Moby-Dick“ wie Schiller von Goethes „Wilhelm Meister“ und schlug viele Änderungen vor.

Kein Zufall also, daß das Erscheinen zweier der bedeutendsten Romane der amerikanischen Literaturgeschichte, Hawthornes „Der scharlachrote Buchstabe“ und Melvilles „Moby-Dick“, in denselben Zeitraum fällt: 1850/51. Während jedoch Hawthorne mit seinem Buch den Höhepunkt seiner Karriere erreichte, begann Melvilles Stern rapide zu sinken: „Moby-Dick“ mit seinen teils weitschweifigen philosophisch-religiösen Betrachtungen kam bei den Lesern nicht besonders gut an.

Abgründe des Menschseins

Die Jagd nach dem unheimlichen weißen Wal, dem der rachsüchtige Kapitän Ahab den Verlust eines Beines nachträgt, ist zugleich Abenteuerroman und üppig angelegte Allegorie, ein Jedermann der gefallenen Menschheit. Ahab ist der Name eines israelischen Königs, den die Bibel als besonders böse schildert. Ahabs Widersacher war der von Gott beauftragte Prophet Elia. Wenn in den ersten Kapiteln von „Moby-Dick“ eine seltsame Gestalt namens Elias den Ich-Erzähler Ismael (ebenfalls ein biblischer Name) vor der Reise mit Ahab warnt, ist das mithin eine fast schon aufdringliche Symbolik. Und mit seinem Anklang an „peccatum“, das lateinische Wort für „Sünde“, kann die „Pequod“, deren Kapitän Ahab ist, eigentlich nur noch ein Reiseziel haben: die Abgründe des Menschseins.

Während Wale in unserer Zeit als schwimmendes Weltnaturerbe gelten, setzte das pietistische Amerika, in dem Melville aufwuchs, den Meeressäuger mit dem Leviathan gleich, dem Unterseeungetüm aus dem Alten Testament, der Verkörperung des Bösen. „Kannst du den Leviathan ziehen mit dem Haken und seine Zunge mit einer Schnur fassen?“, übersetzt Luther eine Bibelstelle aus dem Buch Hiob. Es klingt wie ein mahnender Zuruf direkt an die Adresse Ahabs.

Und deren gibt es noch einige mehr, während der Walfänger über die Weltmeere segelt. Noch kurz vor der Katastrophe fordert ihn der gottesfürchtige Obermaat auf, „eine bessere Reise“ zu unternehmen „als die, auf der wir jetzt sind“. Doch Ahab, Inbegriff des verstockten Sünders, will nicht hören. Zu groß ist die Verlockung, das Weiß des Wals als Projektionsfläche für die eigene Bosheit zu nutzen und mit ihm auch die eigene Verworfenheit im Meer zu versenken.

Aussichtsloses Unterfangen

Bei einem vom Autor mit Symbolik aufgeladenen Blitzeinschlag auf der „Pequod“ treten Ahabs Motive offen zutage: Der Einbeinige wendet sich in herausforderndem Ton an den „Geist des reinen Feuers“, dessen „richtige Verehrung“, so der Schiffskapitän wörtlich, „der Trotz“ sei. Seine Sünde ist die klassische Hybris: Der Versuch, in der Gestalt des Wals die eigene Verdammnis zu bezwingen, ist ein aussichtsloses Unterfangen. Doch kann sie, dieses trotzige Wort schleudert er der Bestie am Ende entgegen, ihn nicht besiegen, nur vernichten. Den überdeutlichen Vorzeichen gemäß gipfeln Ahabs anmaßende Ambitionen in einem infernalischen Tosen von menschlichem Aufbegehren und göttlichem Verhängnis, das nur einen Sieger kennen kann.

In einer säkularisierten Gesellschaft wie der unseren mutet Melvilles biblische Wort- und Themenwahl archaisch an – und weckt zugleich die Sehnsucht nach einem gesellschaftlichen Fundament, das nie brüchig wird, weil Tradition und Religion seinen Baustoff für alle Zeiten binden.

Doch der Roman funktioniert auch – und das macht seinen Reiz aus –, wenn man die Bildebene völlig ausblendet und ihn als reinen Abenteuerroman liest. Mit einigem Recht kann man Melville sogar als Erfinder dessen bezeichnen, was Cineasten heute unter einem „Showdown“ verstehen. Das würde auch den in das Kinojahrhundert verlagerten späten Ruhm von „Moby-Dick“ erklären.

Meßlatte für gelungene Dramaturgie

Zwar hat es finale Konfrontationen mit garantiert tödlichem Ausgang in epischen Texten auch schon vor Ahab und dem weißen Meereskoloß gegeben, aber die raffinierte Komposition, in der ihr Schöpfer alle Handlungsfäden auf den existentiellen Endkampf zwischen den ungleichen Todfeinden zulaufen läßt, und die kaum zu übertreffende Wucht dieses Elementarduells machen „Moby-Dick“ für alle Zeiten zur Meßlatte für gelungene Dramaturgie.

Angesichts dessen kann man es nur als Ironie des Schicksals werten, daß „Moby-Dick“ nicht nur Kapitän Ahab, sondern auch seinen Erfinder in einen Abwärtsstrudel gerissen hat. „Pierre“, ein Jahr nach der Walfänger-Allegorie erschienen, war ein noch größerer Mißerfolg. Auch die nachfolgenden Romane und Novellen brachten keine Wende.

Dabei sind gerade unter den kürzeren Prosawerken, die gesammelt 1856 als „Die Piazza-Erzählungen“ erschienen, Meisterwerke von zeitloser Brillanz. In einigen zeigt sich Melville als kafkaesker Rätselspurenleger.

