Tempelhofer Freiheit

On April 23, 2014, in WW2 In Farbe, by admin

Seitdem vor ca. fünf Jahren der letzte Passagier auf dem Flughafen Tempelhof abgefertigt wurde, ist das riesige Areal mitten in unserer Stadt Objekt von Begi…
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10.000 Stunden

 

Michael Winkler, der Mann mit Visionen

Michael Winkler, der Mann mit Visionen

Es ist eine Faustregel, daß es 10.000 Stunden Übung braucht, um meisterliches Können zu erlangen. Das gilt für Sportarten wie Karate, Tennis oder Fußball, für künstlerische Tätigkeiten wie ein Instrument spielen, Schreiben oder Malen, aber auch für ein Handwerk wie Schreinern oder einen akademischen Beruf wie den des Arztes oder des Ingenieurs.

Gut, es ist eine Faustregel, es heißt nicht, daß ein Karatekämpfer, der “nur” 9.999 Übungsstunden hinter sich hat, von dem Meister mit 10.000 Stunden chancenlos verdroschen wird. Es heißt auch nicht, daß ein Chirurg solange assistieren muß, bevor er “seinen” ersten Blinddarm alleine entfernen darf, um anschließend eine erfolgreiche Herztransplantation durchzuführen, obwohl er noch nie zuvor eine gesehen hat. Ich versuche, die Entwicklung einmal ganz grob zu überschlagen.

Bitte beachten Sie, daß es sich bei den Zeitangaben um “Größenordnungen” geht. “Eine Stunde” dauert durchaus 30 bis 300 Minuten, “zehn Stunden” sind in Wirklichkeit Zeiten von fünf bis dreißig Stunden. Manche Leute sind sehr geschickt, andere stellen sich ausgesprochen dumm an. “Zehn” sind allerdings immer deutlich mehr als “eine” und deutlich weniger als “hundert”.

1 Stunde – “interessierter Laie”

Die eine Stunde ist der Unterschied zwischen gar nichts wissen und wenigstens zu wissen, worum es geht. Nach einer Stunde Kampfsport weiß der Laie, wie man eine Faust richtig ballt oder er hat die Anfangsgründe der Fallschule erlebt. Die eine Stunde reicht aus, um einem fachfremden Schauspieler ein bis drei Tricks beizubringen, die es ihm erlauben, eine einfache Kampfszene selbst zu spielen. Heinz Rühmann, der nun wirklich kein Action-Darsteller gewesen ist, hat in der Rolle des Pater Brown einmal einen “Schurken” mit einem Hüftwurf ins Hafenbecken befördert – eine einzige Aktion, keine fünf Sekunden Film, in einer Stunde eingeübt. Wenn der Schurkendarsteller sich gewehrt hätte, wäre es vermutlich anders ausgegangen.

Auf dem Klavier kann man dann eine Tonleiter klimpern, die Stunde genügt, um einen Baum zu fällen oder eine dicke Schweißnaht hinzubekommen. Man hat die Geräte mal in der Hand gehabt. Und ja, man kann einen Knopf annähen, ohne diese Stunde der Vorbildung. Professionell sieht das Ergebnis nicht aus, aber der Knopf hält. Millionen junger Männer haben das bei der Bundeswehr am eigenen Leib erfahren.

Diese erste Übungsstunde erfordert keinen Ausbilder, einfache Tätigkeiten kann jeder schnell erlernen. Es geht durch Versuch und Irrtum, durch Beobachten oder mit Hilfe einer gedruckten Anleitung. Man sollte jedoch nicht unterschätzen, was an Vorwissen vorhanden ist. Jedes Kind weiß heute, wie ein Schraubendreher funktioniert. Mit diesen Vorkenntnissen kann man einen Stecker an einem durchgeschnittenen Elektrokabel auswechseln, ohne zuvor einen Meisterbrief des Elektrohandwerks zu erwerben. Ein Kunstschreiner, der vor 200 Jahren gelebt hat, hätte trotz meisterlicher Fähigkeiten damit größte Probleme gehabt. Sein Kollege, der Uhrmachermeister, hätte es leichter, doch bei einer batteriebetriebenen Uhr wäre er zunächst ratlos davor gesessen.

10 Stunden – “Anfänger”

Nach zehn Stunden kann man Rad fahren oder schwimmen. Es reicht weder für die Tour de France – nicht mal mit einer bestens ausgestatteten Apotheke im Hintergrund – noch für eine Ärmelkanaldurchquerung, dafür sind noch viele Trainingsstunden erforderlich. Der Lernende hat die Grundlagen erworben, er weiß jetzt, was er alles noch nicht kann. Wer seiner Angebeteten unbedingt “Hänschen klein” vorklimpern will – zum Beispiel für eine Wette – muß mit diesem Zeitaufwand rechnen.

Wir sind hier in der Größenordnung eines Erste-Hilfe-Kurses, wir bekommen ein Tagesseminar zusammen, zur Fort- oder Weiterbildung. Wir sind sogar im Bereich der Führerscheinausbildung, auch wenn das mit der Theorie 30 bis 50 Stunden werden. Der Fahranfänger, der gerade seinen Führerschein ausgehändigt bekommen hat, steht am Anfang seiner Karriere als Kraftfahrer. Kein Betroffener sieht das ein, doch wirklich beherrschen wird er sein Fahrzeug erst nach drei bis fünf Jahren Praxis – und nach tausend Stunden.

Zehn Stunden Übung reichen sogar für Franz Beckenbauer oder Verona Poth, um einen 30-Sekunden-Werbespot mit einem einzigen kurzen Satz aufzunehmen. Der Judoschüler schafft es, dem Klassenschläger eine nette Überraschung zu bereiten. Zehn Stunden heißt, man weiß ungefähr, wie es geht, und kann jetzt selbständig mit dem eigentlichen Lernen anfangen. Als angehender Selbständiger habe ich vom Arbeitsamt ein einwöchiges Seminar bezahlt bekommen, in dem von der Buchführung über die Krankenversicherung bis hin zum Marketing alles behandelt worden ist – oder besser ausgedrückt, vorgestellt wurde.

Unter Anleitung – und mit Hilfe – eines Meisters kann ein Anfänger in dieser Zeit eine Messerklinge schmieden, einen Stuhl zimmern oder einen Trinkbecher aus Glas blasen. Ein richtiger Lehrling weiß nach diesen zehn Stunden gerade, welches Werkzeug er in die Werkstatt bringen soll.

100 Stunden – “Amateur”

100 Stunden, das bedeutet ein halbes Jahr Training zu jeweils zwei Doppelstunden pro Woche. Im Kampfsport gibt es nach dieser Zeit den “gelben Gürtel”, als Abzeichen, daß der Träger nicht mehr der totale Anfänger ist. Der Sport wirkt sich jetzt auf Kraft und Ausdauer aus, sogar die Figur hat sich verbessert.

Wenn eine Mutter ihre Tochter nicht gezielt für Küchen- und andere Haushaltsarbeiten ausbildet, sind diese “100 Stunden” das, was eine Tochter an “Ausbildung” mitnimmt, wenn sie das Haus verläßt. 100 Stunden in der Küche, 100 Stunden Hausputz, 100 Stunden flicken – das ist nicht viel, doch schon das kostet Mühe, wenn die junge Dame dazu keinerlei Lust hat. In früheren Zeiten hatten die Söhne noch nicht mal das, die angehenden Herren Studenten mußten erst mal durch Versuch und Irrtum lernen, eine Tütensuppe zuzubreiten.

Diese 100 Stunden sind ein “Kurs” oder ein “Lehrgang”, zwei Wochen am Stück oder eben ein halbes Jahr in den Abendstunden. Ein Astrologe ist danach so weit, daß ein Horoskop zu ihm spricht, daß er erste Zusammenhänge erkennt und deuten kann. Der Hobbymusiker in der Dorfkapelle darf ab dann mit, wenn dem Bürgermeister das Geburtstagsständchen gespielt wird. Bei der freiwilligen Feuerwehr kann der Helfer jetzt in den Einsatz, der Hobbyhandwerker schreinert oder schneidert ab dann “alles selbst”.

Diese Stufe ermöglicht es ehrgeizigen Müttern ihre Kinder auf die Bühne zu stellen, um dort Blockflöte zu spielen oder einen Volkstanz aufzuführen. Ich habe einmal einen Wirt erlebt, der konnte auf diesem Niveau Trompete spielen – und ich war hingerissen, denn solange er Trompete spielte, hat er nicht gesungen. Letzteres war noch nervtötender.

