Spatz: Postmaterialismus

On March 4, 2017, in Inflation, Spatz, by admin

Postmaterialismus

Der Spatz im Gebälk

Ist Mario Draghi’s EZB am Ziel? Die deutschen Verbraucherpreise stiegen im Februar 2017 im Vergleich zum Vorjahr um 2,2 Prozent. Die Medien sind es zufrieden und die Bürger haben kaum eine Ahnung, dass sie dadurch nur weiter ausgenommen werden. Man konnte ihnen einreden, dass sie das wollen, weil das die Wirtschaft „ankurbeln“ würde. Es ist aber kaum zu erwarten, dass die EZB deshalb die Geldschleusen schließt, schließlich bekommen „die da oben“ den Hals nie voll, wenn sie eine Bereicherungsquelle aufgetan haben.

Sparbuch, Festgeld, Tagesgeld, Anleihen usw. sind Forderungen der kleineren Leute an die entsprechenden Institutionen. Niedrige Zinsen und Inflationsrate sorgen dafür, dass die Forderungen entsprechend abgebaut werden. Die Inhaber dieser Forderungen wehren sich gegen den Gedanken, dass die Entwertung ihrer Sparguthaben geldpolitisch gemacht wurde, weil sie gewollt ist. Man will nicht einsehen, dass es sich hierbei schlicht um eine „versteckte Besteuerung“ der Spargroschen handelt.

Dabei grenzt die Berechnung der Inflationsrate sogar weitgehend an Fake News. Denn sie wird herunter gerechnet, indem man Qualitätsverbesserungen gegenüber Vorgängermodellen bei Computern oder Autos als Preisminderung wertet, obwohl der Verbraucher beim Kauf immer noch dasselbe oder sogar mehr zahlen muss. In Deutschland wurde diese sogenannte „hedonische Qualitätsberechnungsmethode“ 2002 zusammen mit der Euro-Bargeldausgabe eingeführt. Das Gleiche erreicht man, in dem man im Warenkorb, über den die Inflationsrate berechnet wird, Güter mit hohem Preisanstieg gegen solche mit einem geringeren austauscht: Wird etwa Zucker kräftig teurer, wertet man ihn geringer und stellt vielleicht mehr Mehl in die Berechnung ein. Die scheinbar geringen Unterschiede zeigen im Zusammenhang oft beträchtliche Wirkung. Sie führt zu dem Unterschied zwischen der veröffentlichten und der tatsächlichen (gefühlten) Inflationsrate.

Zur Inflation kommt es erst nach einer längeren Phase falscher Wirtschaftspolitik, also mit Zeitverzögerung. Außerdem ist sie in der Regel kein linearer Vorgang, sondern ein exponentieller. Das macht sie so verhängnisvoll. Erstes Anzeichen einer kommenden Inflation sind steigende Rohstoffpreise. Dazu kommt es, wenn Investoren von Wertpapieren allmählich auf Sachwerte umsteigen. Dem Preisanstieg bei Rohstoffen folgt dann später derjenige der Erzeugerpreise und danach erst die Teuerung bei den Verbraucherpreisen. Bislang sah man trotz der massiven Geldschwemme noch keine Anzeichen einer Inflation, weil das eingeschleuste Geld verwendet wurde, um die Asset-Preise und Papierwerte anzuheben. Wenn Anleger auf Sachwerte umsteigen, dann beginnt das vielleicht mit Immobilien oder Preziosen, z.B. Gold oder Diamanten. Von dort breitet sich die Entwicklung erst langsam in andere Teilbereiche der Realwirtschaft aus, wie z.B. auf den Rohstoffmärkten. Der Umschwung erfolgt zuerst sporadisch und wirkt zunächst geringfügig. Doch dann wird daraus aufgrund des Herdentriebs eine Flutwelle. Die Dynamik nimmt zu und der Vorgang wird schließlich unkontrollierbar. Erst wenn der Prozess wie jetzt die Verbraucherpreise erfasst, merkt Otto Normalverbraucher etwas davon. Noch können die Trickserei bei der Inflationsberechnung und die Lügerei der „anerkannten“ Medien den kleinen Mann beruhigen: 2,2% das hält sich doch an den Rahmen, den die Experten für wünschenswert halten! Seit fünf Jahren gingen die Rohstoffpreise zurück, weil die Produktion realer Güter rückläufig war. Etwas Ähnliches geschah zwischen 1928 und 1932 vor Beginn der Weltwirtschaftskrise. Danach zogen damals in den USA die Rohstoffpreise stark an gefolgt von der Preisinflation bei den Ge- und Verbrauchsgütern. Inzwischen beginnen auch jetzt wieder die Rohstoffpreise anzuziehen.