„Der Blitzableiter-Mann“, die Parabel über einen bigotten Versucher, in der Melville seine Vorliebe für die aus „Moby-Dick“ bekannte Blitz-Symbolik noch einmal zur Aufführung bringt, ist beliebte Lektüre im Englischunterricht, „Benito Cereno“ ein für die unterschiedlichsten Deutungen offener und gerade deshalb virtuoser Text zum Thema Rassismus, und „Bartleby der Schreiber“ eignet sich sogar als satirischer Diskussionsbeitrag zur Integrationsproblematik, die Deutschland aktuell in Atem hält: Der ebenso mittellose wie geheimnisvolle Bartleby bekommt eine Arbeit als Kanzleischreiber, verweigert anschließend aber mit den Worten „ich möchte lieber nicht“ beharrlich Aufgaben, zu denen er als bezahlte Arbeitskraft eigentlich verpflichtet ist. Aus Mitgefühl, vielleicht auch aus Angst, sieht der Anwalt, auf dessen Gehaltsliste er steht, trotzdem davon ab, ihn zu feuern.

Der Ruhm kam nach dem Tod

In „Bartleby“ und ebenso in dem, was der gottesfürchtige Kapitän Delano über Benito Cereno berichtet, den Kommandanten eines verwahrlosten spanischen Sklavenschiffs, erinnert der sachlich-kühle Ton bei gleichzeitiger Absurdität der Handlung an Kafka. Nach der Begrüßung durch den gebrechlich wirkenden Kapitän Cereno, dem die Novelle ihren Namen verdankt, nimmt Delano immer mehr Anzeichen dafür wahr, daß an Bord etwas nicht stimmt – nur was?

Traurig die Schlußkapitel im Leben des Autors: 1861 sah er sich gezwungen, seine Farm zu verkaufen und nach New York zurückzukehren, wo er sich als Zollinspektor verdingte und schließlich 1891 im Alter von 72 Jahren starb, verarmt, verstört, vergessen. In diese letzte Schaffensperiode fallen noch eine Reihe von Gedichten sowie das Spätwerk „Billy Budd“.

Darin führt Melville seine Leser noch einmal zurück in die maritime Welt, der er seinen frühen Ruhm verdankte: Ein junger Matrose muß sich nach einem tödlichen Zwischenfall auf See vor einem Militärgericht verantworten – und einmal mehr verbirgt sich hinter den Schiffsplanken ein spirituelles Existenzdrama. Das Buch wurde erst 1924 veröffentlicht – symptomatisch für die späte Anerkennung, die Melvilles Werk erfuhr.

Der großartige Erzähler blieb ohne jede Kenntnis von dem überwältigenden Erfolg, den seine Romane im Jahrhundert nach seinem Tod erzielten: Gregory Peck machte Kapitän Ahab mit hundert Jahren Verspätung zu der Legende, die Melville hätte sein können, und vervielfachte den Ruhm des weißen Wals. Und ein gewisser Jean-Pierre Grumbach entschädigte den zu Lebzeiten Verkannten, indem er unter dem Familiennamen seines Lieblingsautors zu Filmruhm gelangte. Auf den Plakaten berühmter Alain-Delon-Filme wie „Der eiskalte Engel“ oder „Vier im roten Kreis“ findet sich der Name des Regisseurs Jean-Pierre Melville. Das klingt einfach mehr nach Abenteuer.

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Dr. phil. Dietmar Mehrens lehrte deutsche Philologie an Universitäten im In- und Ausland.

JF 32/19

Seit geraumer Zeit spielt die Hautfarbe auf der politischen Linken wieder eine Rolle. Das Feindbild: Weiße Personen, im schlimmsten Fall noch alt und männlich. Gerade im Osten gebe es „zu wenig Menschen, die sichtbar Minderheiten angehören, die zum Beispiel schwarz sind“, beklagte schon vor drei Jahren die Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung, Anetta Kahane.

Viel geändert zu haben, scheint sich seitdem nicht. Sehr zum Leidwesen des Zeit Online-Journalisten Christian Bangel: „Urlaube seit einigen Tagen in der Brandenburger Provinz. Die Wälder, die Seen, es ist so schön, aber es sind noch immer fast nur Weiße hier und kaum einer fragt sich, warum“, twitterte er am Mittwoch.

Urlaube seit einigen Tagen in der Brandenburger Provinz.
Die Wälder, die Seen, es ist so schön, aber es sind noch immer fast nur Weiße hier und kaum einer fragt sich, warum. In den Dörfern hängen massig AfD-Plakate, auf denen steht: Vollende die Wende. Werde Bürgerrechtler. Und

— Christian Bangel (@christianbangel) July 31, 2019

Diese verdammten Weißen aber auch! Wie können sie und ihre Familien es wagen, seit Jahrhunderten die Mark Brandenburg zu bevölkern. Warum bloß ist dieser Ort kein multiethnischer Schmelztiegel?

Man stelle sich nur einmal den folgenden Satz vor: „Urlaube seit einigen Tagen in der kenianischen Provinz. Die Wälder, die Seen, es ist so schön, aber es sind noch immer fast nur Schwarze hier und kaum einer fragt sich, warum.“ Der Aufschrei wäre groß und die Frage hieße: Was erdreistet sich dieser rassistische Weiße?

Bei vielen Hauptstadtjournalisten scheinen die letzten Hemmungen gefallen zu sein. Das Gute dabei: Mit solchen Tweets demaskieren sie sich von ganz alleine.

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