Deutsche Bank mit Rekordverlust

On October 9, 2015, in Derivate, Deutsche Bank, Endzeit, by admin

Deutsche Bank mit Rekordverlust

Die Deutsche Bank erwartet für das dritte Quartal einen Verlust von 6,2 Milliarden Euro. Die Verluste gehen hauptsächlich auf Abschreibungen im Privatkunden- und Investmentbanking-Geschäft zurück.

Deutsche Bank, Juwel der deutschen Finanzbranche, Herz und Hirn der höchst diskreten Deutschland AG in einem Konzern – das war einmal. Das fast 150 Jahre alte Traditionshaus ist ins Gerede gekommen, hat Probleme noch und nöcher. John Cryan, Ex-UBS-Banker, soll der Bank zu altem Glanz verhelfen, in der Öffentlichkeit, aber vor allem auch an der Börse.

Viele der Baustellen, an denen Cryan nun Hand anlegen muss, liegen offen zutage. Im Schatten aber lauert noch eine ganz andere Gefahr: Die Deutsche Bank könnte das nächste Lehman werden. Die These, die der Börsenblog Zerohedge aufgestellt hat, klingt zwar nach einem schlecht geschriebenen Wall-Street-Thriller, ist aber auch nicht völlig von der Hand zu weisen.

Lehman ging unter – heimlich, still und leise

Kein Anleger wird jemals die Tage, Wochen und Monate nach Lehman vergessen – Schlagzeile nach Schlagzeile, Banken, die kleinlaut bei ihren Regierungen anklopfen und einen Bail Out fordern, Börsen, die nur eine Richtung kennen: Nach unten.

Doch was geschah an den Tagen, Wochen, und Monaten vor der Pleite Lehmans? Nichts. Der Niedergang Lehmans kündigte sich nicht so laut an, wie man es im Nachhinein wahrnimmt. Natürlich hatte die Bank mit Problemen zu kämpfen, doch das Feuer, welches Lehman schließlich verschlingen sollte, schwelte an der Oberfläche nur als kleine Flamme – nichts, was man nicht löschen könnte.

Epizentrum der Finanzkrise: Die Wall Street in New York.
Epizentrum der Finanzkrise: Die Wall Street in New York. (©shutterstock.com/Stuart Monk)

Insider wussten natürlich, dass Lehman auf der Kippe stand. Goldman Sachs beispielsweise wettete 2007 massiv gegen den Subprime-Sektor – also diejenigen Kredite, die an eigentlich bonitätslose Schuldner vergeben wurden. Die Verluste, die aus dem Ausfall dieser Kredite resultierten, brachten Lehman letztlich zu Fall.

Das einzige rote Tuch, welches die ganze Anlegerwelt sehen konnte, war die Abstufung der Bank durch die Ratingagentur Fitch mit einem negativen Ausblick im Juni 2008. Nur drei Monate später musste Lehman milliardenschwere Verluste vermelden. Der Insolvenzantrag folgte noch in der selben Woche.

Vergeblicher Fokus aufs Investmentbanking

Kämpft die Deutsche Bank den gleichen Kampf? Anzeichen dafür, dass das größte Kreditinstitut in stürmischen Gewässern unterwegs ist, gibt es zuhauf. Die Kapitalerhöhung im letzten April 2014 beispielsweise. Oder die kurz darauffolgenden Wertpapierverkäufe in Höhe von acht Milliarden Euro. Mit allen Mitteln versuchte die Deutsche Bank, eine stärkere Kapitalstruktur aufzubauen.

Vergeblich: Im März diesen Jahres fällt die Bank im Stresstest durch und wird nachdrücklich aufgefordert, ihre Kapitalbasis aufzubessern. Zu den Kapitalproblemen gesellen sich zudem die Rechtsstreitigkeiten der Bank, vom Kirch-Prozess bis zu den Ermittlungen im Zuge der Libor-Manipulationen – , Gift für das Image der Bank, die hierfür obendrein Milliarden an Euros zurückhalten muss. Milliarden, die sie womöglich für dringende Investments benötigt.

Denn der neue starke Mann des Frankfurter Konzerns, John Cryan, muss selbigen womöglich komplett umkrempeln. Bislang setzte die Deutsche Bank nämlich voll auf das Investmentbanking, und konkurrierte dabei zeitweise auch mit den Wall-Street-Giganten Goldman Sachs und JPMorgan.

Doch diese Rechnung ist nicht aufgegangen – die härteren Eigenkapitalvorschriften, unter denen die Bank nun ächzt, zehren zusammen mit der strengeren Regulation der Branche an den Gewinnen im Investmentbanking. Vergeblich hat die Deutsche Bank ihre Kräfte dort fokussiert.