Rohöl hat eine zentrale Bedeutung im Produktionsprozess. Die Rohölpreise haben sich seit Januar 2017 verdoppelt. Das führt in der Regel über einem Zeitraum von sechs bis zwölf Monaten zur Anhebung der Verbraucherpreise im sogenannten Warenkorb, was dann die Ankunft der Inflation ankündigt. An den Börsen kann man beobachten, dass die Anleger inzwischen weniger Wertpapiere erwerben, sondern zunehmend in Rohstoffe investieren.

Im Euro-Wirtschaftsraum wuchs die Geldmenge M3 zuletzt um jährlich rund fünf Prozent, während das Inlandsprodukt nur mit einer Zunahme von bis zu 1,5 % angegeben wurde. Daraus würde sich bereits rechnerisch eine tatsächliche Inflation von gut drei Prozent ergeben, die aber durch eine höhere Inflation der Asset-Preise vor den Augen der kleinen Leute verdeckt wurde. Doch die Leute ahnten die Verunsicherung und begannen ihr Geld schneller auszugeben, weil sie trotz angeblicher Nullinflation bereits den Wertverlust ihres Geldes befürchteten. Ein solches Verhalten nennen Experten einen Crackup-Boom. Die Leute kaufen nicht vermehrt, weil sie sich wirtschaftliche sicherer fühlen – wie die Medien behaupten, sondern um von ihrem gesparten Geld noch etwas zu haben, bevor es an Wert verliert. Das erklärt, weshalb die Wirtschaft trotz stärkerer Kaufbereitschaft nicht in Schwung kam und das angekündigte Wachstum nicht eintrat. Viele kauften nämlich Immobilien, die sie sich nur wegen der sehr niedrigen Kreditzinsen leisten können, oder neue Autos, die sie unter normalen Umständen noch nicht gekauft hätten.

Die Realwirtschaft profitierte wenig von den historisch einmalig niedrigen Zinsen. Sie investiert nicht, weil sie den steigenden Absatz als Crackup-Boom durchschaut. Wenn sie Leute einstellt, dann vorwiegend nur noch auf Zeit oder im Niedriglohnsektor. Man scheut Festanstellungen. Die Unternehmen investieren allenfalls in Dinge, die sich nur wegen der extrem billigen Zinsen rechnen. Sie legen z.B. Rohstoffvorräte an. In Deutschland profitiert die Wirtschaft zusätzlich vom gestiegenen Export dank des aufgeweichten Euros. Aber der Export wird nicht bezahlt. Der „Erlös“ sammelt sich vordergründig auf den kaum noch wertbeständigen Target 2 Konten der Bundesbank als Forderungen an Dritte, die schließlich durch die Entwertung der Ersparnisse der Bürger „bezahlt“ werden.

