Erwachsene (11.10.2017)

Michael Winkler, der Mann mit Visionen

Falls Sie Hägar den Schrecklichen nicht kennen: Das ist ein Comic, dessen Hauptfigur ein Wikinger ist. In einer dieser Kurzgeschichten aus zumeist drei Bildern geschah folgendes: Hägar und ein anderer Wikinger haben sich gestritten. Ein Mönch kam dazu und forderte sie auf, das doch wie zwei Erwachsene zu regeln. Das haben die beiden Wikinger umgehend getan – und die Schwerter gezogen.

Es ist nun mal ein bloßer Wunschgedanke, daß Erwachsene sich vernünftig verhalten. Die Sandkasten- und Schulhofprügeleien der Kinder sind harmlos, im Vergleich zu den Kriegen, die Erwachsene entfesseln. Obwohl, seit die Menschen, die noch nicht solange hier wohnen, zu uns gekommen sind, wird auf den Unterlegenen eingetreten, und das “Isch disch Messer!” ist auf den Schulhöfen angekommen. Daran schuld sind aber nicht die Kinder mit Migrationshintergrund, sondern die Erwachsenen, die solche Zustände haben einziehen lassen.

Was ist es denn, dieses “erwachsen sein”? Es ist auf jeden Fall mehr als die bloße Geschlechtsreife oder das Recht, einen Führerschein zu erwerben. Der Erwachsene sollte Erfahrungen gesammelt haben, soll durch Versuch und Irrtum, aber auch durch eigenes Nachdenken zur Einsicht gelangt sein. Der Erwachsene übernimmt die Verantwortung für sein Leben, er ist in diese Rolle hineingewachsen, nicht nur körperlich, sondern auch geistig. Das ist die Theorie.

In der Praxis sind die Erwachsenen nur Kinder mit ausgewachsenen Körpern, zeugungs- und empfängnisfähig, am Steuer eines Autos, mit Macht über andere Menschen versehen. Letztlich jedoch nur mit mehr Mitteln und Möglichkeiten ausgestattet, ihre Triebe und Egoismen auszuleben, weitgehend ohne Vernunft und Einsicht.

In Deutschland galt man früher mit 21 Jahren als erwachsen. Heute billigt einem das Gesetz dies mit 18 zu, allerdings mit dem Hintertürchen, daß die persönliche Reife vor Gericht den Ausschlag gibt, ob der “Heranwachsende” (Alter zwischen 18 und 21) nicht doch noch als Jugendlicher milder behandelt werden sollte. Dabei gilt die Faustregel, daß Menschen, die noch nicht solange hier wohnen, noch unreife Jugendliche sind, während abstammungsmäßige Deutsche vorzugsweise als gereifte Erwachsene härter bestraft werden.

Im Lied von Pippi Langstrumpf heißt es: “Ich mach mir die Welt, wittewittewit, wie sie mir gefällt.” Dies ist das Wunschdenken eines Kindes, das jedoch immer mehr Menschen erfaßt, die dem Geburtsdatum nach erwachsen sein sollten. Ich will die Welt so sehen, wie ich sie mir vorstelle. Das funktioniert nicht einmal bei so einfachen Dingen wie einem Stromkabel, bei dem ich mir noch solange vorstellen kann, es wäre nicht angeschlossen. Der elektrische Schlag zeigt mir deutlich, daß die Realität sich eben nicht nach meinen Vorstellungen richtet.

In uns Menschen steckt alles, Größe ebenso wie Kleinlichkeit, Einsicht ebenso wie Dummheit. Der zerstreute Professor ist eine bekannte Witzfigur, genial auf seinem Fachgebiet, doch seine Strickjacke hat er sich falsch zugeknöpft, und er trägt zwei verschiedene Schuhe. Derselbe Mensch, der gerade einem Obdachlosen hundert Euro geschenkt hat, zeigt einen Falschparker an, der ihn nicht wirklich behindert. Dieser Zwiespalt steckt in jedem von uns.

Gefährlich wird es nur, wenn dieser Zwiespalt zu Realitätsverlust führt. Ich habe zwar noch nie erlebt, daß Kinder eine Gerichtsverhandlung spielen, ich kann mir allerdings gut vorstellen, daß der Kleine in der Rolle eines Staatsanwalts die Todesstrafe fordert. Später, wenn der nun nicht mehr Kleine tatsächlich Staatsanwalt ist, sollte er tunlichst aufhören, den Staatsanwalt zu spielen. Das ist kein Mensch-ärgere-dich-nicht, das ist kein Monopoly, wo es darauf ankommt, als Spieler zu gewinnen. Erwachsen sein bedeutet, seine persönliche Gier dem Ganzen unterzuordnen.