Der Lehrling kann jetzt erste Dinge selbständig erledigen, auf Anweisung seiner Vorgesetzten und Ausbilder. Das ist der erste Monat der Berufstätigkeit, er hat viel gesehen, eine erste Ahnung erworben, wie es geht. Der Lehrling ist dabei nicht wirklich schlechter als ein Geselle, er braucht nur deutlich länger und arbeitet umständlicher. Angelernte Kräfte gelten zu dieser Zeit bereits als eingearbeitet, in ihren einfachen Tätigkeiten werden sie ab dann nur noch schneller und genauer.

1.000 Stunden – “Könner / passionierter Hobbyist”

Fünf Jahre Kampfsport – das reicht zum Schwarzen Gürtel. Diese Könner sind allerdings Leute, die von Bruce Lee in den Filmen gerade einmal ein bis drei Schläge aushalten, bevor sie dekorativ in der Landschaft herumliegen. Bei schlechteren Regisseuren werden sie im Dutzend minutenlang durchgeprügelt, das zieht den Film in die Länge und spart dem Drehbuchautor Ideen. Der Untrainierte ist für diesen “Schwarzgurt” trotzdem nicht Gegner, sondern Opfer.

Tausend Trainingsstunden, das ist der Weg von der E-Jugend in die Kreisklasse. Das sind zweimal Training pro Woche und zwanzig Spiele im Jahr, über Jahre hinweg. Das ist der ambitionierte Amateur, der seinen Sport mit Hingabe ausübt. Das ist der Freizeit-Musiker, der in der Dorfkapelle oder im Schulorchester mitspielt, der im Bekanntenkreis bei Familienfeiern auftritt oder mit zwei bis drei Freunden in der Dorfdiskotheken.

Die 1.000 Stunden sind die Grenze vom Hobby zum Beruf. Der Lehrling mit seinem Acht-Stunden-Tag ist nach einem halben Jahr soweit, der ambitionierte Hobbykoch benötigt Jahre, um diese Stufe zu erreichen. Hier scheiden sich jedoch die Profis von den Amateuren durch die Intensität. Zweimal anderthalb Stunden Fußballtraining pro Woche und zwei Stunden Spiel am Samstag, das reicht für die Kreisklasse. Der Amateur wird durchaus noch besser, doch im Wesentlichen hat er damit die Grenzen seiner Möglichkeiten erreicht. Die Profis trainieren fünfmal die Woche vier bis sechs Stunden.

Der Schritt über diese 1.000 Stunden hinaus erfordert Zwang und Hingabe. Wobei der Zwang, mit einer Tätigkeit sein Geld zu verdienen, einen ganz starken Antrieb darstellt , weit wirksamer als die ehrgeizigste Mutter. Der Hobbykoch kocht “bei jeder Gelegenheit”, der Küchenchef hingegen täglich. Der Hobbyautor schreibt, wenn ihn die Muse küßt, der Schriftsteller schreibt täglich. Der Hobby-Pianist übt jeden Abend, eine halbe Stunde, zur Entspannung, der Klavier-Virtuose übt vier Stunden am Tag und gibt am Abend zwei Stunden ein Konzert. Das ist der Unterschied zwischen “ach, heute mal nicht” und “ich muß!”

Eine angelernte Kraft hat mit diesen 1.000 Stunden ihre volle Leistungsfähigkeit erreicht. Jetzt kann sie im Akkord mithalten, jetzt bekommt der Drücker seine zwanzig Zeitschriften­abos pro Tag zusammen. Wer sich für diese Tätigkeit nicht eignet, hört lange vorher auf, hält diese 1.000 Stunden ohne Zwang nicht durch.

In dieser Größenordnung, den 1.000 Stunden, bewegen sich halbjährige bzw. einsemestrige Praktika, das “praktische Jahr” in der Ärzte-Ausbildung oder das Referendariat bei Juristen. Ich habe eingangs ausgeführt, daß die “tausend” Stunden nicht mit der Stoppuhr gemessen werden, das können durchaus 2.500 Stunden Arbeitszeit sein.

5.000 Stunden – “Semiprofessionell / Geselle”

Rechnen Sie einfach mal nach – drei Lehrjahre zu je 220 Arbeitstagen zu je acht Stunden – dann kommen Sie auf diese Zahl und aus dem Lehrling wird der Geselle. Der junge Mann hat “ausgelernt”. Beim Sport tasten wir uns jetzt in den Bereich vor, in dem Deutsche Meisterschaften stattfinden. Beim Fußball sind wir jetzt in der dritten Liga angekommen, knapp unterhalb des bezahlten Sports. In “Randsportarten” wie Ringen, bei denen keine Millionengehälter bezahlt werden, ist das Erste Bundesliga.

Früher war der “Halbakademiker” ein abwertendes Schimpfwort, heute hingegen ist der “halbe” Akademiker ein ordentlicher Studienabschluß, der ach so moderne Bachelor. Vier bis fünf Semester, runde 5.000 Stunden (bei intensivem Studium), das sind die “Gesellen” im akademischen Betrieb. In früheren Zeiten sind ausgelernte Gesellen auf Wanderschaft gegangen, um von Meistern an anderen Orten mehr zu lernen, als die Heimat bieten konnte. Erst nach der “Walz” war ein Geselle voll ausgebildet. Die akademischen Gesellen müssen diese “Walz” in anderer Form auf sich nehmen, die Ausbildung im Betrieb, was heute als “Training on the Job” bezeichnet wird. Die 10.000 Stunden, die eigentliche Meisterschaft, müssen sich die jungen Bachelors erst noch erarbeiten.

5.000 Stunden, das ist der Orchestermusiker in einer Mittelstadt, der hauptberuflich als Musiklehrer arbeitet. 5.000 Stunden, das ist der Brotberuf, in dem keine Berufung gesehen wird. 5.000 Stunden, das ist gutes, grundsolides Handwerk, aber eben ohne “Talent”, ohne den letzten Schritt nach ganz oben.

5.000 Stunden erschaffen ein “Wunderkind”, einen “Jugendmeister”. Wolfgang Amadeus Mozart war kein “Talent”, das vom Himmel gefallen ist, sondern ein Kleinkind, das mit Musik infiziert worden ist. Ehrgeizige Eltern, die ihren Sohn von klein auf an die Instrumente gesetzt haben, die ihm die Grundlagen der Komposition beigebracht haben, die dem Wunderkind durch Auftritte Erfolgserlebnisse verschafft haben. Aus dieser enormen Trainingsleistung ist schließlich das Talent entstanden.

Andere “Wunderkinder” waren Boris Becker und Steffi Graf, die von den Eltern auf den Tennisplatz gekarrt worden sind. Auf dem Niveau der 5.000 Stunden überragende Jugendspieler, bei 10.000 Stunden schließlich “Ausnahmetalente”. Mehr an Wunder, als gezielt auf eine Filzkugel einzudreschen, sollte man von den beiden jedoch nicht erwarten, wie Boris Becker selbst bei seinen Werbeauftritten eindeutig vorführt.

10.000 Stunden – “Meister”

Drei Jahre Lehrling, drei Jahre Geselle – und die 10.000 Stunden sind erfüllt, der Lehrling ist zum Meister geworden. “Nebenberuflich” heißt, zehn Jahre lang tagtäglich drei Stunden üben, um zu diesem Erfolg zu kommen. Mit drei anfangen, um mit dreizehn herausragend zu sein, jeden Tag ans Klavier, jeden Tag an den Pinsel, jeden Tag an den Tennisschläger… Klavier, wenn andere Kinder Spaß haben. Klavier, wenn andere Kinder ins Schwimmbad gehen. Klavier, wenn andere Kinder Fußball spielen… Wenn man das Klavier nicht liebt, ist das nicht zu schaffen. Mit Schlägen, Druck und Zwang läßt sich das nicht erreichen. Die Mechanik, ja, aber “das Herz” ist nicht dabei, die Meisterschaft wird so nicht erlangt.

10.000 Stunden, das ist der Aufwand für ein klassisches Diplom-Studium. 10.000 Stunden, das sind heute “Bachelor” plus “Master”, so wie einst “Lehrling” und “Geselle”. Der Master hat endlich ausgelernt. Ob das Gelernte, ob der “Master” wirklich von Nutzen ist, steht auf einem anderen Blatt. “Master of Business Administration” ist ein Meister der Unternehmensverwaltung, mehr nicht. Er ist kein Unternehmensführer, sondern nur ein Verwalter, jemand, der den Beamtendreikampf “Lochen, Heften, Ablegen” auf der Basis eines Privatunternehmens beherrscht, ohne ein echter Unternehmer zu sein. Er hat das Unternehmertum nicht “mit der Muttermilch eingesogen”, sondern in der Theorie an Fallbeispielen erlernt.

