Krieg – Militärexperten: Bei einem Angriff auf den Iran zählt der Zweitschlag mehr als der Erstschlag

 

In diesen Tagen beherrscht die »Zweitschlagsoption« die Diskussionen der amerikanischen, israelischen, iranischen und saudi-arabischen Militärplaner und -experten im Zusammenhang mit einem Angriff auf den Iran. Bei den Diskussionen geht es nicht mehr darum, wer zuerst zuschlagen werde – die USA oder Israel –, weil man sich allgemein einig ist, dass ein israelischer Angriff und ein nachfolgender amerikanischer Angriff mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit bevorstehen.

 

Wie aus Militärkreisen verlautet, ist dieser thematische Schwerpunktwechsel erst vor Kurzem in der letzten Augustwoche erfolgt, nachdem die israelische Seite entschieden hatte, die Streitkräfte in höchste Alarmbereitschaft zu versetzen und alle Vorbereitungen zu treffen, Reservisten notfalls schnell einberufen zu können.

 

Seit dieser neuen Ausgangslage gehen die Militärplaner in den entsprechenden Hauptstädten davon aus, dass ein israelischer Angriff in Kürze bevorsteht, wobei man damit rechnet, dass er in zwei Phasen verlaufen würde. Zunächst werde Israel eine kleine Zahl äußerst wichtiger iranischer Nukleareinrichtungen angreifen, dann die Kampfhandlungen aber aus zwei wesentlichen Gründen zunächst aussetzen: Zum einen will Israel die angerichteten Schäden an den iranischen Nukleareinrichtungen einschätzen, um dann zu entscheiden, welche Ziele als nächstes angegriffen werden, und zum anderen die Reaktion des Iran abwarten.

 

Israel will das Ausmaß seiner zweiten Angriffsoffensive davon abhängig machen, wie heftig und wie umfassend der iranische Vergeltungsschlag ausfällt und ob die iranischen Verbündeten – die Hisbollah und die beiden radikalen palästinensischen Organisationen Hamas und Islamischer Dschihad – in diese Vergeltungsmaßnahmen einbezogen werden.

 

Sollte der iranische Vergeltungsschlag »sehr massiv« ausfallen, wie der Chef der eng mit dem Iran verbündeten Hisbollah, Hassan Nasrallah, am vergangenen Montag ankündigte, und sollte die Hisbollah an den iranischen Vergeltungsmaßnahmen beteiligt sein, muss Israel entscheiden, ob es seine zweite Angriffswelle ausschließlich gegen die iranischen Nukleareinrichtungen richtet, um diese endgültig zu zerstören, oder ob es gleichzeitig Angriffe gegen die libanesische Terrororganisation durchführt.

 

 

Israel behält sich den Einsatz von »Geheimwaffen« für zweite Angriffswelle vor

 

Die meisten Militärexperten, so ist aus Militärkreisen zu hören, stimmen darin überein, dass die schwersten Schäden an den iranischen Nukleareinrichtungen erst mit der zweiten Angriffswelle erreicht werden sollen. Und die meisten Experten sind sich sicher, dass Israel neue geheime Waffensysteme für eine zweite Angriffswelle in der Hinterhand hat, um gegenüber den Iranern über ein Überraschungsmoment zu verfügen.

 

Alles in allem gehen die Experten davon aus, dass es sich bei einer israelischen Militäroperation gegen den Iran nicht um einen raschen Schlagabtausch, sondern um den Beginn eines

langwierigen Krieges in der Nahmittelost-Region handeln wird, der sich über Wochen oder sogar Monate erstrecken könnte.

 

Im Zusammenhang mit einer zweiten Angriffswelle der Iraner scheint Teheran der libanesischen Hisbollah eine entscheidende Rolle zugedacht zu haben.

 

In seiner Stellungnahme am Montag erklärte Nasrallah ausdrücklich, er spreche auch im Sinne iranischer Regierungsvertreter, wenn er sage: »Es wurde entschieden, [auf einen israelischen Angriff] zu antworten, und die Antwort wird sehr massiv ausfallen.« – »Wenn Israel den Iran angreift, trägt Amerika die Verantwortung dafür«, fügte er hinzu.

 

Unter israelischen Strategieexperten stieg am Montag und Dienstag die Anspannung, als sie die Möglichkeit erörterten, die Hisbollah könnte sozusagen gegen Israel Entlastungsangriffe führen, um Israel daran zu hindern, die iranischen Nuklearanlagen erneut anzugreifen. Aus Amerika wurde bezweifelt, ob der Hisbollah-Chef tatsächlich befugt sei, für Teheran zu sprechen, aber aus Militärkreisen hieß es, die libanesische Gruppe verfüge über etwa 60.000 Raketen verschiedenster Bauart und Reichweite, die sich in der Nähe der Grenze zu Israel befänden, und es sei daher damit zu rechnen, dass der Hisbollah eine zentrale Rolle bei einer zweiten Angriffswelle des Iran zukomme.

 

 

Hisbollah und Syrien sollen zweite Angriffswelle des Iran gegen Israel verstärken

 

Teheran wird seine relativ geringen Lagerbestände an ballistischen Raketen bei einem Angriff auf Israel schonen wollen, um für den Fall weiterer Feindseligkeiten noch über Reserven zu verfügen und auch eine Art Schutzschild für das islamische Regime und seine Institutionen errichten zu können. Darüber hinaus könnte der Iran versuchen, das Leben in Israel über Cyber-Angriffe zum Erliegen zu bringen, um seine doch eher begrenzten Offensivfähigkeiten seines Raketenarsenals auszugleichen.