Es fällt mir schwer, über die Unvollkommenheit der Menschen zu schreiben, da ich selbst ganz und gar nicht vollkommen bin. Ich bin mir meiner Defizite zumeist bewußt, ich gestehe sie mir selbst ein. Das halte ich für einen wichtigen Schritt zum Erwachsen-Werden. Auf diesem Weg legt man den einen oder anderen Fehler ab, beileibe nicht alle. Und es kommen neue Fehler hinzu. Ich habe mich vor ein paar Tagen das erste Mal dabei ertappt, daß ich mich geweigert habe zu denken. Früher habe ich mich als eine Art Großrechner gefühlt, dessen Räderwerk bei jedem Problem anfängt zu rattern, das ihm zugetragen wird.

Immer mehr Menschen in Deutschland leben in einer Traumwelt, in der ihre Vorstellungen die Realität verdrängen. Die berühmten Bahnhofsklatscher, die mit “Refugees welcome!” die hereinströmenden Horden begrüßen, haben die Realität erfolgreich verdrängt. Es sind keine edlen Wilden, die da ankommen, keine verängstigte Schutzsuchende, sondern Menschen mit Bedürfnissen und Wünschen. Es geht nicht um Schutz, sondern um ein besseres Leben, das sie sich erhoffen. Ein Leben im Schlaraffenland, wenn es nach den Realitätsverdrängern geht.

Bei einem Hund ist uns das klar. Den können wir nicht ins Regal stellen und hervorholen, wenn wir ihn streicheln wollen. Der Hund braucht sein Futter, er muß vor die Tür und das nicht allein. Ein Hund ist auch einmal krank, er verletzt sich, er riecht auch mal nach nasser Hund. Und ja, sogar ein netter, freundlicher Hund bellt schon mal zur Unzeit und tut Dinge, die wir nicht wollen. Deshalb ist das ideale Haustier ein Trilobit. Die sind vor 250 Millionen Jahren ausgestorben, es gibt sie nur noch als Versteinerungen. Wer sich einen Trilobiten an die Wand hängt, muß ihn nur ab und zu einmal abstauben, so alle drei Monate genügt.

Genau wie der eigentlich nette Hund verhalten sich Menschen immer wieder seltsam und unerwartet, so gar nicht wie Erwachsene. Die groß gewordenen Kinder können mit ihrer viel größeren Körperkraft wesentlich gravierendere Schäden anrichten als die lieben Kleinen. Kinder mit Streichhölzern brennen Haus und Hof nieder, allerdings nicht mit Absicht. Erwachsene mit Atombomben äschern ganze Städte ein, und das mit voller Absicht. Alle Schwerter und Äxte der Wikinger waren nicht so tödlich wie ein einziger amerikanischer Präsident.

Nach meinem Empfinden sind kleine Kinder so ähnlich wie Meerschweinchen, die Verhalten zeigen, keine Vernunft. Ich habe das Wort “Welpenschutz” gelernt, das eben den “Welpen” eine gewisse Nachsicht für ihr Verhalten einräumt, bis sie erwachsen genug sind, um ihren Verstand zu gebrauchen, sich nicht mehr verhalten, sondern handeln. Es hat lange gedauert, bis ich eingesehen habe, daß sich auch Erwachsene sehr oft verhalten, anstatt überlegt zu handeln.

Wir sehen es unmittelbar beim Militär, wie Verhalten in die Handlungen eingebaut wird. Drei Schritte Abstand, um das Territorium des Alpha-Tierchens nicht zu verletzten, vorgeschriebene Demuts- und Anerkennungsgesten, in Form des militärischen Grußes. Psychologen verfassen Ratgeber, wie wir die Meerschweinchen in unseren Mitmenschen mit dem richtigen Verhalten steuern, anstatt sie mit Vernunft zu überzeugen. Wir benehmen uns eher selten rational, eher triebgesteuert, eher kindlich-starrsinnig. Immerhin, wir sind meistens doch erwachsen genug, um auf dem Meinungsverstärker “Kloppe” zu verzichten (falls Sie den nicht kennen: Tante Google findet ihn).