Es gibt eine Art Sprichwort, wonach die erste Generation ein Unternehmen gründet, die zweite ein Unternehmen ausbaut und die dritte es zu Grunde richtet. Der ersten Generation fehlt das Geld, ihre Kinder machen Abitur, doch sie studieren nicht, sondern sie treten in die Firma ein. Von klein auf erleben sie die Sorgen ihrer Eltern, von klein auf werden sie mit unternehmerischen Entscheidungen und deren Auswirkungen konfrontiert. Anders ausgedrückt: Diese zweite Generation hat ihre 10.000 Stunden bereits absolviert, bevor sie richtig in den Beruf eintritt, als gelernte Unternehmer. Die dritte Generation wächst behütet auf, denn deren Eltern sind erfolgreich geworden, können Firma und Familie trennen. Die dritte Generation geht auf die Universität, wird dort “Wirtschaftsingenieur” oder eben “Meister der Unternehmensverwaltung” – und muß das, worauf es wirklich ankommt, erst mühsam lernen. Die 10.000 Stunden sind verstrichen, ins falsche Fach gewandert.

Niemand wird Meister ohne innere Hingabe. Der handwerklich gute Koch, der in einem soliden bürgerlichen Lokal arbeitet und jahrein, jahraus schmackhaftes Essen zubereitet, ist letztlich nur ein “Geselle”, ein Halbprofi, wenn ihm der Drang fehlt, sich weiterzuentwickeln, zu experimentieren, neue Gerichte und neue Geschmäcker zu entwickeln. Trotzdem leistet er gute Arbeit, wenn er die Gäste mag, die für die er kocht.

Die innere Einstellung verschafft dem Sportler die “zweite Luft”, der Wunsch, zu siegen, was immer es kosten möge, trägt den Amateur schließlich in die Weltspitze. Der Meister ist nie zufrieden, er findet immer etwas, was er verbessern kann. Und ja, ein Meister ist unglücklich, wenn man ihm sagt, das sei das Beste, was er jemals schaffen wird, denn er versteht es so, daß der Lobende ihm bescheinigt, seine Grenzen erreicht zu haben.

Talent = Hingabe

Ich habe meine 10.000 Stunden als Schriftsteller absolviert, indem ich angefangen habe zu schreiben. Erst platonisch, im Sinne von “alle Jahre wieder”, doch dann ernsthaft, drei Stunden am Tag. Wann ist endlich Feierabend, wann kann ich wieder an meinen Roman? Auf der Fahrt zur Arbeit, auf der Fahrt nach Hause, in der Mittagspause, im Schwimmbad – immer wieder habe ich an dem Roman gearbeitet, die Geschichte weiter entwickelt, mit den Figuren “gesprochen”, mich in einzelne Rollen hineinversetzt. Die 5.000-Stunden-Marke habe ich 1997 erreicht, mit meinem allerersten Buch. Ein Buch, das ich heute nicht mehr so schreiben würde, aber einen Meilenstein darstellt. Die 10.000 Stunden hatte ich überschritten, bevor ich den ersten Pranger ins Internet gestellt habe. Inzwischen übe ich nicht mehr, ich produziere. Doch den Papierkorb, den besten Freund des Schriftstellers, habe ich immer noch, auch wenn es ein elektronischer geworden ist. Sie bekommen die Texte nie so zu sehen, wie ich sie zuerst geschrieben habe.

Ich denke, ich kann deshalb mitreden, wenn es über Talent geht. Was Sie am Bildschirm lesen, ist das Ergebnis intensiver Vorbereitung. Einer Vorbereitung, die ich niemals auf mich genommen hätte, wenn es mir nicht großen Spaß gemacht hätte. Ich habe getan, was ich wollte, nicht, was ich mußte. Heute sieht das anders aus, denn heute muß ich, weil meine Leser auf die Tageskommentare und die Pranger warten. Hin und wieder ist es Zwang, der Text muß raus, auch wenn ich lieber an einem Buch schreiben würde. Damit bin ich nicht mehr Hobbykoch, sondern ein Küchenchef, der sich an seine Öffnungszeiten halten muß, auch wenn er gerade keine Lust hat zu arbeiten.

Es macht Spaß, Texte zu komponieren. Es macht Spaß, andere Menschen an meinen Träumen von Odalin teilhaben zu lassen. Es macht Spaß, den Lesern Sachverhalte und Zusammenhänge zu erklären, die ich in ganz normalen Fernsehnachrichten aufspüre. Und es macht Spaß, jene skurrilen Formulierungen und Bilder zu verwenden, die mir ohnehin im Kopf herumgehen. Ist das Talent? Es ist das Zusammentreffen einiger glücklicher Faktoren, gepaart mit Lebenserfahrung und einem guten Gedächtnis, das über Jahrzehnte mit Büchern gefüttert worden ist. Deshalb, als jemand, der hineingeschmeckt hat, beschreibe ich jetzt einen der ganz Großen:

Mozart hatte das Musikgehör, wie Tausende oder Millionen Menschen auch. Er hatte eine “Ader” für Musik, wie sehr viele Menschen. Und dann kamen die 10.000 Stunden dazu, die aus recht gewöhnlichen, weil vielfältig vorhandenen Anlagen, ein Supertalent geformt haben. Der gute Wolfgang Amadeus hatte Eltern, die ihm Musik vorgelebt haben. Er hat von klein auf die Instrumente bekommen, wurde ermutigt, damit zu spielen, er bekam Unterricht in seiner Familie – und es hat ihm gefallen! Denn nur, wenn einem das alles Spaß macht, entwickelt sich dieses Talent.

Der letzte Schritt, der zu dem führt, was als Talent bewundert wird, ist das Gefühl, zu dem, was man tut, berufen zu sein. Nicht musizieren oder komponieren, sondern die eigene Lebensaufgabe erfüllen, sich der Musik vollkommen hingeben. Das ist der Unterschied zwischen einem Musiker, ja sogar einem Weltklasse-Musiker, und einem Wolfgang Amadeus Mozart.

Es soll sie allerdings geben, die Leute, die das erste Mal einen Tennisschläger in die Hand nehmen und den Gegner gleich vom Platz fegen. Das ist kein gottgeschenktes Talent, sondern eine Vorbereitung, die anderweitig stattgefunden hat. Wem das gelingt, der hat zuvor nicht nur einarmiges Reißen in der Halbliterklasse trainiert, sondern sehr viel Zeit in eine andere Sportart investiert. Kraft, Ausdauer, Koordination fallen nicht vom Himmel, diese erworbenen Eigenschaften nutzen auf dem Tennisplatz. Der erfahrene Möbeltischler wird als Bauzimmermann nicht völlig versagen, auch wenn er noch nie einen Dachstuhl errichtet hat. Es gibt für praktisch alles dieses “Trockenschwimmen”, ein Lernen im verwandten Gebiet. Wer viel liest, erwirbt ein Gefühl für die Sprache, ohne selbst zu schreiben. Hanteltraining ergänzt heute alle Sportarten, selbst in der Leichtathletik. Ein Kind, das Spaß an der Bewegung hat, wird sich gerne bewegen. Wenn es mit sechs oder acht Jahren in den Sportverein eintritt, hat es trotzdem schon jahrelang Sport getrieben.

Training findet zudem im Kopf statt. Wer zusieht, wie etwas getan wird, lernt, auch wenn er es nicht selbst tut. Der Betreffende interessiert sich für die Zusammenhänge, wenn die Tätigkeit ihn irgendwie anspricht. Gerät er in eine Situation, die jenes Wissen erfordert, weiß er “instinktiv”, wie es geht, weil er sich gar nicht mehr daran erinnert, daß er genau das schon mal irgendwo mitbekommen hat. Der Hobbykoch kann bei Kochsendungen Anregungen erhalten, sich dabei weiterbilden, wo Andere sich nur für die Dialoge und die Prominenten interessieren, die in diesen Sendungen auftreten.

Das “Talent”, der Interessierte, lernt und trainiert bei jeder Gelegenheit, allein aus innerem Antrieb, aus eigenem Interesse. Dem Uninteressierten helfen selbst didaktisch aufgebaute Lehrfilme weniger, als dem Interessierten eine kleine, nebensächliche Filmszene. Wer den Garten als sein Hobby betrachtet, liest in seiner Fernsehzeitschrift die Artikel über Gartenpflege, die sein Mitmensch achtlos überblättert. Es gibt überall Gelegenheiten, dazu zu lernen.

