Revolte für bewährte Bildung

On November 18, 2017, in Junge Freiheit, by admin

Im kommenden Jahr 2018 wird es zu deren fünfzigstem „Geburtstag“ wieder so manche weihrauchschwangere Jubel-Arie über die Errungenschaften der Achtundsechziger geben. Daß deren größte Hinterlassenschaft aber ein weitreichender Bildungsabbau ist, wird übersehen werden.

Denn wohin man schaut, nur gähnende Leere: Die Zahl der Rechtschreibfehler, die Zehnjährige machen, hat sich binnen 40 Jahren um 77 Prozent erhöht. Deren Wortschatz wurde in dieser Zeit, schulamtlich vorgegeben, von 1.100 auf 700 Wörter reduziert. In Berlin dürfen sich Schüler der 10. Klasse mit Mathematikaufgaben herumschlagen, die früher Drittkläßler bewältigten: „Gegeben sind die Ziffern 2, 3 und 6. Bilde daraus die größtmögliche dreistellige Zahl!“

Unter Schulabsolventen hat sich ein zeitgeschichtlicher Analphabetismus breitgemacht: 80 bis 90 Prozent können mit den Daten „17. Juni“ oder „13. August“ nichts anfangen. Gleichzeitig steigen die Abiturientenquoten, und die Noten werden immer besser: Seit 2014 haben wir in Deutschland mehr Studienanfänger als junge Leute, die eine Berufsausbildung anfangen. Wir haben 330 Berufsbildungsordnungen und 18.000 Studienordnungen.

Vom Bildungs-Musterländle zum Bildungsabsteiger

Die Zahl der 1,0-Abiturzeugnisse hat sich in wenigen Jahren vervielfacht. Weil ein Abiturzeugnis oft nur noch eine Studierberechtigung, aber keine Studierbefähigung mehr attestiert, gibt es in universitären Fachbereichen 30 und mehr Prozent Abbrecher; und immer mehr Hochschulen richten für Studienanfänger „Liftkurse“ ein, um aufzuholen, was die jungen Leute aus der Schule nicht mehr mitbringen. In Baden-Württemberg hat es eine grün-rote Regierung geschafft, aus einem Bildungs-Musterländle einen Bildungsabsteiger zu machen. Die Defizitliste ließe sich wahrlich endlos fortsetzen.

Anstatt aber etwas gegen diese Defizite zu tun, schwärmt eine ewigmorgige, progressive Schulpolitik und -pädagogik schon wieder von neuen Visionen: „Gymnasium für alle!“ „Lebensraum Schule!“ „Offene Schule!“ „Bildung darf nichts kosten, außer ein wenig (sic!) Anstrengung!“ „Keine Kränkungen mehr durch Noten und Zeugnisse!“ „Kein Streß mehr mit Hausaufgaben und Auswendiglernen!“ „Neue Unterrichtskultur durch selbstgesteuertes, hirnbasiertes Lernen!“ „Schluß mit Frontalunterricht!“

Das ist Verschleierungs- und Ablenkungstaktik. Denn hinter all den Visionen verbirgt sich das krachende Scheitern pädagogischer Irrlehren. Diese gilt es aufzudecken und zu entzaubern. Eine erste Irrlehre ist der Egalitarismus. Das ist der Irrglaube, daß alle Menschen, Strukturen, Werte, Inhalte gleich bzw. gleich gültig seien. Das ist auch die Ideologie, daß es keine verschiedenen Schulformen, keine verschiedenen Begabungen sowie keine bestimmten Werte geben dürfe. Schule ist aber keine Institution zur Herstellung von Gleichheit, sondern zur Förderung von Verschiedenheit und Individualität.

Prinzip Freiheit oder Gleichheit?

Gewiß ist das Spannungsverhältnis von Gleichheit und Freiheit nicht aufhebbar. Also lautet die Frage: Soll ein Bildungswesen am Prinzip Freiheit oder am Prinzip Gleichheit orientiert sein? Gewiß doch an der Freiheit! Verschiedenheit ist keine Ungerechtigkeit. Vielmehr ist nichts so ungerecht wie die gleiche Behandlung Ungleicher. Mit „Selektion“ in dem von gewissen Leuten intendierten Sinn hat dies nichts zu tun. Auch die antithetische Formel „Fördern statt Auslese“ ist grundfalsch. Es muß heißen: Fördern durch Differenzierung! Gleichmacherei wäre nämlich nur gefühlte Gerechtigkeit.

Wer das Leistungsprinzip untergräbt, setzt eines der revolutionärsten demokratischen Prinzipien außer Kraft. Freie Gesellschaften haben das Kriterium Leistung vor Erfolg und Aufstieg gesetzt. Das ist die große Chance zur Emanzipation für jeden einzelnen.