 

Am wahrscheinlichsten ist wohl aber, dass Teheran versuchen wird, die Nachbarn Israels in seine militärischen Operationen einzubinden. Bisher wurde die Bedeutung der syrischen Streitkräfte in diesem Szenario weitgehend vernachlässigt, weil man davon ausging, die Armee des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad sei derzeit viel zu sehr mit den Kämpfen gegen die Aufständischen beschäftigt, als dass sie Teheran wirksame Hilfe leisten könnte.

 

Aber nicht alle Militärexperten teilen diese Einschätzung. Nach ihrer Auffassung ist Assad zum einen seinem einzigen noch verbliebenen Verbündeten zu sehr verpflichtet, und zum anderen haben sowohl Damaskus als auch Teheran gute Gründe dafür, die syrischen Streitkräfte sogar eher als die Hisbollah in einen Krieg gegen Israel einzubeziehen:

 

Den syrischen Aufständischen würde es schwerfallen, der syrischen Armee in den Rücken zu fallen, wenn diese gegen den gemeinsamen Feind – Israel – kämpft, und sie könnten sich sogar dafür entscheiden, auf ihrer Seite in die Kampfhandlungen einzugreifen oder zumindest einen Waffenstillstand im Bürgerkrieg auszurufen. Mit einem Schlag wäre Assads Regime dann von einer starken Bürde befreit.

 

 

Iranische Spezialeinheiten in Syrien und im Libanon im Einsatz

 

Seit der zweiten Augusthälfte versorgen iranische Militär- und Zivilmaschinen die syrische Armee mit Munition und Ersatzteilen und verlegen verdeckt Spezialeinheiten der iranischen Revolutionsgarden und der Al-Quds-Brigaden nach Damaskus. Diese Einheiten werden Berichten zufolge nicht dazu eingesetzt, die Aufstände niederzuschlagen, sondern stehen bereit, um aus diesen vorgelagerten Positionen heraus Angriffe gegen Israel zu führen.

In der zweiten Augustwoche nahmen diese iranischen Einheiten an dem bisher größten Militärmanöver der Hisbollah teil: 10.000 libanesische Schiiten probten unter der Flagge der Hisbollah an Nachbauten die teilweise Eroberung Galiläas im Norden Israels. Dieses Manöver war von iranischen Militärexperten als Vorübung für eine zweite Angriffsoffensive geplant worden, die den Krieg über die Grenze hinaus auf israelisches Gebiet tragen soll.

 

Für eine zweite Angriffswelle gegen Israel könnte Teheran darüber hinaus auf syrische Lagerbestände an Chemiewaffen zurückgreifen wollen.

Natürlich sind sich Teheran und Damaskus darüber im Klaren, dass die Empörung über den Einsatz von Chemiewaffen praktisch umgehend ein militärisches Eingreifen des Westens in Syrien nach sich zöge. Sie rechnen aber damit, dass dann in der gesamten Nahmittelost-Region heftige Kämpfe entflammten und es damit dem westlichen Bündnis – und nicht nur Israel – an militärischer Stärke fehlte, noch wirksam in Syrien eingreifen zu können.

 

 

Syrien soll Chemiewaffen einsetzen

 

In dem Wissen, dass der Iran im Rahmen seiner Absprachen zur Arbeitsteilung Syrien den Einsatz von Chemiewaffen vorbehalten hat, versicherte Nasrallah am Montag, die Hisbollah werde keine Chemiewaffen gegen Israel einsetzen. Dazu bestehe, wie er ausführte, keine Notwendigkeit,

da er in der Lage wäre, die gleichen Ziele durch den Abschuss von Langstreckenraketen gegen strategische Ziele in Israel zu erreichen. Auch auf diese Weise gelangten giftige chemische Substanzen in die Atmosphäre.

 

Im Persischen Golf wurde die ohnehin schon massive amerikanische Militärpräsenz möglicherweise im Vorgriff auf eine zweite Angriffswelle in diesem Monat noch weiter verstärkt. Sie besteht aus drei Trägerkampfgruppen, jeweils um die Flugzeugträger USS Dwight D. Eisenhower, USS Enterprise und USS Stennis, 55.000 Kampftruppen, die auf der jemenitischen Insel Sokotra und der omanischen Insel Masira stationiert sind, sowie einigen Hundert Kampfflugzeugen, die sich auf Stützpunkten in Kuwait, Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten befinden. Hinzu kommen noch britische und französische Marine- und Luftwaffeneinheiten.

 

In der näheren Umgebung stehen zudem umfangreiche Luftwaffen- und Marinekampftruppen Saudi-Arabiens und der Vereinigten Arabischen Emirate in Bereitschaft. Jede dieser Einheiten ist unabhängig in der Lage, eine zweite Angriffswelle gegen den Iran zu führen, sollte sie angegriffen werden.

 

Wie eine solche zweite Angriffsoffensive in diesem Kriegsgebiet dann tatsächlich aussieht, hängt sehr stark von den Entwicklungen an den anderen Kriegsfronten ab. (226)

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