Am deutschen Wesen soll die Welt genesen

Überrascht Sie diese Überschrift über den letzten Abschnitt? Hoffentlich – denn dann haben Sie schön brav in der Reihenfolge gelesen, die ich geplant hatte. Der Satz wird als Überheblichkeit angesehen, als Ausdruck eines “Übermenschentums” unterstellt. Was aber ist dieses “deutsche Wesen”? Deutschtümelei? Die Fähigkeit, in Reih und Glied zu marschieren? Der Wunsch, Befehle zu erhalten und befolgen zu dürfen? Der Aufbau einer ebenso umfassenden wie kleinkarierten Bürokratie?

Oh nein, das ist nicht Deutschland, das ist Deutschland, wie es von seinen inneren Feinden immer wieder dargestellt wird, um das noch radikaler auszumerzen, was Deutschland einst gewesen ist. Früher hatte man in Deutschland einen Beruf, heute nur noch einen Job. Den Beruf hatte man gelernt, gründlich und hingebungsvoll, um sich im stillen Stolz der erbrachten Leistung zu erinnern. Den Beruf nahm man mit nach Hause, den Beruf nahm man mit ins Grab. Dort auf dem Gedenkstein stand “Ofensetzer”, jemand, der noch der Nachwelt kündete, daß er ein rechtschaffener Handwerker gewesen war. Den Job heute gibt man am Zeiterfassungssystem ab, er dient nur dem Gelderwerb, erst mit diesem Geld wird schließlich gelebt, werden die Sinne betäubt, weil es am anderen Tag zurück geht in den ungeliebten Job. Wozu viel lernen, wenn schon im nächsten Monat ein anderer Job ansteht? Seien Sie flexibel, fordert der Mann von der Arbeitsagentur, der auch nur seinen Job macht, anstatt wie einst der Beamte dem Staat und damit dem Volk zu dienen.

10.000 Stunden sind verdammt viel Zeit, wenn man sie in einem Job verbringt. 10.000 Stunden sind dagegen wenig in einem Beruf. 50 Berufsjahre, und die auch noch bei derselben Firma, das ergab 100.000 Stunden, ein ganzes Arbeitsleben. Für diese Arbeit hat man gelebt, Firma und Arbeiter, das war ein gegenseitiges Treueverhältnis. Das war deutsch, das war preußische Arbeitsethik, schwäbisches Schaffen, hanseatische Kaufmannsehre und die Maloche im Kohlenpott, unter Tage und im Stahlwerk.

Der Betrieb bildete seine Arbeiter aus, er arbeitete sie gründlich ein, bildete sie fort und kümmerte sich um sie, wenn sie in Not gerieten. Heute werden die Jobber im Betrieb verbraucht. Wer anderswo erworbene Kenntnisse mitbringt, wird hochgelobt, wer Jahrzehnte der Erfahrung vorweisen kann, gilt als zu alt und wird abgeschoben. In Jobtuende wird nicht investiert, wenn ihre Kenntnisse veralten, werden sie ersetzt. Bildet eine Firma die Jobtuenden weiter, versuchen diese, ihren gestiegenen Marktwert woanders zu realisieren. Treue und Loyalität sind Werte von vorgestern, angestaubt und unmodern.

Die mangelnde Zuneigung wird ebenso herzlich erwidert. Früher dachte der Einzelne für den Betrieb mit, tüftelte in seiner Freizeit, was im Betrieb zu verbessern sei. Der heutige Massenmensch folgt den Verlockungen der Werbung, in der immerwährender Urlaub herrscht. Er überlegt am Arbeitsplatz, in welchem Vergnügungstempel er das Wochenende verleben will und mit wem. Dazu paßt der zeitweise Lebensabschnittspartner, der ausgewechselt wird, sobald er an Unterhaltungswert verliert. 10.000 Stunden des Zusammenseins sind heute schon die Ausnahme in einer “lebenslang” geschlossenen Ehe. Ziehen Sie die Zeiten der Bewußtlosigkeit ab, in der die Eheleute nebeneinander schlafen, rechnen Sie nur die Zeit, die Eheleute bewußt miteinander verbringen – wenn das drei Stunden am Tag sind, müßte die Ehe zehn Jahre halten.

Eine Zeit ohne Bindungen ist eine Zeit ohne Wurzeln. Wenn der Wohnort – die Heimat – beliebig wird, der Beruf nur ein zeitweilig und bald wieder wechselnder Job ist, wenn der Ehegatte gegen Kurzzeitbeziehungen ohne gegenseitige Verpflichtung eingetauscht wird, was bleibt dann von einem Menschen übrig? Er wird zum Blatt im Wind, jederzeit austauschbar, jederzeit ersetzbar, ohne einen eigenen Wert.

10.000 Stunden, wer diese Zeit vor sich hat, um die Meisterschaft zu erlangen, dem türmen sie sich wie ein unüberwindlicher Berg auf. Doch dieser Berg lädt ein, ihn zu besteigen. An manchen Stellen ist er steil, ragt abweisend auf, doch an anderen bietet er sanfte Wanderwege, bei denen man erst in der Rückschau erkennt, wie weit man darauf emporgestiegen ist. Wer sich anstrengt, kann scheitern. Es kann ihm durchaus der Erfolg versagt bleiben, das ist richtig. Wer sich jedoch nicht anstrengt, wer es gar nicht erst versucht, dem wird es auf keinen Fall gelingen. Dessen Name wird nichtssagend auf einem Grabstein stehen, halb vergessen sogar von jenen, die ihn zu Lebzeiten Freund genannt hatten.

Diese alte gewachsene Bindung, nicht der protzende, sondern der stille, in sich ruhende Stolz auf die eigene Leistung, das ist dieses deutsche Wesen, das uns in den letzten 60 Jahren aberzogen werden sollte. Wer durch glücklichen Zufall einen Erfolg errungen hat, der kann protzen, ja, er muß es sogar, um die eigene Unzulänglichkeit zu überdecken. Wer sich seiner Leistung sicher ist, wer genau weiß, daß er sie jederzeit wiederholen kann, der ruht in sich. Er dankt für verdiente Würdigung, aber er muß sich nicht herausstreichen, nicht Andere verdrängen, sondern kann deren Leistung gleichermaßen anerkennend neben der seinen stehen und bestehen lassen.

Das war es, was das Made in Germany ausgemacht hat, das war das Geheimnis der deutschen Wertarbeit. 10.000 Stunden, Hingabe an den Beruf und die sichere Gewißheit, daß das Werk den Meister in einer Weise loben wird, daß der Meister es nicht nötig hat, sein Werk zu loben.

Ich möchte mit einer japanischen Fabel schließen: Der gottgleiche Kaiser von Japan beauftragt einen berühmten Künstler, ihm ein Bild zu malen. Monate gehen ins Land, der Kaiser schickt immer wieder Boten, die mit der Nachricht zurückkehren, daß der Künstler nicht fertig sei. Endlich geht der Kaiser selbst zu dem Künstler. Der verbeugt sich, nimmt ein Blatt Papier, Tusche und Pinsel – und binnen einer Minute entsteht das vollkommenste Bildnis, das der Kaiser je gesehen hatte. Der Kaiser freut sich über das Bild, aber er will trotzdem wissen, wieso er darauf so lange warten mußte, wo es doch so schnell anzufertigen war. Da zeigt ihm der Künstler einen Raum, in dem riesige Mengen von Papier lagern, zahllose Tuschezeichnungen minderer Qualität, angefertigt in Tausenden Stunden der Übung, um jene Meisterschaft zu erlangen, die dem Kaiser so vollendet vorgeführt worden war. Da erst hatte der gottgleiche Kaiser verstanden, daß er nicht das Produkt einer einzigen Minute, sondern die Summe des Könnens aus einem ganzen Leben in den Händen hielt.

© Michael Winkler

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EU-Präsident, Friedensnobelpreisträger und Poet Herman Van Rompuy über seine Erinnerungen an einen Abend in Oslo: „Ich werde nie vergessen, wie Hollande die Hand von Merkel ergriffen hat und sie aufgestanden sind. Das war ein sehr bewegender Moment.“ (Foto: dpa)

EU-Präsident, Friedensnobelpreisträger und Poet Herman Van Rompuy über seine Erinnerungen an einen Abend in Oslo: „Ich werde nie vergessen, wie Hollande die Hand von Merkel ergriffen hat und sie aufgestanden sind. Das war ein sehr bewegender Moment.“ (Foto: dpa)

In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung gab der scheidende Ratspräsident Herman Van Rompuy einen aufschlussreichen Einblick in die Bedeutung, die die Demokratie in der EU heute spielt.