Eine zweite Irrlehre ist die Hybris des Machbarkeitswahns. Das ist der aus dem Marxismus („Der neue Mensch wird gemacht“) und dem Behaviorismus („Der neue Mensch ist konditionierbar“) abgeleitete Wahn, jeder könne zu allem „begabt“ werden. Aber: Es gibt Unterschiede in der Begabung von Menschen.

Politisch nicht korrekt

Was den Faktor Begabung betrifft, so mag es heute politisch nicht korrekt sein, davon zu sprechen. In manchen Diskussionen ist aus Begabung eine „vermeintliche Begabung“ geworden. Wissenschaftlich haltbar ist eine solche Diktion nicht. Denn die Forschung hat eindeutig nachgewiesen, daß die Hälfte bis zwei Drittel des kognitiven Potentials durch Erbfaktoren bestimmt sind. Menschen kommen nun einmal unterschiedlich auf die Welt. Wer völlige Chancengleichheit will, müßte die Menschen entmündigen. Er dürfte beispielsweise ausschließlich die Schwächeren und Langsameren fördern. Die Stärkeren und Schnelleren müßte er den Eltern wegnehmen und bremsen.

Eine dritte Irrlehre ist die Spaß-, Erleichterungs- und Gefälligkeitspädagogik. Diese tut so, als ob Schule immer nur „cool“ sein könne und ja alles tun müsse, daß sich Kinder bitte nicht langweilten. In der Folge wurden Leistung und Anstrengung schier zu Mißgunst-Vokabeln erklärt. Und immer noch und immer wieder ist im Zusammenhang mit Schule in übler Weise die Rede von „Leistungsstreß“, „Leistungsdruck“, sogar „Leistungsterror“. Wer aber Leistung und Anstrengung zu Mißgunst-Vokabeln macht, versündigt sich an der Zukunft unserer Kinder und unserer Gesellschaft.

Denn wer das Leistungsprinzip untergräbt, setzt eines der revolutionärsten demokratischen Prinzipien außer Kraft. In unfreien Gesellschaften sind Geldbeutel, Geburtsadel, Gesinnung, Geschlecht Kriterien zur Positionierung eines Menschen in der Gesellschaft. Freie Gesellschaften haben an deren Stelle das Kriterium der Leistung vor Erfolg und Aufstieg gesetzt. Das ist die große Chance zur Emanzipation für jeden einzelnen. Ganz zu schweigen davon, daß der Sozialstaat nur dann funktioniert, wenn er von der Leistung von Millionen von Menschen getragen wird.

Demokratie darf  nicht zum Diktat des Durchschnitts werden

Wir sollten ansonsten froh sein, wenn wir doch noch so manch leistungshungrige Spitzenschüler für zukünftige Eliten haben. Demokratie in Deutschland darf nicht zum Diktat des Durchschnitts werden. Eine zur Gleichheit verurteilte Gesellschaft wäre zur Stagnation verdammt.

Eine vierte Irrlehre ist die Quotengläubigkeit. Das ist die planwirtschaftliche Vermessenheit, es müßten möglichst alle das Abiturzeugnis bekommen, und es dürften möglichst wenig oder gar keine Schüler sitzenbleiben. Dabei müßte doch eigentlich klar sein: Wenn alle Abitur haben, hat keiner mehr Abitur! Und: Die Wachstumsbremse der Zukunft wird die Pseudoakademisierung sein – weil diese einhergeht mit einem gigantischen Fachkräftemangel. Denn dort, wo man in Europa die niedrigsten Abiturienten-Quoten hat, gibt es zugleich die besten Wirtschaftsdaten: nämlich in Österreich, in der Schweiz und eben in Deutschland.

Ein wichtiges bildungspolitisches Kriterium wird ebenfalls häufig übersehen, nämlich das Ausmaß an Jugendarbeitslosigkeit. Hier haben oft sogar vermeintliche Pisa-Vorzeigeländer mit Gesamtschulsystemen eine Quote, die deutlich über derjenigen Gesamtdeutschlands oder gar der süddeutschen Bundesländer liegt. Länder mit vergleichsweise niedriger Studierquote und dualer Berufsbildung liegen also erheblich besser. Aber es dringt nicht durch: Der Mensch scheint für viele immer noch beim Abitur zu beginnen.