Es gibt Parallelen zu Lehman

Noch dazu fehlen der Bank andere profitable Standbeine. Das Retailgeschäft kann die Bank nicht alleine am Leben halten. Mit seinem Umsatz von rund 2,5 Milliarden Euro (erstes Quartal 2015) ist es zwar ein Standbein, verglichen mit anderen Segmenten wie dem Investmentgeschäft aus der Sparte Corporate Banking und Securities (Q1-Umsatz: 4,6 Milliarden Euro) aber eben nur ein kleines.

Das i-Tüpfelchen dieser Misere ist der Brain Drain bei der Bank: Einem Bericht der Nachrichtenagentur Bloomberg zufolge verließ jüngst Devisenstrage James Malcom das Haus für eine Stelle bei der Hedgefondsfirma Caxton – genau so wie der Algorithmus-Experte Junaid Mohammad und der Devisenhändler Trevor Dinmore zuvor. Der Bank fehlen also wichtige Köpfe, profitable Sparten und ein zukunftsträchtigeres Geschäftsmodell.

Lehman hatte nicht mit all diesen Problemen zu kämpfen – genügend Parallelen, die die Zerohedge-These untermauern, gibt es trotzdem. Etwa die jüngste Abstufung der Deutschen Bank durch die Ratingagentur Standard & Poor’s Anfang Juni auf “BBB+” (Ausblick stabil). Die Bonität der Bank ist damit zwar noch etwas vom Ramsch-Niveau entfernt, nichtsdestotrotz zeugt die Abstufung vom schwindenden Vertrauen in das Kreditinstitut.

Ein Berg aus Derivaten

Deutlich erschreckender sind da schon die Risiken der Bank im Derivate-Bereich: Wie Lehman zuvor balanciert die Deutsche Bank auf einem regelrechten Berg an riskanten Papieren, und Cryan muss verhindern, dass sie selbigen hinunterfällt. Sage und schreibe 52 Billionen Euro wiegen die Derivate-Wetten der Deutschen Bank – drei Mal so viel wie das Bruttoinlandsprodukt der Vereinigten Staaten und rund zwanzig mal so viel wie das BIP Deutschlands!

Natürlich stecken die 52 Billionen nicht in einer einzigen Wette – die Bank ist mutmaßlich in zahllose unterschiedliche Papiere involviert, die sowohl gegen als auch für den Markt wetten. Eine Verwerfung an der Börse bedeutet also keinen augenblicklichen Verlust (oder Gewinn) in dieser unvorstellbaren Höhe.

Nichtsdestotrotz sind es Derivate, deren Risiko durch den Hebel inhärent hoch ist, ein Schock an den Märkten könnte diese komplexe Struktur schnell ins Wanken bringen und milliardenschwere Verluste mit sich bringen. Zum Vergleich: Die Derivate-Verbindlichkeiten der Investmentbank JPMorgan liegt knapp 4,5 Billionen Euro darunter.

Das Zocker-Image will die Deutsche Bank zwar ablegen, doch ihre Chips liegen damit bereits auf dem Roulettetisch, und die Kugel im Roulettekessel rollt immer langsamer. Stürzt beispielsweise die noch immer ungelöste Griechenland-Krise die Finanzmärkte ins Chaos zurück, wären die Verluste für die Deutsche Bank kaum zu beziffern. Aus dem in Schieflage geratenen Bankhaus könnte innerhalb von Tagen in eine ähnlich missliche Lage wie Lehman rutschen.

Cryan erntet Vorschusslorbeeren

Cryan steht damit vor einer Herkulesaufgabe – Margen erhöhen, Image aufpolieren, Risiken abbauen. Der Markt erwartet allerdings, dass der erfahrene Sanierer von der UBS damit fertig wird. Zu seinem Amtsantritt erntete Cryan jedenfalls Vorschusslorbeeren: Der Kurs der Deutschen Bank notierte zuletzt gut viereinhalb Prozent höher, die Aktie ist damit ungeschlagener Dax-Favorit.

Der Weg zum alten Glanz wird aber dennoch lang und steinig. Das langsame Kentern des Flaggschiffs der einstigen Deutschland AG ist am Kurschart ablesbar – aktuell ist die Aktie trotz der guten Performance am Mittwoch weniger wert als im Jahr 1995. Noch im Jahr 2007 war die Aktie mit einem Preis von hundert Euro fast viermal so viel wert.

Es liegt nun ganz an Cryan, den Kahn wieder flott zu machen – sonst säuft die Deutsche Bank womöglich ab, wie Lehman vor ihr.

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