Kurz gefasst: Keine.

Im Technokraten-Jargon Van Rompuys, zum Mitschreiben:

Der Ratspräsident sagte auf die Frage, warum sich kaum einer in Europa für die Europawahl interessiere:

Es gab immer geringe Wahlbeteiligungen, von 1979 bis heute, also lange vor der Finanzkrise und auch vor der Euro-Krise. Die Bürger waren nicht so interessiert, weil es ihr tägliches Leben nicht beeinflusst hat.“

Das sei heute anders, entgegnet die SZ. Van Rompuy:

„Ja, Europa verändert unseren Alltag. Und natürlich spielt das Europäische Parlament eine wichtige Rolle, spätestens seitdem der Lissabon-Vertrag gilt. Aber die Bürger wissen auch, dass die großen Entscheidungen nicht nur im Parlament fallen, sondern auch woanders.

Die SZ, aufgeschreckt, weil sie eigentlich lieber hätte hören wollen, dass doch alle als gute Demokraten zur EU-Wahl gehen sollten, fragt nach: „Nämlich wo?“

Van Rompuy:

„Im Europäischen Rat, unter den Staats- und Regierungschefs. Dieser Unterschied zwischen dem Parlament und denen, die wirklich entscheiden, ist den Bürgern sehr klar.“

Die SZ fragt, ob der Spitzenkandidat einer der großen Parteien die besten Chancen habe, Kommissionspräsident zu werden.

Es ist Van Rompuy hoch anzurechnen, dass er den ganzen Popanz um einen „Wahlkampf“ von zwei Spitzenkandidaten, die eine demokratische Wahl schlagen, bei der die Bürger wenigstens indirekt das Recht haben, mitzubestimmen, ins Reich der Träume verweist. Er hält nichts von der Idee der Spitzenkandidaten, weil sich die EU-Bürger gar nicht für das EU-Parlament interessieren. Van Rompuy:

„Ich bin kein begeisterter Anhänger dieser Idee mit den Spitzenkandidaten. Das wird, vorsichtig gesagt, das Verhalten der Wähler nicht groß beeinflussen. Der Wahlausgang hängt von vielen anderen Faktoren ab, von nationalen Sensibilitäten, die nichts mit Europa oder Spitzenkandidaten zu tun haben.“

Sodann schildert Van Rompuy, wie der Kommissionspräsident wirklich bestellt wird. Die SZ fragt: „Sie haben die Chefs (der Parteien, vermutlich meint die SZ nur die großen, Anm.d.Red.) zum Abendessen eingeladen, zwei Tage nach der Wahl. Wird der Kommissionspräsident zwischen den Gängen ausgehandelt?“

Van Rompuy:

„Der Lissabon-Vertrag sieht vor zu verhandeln. Der Europäische Rat wird also jemanden bestimmen, der mit dem Parlament redet. Dann werde ich mit den, sagen wir mal, Wünschen des Parlamentes konfrontiert. Der Vertrag schreibt allerdings vor, dass ich zwei Mehrheiten brauche. Eine Mehrheit im Parlament. Und, ganz wichtig, der Rat wird einen Vorschlag machen.“

Bei der Ernennung seien ganz andere Kriterien wichtig als die Frage, ob jemand eine Mehrheit bei den Wählern hat. Van Rompuy:

„Es ist vollkommen egal, ob der Kandidat ein Deutscher ist. Es stellen sich ganz andere Fragen, etwa: Kann ein Politiker aus dem Süden Kommissionschef werden? Oder aus einem Land, das den Euro-Rettungsschirm gerade verlassen hat? Kann es ein Kandidat aus einem Nicht-Euro-Land sein? Und vergessen Sie nicht, dass wir ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Männern und Frauen wollen.“

Van Rompuy offenbarte sich an einer anderen Stelle mit einem Detail, das viel über die Wirkungsweise der EU aussagt. Befragt über die Krise, definierte Van Rompuy seine Sicht auf die EU:

„Europa ist anders. Sie haben 28 Hauptstädte. Manche sind wichtiger als andere. Und Sie haben die europäischen Institutionen. Und wir hängen ab von den Finanzmärkten. Am Anfang der Krise hatten wir oft den Eindruck, die Märkte seien mit in dem Raum gewesen, in dem wir Beschlüsse gefasst haben…“

Das bedeutet: Die Völker Europas sind nicht in dem Raum gewesen, in dem Politiker, deren Namen und Funktionen die meisten der betroffenen Bürger gar nicht kennen, über das Schicksal der EU-Bürger entschieden haben. Aber die Märkte, von denen die EU „abhängt“, haben eine starke Präsenz gezeigt.

Der Grund dafür liegt darin, dass die EU in ihrer gegenwärtigen Form nichts anderes ist als ein großer Lobbyverein für die international agierenden Parteienkonzerne. Deren Geschäftsmodell besteht darin, den Bürgern vorzugaukeln, sie selbst könnten über ihr Schicksal bestimmen. Um dies möglichst ohne Arbeit und Anstrengung zu bewerkstelligen, hat sich das Kartell der Parteien mit dem Kartell der Finanzindustrie zusammengeschlossen. Sie betrieben gemeinsam den Turbo-Vertrieb von Schulden: Die Parteien-Konzerne lassen sich ihre Schulden von den Banken finanzieren, dafür sind „die Märkte“ mit im Raum, wenn es hart auf hart kommt.

Man muss Van Rompuy, den hölzernen Bürokraten, den in Europa niemals mehr als 1 Prozent der Bürger wählen würde, dafür loben, dass er nicht um den heißen Brei herumredet. Das EU-Parlament dient nicht der demokratischen Willensbildung in Europa. Es ist ein zusätzliches Versorgungsreservoir für die Parteien-AGs (Mathew D. Rose). Denn um einen „Wunsch“ an den Rat zu richten, braucht man keine 751 Abgeordneten.

In der Logik Van Rompuys würde es nämlich reichen, wenn die 28 nationalen Parlamente ein Votum hätten – das genauso wenig bindend ist wie das des monströsen EU-Parlaments.

Doch dann würde man dem europäischen Steuerzahler Geld sparen, und er könnte es für Dinge ausgeben, über die er privat entscheiden möchte, ganz ohne staatliche Bevormundung. Das wäre jedoch ein fundamentaler Verstoß gegen das Geschäftsmodell der Parteien-Konzerne. Sie haben sich nämlich nicht nur die einzelnen Nationen Europas unter den Nagel gerissen. Sie haben ihren eigenen Bürgern eingeredet, dass es zu vollkommenen Glück auch den „Überbau“ eines EU-Parlaments geben müsse.

So kommen die Parteien in den Genuss ihres „vollkommenen Glücks“: Sie können herrschen, ohne kontrolliert zu werden. Sie können Verordnungen erlassen, für die sie als Industrie-Lobbyisten wieder kassieren – und keiner kann es ihnen nachweisen. Sie können „Deals“ abschließen, über die niemand erfährt, solange die Deals verhindert werden könnten (wie etwa die Freihandelsabkommen). Sie können sogar Krieg spielen, wie in der aktuellen Ukraine-Krise. Und die Parteien-Konzerne können alle Kritiker ihrer Machenschaften mundtot machen mit dem Hinweis auf das EU-Parlament, das sie den Wählern als Vorzeige-Institution der europäischen Demokratie andrehen wollen.

Herman Van Rompuys: „Dieser Unterschied zwischen dem Parlament und denen, die wirklich entscheiden, ist den Bürgern sehr klar.“ – ist ein Wahlaufruf, der an dialektischer Frivolität nicht zu überbieten ist.

Denn: Wer hingeht und wählt, macht sich zum Affen – weil ihm vor der Wahl erklärt wurde, seine Stimme sei wertlos. Wer nicht hingeht, bestärkt jedoch die Technokraten-Fraktion in der EU. Sie werde die schlechte Wahlbeteiligung zu ihren Gunsten umdeuten und sagen: „Die Leute in Europa sind so intelligent! Sie wissen, dass das Parlament nichts ausrichten kann. Der Unterschied zwischen dem Parlament und denen, die wirklich entscheiden, ist den Bürgern sehr klar. Lasst uns machen im Hinterzimmer, das ist für alle das Beste…“

Vor vielen Jahrzehnten hat der Niedergang der Demokratie damit begonnen, dass das Parlament als „Quatschbude“ diffamiert wurde.