Um 2000 platzte die Aktienblase der hochgereizten High-Tech-Betriebe. Damals begann der Kontraktionsprozess der Wirtschaft schleichend, vor allem in den USA. Die US-Notenbank FED versuchte dem durch eine stark expansive Geldpolitik entgegenzuwirken und pumpte damit indirekt die Immobilienblase auf, die 2007/8 platzte. Darauf reagierten die west-orientierten Notenbanken mit einer noch expansiveren Geldpolitik. Sie pumpten damit die größte Anleihe-Blase aller Zeiten auf. Gleichzeitig senkten sie die Zinsen auf ein 5000-Jahrestief ab. Mit dem geliehenen Geld tätigten die Großbetriebe nicht produktivitätssteigernde Investitionen, sondern kauften (im weitgehend privaten Interesse ihrer Vorstände) die Aktien ihrer Firmen aus dem Markt. Die prallgefüllte Anleihen-Blase steht zum Platzen bereit. Jetzt beginnen die Anleger auf Rohstoffe auszuweichen und beginnen deren Preise hochzutreiben. Wenn die Rohstoffblase auf die Erzeuger und Verbraucherpreise durchschlägt, läutet das das Finale ein. Die Mieten steigen und im Supermarkt werden die Preisschilder immer schneller nach oben korrigiert. Und Otto Normalverbraucher merkt endlich, dass es gar nicht darum ging die Wirtschaft anzukurbeln, sondern ihn als letzte Form der Gewinnrealisierung zu enteignen.

Dass es sich nun um ein Finale und nicht um eine der für das Funktionieren einer Marktwirtschaft wichtigen „Bereinigungskrise“ handeln wird, liegt daran, dass für einen Neuanfang nach der Krise die Substanz fehlt. Die hohe Konzentration der Wirtschaft hat wenige wirklich selbständige mittelständische Betriebe übrig gelassen, die in einem neuen Aufbruch neuen Arbeitskräften neue Arbeits- und Einkommensmöglichkeiten schaffen könnten. Warum sollten Großbetriebe so etwas tun, wenn die alten Sparguthaben abgeräumt (enteignet) und die Löhne der noch Beschäftigten drastisch gesenkt worden sind und kaum noch zahlungsfähige Nachfrage auf dem Markt erscheint.

Welche „politische“ Perspektive gibt es unter diesen Bedingungen? Die Masse der Bevölkerung wird von Transferzahlungen durch Regierungsstellen abhängig gemacht. Eine Art Grundeinkommen wird für die nicht mehr zu beschäftigende Überbevölkerung eingeführt, um sie so machtpolitisch in Abhängigkeit zu bringen und zu „befrieden“. Die Zuteilungen und Geldströme werden sehr genau gesteuert werden müssen. Die Steuerung übernehmen dann freigestellt „Experten“ der Hochfinanz in den zuständigen staatlichen Stellen. So wird  die sozial-kapitalistische Utopie eines John Stuart Mill wird Wirklichkeit. Diese wird allerdings keine „kapitalistische“ mehr sein, weil es auf Kapitalgewinne nicht mehr ankommen kann, sondern nur noch auf den Zuwachs an gesellschaftlicher Regelungsmacht für einen immer kleineren, elitären Personenkreis Superreicher und der von ihnen ausgehaltenen Experten. Das Ganze ist eine unauffällige und im wahrsten Sinne des Wortes „hinterhältige“ Revolution. Viele Leute verstehen das nicht, wollen es nicht verstehen. Nur „die Linken“ scheinen sich im Sinne diese Revolution zu engagieren, ob sie sich nun der Auswirkungen dieser „Revolution“ bewusst oder nur dahingehend verführt worden sind.