Allerdings sind wir ach so Erwachsenen nicht so leicht zufrieden, wenn uns die Argumente ausgehen. “Maschendrahtzaun” und “Knallerbsenstrauch” stehen für die vielen Nachbarschaftsstreitigkeiten, bei denen wir das Kind in uns zum Zuge kommen lassen, anstatt die Vernunft. Kinder intrigieren nicht, Kinder planen keine Vernichtungsfeldzüge. Kinder petzen bei der Kindergartentante oder dem Lehrer, Erwachsene denunzieren. Warum? Damit Andere in die eigene Welt passen, in die Welt, die – Wittewittewit! – so zu sein hat, wie sie uns gefällt.

Wie schön wäre eine Welt der Erwachsenen, in der wirklich das “leben und leben lassen” gilt, in der die Freiheit des Einen sich soweit ausdehnen darf, wie er nicht die Freiheit des Anderen einschränkt. Eine Welt, in der Vernunft herrscht, nicht die Vorstellung, wie die Mitmenschen vernünftig zu sein haben. Das ist jedoch MEINE Vorstellung, eine Welt, wie sie MIR gefällt.

In der heutigen Welt hat alles einen Preis, doch den Wert einer Sache oder eines Ideals vermögen wir nur selten zu erkennen. In einer Welt ohne Werte fehlt uns die Orientierung. Richter und Staatsanwälte waren früher gottesfürchtige Leute, sie haben gewußt, daß sie sich dereinst selbst verantworten müssen. Sie haben trotzdem Hexenprozesse geführt, im Namen Gottes. Später waren es Kaiser, Gott und Vaterland, das die Werte bestimmt haben. Mit der Republik wurden diese Werte korrumpiert, das Unrecht hielt Einzug in die Gerichtssäle. Politische Prozesse wurden geführt, für Führer und Reich, für den Sozialismus und natürlich im Namen der Freiheit und der Demokratie. Heute gibt es keine Orientierung mehr, Recht ist das, was die Gerichte dafür halten. Nur keine Argumente der Verteidigung anhören, nur keine Vernunft annehmen, es gilt, die eigenen Vorstellungen durchzusetzen, nicht der Gerechtigkeit Geltung zu verschaffen.

Der Altersstarrsinn beginnt mit: Ich habe so oft recht gehabt, ich habe auch diesmal recht. Wenn wir in unserer Jugend als Anfänger behandelt worden sind, war das in Ordnung, denn wir haben ja tatsächlich angefangen. Aber heute? Soll ich etwa einen Volkshochschulkurs “kreatives Schreiben” belegen? Im Kopf weiß ich, daß es nicht einen Menschen gibt, der so dumm und unwissend ist, als daß ich nichts von ihm lernen könnte. Der Bauch hingegen lehnt es immer öfter ab zu lernen. “Hauswirtschaft” wäre sicher gut für mich, da müßte ich mir vieles aneignen. Aber will ich mich wirklich dumm anstellen, mich von zwanzigjährigen Mädchen auslachen lassen?

Als Erwachsene haben wir ein Rollenverständnis, das uns oft im Weg steht. Ein oft verwendetes Filmklischee besteht darin, daß die Erwachsenen abwinken, wenn Kinder eine Lösung gefunden haben. Die Zuschauer wissen, daß die Kinder recht haben, doch die Erwachsenen auf der Leinwand oder dem Bildschirm sind eben – erwachsen. Auf der anderen Seite sind Erwachsene leichtgläubig. Dem Herrn im weißen Kittel, mit dem Vornamen “Doktor” glauben wir fast alles, dabei verkündet der uns nicht den göttlichen Ratschluß, sondern seine eigene Meinung. Diese ist zwar meistens fundiert, aber eben nicht immer.

Der Versicherungsvertreter weiß alles, er kümmert sich um unsere Sorgen und Nöte – und um seine Provision. Darf es ein bißchen mehr sein?, fragt die Verkäuferin an der Wurst- und Käsetheke. Die gleiche Frage stellt uns der Autohändler, der uns nützliches Zubehör empfiehlt. Sie alle wollen nur unser Bestes, unser Geld. Wobei ich die Fleischverkäuferin noch akzeptiere, wenn das gewünschte Pfund 517 Gramm wiegt, lasse ich sie nicht daran herumsäbeln.

Wir sind Erwachsene, oft und immer wieder. Sehr oft sind wir jedoch nur Kinder mit Schwertern, die zu ganz unkindlichen Mitteln greifen, um die Dinge zu regeln wie Erwachsene.

© Michael Winkler

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