Doch mit historischen Barbaren kann der feinsinnige Ratspräsident (“Wenn ich mein Büro verlasse, bin ich nicht von Feinden umgeben“) Herman Van Rompuy nicht verglichen werden.

Die SZ fragte den Präsidenten: „Waren sie mal richtig glücklich, dieses Amt zu haben?“

Van Rompuy antwortet wörtlich (Achtung, das ist jetzt keine berüchtigte DWN-Satire):

„Das war im Rathaus in Oslo, als wir den Friedensnobelpreis für die Europäische Union entgegengenommen haben. Ich hätte mir viele Sachen im Leben ausmalen können, aber das nicht. Ich werde nie vergessen, wie Hollande die Hand von Merkel ergriffen hat und sie aufgestanden sind. Das war ein sehr bewegender Moment.“

Tränen.
Vorhang.
Aquavit.

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USA entsenden Soldaten nach Osteuropa

On April 23, 2014, in Endzeit, by admin

Die USA wollen angesichts der Spannungen in der Ukraine rund 600 Soldaten zu militärischen Manövern nach Polen und in die drei baltischen Staaten entsenden. Zum Zwecke einer “anhaltenden Rotationspräsenz” schicke die USA in jedes der vier Länder jeweils eine Gruppe von 150 Soldaten, erklärte das US-Verteidigungsministerium am Dienstag. Die Entsendung der Truppen sende ein deutliches Signal an die Verbündeten, erklärte Konteradmiral John Kirby. “Wir nehmen unsere Verpflichtungen in Europa sehr, sehr ernst.” Die Manöver sollen bis zum Ende dieses Jahres dauern und Kirby ließ offen, ob sich der Einsatz auch ins kommende Jahr erstrecken könnte.

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Am Potsdamer Platz in Berlin mahnten rund 4.000 Teilnehmer die Medien und Politiker zu einer friedlichen Lösung im Ukraine-Konflikt an. (Foto: DWN/ David Kizner-Zamudio)

Am Potsdamer Platz in Berlin mahnten rund 4.000 Teilnehmer die Medien und Politiker zu einer friedlichen Lösung im Ukraine-Konflikt an. (Foto: DWN/ David Kizner Zamudio)

Tausende Deutsche kamen am Ostermontag zu Demonstrationen zusammen, um für den Frieden in Europa und gegen die Anheizung der kriegerischen Töne um die Ukraine zu demonstrieren.

In Berlin folgten am Ostermontag rund 4.000 Menschen dem Aufruf zum friedlichen Widerstand. Auf einer sogenannten „Mahnwache für den Frieden“ appellierten Teilnehmer und Redner an Politiker und Medien, eine friedliche Lösung der Krise in der Ukraine anzustreben. Sie kritisierten unter anderem die Berichterstattung der Medien in dem Konflikt, weil die Russland pauschal als den Aggressor darstellt und die Rolle der EU und der Nato-Staaten nicht hinterfragt werde.

Der Initiator der „Mahnwachen für den Frieden“ ist der Berliner Lars Mährholz. Die Lage in der Ukraine hat ihn dazu bewogen, auf die Straße zu gehen und zum friedlichen Widerstand aufzurufen. Er versteht die Veranstaltung mehr als Kundgebung und nicht als Demonstration, denn Letztere werde häufig mit einer destruktiven Anti-Haltung verbunden. Die Mahnwachen stehen dagegen unter dem Motto „Für Frieden auf der Welt, für eine ehrliche Presse und gegen die tödliche Politik der Federal Reserve Bank“. Mährholz strebt den gesamt-gesellschaftlichen Schulterschluss an und richtet sich deshalb mit seinem Aufruf an alle Bevölkerungsschichten, Glaubensrichtungen, Ethnien und politische Richtungen, die um ein friedliches Zusammenleben bemüht sind.

Die Mahnwachen finden in Erinnerung an die Volksaufstände 1989 in der DDR immer montags statt. In Berlin fand die erste Mahnwache mit 100 spontanen Teilnehmern am 17. März am Brandenburger Tor statt. In der ersten Woche waren es bereits 400 Teilnehmer, die sich über die Facebook-Seite vernetzten. Schließlich versammelten sich am 31. März mehr als 2.000 Menschen am Brandenburger Tor.

Die Initiatoren distanzierten sich ganz klar von Rechts- und Linksextremismus, Antisemitismus und Gewalt in jeder Form. 

Mittlerweile rufen die Menschen in 26 Städten zum friedlichen Widerstand auf, darunter in Aachen, Berlin, Bonn, Bremen, Bremerhaven, Dortmund, Dresden, Erfurt, Essen, Frankfurt a.M., Gronau, Hamburg, Hannover, Ingolstadt, Köln, Leipzig, Magdeburg, Nürnberg, München, Regensburg, Rheine, Saarbrücken, Uelzen und Wilhelmshaven.

Impressionen der Montagsdemo am Potsdamer Platz:

Die Medien haben mit ihrer einseitigen Berichterstattung zur Verschärfung des Ukraine-Konflikts beigetragen. (Foto: DWN/ David Kizner-Zamudio)

Die Medien haben mit ihrer einseitigen Berichterstattung zur Verschärfung des Ukraine-Konflikts beigetragen. (Foto: DWN/ David Kizner-Zamudio)

Auf der Kundgebung waren Teilnehmer aller Altersklassen vertreten. (Foto: DWN/ David Kizner-Zamudio)

Auf der Kundgebung waren Teilnehmer aller Altersklassen vertreten. (Foto: DWN/ David Kizner-Zamudio)

Ein Graffiti-Künstler verlangt eine friedliche Lösung der Ukraine-Krise. (Foto: DWN/ David Kizner Zamudio)

Ein Graffiti-Künstler verlangt eine friedliche Lösung der Ukraine-Krise. (Foto: DWN/ David Kizner Zamudio)

Die Kundgebung am Potsdamer Platz verlief friedlich. (Foto: DWN/ David Kizner Zamudio)

Die Kundgebung am Potsdamer Platz verlief friedlich. (Foto: DWN/ David Kizner Zamudio)

Aufruf zur Montagsdemo auf einem Aston Martin. (Foto: DWN/ David Kizner Zamudio)

Aufruf zur Montagsdemo auf einem Aston Martin. (Foto: DWN/ David Kizner Zamudio)

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Polnische Fachkräfte bleiben heute lieber in der Heimat, als Jobs in anderen EU-Staaten zu suchen. (Foto: dpa)

Polnische Fachkräfte bleiben heute lieber in der Heimat, als Jobs in anderen EU-Staaten zu suchen. (Foto: dpa)

Die Migration von Polen in die anderen Staaten der EU hat massiv nachgelassen, sagt der polnische Botschafter in Großbritannien. In der kommenden Woche jährt sich der EU-Beitritt Polens zum zehnten Mal.

Botschafter Witold Sobkow sagte, dass eine wachsende Zahl von Polen ein Leben in der aufblühenden Wirtschaft des eigenen Landes vorzieht. „Diese riesige Welle von Menschen, die in EU-Staaten kam, um gut bezahlte Arbeit zu finden, ist vorbei, zitiert ihn der britische Independent. Die Löhne in Polen seien heute höher. Zudem gebe es mehr Jobs in vielen Teilen des Landes.

Polen lasse die Krise hinter sich und es gebe immer mehr Chancen, so der polnische Botschafter in Großbritannien. Die Leute hätten Großbritannien gern, aber nirgends sei es eben so schön wie zuhause. „Die Menschen sprechen dieselbe Sprache, es ist dieselbe Kultur, dasselbe Bildungs- und Gesundheitssystem.“ Wenn es zuhause gut bezahlte Arbeit gebe, dann blieben die Polen dort.

Im Jahr 2007 kamen noch 88.000 Polen nach Großbritannien. Im Jahr 2012 waren es nur noch 29.000 Migranten. Neuere offizielle Zahlen sind noch nicht verfügbar.

Laut einer Prognose der britischen Regierung hätten nach 2004 eigentlich nur etwa 13.000 Migranten aus der EU ins Land kommen sollen. Tatsächlich kamen insgesamt mehr als eine Millionen Migranten, zwei Drittel davon aus Polen.