Die zunehmende Verarmung der Bevölkerung versuchen die „anerkannten“ Medien in den Augen der breiten Bevölkerung dadurch zu verharmlosen, dass sie den Armutsbegriff aus der Relation zu dem, was produktionstechnologisch möglich wäre, herauslösen und zu Zuständen in Verbindung bringen, wie sie am Anfang der bürgerlichen Revolution, im Pauperismus einmal aufgetreten waren. Abgesehen davon musste die Bundesregierung auf Anfrage der Linken im Bundestag eingestehen, dass über 330.000 Haushalten in Deutschland binnen eines Jahres der Strom abgestellt wurde. Die Regierung beruft sich dabei auf Daten der Bundesnetzagentur. Zudem wurde 2015 in rund 44.000 Fällen auch die Gaszufuhr gesperrt. Mehr als 6,2 Millionen Mal wurden Stromsperrungen angedroht. Die Höhe der Forderungen der Grundversorger an die Betroffenen lag zum Zeitpunkt der jeweiligen Androhung bei durchschnittlich 119 Euro (FAZ 2.3. 2017).

In den USA schreitet die Entwicklung der Zustände derjenigen in Deutschland voran. Von dort meldete Bloomberg „Eine Flutwelle an Ladenschließungen“. J.C. Penney will in den nächsten Monaten zunächst 140 Läden schließen. Macy’s und Sears kündigten an, in diesem ersten Halbjahr zusammen insgesamt 218 Filialen zu schließen. Mit ähnlichen Ankündigungen gingen andere Handelsketten wie American Apparel, The Limited, Bebe, BCBG und Payless kürzlich an die Öffentlichkeit. Die Zahlungsausfälle bei Autodarlehen haben den höchsten Stand seit 2008 erreicht. Die Gebrauchtwagenpreise sind in den letzten 3 Jahren um 10% gefallen. Gleichzeitig wurden die Rabatte für den Kauf eines Neuwagens um über 20% erhöht. Die Schulden der US-Studenten zur Finanzierung ihres Studiums belaufen sich inzwischen auf unbezahlbare 1,3 Billionen Dollar, zumal die Studenten kaum noch Jobs mit einem entsprechenden Einkommen finden. Auch die Zahl der Verbraucherinsolvenzen stieg im letzten Monat in den USA weiter an. Nur dreimal in der Geschichte war das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) für US-Aktien, das Verhältnis zwischen dem aktuellen Kurs der Aktie und dem Jahresgewinn pro Aktie größer als heute, nämlich vor den Krisen von 1929, 1999 und 2007. Danach folgte jeweils der Kurssturz. Und das Handelsbilanzdefizit der USA ist wieder auf das Niveau von 2008 gestiegen.

Die Kleinen Leute in den USA hoffen auf Donald Trump und in Deutschland hofft man sogar auf einen Martin Schulz. Der Sozialdemokrat hatte die Agenda 2010 vorher nie kritisiert, CETA gegen den Widerstand der belgischen Wallonen und vieler Mitglieder der eigenen Partei durchgesetzt und mitgeholfen, Griechenland die massive Kürzung des Lebensstandards aufzuzwingen. Er wird – wie bisher – das tun, was man von ihm verlangt, solange es sich für ihn persönlich auszahlt.

Was den antiquierten Glauben an die Integrität und das Wohlwollen der Finanzexperten betrifft, sollte man folgendes zur Kenntnis nehmen: Der frühere Chef des Internationalen Währungsfonds, Rodrigo Rato, wurde laut AFP vom höchsten spanischen Gericht zu einer Gefängnisstrafe von viereinhalb Jahren verurteilt. Das Gericht wies Rato als Vorstand der Banken Caja Madrid und Bankia die Veruntreuung von 12 Mio. € nach. Ratos Prozess ist Teil einer großangelegten gerichtlichen Aufarbeitung der Korruptionsskandale der spanischen Bankenwirtschaft. Im Zuge derer wurden 65 Banker, Beamte der Aufsichtsbehörde und andere Finanzakteure angeklagt. Dass das nur Ausnahmefälle waren, kann man nur glauben, wenn man die Machenschaften der Deutschen Bank oder die Manipulationen am Goldpreis oder den in London ausgehandelten Tagesgeldzinsen der Banken nicht sehen will.

Leave a Reply

Weboy



WordPress Themes