Leistung und Qualität drohen unterzugehen

Die fünfte Irrlehre heißt Utilitarismus. Das ist ein Trend, der vor langer Zeit eingeschlagen wurde. Vor mehr als einem halben Jahrhundert, 1961, hat die OECD, die ja auch für die Pisa-Testerei verantwortlich zeichnet, in einem Grundsatzpapier festgehalten: „Heute versteht es sich von selbst, daß auch das Erziehungswesen in den Komplex der Wirtschaft gehört, daß es genauso notwendig ist, Menschen für die Wirtschaft vorzubereiten wie Sachgüter und Maschinen. Das Erziehungswesen steht nun gleichwertig neben Autobahnen, Stahlwerken und Kunstdüngerfabriken.“

Nette Vergleiche sind das. Die Folge: In der Schule sind überwiegend nur noch Dinge zu vermitteln, die man im späteren Leben braucht, die dafür nützlich sind, die sich später „rechnen“. Nein, so etwas wäre ein verarmtes Verständnis von Bildung. Hier wird Bildung zur bloßen Abrichtung. Nein, es geht in Sachen Bildung – weil sie sonst nur Ausbildung ist – um den Eigenwert des Nicht-Ökonomischen.

Nach all den skizzierten irrigen Auffassungen drohen Individualität, Leistung, Anstrengungsbereitschaft, natürliche Reifung und Qualität unterzugehen. Statt weiterer Deformationen brauchen wir eine Schulpolitik, die Probleme löst und keine neuen schafft.

Irrglaube: Dem Kind soll nichts mehr zugemutet werden

Die sechste Irrlehre heißt Empirismus (Testeritis, Evaluationitis). Sie hat viel mit Pisa und Co. zu tun. Dahinter steckt die Vorstellung, alle Bildung müsse sich messen und in Rankingtabellen abbilden lassen. Wer aber so tut, als sei Bildung das, was Pisa mißt, der hat ein armes, ja ein erbärmliches Bildungsverständnis. Denn Pisa und die sogenannte empirische Bildungsforschung haben nur noch das an schulischem Lernen im Blick, was sich messen läßt.

Im Falle von Pisa ist das wahrscheinlich nur ein Zehntel dessen, was in der Schule geschieht: ein bißchen etwas von Informationsentnahmekompetenz, ein bißchen etwas von mathematischem Verständnis und ein bißchen von naturwissenschaftlichem Verständnis. Nicht erfaßt von Pisa werden folgende Bildungsbereiche: sprachliches Ausdrucksvermögen, Fremdsprachenkenntnisse, Wissen in den Bereichen Literatur, Geschichte, Geographie, Politik, Wirtschaft, Religion/Ethik, ästhetische Bildung in den Fächern Kunst und Musik usw.

Und schließlich die Irrlehre eines seichten Psychologismus: Das ist der Irrglaube, Pädagogik von einer vagen Traumapsychologie her aufziehen zu können. Alle Pädagogik soll offenbar vom zerbrechlichen Kind, dessen permanenter Traumatisierbarkeit, dessen Gegenwartsperspektive und dessen unmittelbaren Bedürfnissen her gedacht werden. Dem Kind, dem Schüler soll bloß nichts zugemutet werden, es könnte ja frustriert, demotiviert, ja traumatisiert werden. Daß man damit Kinder in einer Käseglocke und in einer ewigen Gegenwart einschließt und ihnen die Zukunft raubt, scheint nicht zu zählen. Statt ihnen ein bißchen etwas zuzumuten, werden unsere Kinder von einem Teil der Eltern, von den „Helikoptereltern“, rundum „gepampert“.

Wer trägt die Schuld?

Wir sollten aber nicht ständig fragen, was Kinder krank macht, sondern was Kinder stark macht. Das Risiko des Scheiterns, Enttäuschungen und Niederlagen – all das gehört zum Leben. In altersgemäßer Dosis muß ein Kind solches erfahren dürfen, sonst entwickelt es weder die Fähigkeit, damit umzugehen, noch das Selbstbewußtsein, mit Problemen selbst fertig zu werden, noch die Bereitschaft, erst einmal eigene Kräfte zu mobilisieren. Viele Eltern – und Lehrer – machen es den Kindern zu einfach, und sie trauen ihnen zuwenig zu.

Wer trägt die Schuld an all dem? Wahrscheinlich hat der destruktive Erfolg der Achtundsechziger zu tun mit dem Nationalcharakter der Deutschen, nämlich deren Selbstvergessenheit. Dagegen brauchen wir eine Revolte. Denn nach all den skizzierten Irrlehren drohen Individualität, Leistung, Anstrengungsbereitschaft, natürliche Reifung und Qualität unterzugehen.

Viel zu lange wurde Bildung – je nach Bundesland unterschiedlich intensiv – kopf- und konzeptionslos re- und deformiert. Reformen über Reformen werden in den Sand gesetzt, ohne Produkthaftung von seiten derjenigen, die all dies inszeniert haben. Dabei hat jeder junge Mensch nur eine einzige „Fertigungs“-Biographie! Vor allem brauchen wir endlich eine Schulpolitik und eine Pädagogik, die Probleme löst und keine neuen Probleme schafft.

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Josef Kraus war von 1987 bis 2017 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. Dem vorliegenden Text liegt Kraus‘ Vortrag in der Bibliothek des Konservatismus in Berlin vom 8. November zugrunde.

JF 47/17

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