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Bitcoin ist noch immer ein Nischenmarkt für kleine Leute. Große Fonds wollen das ändern. (Foto: dpa)

Bitcoin ist noch immer ein Nischenmarkt für kleine Leute. Große Fonds wollen das ändern. (Foto: dpa)

Derzeit entstehen mehrere Investment-Fonds, die Bitcoin in der Finanzwelt populärer machen sollen. Um auch traditionelle Investoren für die Internet-Währung zu gewinnen, setzen die Fonds-Manager auf Risiko-Begrenzung und auf staatliche Kontrolle.

Der Bitcoin Investment Trust (BIT) hält nach Angaben des Fonds-Chefs Barry Silbert bereits mehr als 100.000 Bitcoin. Das entspricht derzeit etwa 36 Millionen Euro. Noch ist der BIT eine rein private Anlage, berichtet Coindesk. Doch sobald er Ende 2014 für alle Investoren öffnet, wird er voraussichtlich eine neue Sorte von Bitcoin-Investoren anziehen.

Jeder Investor in den USA mit einem Wertpapier-Konto wird Anteile kaufen können“, zitiert die Financial Times den BIT-Chef. Der Anlagefonds orientiert sich an den Bitcoin-Preisbewegungen. Auf diese Weise könne Anleger vom Kursanstieg profitieren, ohne Bitcoin direkt kaufen zu müssen. Die Bitcoin-Vermögen werden von sicher verwahrt, so Silbert.

Der BIT wird von Ernst & Young geprüft. Er soll außerbörslich gehandelt werden. Dazu benötigt er die Erlaubnis der Finanzaufsicht.

Silberts BIT zielt auf denselben Markt wie der Winklevoss Bitcoin Trust. Tyler und Cameron Winklevoss reichten ihren Bitcoin Investment-Fonds im Juli 2013 ein. Bis Ende des Jahres 2014 rechnen sie mit der Zulassung.

Doch Silberts BIT hat den Vorteil, dass er kein börsengehandelter Fonds ist. Anders als die Winklevoss Brüder benötigt Silbert daher nicht die Erlaubnis der US-Börsenaufsicht SEC, sodass der Zulassungsprozess voraussichtlich deutlich schneller verläuft.

Silberts BIT und der Winklevoss Bitcoin Trust werden die Art und Weise verändern, wie Investoren die Internet-Währung sehen. Die Fonds zielen auf traditionelle Investoren ab, die große Risiken vermeiden und eine staatliche Regulierung zur Bedingung für ihre Investitionen machen.

Noch haben traditionelle Groß-Investoren kaum in Bitcoin investiert. Die Internet-Währung ist noch immer eine Nische für kleine Leute. Denn es gibt kaum Hürden die dem Kauf und der sicheren Verwahrung im Wege stehen. Die Marktkapitalisierung von Bitcoin liegt derzeit bei nur 4,5 Milliarden Euro.

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Der ukrainische Premier Arseni Jazenjuk folgt US-Vizepräsident Joe Biden bei dessen Besuch in Kiew. (Foto: dpa)

Der ukrainische Premier Arseni Jazenjuk folgt US-Vizepräsident Joe Biden bei dessen Besuch in Kiew. (Foto: dpa)

Die USA sagen in der Ukraine-Krise der Regierung in Kiew neue Hilfen zu und erhöhen den Druck auf Russland. US-Vizepräsident Joe Biden betonte am Dienstag nach einem Treffen mit Übergangsregierungschef Arseni Jazenjuk in Kiew, die US-Regierung habe gegenüber der Führung in Moskau deutlich gemacht, dass weitere Provokationen Folgen haben würden. Russland müsse die Genfer Vereinbarungen umzusetzen und seine Truppen von der Grenze abziehen. Anderenfalls drohe eine größere Isolation. Die Zeit laufe ab, warnte Biden. Der Ukraine versicherte der Vizepräsident, der der höchstrangige US-Besucher seit Ausbruch der Krise ist: “Wir wollen Ihr Partner und Freund sein.” In der Ost-Ukraine hielten pro-russische Separatisten weiter Gebäude besetzt und verstießen damit gegen die Vereinbarungen. Polen und Großbritannien legten Vorschläge vor, um Europa unabhängiger von russischem Erdgas zu machen.

Die US-Regierung kündigte parallel zu dem Besuch weitere Hilfen von insgesamt 58 Millionen Dollar an – verglichen mit den Bedürfnissen des Landes und einer früheren Kredit-Garantie über eine Milliarde Dollar eine kleine Summe. Ein Teil des Geldes soll für die Realisierung der Präsidentenwahl am 25. Mai verwendet werden, die Biden zufolge “die wichtigste Wahl in der Geschichte der Ukraine” werden könnte. Er forderte die Regierung in Kiew mit Nachdruck auf, gegen Korruption im Lande vorzugehen.

An Russland gerichtet erklärte Biden, die Regierung müsse endlich den Worten Taten folgen lassen. “Keine Nation darf ihren Nachbarn drohen, indem sie Truppen an der Grenze zusammenzieht”, sagte er nach dem Treffen mit Jazenjuk. Diese müssten abgezogen werden. Jazenjuk warf seinerseits Russland vor, die Präsidentenwahl durch den Einsatz von Sondereinheiten im Osten des Landes stören zu wollen. Zudem müsse die Regierung in Moskau ihre Truppen von der Krim abziehen. Die Russische Förderation hat die Halbinsel inzwischen zu ihrem Staatsgebiet erklärt.

Ein weiteres Thema bei dem Biden-Besuch war der Aufbau einer sicheren Energieversorgung. Die Ukraine deckt gegenwärtig mehr als die Hälfte ihres Bedarfs mit russischem Gas. “Stellen Sie sich vor, Sie könnten Russland heute sagen: ‘Behaltet euer Erdgas’”, sagte Biden. “Es wäre eine ganz andere Welt.” Auch die EU könnte von diesem Aspekt des Streits betroffen sein: Sie erhält ein Drittel ihres Gases aus Russland. Davon fließen 40 Prozent über die Ukraine. Die USA haben dagegen durch die umstrittene Förderung von Schiefergas ihre Abhängigkeit von Energie aus dem Ausland deutlich verringert.

Polens Ministerpräsident Donald Tusk forderte in der “Financial Times”, nun müsse auch die EU vermehrt auf dieses Verfahren zurückgreifen. Er schlug den Aufbau einer Europäischen Energieunion nach dem Vorbild der Bankenunion vor. Dazu gehöre eine Zentrale, die Gas für alle 28 Mitgliedsländer einkaufe sowie ein Solidaritätsmechanismus, über den EU-Staaten bei Engpässen unterstützt werden könnten. Der britische Energieminister Ed Davey kündigte einen Vorstoß auf einem Treffen mit seinen G7-Kollegen im Mai an, um die Vormachtstellung Russlands bei der Erdgas-Versorgung zu brechen. “Es kann nicht sein, dass Russland einzelne Staaten erpresst”, erklärte er der “Times”.

Russlands Ministerpräsident Dmitri Medwedew bezeichnete europäische Überlegungen zum Import amerikanischen Erdgases dagegen als Bluff. Auch Präsident Wladimir Putin hat erklärt, Europa komme ohne Erdgas aus seinem Land nicht aus. Der staatliche Versorger Gazprom teilte am Dienstag mit, die Erdgasnachfrage in Europa werde langfristig sogar zunehmen. Man stehe bereit, diese zu bedienen.

In der Ost-Ukraine hielten Bewaffnete pro-russische Separatisten weiter mehrere Regierungsgebäude besetzt. Damit verstießen sie gegen eine am Donnerstag zwischen der Ukraine, Russland, den USA und der EU in Genf geschlossene Vereinbarung, auf der die Hoffnungen für eine friedliche Lösung der Krise ruhen. Die OSZE sprach von konstruktiven Gesprächen mit den Separatisten. Der Westen hat mit neuen Sanktionen gegen Russland gedroht, sollte die Regierung in Moskau nicht mäßigend auf sie einwirken. Russland hat seinerseits von den USA verlangt, ihren Einfluss auf die Regierung in Kiew zu nutzen, um die Lage nicht weiter anzuheizen.

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Drei Finanzinstitute verschaffen dem italienischen Premier Matteo Renzi Luft: Unter Leitung des Finanzinvestors KKR werden faule Kredite in eine Bad Bank ausgelagert. (Foto: MAURIZIO BRAMBATTI/dpa)

Drei Finanzinstitute verschaffen dem italienischen Premier Matteo Renzi Luft: Unter Leitung des Finanzinvestors KKR werden faule Kredite in eine Bad Bank ausgelagert. (Foto: MAURIZIO BRAMBATTI/dpa)

Die beiden größten italienischen Banken UniCredit und Intesa Sanpaolo wollen vor dem europaweiten EZB-Stresstest einen Teil ihrer faulen Kredite auslagern. Beide Institute sowie der US-Finanzinvestor KKR unterzeichneten dazu eine Absichtserklärung. Es soll eine spezielle Gesellschaft geschaffen werden, die sich um die Problemkredite kümmert. In einer Erklärung der Banken hieß es am Dienstag, die Details der Zusammenarbeit würden noch ausgehandelt.

Für italienische Unternehmen mit hohen Schulden und Problemen wird es eng: Der Finanzinvestor KKR steigt in eine Bad Bank ein. In einem solche unregulierten Unternehmen versuchen Finanzinvestoren in der Regel, Schulden in Eigentumsanteile zu verwandeln. Der Prozess endet oft in der Zerschlagung des verschuldeten Unternehmens.

Mit dieser Bad Bank ergeben sich für KKR, der erst kürzlich beim Fußballverein Hertha BSC eingestiegen ist, attraktive Profitmöglichkeiten: KKR ist eine sogenannte Schattenbank. Das Unternehmen unterliegt keiner wie immer gearteten Regulierung. Wegen der niedrigen Zinsen der Zentralbanken sind faule Kredite für Finanzinvestoren ein gutes Geschäft: Sie erhalten höhere Zinsen, weil die Kredite ja riskant sind. KKR wird nun in aller Ruhe versuchen, die Kredite entweder einzutreiben oder aber in Beteiligungen umzuwandeln. Schon seit mehreren Monaten haben zahlreiche Banken vor allem aus Südeuropa ihre faulen Kredite an US-Investoren verkauft. Am Ende des Prozesses könnte KKR auf diesem Weg Eigentümer an hoch verschuldeten Unternehmen werden. Über diesen Weg können die Unternehmen zerschlagen und verkauft werden.

Für die Banken übernimmt KKR gewissermaßen die Schmutzarbeit: Die Banken können Verluste aus den Engagements minimieren beziehungsweise am Verkauf der Kredite partizipieren. Eine mit dem Vorgang vertraute Person sagte Reuters, die HVB-Mutter UniCredit und Intesa würden jeweils ein Kreditvolumen von einer Milliarde Euro in die Bad Bank einbringen, in die KKR Kapital in noch nicht bekannter Höhe einbringen werde.

Faule Kredite sind nach der längsten Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg das größte Problem der italienischen Banken. Nach Verbandsangaben summierten sich die Problem-Darlehen im Februar auf den Rekordwert von 162 Milliarden Euro. UniCredit verbuchte auch wegen hoher Abschreibungen auf Kredite 2013 einen Verlust von 14 Milliarden Euro. Intesa kam auf ein Minus von 4,55 Milliarden Euro.

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Jörg Reinhardt, Aufsichtsratsvorsitzender von Novartis, spricht bei der Hauptversammlung im Februar 2014. Zwei Monate später ist der Konzern völlig verändert. (Foto: dpa)

Jörg Reinhardt, Aufsichtsratsvorsitzender von Novartis, spricht bei der Hauptversammlung im Februar 2014. Zwei Monate später ist der Konzern völlig verändert. (Foto: dpa)

Das Novartis-Führungsduo vollzieht einen radikalen Kurswechsel und stellt den Schweizer Pharmariesen neu auf. Verwaltungsratspräsident Jörg Reinhardt und Konzernchef Joseph Jimenez bauen das schnell wachsende und hochlukrative Krebsgeschäft mit einem Milliardendeal aus. Im Gegenzug stoßen sie die kleinen und renditeschwachen Sparten Impfstoffe, Tiergesundheit und rezeptfreie Medikamente ab. Die Käufe und Verkäufe im Wert von rund 27 Milliarden Dollar sollen ab 2015 mehr Gewinn in die Kassen des Basler Unternehmens mit seinen 136.000 Mitarbeitern spülen. Der ehemalige Bayer -Manager Reinhardt und Jimenez ziehen damit einen Schlussstrich unter die Strategie des früheren Novartis-Chefs Daniel Vasella, der mit vielen Zukäufen einen der am breitesten aufgestellten Pharmakonzerne gezimmert hatte.

“Damit stellen wir sicher, dass Novartis in Kampfverfassung für die nächsten zehn Jahre ist”, sagte Jimenez am Dienstag im Gespräch mit Reuters Insider TV. Der Konzern, der 1996 aus der Fusion von Sandoz und Ciba-Geigy entstanden ist, übernimmt von dem britischen Konkurrenten GlaxoSmithKline für 14,5 Milliarden Dollar das Krebsgeschäft. Hier sind die Schweizer nach dem heimischen Rivalen Roche bereits heute weltweit die Nummer zwei. Roche ist stärker als Novartis auf große Geschäftsbereiche fokussiert, was die Anleger seit Anfang 2013 mit deutlich stärkeren Kurszuwächsen honoriert haben. Am Markt kam der Umbau gut an. Novartis-Aktien kletterten im freundlichen Marktumfeld um 2,4 Prozent. “Novartis dürfte damit den Konglomeratsabschlag los werden”, sagte Jerome Schupp, Analyst der Schweizer Bank Syz. “Insgesamt hat Novartis sehr gute Preise ausgehandelt”, betonten die Experten der Zürcher Kantonalbank.

Das Geschäft mit nicht verschreibungspflichtigen Medikamenten lagert Novartis an ein Gemeinschaftsunternehmen mit Glaxo aus. In der Gesellschaft, an der die Schweizer eine Minderheit halten, werden damit Produkte wie die Schmerzmittel Voltaren oder die Zahnpaste Sensodyne gebündelt. Zudem geht das Novartis-Impfstoffgeschäft für 7,1 Milliarden Dollar zuzüglich Lizenzgebühren an die Briten, die in dem Segment ein großer Anbieter sind. Glaxo will sich künftig auf die Kernbereiche Impfstoffe, Atemwegserkrankungen, Verbraucherprodukte und HIV-Medikamente konzentrieren. Die Aktie stieg um 5,5 Prozent.

Novartis verkauft gleichzeitig den Bereich Tiergesundheit für 5,4 Milliarden Dollar an den US-Wettbewerber Eli Lilly. Interesse hieran war auch Bayer nachgesagt worden. Die Leverkusener wollen das Geschäftsfeld, in dem sie zu den Marktführern gehören, weiter ausbauen.

Novartis hatte den umbau vor rund einem Jahr eingeleitet, nachdem der langjährige Konzernlenker Vasella von Bord gegangen war. Nicht zur Disposition standen und stehen die drei großen Bereiche Pharma, Generika und Augenheilkunde, bei denen das Unternehmen in der weltweiten Spitzengruppe mithalten kann und weiter wachsen will. “Novartis hat nun drei große Standbeine, von denen jedes die Nummer eins, zwei oder drei ist”, sagte Jimenez. Bei Augenheil-Produkten sind die Schweizer Weltmarktführer. Die Sparte entstand aus der 2011 abgeschlossenen Übernahme des US-Konzerns Alcon, für die Novartis rund 50 Milliarden Dollar auf den Tisch gelegt hatte.

Mit dem Konzernumbau verliert Novartis zwar gut vier Milliarden Dollar Umsatz von mehr als 57 Milliarden Dollar. Gleichzeitig soll aber der Gewinn steigen. Die verkauften Bereiche sind zu klein, um hochrentabel betrieben werden zu können. Zudem sind die Renditen im Krebsgeschäft vergleichsweise hoch. Die Pharmasparte, zu der Krebsmedikamente rund ein Drittel beisteuern dürften, kam 2013 auf eine Betriebsgewinn-Marge von 29,1 Prozent, der Rest auf deutlich weniger.

Weltweit wollen sich Pharmafirmen derzeit im Krebsgeschäft verstärken – auch mittels Übernahmen. So ist der US-Konzern Pfizer mit einem Angebot von rund 100 Milliarden Dollar auf den britischen Rivalen AstraZeneca zugegangen, berichtete die “Sunday Times”. AstraZeneca hat den Vorstoß zwar abgelehnt. Analysten rechnen jedoch mit einem zweiten Anlauf von Pfizer. Besonders attraktiv an den Briten ist Analysten zufolge die Forschung mit der Immuntherapie von Tumoren. Dabei geht es darum, das körpereigene Abwehrsystem so anzuregen, dass es den Krebs bekämpft.

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